Experteninterview zum Thema "Chronisch kranke Kinder in der Regelschule"

Einführung in die Logik qualitativer Sozialforschung


Forschungsarbeit, 2009

47 Seiten, Note: 1,2

Anonym


Leseprobe

Experteninterview zum Thema „Chronisch kranke Kinder in der Regelschule“

Thema und Fragestellung der Studie:

Das Interview soll eine Antwort auf die Frage, ob Lehrer an Regelschulen Probleme eines chronisch kranken Kindes bzw. durch ihn entstehende Schwierigkeiten wahrnehmen. Es soll herausgefunden werden, worin solche Probleme liegen, ob chronisch kranke Schüler größere Aufmerksamkeit benötigen, ob Lehrer einen anderer Umgang pflegen und wenn ja, in wie weit sich der Umgang mit chronisch kranken Kindern von dem mit „gesunden“ Kindern unterscheidet.

Zur Beantwortung dieser Frage wurden Experteninterviews durchgeführt, in denen Lehrer aus Grundschule, Realschule und Gymnasium befragt wurden. Die beiden im Anhang vorliegenden Interviews, fanden jeweils am Arbeitsplatz der interviewten Grundschullehrkraft statt. Sie sind so angelegt, dass die Lehrpersonen von ihren subjektiven Erfahrungen berichten und uns somit Interpretationsmaterial bieten.

Feldzugang:

Meine Interviewpartnerin habe ich mithilfe von einem, mir aus dem Freiwilligen Ökologischen Jahr bekannten, Freund Sascha K. bekommen, dessen Mutter Schulleiterin an einer Grundschule in Marzahn ist. Dabei spielte Sascha den Vermittler zwischen seiner Mutter und mir. Er erzählte ihr von meinem Wunsch, an ihrer Schule ein Interview zu führen und mir überbrachte er die Information, dass dieses Interesse auch auf ihrer Seite bestünde und ich mich persönlich noch mal melden solle.

Daraufhin rief ich an und erzählte ihr genaueres über Interviewthema und -form und erfuhr auch gleich, dass ich das Interview mit einer Klassenlehrerin führen sollte, da solche eine größere Bezugsfläche zu Kindern haben als Schulleiter. Wir vereinbarten einen Termin, der eine Woche später nach einem Lehrerabend stattfinden sollte. Ich fing an mir Gedanken über den Interviewverlauf zu machen und mir ein Aufnahmegerät zu besorgen. Ich konnte mir eins bei einer Freundin leihen und war rechtzeitig mit den

Vorbereitungen fertig. Einen Tag vor dem Termin erhielt ich einen Anruf von Frau K., dass der Termin leider nicht stattfinden konnte. Sie gab mir den Namen meiner Interviewpartnerin und die Nummer unter der ich sie erreichen konnte, damit ich einen neuen Termin vereinbaren konnte. So rief ich sie an und wir vereinbarten Ort und Zeit, an dem das Interview stattfand.

Interviewverlauf:

Zu Beginn des Interviews musste ich feststellen, dass meine Interviewpartnerin nicht genau wusste zu welchem Thema ich sie interviewen werde. Wie schon erwähnt, hatte ich nur mit der Schulleiterin der Schule ausführlich gesprochen. Da lediglich von einer Terminvereinbarung die Rede war, habe ich fälschlicher Weise angenommen, dass meine Interviewpartner von der Schulleiterin informiert wurde und so kam es dazu, dass ich bei unserem Telefonat nur einen passenden Tag und eine passende Uhrzeit zu vereinbaren suchte. Dies führte dazu, dass ich vor unserem eigentlichen Gespräch in eine unerwartete Situation kam, in der ich das Projekt, das Thema und mein Vorhaben schildern und dabei aufpassen musste nicht zu genaue Vorstellung meinerseits anzustellen, die die Lehrerin möglicherweise beeinflussen könnten. Dabei bemerkte ich auch, dass der Anfang des Interviews mir schwer fiel und ich die Forschungsfrage hätte besser auswendig lernen sollen, da eine zittrige Stimme und eine unsichere Haltung möglicherweise meinen Mangel an Professionalität auf dem Gebiet der Interviewführung verdeutlichten. Mit der Formulierung der Forschungsfrage gleich am Anfang unseres Gespräches, stiegen wir unmittelbar in das Interview ein. Wir hatten also kein Vorgespräch, bei dem man die Atmosphäre hätte ein wenig entspannen können. Es schien so als wären wir beide aufgeregt und wüssten nicht, was uns in der einen, vereinbarten Stunde erwarten würde.

Bei der anschließenden Transkription ist mir aufgefallen, dass ich grammatikalisch falsche Formulierungen verwendete und sogar Fragen stellte, die ich nicht korrekt ausgeführt habe. Da das mein erstes Face-to-Face Interview war, schreibe ich das meiner Aufregung zu und werde versuchen beim nächsten Mal genauer auf meine Aussprache zu achten. Auch werde ich an meiner Haltung üben müssen, um eine selbstbewusstere und sich mit ihrer Rolle gut identifizierende Interviewerin abgeben zu können. Um auf die Missgeschicke sprechen zu kommen, die ich während meines Interviews gemacht habe, ist zu bemerken, dass mein größtes Problem die begrenzte Aufnahmekapazität der Tonbandkassette von einer Stunde war, da dies nicht ausgereicht hat und somit ein sehr interessanter und für die Interpretation des Interviews möglicherweise relevanter Teil nicht mit aufgenommen wurde. Ein Vorteil des frühzeitigen Stopps der Aufnahme war jedoch, dass die Lehrerin anschließend viel entspannter gesprochen hat und die gelöste Atmosphäre zu einem neuen Niveau des Gesprächs geführt hat. Nicht mehr Interviewer und Interviewe unterhielten sich über nur chronische Krankheiten, sondern eine überforderte Lehrerin berichtete einer Studentin von ihrem „harten“ Alltag an der Schule.

Um die Analyse meines Interviews nicht ganz von meiner Selbstreflexion abhängig zu machen, habe ich die Transkription zusammen mit meinem Interpretationspartner Fabian mehrmals gelesen. Dabei war mir seine Meinung sehr wichtig, weil sie objektiver als meine ist und es mir schwer fällt Positives an meiner eigenen Interviewführung zu erkennen bzw. aufzuführen. Fabian stellte fest, dass ich mehr offene als geschlossene Fragen formuliert, meistens nur mit einem „aha“ oder „hm“ geantwortet und die Lehrerin nie unterbrochen und somit die Aufgabe des Experteninterviews im weitesten Sinne erfüllt habe. Dass ich meiner Interviewpartnerin aufmerksam zugehört habe, wäre auch an einigen Stellen deutlich, an denen ich eine eingetretene Pause nutze, um Bezug auf Gesagtes zu nehmen und das Thema somit vertiefe.

Alles in allem bin ich mit meinem Interview sehr zufrieden, da ich kaum Fragen stellen musste und meine Interviewpartnerin gerne von ihrem Beruf erzählt hat. Das Gespräch hat sich sehr gut selbst aufgebaut und so kam es auch nicht zu längeren Pausen oder inhaltlichen Brüchen. Wie schon erwähnt, war das Gespräch nach dem Stopp der Tonbandaufnahme sehr interessant und hat meiner Interviewpartnerin auch noch einmal gezeigt, dass ich mich nicht nur für die anzufertigende Hausarbeit, sondern für die Schullaufbahn chronisch kranker Schüler interessiere. Dies hat dazu geführt, dass sie angefangen hat von persönlichen Erfahrungen und Einstellungen zu erzählen und mir Details aus ihrem Leben anvertraut hat, die sie sicherlich nicht während der Tonbandaufnahme erwähnt hätte. Ich hatte eine überforderte Lehrerin vor mir zu sitzen, die das Bedürfnis hatte zu erzählen, verstanden und bestätigt zu werden. Ich für meinen Teil versuchte so gut wie möglich ihren Erwartungen als Zuhörer zu entsprechen, indem ich versuchte verständnisvoll zu nicken, aufmerksam zuzuhören und der Situation angemessen zu reagieren. Das Interview würde ich als ein langes, entspanntes, teilweise auch emotionales, harmonisches Gespräch bezeichnen.

Unsere Wahl fiel auf das von Fabian geführte Interview, da der befragte Lehrer im Gegensatz zu meiner Interviewpartnerin nicht nur auf eine bestimmte Krankheit eingeht, sondern mehrere Beispiele aufführt und das Interview somit breiter gefächert ist. Zumal er auch mehrere heikle Themen wie in etwa die Bildungspolitik und das gesellschaftliche Bild von Normalität und Krankheit anspricht und wir somit mehr Interpretationsmaterial haben. Durch die bildliche und zum Teil provokative Sprache des Lehrers, ist das Interview sehr amüsant zu lesen und doch aussagekräftig zu gleich. Ausschlaggebend für unsere Wahl jedoch, ist zum einen seine Haltung und Einstellung gegenüber Kindern und Menschen und ihr Umgang mit Krankheiten, worauf wir bei der Interpretation noch genauer eingehen werden. Zum anderen war es der Fakt, dass er, im Gegensatz zu meiner Interviewpartnerin nicht vorrangig von seinem Beruf und den damit verbundenen gegenwärtigen Problemen, sondern hauptsächlich von Kindern spricht. Während die Lehrerin den Schulalltag chronisch kranker Schüler aus Sicht der Erwachsenen bzw. speziell aus Sicht des Lehrers schildert und deutet, argumentiert der Lehrer aus der Perspektive der Kinder heraus.

Zusammenfassung des interpretierten Interviews:

Kennzeichnend für das Interview mit Herrn Mauer ist, dass er eine feste Definition von den Begriffen Normalität und Krankheit ablehnt. Ein in der Gesellschaft sogenanntes normales Kind, das aus einem problemlosen Haushalt kommt und einen befriedigenden Leistungsdurchschnitt vorweist, gibt es für ihn nicht bzw. nur selten. (Vgl. S.28, Z.30ff) Er unterscheidet nicht zwischen gesunden und kranken Schülern, sondern betrachtet jeden Schüler als Individuum, das sowohl individuelle Förderung wie auch individuellen Umgang benötigt. Dabei ist eine eventuelle chronische Krankheit nur ein Aspekt der

Persönlichkeit des Kindes, der nicht unbeachtet bleiben soll, allerdings auch nicht gänzlich den Umgang mit oder die Persönlichkeit des Schülers bestimmt.

Bei der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen spielen viele Faktoren eine Rolle, wobei das soziale Feld des Kindes wesentlich bedeutsamer für die Entwicklung sei als eine eventuelle chronische Krankheit. Eine Krankheit kann in diesem Prozess unterschiedliche Rollen spielen. Sie kann die Persönlichkeitsentwicklung genauso hemmen, wie sie auch zur Stärkung beitragen kann. Herrn Maurer nach liegt an seinem Arbeitsplatz eine besondere Situation vor, da er an einer Integrationsschule tätig ist und daher „ st ä ndig [mit] Kinder[n] mit zu kurzen Beinen, zu langen Armen oder was auch immer. “ zu tun hat. (S.18, Z.9ff)

Trotz seiner vermeintlich lockeren Erzählweise, die wenn sie als gleichgültig bezeichnet wird, falsch verstanden ist, gibt er auch zu verstehen, dass chronische Krankheiten gerade im Kindesalter auch harte und emotionale Begebenheiten mit sich bringen. Dies wird besonders deutlich, als Herr Maurer von bestimmten Situationen berichtet, in denen alle Beteiligten, die einem Kind gerne helfen wollen absolut machtlos sind, da der Betroffene alleine mit seiner Krankheit fertig werden muss und erst im Anschluss eine weitere Hilfe erfolgen kann. Auch könne gerade dieses Warten für einen Pädagogen sehr hart sein. Charakteristisch für sein pädagogisches Denken und Handeln ist seine Überzeugung, dass nicht jedes Kind mit den gleichen Aufgaben auf einheitliche Leistung zu drängen ist. Jedes Kind sollte stattdessen die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen bekommen, um seine Eigenen Stärken finden und weiterentwickeln zu können. Denn die Gesellschaft lebt nur durch ihre Vielfalt und nicht von einer Masse aus Einheitsmenschen, die sich alle zu ähnlich sind.

Interpretation: "F ü r mich ist Lea, Lea. [...] Ich interessiere mich f ü r sie als Person und als Mensch."

Es gibt eine sch ö ne Karikatur. Da stehen lauter Tiere, eine Giraffe, ein Nilpferd, ein Krokodil, ein Affe, Spatzen, eine Schlange, ein K ä fer, also hunderttausend verschiedene Tiere stehen vor einem Baum und dann steht ein M ä nnchen davor und sagt: „ Um es gerecht zu machen stelle ich euch allen die gleiche Aufgabe: Klettert auf diesen Baum. “ (S.24, Z.5ff)

Die aufgeführten Tiere sind in ihrer Anatomie völlig unterschiedlich. Es ist offensichtlich, das nur wenigen Tieren möglich ist, die Aufgabe auf eine befriedigende Art und Weise zu erfüllen. Einige Tiere haben aufgrund ihrer Eigenschaften größere Chancen die Aufgabe zu erfüllen als andere.

Der Grundschullehrer unterscheidet, wie aus dieser Metapher hervorgeht und auch schon in der Zusammenfassung erwähnt, nicht zwischen Gesund und Krank, sondern sieht jedes Kind als eigene Person und als etwas Besonderes. Die Krankheit ist dabei lediglich eine Facette der Persönlichkeit, bestimmt diese also nicht vollständig. Die Hauptaufgabe des Lehrers besteht nicht darin von allen Schülern die gleichen Leistungen zu fordern, sondern die wozu sie fähig sind und die Schüler dabei zu unterstützen ihre eigenen Stärken zu erkennen und weiterzuentwickeln.

Nach Herrn Maurer ist eine chronische Krankheit eines Kindes eine Eigenschaft, die in einigen Situationen hilfreich wie auch hinderlich sein kann. Der Erfolg eines Schülers im Hinblick auf eine bestimmte Aufgabenstellung hängt also zum einen von den jeweiligen Eigenschaften der Kinder und zum anderen von der Aufgabenstellung selbst ab. Einflussfaktoren sind aber auch die psychische Belastbarkeit des Kindes, der Einfluss der Eltern und das schulische Umfeld, die Alltagsstruktur und individuelle Neigungen des Kindes, wie eine ex- oder introvertierte Neigung.

In unserer Interpretation geht es allein um die Individualität der Kinder. Dies wird an vielen Textstellen und besonders an der folgenden deutlich: „ Also Behinderung, oder Krankheit oder solche Dinge geh ö ren eigentlich mit dazu - sind eigentlich nichts besonderes, sondern nur jeder hat was anderes. “ (S.12, Z.3-5) Dieses Zitat gibt einen eindeutigen Hinweis auf das Bild von Kind und Krankheit, welches Herr Maurer uns vermittelt. Eine Krankheit gehört zu einem Kind, ist aber nicht das, was seine Persönlichkeit ausmacht. Daher rückt nicht das persönliche Leid des Kindes in den Vordergrund der Betrachtung, sondern die Persönlichkeit.

Dieses Bild wird durch die folgende Textstelle noch verstärkt: „ [ … ]das ist auch eine besondere Situation bei uns in der Schule, dadurch, dass wir eine Integrationsschule sind, haben wir st ä ndig Kinder mit zu kurzen Beinen, zu langen Armen oder was auch immer. [ … ] da ist also immer einer, der hinterher humpelt. “ (S.18, Zeile 9-12) Es entsteht der Eindruck, dass Herr Maurer schon abgestumpft ist und das Leiden der kranken Kinder ihn gar nicht berührt. Das ist aber falsch. Anhand folgender Textstelle wird klar, dass seiner Meinung nach das gesellschaftliche Bild von Schule und Krankheit nicht der Wahrheit entspricht. „ Das Bild von unserer Gesellschaft oder von der Schule als Gesellschaft, [d]as wir so im Kopf haben, n ä mlich, dass da lauter normale Kinder hingehen. Das gibt es nicht. “ (S.28, Z.27-29) Verstärkt wird diese Auffassung auf der folgenden Seite, als Herr Maurer sagt: „ Das sogenannte normale Kind, was auch immer das jetzt f ü r den einzelnen bedeutet, also sagen wir mal das gut entwickelte fr ö hliche Kind mit einem befriedigenden Leistungsdurchschnitt und einem leidlich zufriedenen Elternhause, ist der Einzelfall. “ (S.28, Z.31ff)

Aus diesen beiden Textstellen können wir schließen, dass eine eindeutige Trennung zwischen den gesunden und den kranken Kindern als solche kaum möglich ist, da nahezu jedes Kind Symptome einer anderen mehr oder minder schweren Krankheit aufweist. Entscheidender als die Umstände einer Krankheit selbst, sind die Einstellung und der Umgang des Kindes mit dieser, welche vor allem durch die Eltern geprägt wird. Der Umgang mit der Krankheit hat auch wesentlichen Einfluss auf das Selbstbild eines Kindes, das wiederum beispielsweise bei der Gruppenposition innerhalb der Schulklasse wie auch bei anderen sozialen Fragen entscheidend ist. Diese sei davon abhängig, „ was f ü r einen Menschen man da vor sich hat. Also das hat mit der Krankheit nichts zu tun. “ (S.22, Z.11f) Folglich sind das Selbstbild und damit auch die Aussicht auf eine freie Gestaltung und zufriedenstellende Zukunft eines Kindes weniger von einer chronischen Krankheit abhängig als von uns im Vorfeld angenommen. Sie hemmt also nicht zwingend die seelische Entwicklung, vorausgesetzt, das Kind lernt den Umgang mit seiner Krankheit und akzeptiert sie.

Herr Maurer geht in diesem Zusammenhang auf zwei unterschiedliche Kinder ein, die sich in ihrer Selbstwahrnehmung und im Umgang mit ihrer Krankheit wesentlich voneinander unterscheiden. Dabei gelingt dem einen sein Leben offenbar unbeeindruckt von den krankheitsbedingten Umständen zu gestalten, während dem Anderen eine Akzeptanz der krankheitsbedingten Folgeerscheinungen sehr schwer fällt. Von letzterem Schüler spricht er auf Seite 26: „ [ … ] ich erinnere mich an einen Sch ü ler, ä m der war eben ä m lernbehindert und hatte auch, war k ö rperbehindert, hatte nen Spasmus. Und der glaubte lange in seinem Leben so bis zur 4. Klasse, er w ü rde, irgendwann w ü rde das normal werden und ä m (R ä usper) als er dann eben aber auch so in diese Vorpubert ä t kam, stellte er fest, das wird nicht. Und also: ‚ Ich werde immer so eine abgeknickte Hand haben und so rumwackeln und mir wird das immer schwer fallen. ‘ Und das machte ihm zu schaffen. Also sozusagen altersbedingt [ … ] mitzubekommen, jetzt entwickeln sich die Kinder links und rechts anders. Die verabreden sich dann auch mal mit nem M ä dchen oder so. das das ist hart. “

Das andere Kind, ein Mädchen, beschreibt er auf Seite 21:

„ Die kann ja, jetzt hier so mit Loch im Herzen 100 Meter rennen. [ … ] Die h ä tte umfallen k ö nnen. Aber es w ä re ihr egal gewesen. [ … ] Die will ’ s ja, will ’ s trotzdem wissen. Und das entwickelt St ä rke. “ Gerade die Entwicklung dieser Stärke tritt bei Kindern mit chronischen Krankheiten auf und wird häufig von vorzeitiger Reife und Übernahme von Verantwortung begleitet. Diese Entwicklung tritt auf, wenn Kinder zum Teil unbewusst an ihrer Krankheit wachsen.

„ Also das soziale spielt ne viel gr öß ere Rolle. Und im Gegenteil vielleicht sogar k ö nnte man vermuten, dass also chronisch kranke [ … ] eine St ä rke entwickelt haben [ … ] Ihre Schw ä che oder [ … ] die Dinge, die sie scheinbar benachteiligen, jeder hat ja irgendwas anderes, dass sie [ … ] daran wachsen und sagen, also ok, ich hab zwar diesen Nachteil, aber wenn ich mich anstrenge oder das so und so regele, dann ist es eigentlich wie sonst auch. “ (S.21, Z.19-24)

Aufgabe des Lehrers sei dabei den Schüler zu unterstützen. Er müsse nicht nur darauf achten, ob ein Schüler eine bestimmte Leistung erbringt, „ [s]ondern die Frage ist [ … ]

lernt er und kann er im Rahmen seiner M ö glichkeiten Leistung zeigen. “ (S.23, Zeile 20f) Ziel einer Lehrperson sollte also nicht ausschließlich sein, die Klasse auf einen einheitlichen Leistungsschnitt zu bringen, sondern auch jeden Schüler dabei zu unterstützen sein eigenes Leistungspotential zu erkennen und zu nutzen. Dabei geht es Herrn Maurer nicht nur um die Vermittlung von fachspezifischen Kenntnissen, viel mehr sieht er die Aufgabe des Lehrers in der Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein Kind benötigt, um die Welt später einmal mitgestalten zu können. (Vgl. S.30) Grundlegend sei, den Schülern das Gefühl zu geben etwas Besonderes zu sein und gebraucht zu werden. An dieser Stelle ist allerdings nicht nur die Schule, sondern im Prinzip die ganze Gesellschaft gefragt.

Allgemein für Herrn Maurers Interview lässt sich also festhalten, dass er die Problematik des Schulalltags eines chronisch kranken Kindes aus der Perspektive des Betroffenen schildert. Die Aufgabe des Lehrers sieht er darin, jedes Kind individuell zu fördern und zu unterstützen, da jedes etwas Besonderes ist und unterschiedliche Eigenschaften besitzt. Bei der Persönlichkeitsentwicklung spricht er dem sozialen Umfeld eine große Rolle zu, da Eltern, Lehrer, Mitschüler wie auch Schulpsychologen die Entfaltung eines Kindes mitbestimmen.

Anhang: Transkriptionen der geführten Interviews

(Das interpretierte Interview)

Schulart: Grundschule

Klassenstufe: 6

Lehrer: Richard Maurer (Name geändert) Schüler: Lea (Name geändert)

Interviewer: Fabian Gerhardt Interviewzeit: 86 Minuten

I: Ganz genau. Ja, zum Rahmen also äh (Lachen) äh (Räuspern) nach unseren Erfahrungen jetzt ist es also so, dass in jeder Schulklasse sich zwei oder drei chronisch kranke Schüler im Durchschnitt befinden wenn man allerdings jetzt körperliche oder psychische Krankheiten zusammen nimmt. G: Hm .

I: Und uns interessiert jetzt aus dieser Forschungsperspektive heraus, wie geht eine Schule oder Sie in der Schule jetzt mit diesen ähm Kindern um? Mit chronisch kranken Kindern.

G: Hm .

I: Und auch mit der Krankheit selber. G: Hm .

I: Dabei ist jetzt für uns zum einen wichtig, der Rahmen, in dem das sozusagen allgemein abläuft, aber auch ganz speziell jetzt deine persönlichen Erfahrungen wie ähm werden sie als Lehrer auf eine Krankheit aufmerksam? Machen das die Eltern, oder kommt das von woanders her?

G: Hm.

I: Und ähm, wie gehen Sie dann damit um? G: Hm.

I: Und vielleicht auch, wo sind irgendwo dann auch Grenzen, dass dann da - ja, weiß ich nicht -

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Experteninterview zum Thema "Chronisch kranke Kinder in der Regelschule"
Untertitel
Einführung in die Logik qualitativer Sozialforschung
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,2
Jahr
2009
Seiten
47
Katalognummer
V190342
ISBN (eBook)
9783656151814
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Transkription des Interviews im Anhang
Schlagworte
Transkription, Quantitative Forschung, Forschungsmethoden
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Experteninterview zum Thema "Chronisch kranke Kinder in der Regelschule", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190342

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