Chaim Be`er "Stricke" / "Chawalim" - Ein Roman, eine Erinnerung, ein Werden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

Vorwort

Einleitung: orthodoxes Judentum

Hauptteil

1. Chaim Be`er

2. „Stricke“ / „Chawalim“
2.1. Der Roman und die Kritik an der Orthodoxie
2.2. Personenkonstellation

Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort

Das Thema des Seminars, zu dem die folgende Arbeit verfasst wurde, lautete Der „Andere“ in der hebräischen Literatur. Infolgedessen wurde der Roman von Chaim Be`er Stricke (original Titel Chavalim) zum einen unter dem Aspekt der in ihm präsentierten orthodoxen Minderheit im modernen jüdischen Staat untersucht, zum anderen unter dem Aspekt des Choser bescheela, d.h. des Rückzuges eines religiösen Juden in die säkulare Welt der Moderne. Dabei wurde versucht unter anderem folgende Fragenstellungen auszuarbeiten: wie sah das orthodoxe Milieu der Juden in Jerusalem zu Zeiten der Staatsgründung aus; wie wurden die Kinder dort erzogen; welche Probleme und Veränderungen brachte die Modernisierung der Umwelt mit sich und wie wurden sie von den orthodoxen Juden Aufgenommen und bewältigt; wie sah der Bezug der einzelnen Personen, welche alle in religiösen Umgebungen aufgewachsen waren, zu der säkularen Welt und zu ihren Familienreligion aus. Aber auch die Fragen nach der Schwierigkeit aus dem religiösen Milieu heraus zu kommen und den Ursachen für dieses Bestreben.

Die Arbeit ist folgendermaßen gegliedert. Nach einer Einleitung, in welcher es die Voraussetzungen und die Standsituation der jüdischen Orthodoxie zu bestimmen gilt, folgt der Hauptteil, der sich zuerst der Person des Autors widmet und anschließend den Roman untersucht. Zuerst wird der Roman als Ganzes vorgestellt, mit seinem Inhalt, Wendepunkten und Besonderheiten. Danach werden die einzelnen Familienmitglieder, wie Großmutter, Mutter und Vater genauer analysiert. Dem Ich-Erzähler ist anschließend ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem genauer auf seine Persönlichkeit, Probleme und Wünsche eingegangen werden soll. Ein Fazit bezüglich der ganzen Analyse beendet die Arbeit.

Es ist anzumerken, dass die Schreibweise der hebräischen Wörter in der Arbeit weitgehend dem Roman entnommen ist. Die zahlreichen Zitate aus dem Roman erscheinen insofern notwendig, da sie die besten Argumente zur Belegung der aufgestellten Thesen sind.

Den Erfolg des Romans machte nicht nur der Schreibstil des Autors aus, sondern auch die Geschichte selber, welche hauptsächlich an den säkularen Leser gerichtet war. Denn zum einen kennen die orthodoxen Juden ihre Welt auch so schon. Zum anderen ist es profane Literatur, welche von den ultraorthodoxen Juden verpönt wird. Dem nicht religiösen Leser wurde aber die Möglichkeit geboten, welche wohl nicht so oft besteht, hinter die geschlossenen Tore des ultraorthodoxen Viertels zu blicken.

Einleitung: orthodoxes Judentum

Als orthodox bezeichnet man in Judentum die Strömungen, welche sich als einzige wahre Fortführer der jüdischen Tradition wahrnehmen und welche sich endgültig in der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit geformt haben. Einen zentralen Wert in ihrer Weltanschauung nimmt die Halacha in ihrer mündlichen Kodifizierung (Mischna, Talmud, Schulchan Aruch) ein. Als eine eigenständige religiöse Strömung bildete sich die Orthodoxie jedoch erst in der ersten Hälfte des 19. Jh. als eine Reaktion auf die Reform- und Aufklärungsbewegungen und die Säkularisierung der jüdischen Bevölkerung aus. Mit der Immigration der Juden nach Palästina, wandelt der Begriff auch dort hin, wo sich die Mehrheit des traditionellen Judentums zu dieser Strömung zählte.

Orthodoxes Judentum war den örtlichen Einflüssen ausgesetzt und so bildeten sich auch unterschiedliche orthodoxe Gemeinden, wie deutsche, ungarische oder osteuropäische in unterschiedlichen Weisen fort. Wenn in Ungarn man sehr streng an den religiösen Normen hielt, versuchte man in Deutschland die halachischen Gesetze mit Emanzipation und Aufklärung zu verbinden.

In Erez Israel etablierte sich die orthodoxe Strömung im 19. Jh. mit den aus Europa zugewanderten Emigranten, welche den alten aschkenasischen Jischuw unterstützten. Die Merkmale der Orthodoxen waren zum einen die Bekämpfung der Aufklärung und zum anderen die neue Bedeutung des Heiligen Landes für die religiöse Gemeinschaft. Die deutschen Neueinwanderer konzentrierten sich überwiegend auf die Errichtung unterschiedlicher Bildungsanstalten. Die Ungarischen, eingewandert in den 30-er Jahren, waren ihrem religiösen Fanatismus besonders ergeben und duldeten keinen Zionismus (aus ihnen Bildete sich die noch heute existierende Gruppe der Naturej Karta, welche den Staat Israel nicht anerkennen möchte, da dieser von den Menschen und nicht durch Gott geschaffen wurde.)

Die Gründung des Staates stellte neue Herausforderungen für die Orthodoxie dar. Um nicht gänzlich außerhalb der Staatsregierung zu bleiben und Einfluss auf die politische, territoriale und kulturelle Weiterentwicklung zu haben, musste die abwertende Haltung geändert werden und man war gezwungen auf unterschiedliche politische Kompromisse einzugehen.

Hauptteil

1. Chaim Be`er

Chaim Be`er wurde 1945 in einer jüdischen orthodoxen Familie in Jerusalem geboren. Er wuchs in einem Armenviertel von Jerusalem auf, bekam zu der traditionellen Bildung auch die Weltliche.

Schon in seiner Schulzeit begann Chaim zu schreiben und zur Zeit seines Militärdienstes begann er im Verlag „Am Oved“ in Tel Aviv zu arbeiten, wo er heute zu den leitenden Lektoren zählt. Jahrelang hat er auch als Kolumnist bei der Tageszeitung „Davar“ gearbeitet. Heute lehrt Chaim Be`er an der Ben Gurion Universität Hebräische Literatur.

Für seine Werke hat Chaim Beer mehrere Auszeichnungen erhalten: Bernstein Preis, Bialik Preis (2002), ACUM Preis für Lifetime Archievemen (2005). Nur zwei seiner Werke wurden bis heute ins Deutsche übersetzt: Nozot (1979), zu Deutsch Federn (2002) und Chawalim (1998), zu Deutsch Stricke (2000). Außer zahlreichen Aufsäten erschien von Chaim Be`er noch ein Gedichtband Scha`aschuej Yom Yom (1970), sein zweiter Roman Et ha-Zamir (1987), eine Studie zu Brenner, Bialik und Agnon Gam Ahavtem, Gam Sinatem (1993) und sein letzter Roman Lifnej ha-Makom (2007), welche teilweise auch in andere Sprachen übersetzt worden sind.

2. „Stricke“/ „Chawalim“

2.1. Der Roman und die Kritik an der Orthodoxie

Der Roman Stricke, welcher zum Teil autobiographisch ist, erzählt dem Leser eine Geschichte des Erwachsenwerdens in der Zeit zwischen den 50-er und 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts, eines kleinen jüdischen Jungen, der in einer religiösen Umgebung in Jerusalem zur Welt kam, jedoch nicht in ihr geblieben ist. Es wird über die „Suche nach einer gemeinen jüdischen Identität außerhalb des religiös bestimmten Kontext[es]“[1] erzählt. Die Eltern besitzen einen kleinen Lebensmittelladen und führen eine komplizierte, öfters unglückliche Ehe. Es wird eine religiöse Umgebung beschrieben, welche den „normalen“ Menschen kaum zugänglich ist, es wird aber auch die Komplexität des Miteinander in einer Familie aufgezeichnet. Einer Familie, in welcher man mit den Erinnerungen an die erste Liebe des Vaters, zu ehren welcher eine Synagoge gegründet wurde und die zwei verstorbenen Töchter der Mutter und ihren Mann, der sie betrogen hat, leben musste; es war nicht üblich offen über die Gefühle, Wünsche und Probleme der anderen zu sprechen:

Unser Haus sei wie ein Aquarium gewesen, weil Vater in seiner panischen Angst vor klärenden Gesprächen immerzu versucht habe, sie (die Mutter) zum Schweigen zu bringen. „Wenn es nach ihm gegangen wäre. Hätte ich schweigen sollten wie ein Fisch“[2] ;

es kam aber darauf an, was die Nachbarn von einem dachten:

Sie (Mutter) hielt die religiösen Gebote zwar nicht mehr, ja verachtete sie sogar, doch sie befolgte die Trauerbräuche (nach Vaters Tod) bis ins Detail, damit die Nachbarn nicht schlecht über sie redeten.[3]

Der Roman, der dreiteilig strukturiert ist, wobei die Abschnitte der Großmutter, den Eltern und dem Ich-Erzäler selber entsprechend zugeordnet sind, beginnt mir einem Besuch von Großmutter und ihrem Enkel Chaim (der Ich-Erzähler) im Jerusalemer Zoo, bei dem die Oma zum ersten Mal einen Pfau sieht und erschreckt nach Hause flüchtet, da in der jüdischen Tradition der „Todesengel als ein Wesen mit vielen Augen vorgestellt (wird)“.[4] Dazu ist interessant zu überlegen, ob dieser Besuch nicht als eine breiter gelegte Allegorie des Autors zu dem orthodoxen Judentum zu deuten sein könnte. Da das Beispiel des Ich-Erzählers lässt vermuten, dass seiner Meinung nach diese Lebensweise nicht nur falsch, veraltet und nicht mehr vertretbar ist, sondern auch zum Aussterben durch die Flucht der jüngeren Generation entweder zu den anderen religiösen Strömungen oder gänzlich in die säkulare Welt verurteilt ist. Anders könnte es auch sein, dass der Autor damit auch einfach eine Rahmenerzählung setzt, denn der erste Abschnitt endet mit dem Tod der Großmutter.

Der Verlauf der Erzählung ist nicht immer streng chronologisch aufgebaut. Hin und wieder entsteht beim Leser der Eindruck eines Flickenteppichs, oder als ob man ein großes Gemälde durch ein Guckloch betrachten würde und immer nur ein Teil zu sehen ist. Dennoch überwiegt das Gefühl, als ob man mit dem Erzähler zusammen erwachsen wird. Von den märchenhaften Überlegungen bezüglich der Vorfahren am Anfang des Romans mit der Großmutter, kommt der Erzähler im weitern Verlauf zu erwachsenen Gedanken über Familie, Liebe, Erinnerungen etc.

Der erste Teil des Romans hebt sich besonders von den beiden nachfolgenden ab. In ihm wird die Großmutter als die wichtigste Bezugsperson des Kindes vorgestellt. Chaim, der Ich-Erzähler, ist oft bei ihr zu Besuch, übernachtet manchmal dort und seine Mutter meint, dass es wohl nicht schlimm sein könnte, wenn man die Schule ab und zu vernachlässigt, denn nicht das Zeugnis sei im Endeffekt wichtig, sondern das man belesen ist. („Von mit aus muss du das Gymnasium nicht beenden, du brauchst kein Abitur und musst auch nicht an der Universität studieren. Hauptsache du liest.“[5] ) Seine Kindheit ist von den Geschichten über die religiösen Vorfahren geprägt. Einige von ihnen sollen Nachkommen von Raschi sein, andere Napoleon begegnet sein, und wiederum andere nur durch eine märchenhafte Rettung auf dem Meer nach Erez Israel gekommen sein:

Von dem Wunder, des Reb Jeschajahu bei dieser Reise widerfahren war, erzählte Großmutter gerne am Vorabend des Laubhüttenfestes, (…). Die letzte Etappe des Weges von Beirut nach Akko hatte Reb Jeschajahu mit seinem Sohn und seiner Tochter nämlich am Vorabend des Laubhüttenfestes bewältigt, auf einem ziemlich wackeligen Floß, (…). Kurz nachdem sie Beirut verlassen hatten, trieb ein starker Wind sie von der Küste aufs Meer hinaus, der Schiffer verlor die Orientierung, und Reb Jeschajahu, der fürchtete, das Laubhüttenfest auf dem Floß verbringen zu müssen, errichtete sich aus dem Zedernholz eine provisorische Laubhütte. Unterdessen wurde der Wind stärker, Wellen warfen das Floß hin und her, bis es vor der Küste bei Akko auf eine Sandbank auflief und auseinanderbrach. Da setzte sich Reb Jeschajuhu seinen Sohn auf die Schultern, nahm das kleine Mädchen auf sein Arm und band sich an einer der Holzwänden der Laubhütte fest, die durch ein Wunder selbst zu einem Floß wurde und die drei unversehrt an die Küste von Erez Israel trieb.[6]

Der zweite Teil ist unmittelbar der Familiengeschichte des Erzählers gewidmet. Man erfährt die Lebensgeschichte der Mutter und des Vaters, über ihr Verhältnis zu einander und zu dem Kind. Und erst im dritten Kapitel kommt die „Psyche (des Autors) zur Entfaltung, und an dieser Stelle setzt ein köstlicher selbstironischer Humor ein, der die ersten Publikationsmißerfolge des ehrgeizigen Dichterjünglings aus der Perspektive des reifen Schriftstellers begleitet“.[7]

Der Roman, der den Werdegang eines jungen Schriftstellers erzählt, gehört in das Genre des Bildungsromans. Der Schreibstil des Autors wird von Gershon Shaked zu der lyrisch-impressionistischen Strömung gezählt, welche von solchen Autoren wie Nissim Aloni, Jehoschua Kenaz, Aharon Appelfeld, aber auch von Chaim Be`er verändert und weitergeführt wurde.[8] Die Sprache des Erzählers ist reichlich mit religiösen Zitaten geschmückt. Weil der Autor mit der Sprache der Quellen (Mischna, Talmud, etc.) aufgewachsen ist und sich nicht scheut diese in den Roman zu benutzen, ist es berechtigt seine Sprache mit der von Agnon zu vergleichen. Die einzelnen Äußerungen auf Jiddisch deuten an, dass dies die eigentliche Sprache der Personen sein sollte.[9] Immer wieder werden in dem Roman Vergleiche mit der Weltliteratur, öfters mit der russischen, gemacht, ohne manchmal den Autor oder das Werk zu nennen. So vergleicht z.B. Chaim seinen Vater, als er auf einen Schulausflug sich angezogen hat, mit dem Soldaten Schwejk, ohne weiter zu sagen, wer dieser war (Jaroslav Hašek, Der brave Soldat Schwejk).

Zu der Schreibweise des Romans ist auch noch anzumerken, dass obwohl der Autor Chaim Be`er auch Gedichte schreib, nur eines in den Roman eingegangen ist – Wie Abraham, das dem Vater des Erzählers gewidmet ist und direkt nach seinem Tod verfasst wurde:

Wie Abraham Doch jeder Tag versank hinter einem der Berge

war mein Vater in den fernen Tagen, und der Abend richtete sich vor ihm auf

stand früh am Morgen auf, wie drei Engel, die nicht kamen.

wartete auf die Engel Licht, ausgegossen

sehnsüchtig bei Petach Ejnajim. in die Furchen seiner Wangen

er wusste, sie trugen auf Händen ein weiteres Kernchen Purpur

eine Nachricht für ihn auf seiner Schläfe, die der Scheibe der

wie ein Vater seinen kleinen Sohn trägt Granatapfels glich.[10]

[...]


[1] Feinberg, Anat, Die moderne hebräische Literatur. Ein Überblick. In: Feinberg, Anat (Hg.), Moderne hebräische Literatur. München 2005, S. 24.

[2] Be`er, Chaim, Stricke. München 2000 (Original: Chavalim, Tel Aviv 1998.), S.96.

[3] Be`er, Stricke, S.160.

[4] Ebd., S.14-15.

[5] Ebd., S.273.

[6] Ebd., S.49-50.

[7] Schwarz, Egon, Wie man ein Genie füttert. Aus der Verwandtschaft: Chaim Be`er knotet Stricke, bis sie halten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2000. (letzter Zugriff am 15.12.2008, um 16.00) http://www.buecher.de/shop/Jerusalem/Stricke/Beer-Chaim/products_products/detail/prod_id/08982354/

[8] Gershon, Shaked, Geschichte der modernen hebräischen Literatur. Prosa von 1880 bis 1980. Frankfurt / Main 1996, S.239.

[9] Be`er, Stricke, Stricke, S.43.

[10] Ebd., S.321-322.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Chaim Be`er "Stricke" / "Chawalim" - Ein Roman, eine Erinnerung, ein Werden
Hochschule
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Veranstaltung
Hebräische und jüdische Literatur - Der "Andere" in der hebräischen Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V190357
ISBN (eBook)
9783656152057
ISBN (Buch)
9783656152439
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chaim, be`er, stricke, chawalim, roman, erinnerung, werden
Arbeit zitieren
M.A. Olga Linets (Autor), 2009, Chaim Be`er "Stricke" / "Chawalim" - Ein Roman, eine Erinnerung, ein Werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190357

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