Wie kommt das Geschlecht in den Menschen?

Grundlagentheoretische Abhandlung mit dem Problem der Transsexualität


Essay, 2012

6 Seiten, Note: "-"


Leseprobe

Wie kommt das Geschlecht in den Menschen? Problemstellung Transsexualität!

Einleitung

Ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, ist die meist gestellte Frage in der Schwangerschaft. Auch die erste Zuschreibung des Kindes im Kreisssaal ist die Kategorisierung in ein Geschlecht, obwohl ein Kind bei der Geburt kein Geschlecht hat. Es besteht vielmehr aus chromosomalen, morphologischen und hormonellen Komponenten, die kulturell zu weiblichen oder männlichen Geschlechtsmerkmalen festgelegt worden sind. Bei der Eindeutigkeit des morphologischen Geschlechts, werden alle weiteren Komponenten diesem untergeordnet. Ab dem Zeitpunkt scheint der Lebensweg vorbestimmt zu sein. Der Junge wird zum Mann, der unabhängig, stark und rational sein wird; das Mädchen wird zur Frau, die emotional, fürsorglich und liebevoll sein wird. Auch wenn dies nicht immer der Realität entspricht, erscheint dies als eine natürliche Begebenheit.

Debatte

Bis Ende des 18. Jahrhunderts kam durch den Feminismus die Erkenntnis, dass die Geschlechterdifferenz sozial konstruiert ist. Der Feminismus kritisierte die Verbindung von Geschlecht und Persönlichkeitsmerkmalen. Diese Geschlechterordnung diente der Legitimation von patriarchalen Herrschaftsverhältnissen, der Herrschaft und Gewalt. Die Frau forderte die Öffnung aller sozialen Bereiche für ihr Geschlecht und wollte die Geschlechtsdetermination und dem daraus resultierenden „Geschlecht als Schicksal“ nicht mehr hinnehmen. Aus der angloamerikanischen Sprache folgte die Unterscheidung zwischen dem biologischen (Sex) und dem sozialen Geschlecht (Gender). Der Ursprung dieser Unterscheidung ist auf Descartes Kartesischen Dualismus zurückzuführen, welcher den Körper vom Geist trennte. Dieser Dualismus war jedoch eine weitere Bestätigung der Geschlechterdifferenz der Körperlichkeit der Frau unter dem Geiste des Mannes. Frigga Haug kritisierte die Frauenbewegung, da die Frau kein Opfer der Herrschaft des Mannes sei, sondern vielmehr dieses Verhältnis aktiv durch Interaktion reproduziere. Gildemeister/Wetterer kritisierten die Sex/Gender- Unterscheidung, da sie die Geschlechtsunterschiede unterstreiche, statt die Geschlechtsunterscheidung zu ergründen.

Geschlecht als biologische Determination

Dem morphologischen Geschlecht geht eine genetische und hormonelle Entwicklung voraus. Das genetische Geschlecht entwickelt sich im weiblichen Körper durch die Eizelle, die ein X-Chromosom trägt und einem Spermium, das entweder ein X oder ein Y-Chromosom trägt. Aus der jeweiligen Kombination XX wird demnach ein Mädchen, aus XY ein Junge. Aus dieser Kombination entwickeln sich die morphologischen Geschlechtsorgane. Diese ontologische Determination hat zur Folge, dass es auch Entwicklungen gibt, die nicht in der Norm entsprechen. Es gibt ebenso XYY- Männer, XXY-Männer oder X-Frauen. Gerade diese Bezeichnungen zeigen, dass die chromosomalen Besonderheiten markiert werden, doch durch den Zusatz „Mann/Frau“ wird wiederum das Geschlecht in das binäre System (Sex category) eingegliedert und dem morphologischen Geschlecht angepasst. Die chromosomalen Besonderheiten fallen meist erst auf, wenn in der Pubertät die geschlechtsspezifischen Entwicklungen ausbleiben. Es gibt nicht nur chromosomale Besonderheiten, sondern morphologisch gibt es fünf Geschlechter, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, sondern mit bestimmten Abstufungen mal zum weiblichen, mal zum männlichen Geschlechtsmerkmal tendieren. Sie werden mit dem Begriff „Intersexualität“ zusammengefasst werden. Thomas Laqueur befasst sich als Sexualwissenschaftler mit der historischen Entwicklung des morphologischen Geschlechts. Er zeigte anhand zweier Geschlechtsmodelle auf, dass auch das biologische Geschlecht sozial konstruiert ist. Bis vor 200 Jahren herrschte noch die Vorstellung von nur einem Genital. Es gab noch keine Bezeichnung zur Unterscheidung der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane. Das Ein-Geschlecht-Modell entstand durch das mangelnde Wissen von Anatomie. Die weiblichen Geschlechtsorgane waren anatomisch zwar denen des Mannes gleich, doch seien die weiblichen Genitalien, aufgrund mangelnder Hitze nach innen gezogen. Dieses Modell differenzierte zwar nicht durch Bezeichnungen die Geschlechter, doch zeigte es, dass die Frau ein Mangelwesen sei. Durch den Fortschritt in der Medizin wurden erstmals Ende des 18. Jahrhunderts für die geschlechtsspezifischen Geschlechtsorgane verschiedene Bezeichnungen entwickelt. Durch das Zwei-Geschlechter-Modell wurden zwei scheinbar unüberwindbare Pole geschaffen, die zum Paradigma wurden.

Die Geschlechtsidentität

Die Gender Identity bezeichnet das subjektive Empfinden einem Geschlecht (oder dazwischen) anzugehören, die muss nicht zwangsläufig mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmen. Die Geschlechtsidentität entwickelt zunächst durch die Imitation und Identifikation mit signifikanten Anderen (Eltern, Erzieher, Geschwister), ebenso durch Lob durch diese bei geschlechtskonformen Verhalten und durch Kritik durch geschlechtsunkonformen Verhalten. Nach dem 3. Lebensjahr weiß ein Kind, welchem Geschlecht es angehört, es hat somit ein geschlechtliches Selbstbild entwickelt. Im Laufe der Entwicklung festigt sich das Wissen über das eigene Geschlecht. Bis zur Pubertät ist das Selbstbild noch stark an der durch die Bezugspersonen vermitteltes Geschlechtsrolle verknüpft, löst sich jedoch nach und nach von ihr ab und wird individuell interpretiert. Identität entwickelt sich durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Zuschreibungen können durch Fremdeinschätzung und Fremdbewertung, durch Selbsteinschätzung und -bewertung vollzogen werden. Da die Umwelt selektiv wahrgenommen wird und es schichtspezifische Unterschiede beim Umgang mit Geschlechtlichkeit gibt, ist ebenso die Geschlechtsidentität Bezugsgruppen abhängig. Durch die Syntheseleistung der vermittelten Geschlechtsrolle durch die eigene Interpretation entwickelt sich ein eigenes Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit, dadurch unterliegt auch die Geschlechtsrolle einem ständigen gesellschaftlichen Wandel.

Die soziale Konstruktion von Geschlecht

Das Empfinden des eigenen Geschlechts und der Umgang mit ihm stehen in einem Spannungsverhältnis zu dem was die Gesellschaft für Erwartungen an das jeweilige Geschlecht richtet. Die Geschlechtsrolle umfasst die Gesamtheit aller Verhaltensweisen, Einstellungen und Darstellungsformen, die sozial erwünscht sind. Die zugewiesenen Eigenschaften des Geschlechts bestimmen den Rahmen für jegliche sozialen Prozesse (Erziehung, Sozialisation, Interaktion). Die Geschlechtsrolle ist mit Erwartungen verbunden, die auf das biologische Geschlecht verweisen sollen. Somit kann man sie als die „kulturellen Genitalien“ bezeichnen. Mit der Zuweisung zu einem Geschlecht nach der Geburt trennt sich die Lebenswelt in weiblich oder männlich auf. Die Stereotype Mann und Frau lassen sich wie folgt beschreiben und durchziehen sich durch sämtliche sozialen Bereiche. Der Mann ist stark, unabhängig, robust, demnach wird ein wildes Verhalten toleriert, Jungen dürfen eher auf Bäume klettern, machen öfter Sportspiele mit Wettkampfcharakter, sie weinen nicht. Frauen sind sanfter, liebevoll und anpassungsfähig. Daraus ergibt sich ein behüteter Erziehungsstil, mit Spielen, die sich meist im Haus abspielen, wie Puppen, Haushaltsspiele oder Rollenspiele. Mädchen treiben öfter Sportarten, die ihrem zierlichen Körper entsprechen (Tanzen, Ballett) oder die ihre Fürsorge fördern (Reiten). In der Schule scheint es geschlechtsspezifische Fächer zu geben. Jungen sollen in Mathematik und in den Naturwissenschaften begabter sein, Mädchen in Kunst, Deutsch und Sprachen. Mädchen machen zwar öfter Abitur, doch wird dies so erklärt, dass Mädchen durch die intensivere Sozialisation durch die Eltern, anpassungsfähiger seien, als die Jungen, die öfter Zeit mit Gleichaltrigen verbringen, somit weniger anpassungsfähig seien. Die Berufe unterteilen sich neben gemischtgeschlechtlichen Berufen in typisch weibliche und typisch männliche Berufe, die das (konstruierte) Naturell des jeweiligen Geschlechts unterstreicht. Männliche Berufe sind handwerkliche und technische Berufe. Ebenso sind Berufe mit einem hohen Gehalt und dem entsprechenden Status (Manager, Politik, Wirtschaft) eher ein männerberuf. Frauenberufe zeichnen sich durch schlechte Bezahlung und niedrige Bildungsvoraussetzungen aus. Zwar ist seit dem Gleichstellungsgesetz der Frau jeder Berufszweig eröffnet, doch sind vor allem Berufe, die als Zweitjob dienen (Friseurin, Kassiererin), die Fürsorge unterstreichen (Alten/Kranken/Kinder-Pflege) und die einem männlichen Beruf untergestellt sind (Sekretärin, Arzthelferin) typische Frauenberufe. Auch Interaktionen zwischen Individuen des gleichen und des anderen Geschlechts unterliegen sozialen Regeln. Geschlecht muss in der Interaktion performativ hergestellt werden, da Geschlecht intelligibel ist. Ohne die ständige Einordnung in ein rigoroses „entweder/oder“ und das Verweisen auf das jeweilige Geschlecht, würde das binäre Geschlechtssystem seine Macht verlieren. Aus dem performativen Akt sind Konventionen entstanden, die den Umgang mit Geschlecht regeln. Dazu zählen beispielsweise Höflichkeitsformen, die grammatikalische Zuweisung zu einem Geschlecht (sie, er).

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Wie kommt das Geschlecht in den Menschen?
Untertitel
Grundlagentheoretische Abhandlung mit dem Problem der Transsexualität
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Note
"-"
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V190378
ISBN (eBook)
9783656152040
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Sekundärliteratur, Klausurtext
Schlagworte
geschlecht, menschen, grundlagentheoretische, abhandlung, problem, transsexualität
Arbeit zitieren
Joana Lissmann (Autor), 2012, Wie kommt das Geschlecht in den Menschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190378

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