Theorien der Kommunikationswissenschaft - Strukturalismus nach Pierre Bourdieu


Skript, 2007
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition zentraler Begriffe

3. Die Kapitalsorten nach Bourdieu

4. Klassenordnung und Geschmack nach Bourdieu
4.1. Die Volksklasse
4.2. Die Mittelklasse
4.3. Die Oberklasse

5. Grundannahmen und Erkenntnisse

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu setzte mit seinem Beitrag „Die feinen Unterschiede“ einen Meilenstein in der soziologischen Forschung über Klassen und gesellschaftliche Strukturen und Muster.

Durch seine sehr umfangreichen empirischen Studien entwickelte er dabei eine neue Methode der soziologischen Forschung, um komplexe Strukturen der Gesellschaft vertieft darstellen zu können. Bourdieu ist dem Strukturalismus zuzuordnen, der auf der Grundannahme beruht, dass Phänomene nicht isoliert auftreten, sondern in Verbindung mit anderen Phänomenen stehen.

2. Definition zentraler Begriffe

Auf Grund der Quantität der von Bourdieu verwendeten Begriffe, erscheint es von Nöten, diese vorab zu definieren und voneinander abzugrenzen. Folglich werden im nächsten Abschnitt die Begriffe Klasse, Geschmack und Lebensstil, sozialer Raum und Habitus erläutert. Bourdieu geht bei seiner Theorie von der Grundannahme aus, dass in modernen Gesellschaften eine Klassenhierarchie mit jeweils signifikanten Merkmalen der einzelnen Klassen besteht. Durch einen ständigen Prozess der Distinktion und Annäherung der Klassen zwischen einander, werde die hierarchische Ordnung zunehmend erkennbar.

Dabei nimmt der Habitus eine zentrale Rolle bei der Zuordnung der Individuen in die verschiedenen Klassen und Klassenlagen ein. So ist der Habitus ein

“ System verinnerlichter Muster (...), die es erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur zu erzeugen - und nur diese. ” 1

Der Habitus werde dabei durch die Lebensbedingungen bzw. die Klassenlage, in die man innerhalb der Gesellschaft hinein geboren wird, geprägt. Der Habitus erzeuge als Schema selbst wiederum spezifische Praxisformen und Kriterien der unterschiedlichen Bewertung der Produkte dieser Praxis. Das heißt, der Habitus bedingt spezielle Denk- Handlungs- und Wahrnehmungsschemata die sich in Geschmack und Lebensstil äußern und sich durch einen im Individuum verinnerlichten, unterbewussten Prozess scheinbar auf den Habitus zurückführen lassen.

Somit wirkt der Habitus hinter dem Verhalten als generatives Prinzip und erzeugt Motive und Bedürfnisse was sich in klassenspezifischem Geschmack und Lebensstil äußere.2

Der soziale Raum ist laut Bourdieu ein Raum objektiver sozialer Positionen. Dies impliziert, die statistisch erfassbare objektive, ökonomische, kulturelle und soziale Lage. Dabei entstehen Wechselbeziehungen zwischen strukturellen Bedingungen, wie Einkommen, Geschlecht, Alter und Berufsstand auf der einen Seite und praktischen Handlungsweisen, wie Lebensstil, Konsum oder politischem Verhalten auf der anderen Seite.3

Um eine genauere Beschreibung und Analyse der von Bourdieu definierten Klassen geben zu können werden im nächsten Abschnitt zunächst die Kapitalsorten erläutert, um daraus resultierend die verschiedenen Klassen nach Bourdieu einer differenzierten Betrachtung zu unterziehen.

3. Die Kapitalsorten nach Bourdieu

“ Kapital ist akkumulierte Arbeit entweder in Form von Materie oder in verinnerlichterinkorporierterForm. Wird Kapital von einzelnen Akteuren oder Gruppen privat oder exklusiv angeeignet, so wird dadurch auch die Aneignung sozialer Energie in Form von verdinglichter oder lebendiger Arbeit m ö glich als vis insita ist Kapital eine Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt; gleichzeitig ist das Kapital - als lex insita - auch grundlegendes Prinzip der inneren Regelm äß igkeiten der sozialen Welt. ”4

Nach Bourdieus Definition von Kapital wird deutlich, welchen Stellenwert die verschiedenen Kapitalien bei der Klassendifferenzierung einnehmen. Durch die unterschiedliche Verteilung von Kapital sei die Klassenlage bestimmbar. Bourdieu unterscheidet drei verschiedene Arten von Kapital.

Das ö konomische Kapital lässt sich an der Menge an Geld und Eigentum messen.5

Jedoch ist das kulturelle Kapital für die Zuordnung in Klassen entscheidender. Diese Form von Kapital impliziert Wissen, Qualifikationen, Bildungstitel sowie Einstellungen und Handlungsformen, die im Ausbildungssystem und in der Familie erworben wurden. Dieses Kapital sei an einen bestimmten Habitus gebunden, welcher sich zum Beispiel in Geschmack, Auftreten und ästhetischer Einstellung äußere.6

Eine weitere Kapitalsorte ist das soziale Kapital , welches sich durch die Art und Anzahl sozialer Beziehungen und das soziale Umfeld definieren lasse. Diese Form von Kapital sei einerseits durch Familie, Verwandtschaft und/oder Nachbarschaft festgelegt, andererseits können soziale Beziehungen und Kontakte individuell erworben werden.

Bezogen auf eine Gruppe oder ein Beziehungsnetz können die drei genannten Kapitalien, soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital eine symbolische Bedeutung erlangen.7 Der Symbolcharakter des Kapitals nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Distinktions - und Annäherungsverhalten findet laut Bourdieu seinen Ausdruck in konkreten Symbolen, wie zum Beispiel die Wahl der Automarke, Vereinsmitgliedschaften und/oder Bildungstiteln. Durch die differenzierte Darstellung der einzelnen Kapitalien, können im Folgenden die von Bourdieu unterschiedenen Klassen und die daraus resultierenden Lebensstile spezifiziert dargelegt werden.

4. Klassenordnung und Geschmack bei Bourdieu

Bourdieu unterscheidet drei Klassen aufgrund ihrer unterschiedlichen Akkumulation an ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital. Diesen Klassen wird jeweils ein bestimmter Geschmack zugeordnet. Der nächste Abschnitt befasst sich mit den verschiedenen Klassen, die aus der strukturierenden Komponente des Habitus hervorgegangen sind und den dazugehörigen Geschmackssorten.

4.1. Die Volksklasse

Die Volksklasse oder auch “classe populaire” genannt, bildet die unterste Klasse. Bourdieu nennt sie auch Klasse der Beherrschten. Dieser Klasse gehören zum Beispiel Landarbeiter, Landwirte, Hilfsarbeiter, angelernte Arbeiter, Facharbeiter und Vorarbeiter an.8 Die Zugehörigkeit zu dieser Klasse zeichnet sich dabei durch eine geringe Ausstattung an ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital aus. Dies bedeute einen Mangel an finanziellen Mitteln und materiellen Gütern. Zudem unterstellt Bourdieu dieser Klasse einen geringen Bildungsstand. Hinsichtlich des sozialen Kapitals erscheint dabei jenes der Volksklasse als relativ qualitativ und meist auch quantitativ geringfügig.

Von äußerster Relevanz, laut Bourdieu, ist die Differenzierung der Klassen anhand des Geschmacks.9 Jeder Klasse wird ein bestimmter Geschmack zugeordnet. So finde sich der barbarische Geschmack besonders in der Volksklasse. Diese Form von Geschmack impliziere dabei eine bestimmte Einstellung zur Welt, die Bourdieu als doxa bezeichnet. “Es ist ein Habitus, der die Dinge gar nicht weiter ästhetisiert, sondern schlicht auf ihre Funktionalität, ihren praktischen Zweck oder einfach einem naturalistischen Schönheitsideal folgend beurteilt.”10 Dies bedeutet, dass insbesondere durch die Knappheit an ökonomischem Kapital der existentielle Wert der Dinge vordergründig ist.11 Die Ästhetisierung wird somit fast gänzlich durch die Funktionalisierung der verdinglichten und geistigen Welt abgelöst. Im Gegensatz zu Marx erweitert Bourdieu das Zweiklassenkonzept und versucht somit der modernen, pluralistischen Gesellschaft gerecht zu werden. Die mittlere Klasse nimmt hierbei eine zentrale Stellung ein.

[...]


1 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik an der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M., 2003. S. 279.

2 Vgl.: Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. Band 1: Der Blick au die Gesellschaft. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden, 2004. S. 342.

3 Vgl.: Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik an der gesellschaftlichen Urteilskraft, 2003. S. 277.

4 Bourdieu Pierre. Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in. Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt Sonderband 2, Göttingen, 1983. S. 183.

5 Vgl.: Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. Band 1: Der Blick au die Gesellschaft. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden, 2004. S. 339.

6 Vgl.: Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. Band 1: Der blick auf die Gesellschaft. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, 2004. S. 340.

7 Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. Band 1: Der Blick auf die Gesellschaft. S. 341.

8 Bourdieu, Pierre. Die feinen Unterschiede. Kritik an der gesellschaftlichen Urteilskraft. S. 840.

9 Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. S. 343.

10 Abels, Heinz. S. 343.

11 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede S.285.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Theorien der Kommunikationswissenschaft - Strukturalismus nach Pierre Bourdieu
Hochschule
Universität Salzburg  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Repetitorium
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V190400
ISBN (eBook)
9783656149200
ISBN (Buch)
9783656148975
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien, Kommunikationswissenschaft, Schicht, Pierre Bourdieu
Arbeit zitieren
Anja Kloss (Autor), 2007, Theorien der Kommunikationswissenschaft - Strukturalismus nach Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190400

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