Wie bestimmt Hegel zu Beginn der ‚Wissenschaft der Logik‘ das Problem des Anfangs?


Essay, 2009

10 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Unmittelbarkeit und Vermittlung
2.1. Klärung der Begriffe
2.2. Liquidierung scheinbarer Gegensätze

3. Der Anfang
3.1. Reines Wissen und Phänomenologie des Geistes
3.2. Das reine Sein

4. Mögliche Kritiken
4.1. Erster Einwand
4.2. Zweiter Einwand
4.3. Dritter Einwand

5. Abschließende Betrachtungen

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der deutsche Idealismus ist geprägt von einer intensiven Suche nach einem Prinzip, welches den Anspruch erhebt, Prinzip für Alles zu sein. Ein Solches versteht sich im philosophischen Sinne als erster Grund, als Ursprung auf dem alles andere beruht. Dieser Ursprung, dieser Anfang stellt eine Problematik dar, die in der Philosophie seit mehreren tausend Jahren eine Rolle spielt. Schon in der griechischen Antike sind so die verschiedensten Prinzipien entstanden. Zum Beispiel das Wasser, das Feuer, das Atom oder, wie bei Platon, die Idee als Urgrund. Der deutsche Idealismus, dessen Weg durch Immanuel Kant geebnet wurde, greift diese Ideenkonzeptionierung wieder auf und ist daher auch genötigt sich mit dem Problem des Anfangs zu beschäftigen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel nimmt sich dieser Schwierigkeit zu Beginn seines Werkes ‚Wissenschaft der Logik‘ an. Unter der Überschrift „Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ beginnt er seine Untersuchung zu der Problematik des Ursprungs. Diese Untersuchung lässt sich auch als Einleitung und Basis Hegels Philosophie verstehen, auf die hier nur soweit nötig eingegangen wird.

2. Unmittelbarkeit und Vermittlung

Schon zu Beginn kristallisieren sich die Begriffe Unmittelbarkeit und Vermittlung, als mögliche Formen den Anfang fassbar zu machen, bei ihm heraus. Doch fügt er auch sogleich an, dass es ein Leichtes sei diese beiden Ansätze zu widerlegen.

2.1. Klärung der Begriffe

Geht man davon aus, der Anfang sei unmittelbar, so wäre das Prinzip der absolute Anfang und Urgrund aller Dinge, nach der Vorstellung, die einleitend beschrieben wurde. Setzt man den Anfang jedoch als vermittelt, so wäre er dies durch das Denken und die Fähigkeit des Erkennens. Für Hegel ist jedoch klar, dass beide Anschauungen, getrennt von einander, falsch sind. Denn erst die Einsicht, dass die subjektive Tätigkeit als auch der Gegenstand ihrer Handlung sich als die beiden Momente der Wahrheit zu erkennen geben, führt zur wahren Betrachtung eines Anfangs. Wie kann man sich das vorstellen? Wenn es also ein Prinzip gäbe, welches alles andere aus sich erwachsen lässt, ein immanentes Prinzip mit systemgenerierender Potenz, dann wäre dessen Inhalt sicher ein gerechtfertigter Anfang, jedoch hat dieser keinerlei (menschlichen) Wert, solange er von keinem Subjekt erkannt worden ist. Anders formuliert heißt das, dass dieser Anfang auch unabhängig von der menschlichen Einsicht in diesen Anfang existiert. „Das Anfangen als solches [...] bleibt als ein Subjektives in dem Sinne einer zufälligen Art und Weise, den Vortrag einzuleiten, unbeachtet und gleichgültig, somit auch das Bedürfnis der Frage, womit anzufangen sey, unbedeutend gegen das Bedürfnis des Princips, als in welchem allein das Interesse der Sache zu liegen scheint, das Interesse, was das Wahre, was der absolute Grund von allem sey.“ (Hegel 1845, S. 55). Das verändert die Vorstellung eines Anfangs bzw. des Anfangs in seiner schon längst tradierten Form nicht, aber es wirft das Subjektive als wesentliches Kriterium der Wahrheit auf.

2.2. Liquidierung scheinbarer Gegensätze

Das Verhalten des Erkennens wird also unter kritischem Blick in den Prozess der Wahrheitsfindung eingegliedert. Auch das scheint nicht neu, jedoch führt Hegel gleichzeitig die getrennt betrachteten Momente der Wahrheit wieder zusammen. Er will, in Anspielung auf seine Vorgänger, den Bewusstseinsgegensatz von Subjekt und Objekt wieder liquidieren. Es gibt nichts „[…] im Himmel oder in der Natur oder im Geiste oder wo es sey, was nicht ebenso die Unmittelbarkeit enthält; als die Vermittlung, so dass sich diese beiden Bestimmungen als ungetrennt und untrennbar und jener Gegensatz sich als ein Nichtiges zeigt.“ (ebd., S. 56). Er räumt gleich im Anschluss darauf ein, dass bei wissenschaftlichen Erörterungen diese methodische Unterscheidung in jedem logischen Satz vorhanden ist. Doch sein eigentliches Anliegen scheint zu sein, darauf zu sensibilisieren, dass jegliche wissenschaftliche Herangehensweise eine Differenzierung und Unterscheidung benutzt, die die Vorstellung von etwas Absolutem und Einfachem, wie der Anfang ein solches ist, nicht zulässt.

3. Der Anfang

3.1. Reines Wissen und Phänomenologie des Geistes

Nach diesen einführenden Betrachtungen beginnt nun erst die eigentliche Untersuchung des Urgrundes. Nach klassischer Art und Weise wird dieser nun mit wissenschaftlichen Mitteln ergründet. Der Anfang wird also der methodischen Überprüfung unterzogen. Wie schon mehrfach benannt muss er im Objektiven, Unmittelbaren - im absoluten Wissen zu suchen sein. Hegel nennt dieses, von jeglicher subjektiven Annäherung freie Wissen, reines Wissen. Um das reine Wissen zu gebrauchen, bedarf es allerdings der Vermittlung über die Sinne bzw. die Wissenschaft des Bewusstseins, welche bei Hegel Phänomenologie des Geistes heißt. Das Resultat der Vermittlung ist dann das reine Wissen in Form eines Gedankens, einer Idee. Hegel schließt also auf die Identität der objektiven Dinge und ihrer Bestimmungen im Denken.

3.2. Das reine Sein

Das reine Wissen als Idee ist nun die Voraussetzung der Logik, welche als reine Wissenschaft bezeichnet wird. Sie ist „[…] das reine Wissen in dem ganzen Umfange seiner Entwicklung.“ (Hegel 1845, S. 58). Und dieses Ergebnis der Phänomenologie des Geistes und damit Voraussetzung der Logik – die Idee – ist, nach Hegel, „[…] die zur Wahrheit gewordene Gewißheit […]“ (ebd., S. 58). Hegel erläutert diese Gewissheit im Weiteren als eine, die den Gegenstand ihrer Untersuchung nicht mehr als Gegenüber, sondern als innerlich gemacht weiß und gleichzeitig das Wissen von sich als dem Gegenständlichen gegenüber aufgibt.

Wie lässt sich das verstehen? Wahrheit bedeutet nach klassischer Betrachtung eine Übereinstimmung von Erkennen und dem Gegenstand. Gewissheit meint eher eine bestimmte Relation des Wissens (der Idee) zu sich selbst. Wenn man weiß, dass man etwas weiß, ist man sich dessen gewiss. Und diese Gewissheit hat eine Wandlung zur Wahrheit vollzogen.

Das ist natürlich nur möglich, wenn man wie Hegel davon ausgeht, dass das reine Wissen als Unmittelbares und als Idee identisch sind. Mit dieser Annahme hat er es sich ermöglicht die alte Subjekt-Objekt-Ordnung zu brechen, da beide Teile am Ende geeint sind und sich nicht mehr unterscheiden. Dies ist der entscheidende Punkt, um den Gedankengang Hegels nachvollziehen zu können. „Das reine Wissen als in diese Einheit zusammengegangen, hat alle Beziehung auf ein Anderes und auf Vermittlung aufgehoben; […] es ist nur einfache Unmittelbarkeit vorhanden.“ (ebd., S. 58). Da diese einfache Unmittelbarkeit nur ein Reflexionsausdruck im Bezug auf Vermittlung ist, bekommt es den Namen reines Sein, welches, wie auch schon das reine Wissen, ein Abstraktum und somit ohne jegliche Erfüllung und Bestimmung ist.

Das heißt also, dass dem bestimmten und inhaltgegebenen Sein ein reines Sein vorangeht und den Anfang bildet; genau wie das reine Wissen dem bestimmten Wissen vorangeht. Das reine Sein hat selbst also noch keine Bestimmung und ist demnach kein Vermitteltes. Damit ist für Hegel die anfängliche Frage geklärt und seine Antwort reicht über den Urgrund der Wissenschaft hinaus. Das reine Sein ist der Anfang.

[...]

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Details

Titel
Wie bestimmt Hegel zu Beginn der ‚Wissenschaft der Logik‘ das Problem des Anfangs?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie des Deutschen Idealismus und des 19. Jahrhunderts
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V190444
ISBN (eBook)
9783656148593
ISBN (Buch)
9783656148913
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hegel, beginn, anfang, wissenschaft, logik, sein, reines, wissen, deutscher, idealismus, unmittelbarkeit, vermittlung, phänomenologie, ursprung
Arbeit zitieren
Eric Jänicke (Autor), 2009, Wie bestimmt Hegel zu Beginn der ‚Wissenschaft der Logik‘ das Problem des Anfangs?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190444

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