Die Rolle von Fernsehduellen bei der Wahlentscheidung in Deutschland


Seminararbeit, 2010

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Theoretisch-argumentative Begründung der Effekte von TV-Duellen
2.2 Einordnung in das sozialpsychologische Erklärungsmodell der Wahlentscheidung: Die Fernsehduelle als Einflussfaktor auf die Kandidatenund Parteipräferenz
2.3 Der Forschungsstand im Überblick
2.4 Die Auswirkungen auf die Wahlentscheidung
2.4.1 Die Determinanten der Wahrnehmung eines TV-Duells
2.4.2 Die Rolle der TV-Duelle bei der Wahlentscheidung

3. Fazit

4. Eigener Vorschlag zur empirischen Durchführung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit meiner Hausarbeit zur Rolle von Fernsehduellen bei der Wahlentscheidung möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit TV-Duelle das Wählerverhalten bei den Bundestagswahlen in Deutschland beeinflussen. Auf den folgenden Seiten werde ich diese Frage zwar nicht mit einem uneingeschränkten Ja, aber doch positiv beantworten. Zu diesem Zweck habe ich meine Arbeit folgendermaßen gegliedert: Zunächst werde ich mögliche Effekte von Fernsehduellen theoretisch begründen, um diese dann in den größeren Zusammenhang eines Modells der Wahlentscheidung einzuordnen. Im Anschluss daran gebe ich einen Überblick zum Forschungsstand in Deutschland und komme dann zum Kern dieser Abhandlung, der die Beschreibung der nachweisbaren Debatteneffekte umfasst: Welche Faktoren determinieren die Wahrnehmung eines TV-Duells und inwieweit bestimmt diese die Wahlentscheidung? Im Fazit greife ich die dabei gewonnen Erkenntnisse noch einmal auf, benenne Lücken im Forschungsstand und gebe einen kurzen Überblick über die demokratietheoretische Bewertung der Rolle von Fernsehduellen in Deutschland. Abschließend versuche ich einen eigenen Vorschlag zur empirischen Durchführung zu geben.

Die Relevanz meiner Forschungsfrage lässt sich folgendermaßen begründen: Die TV- Duelle stellen seit ihrer Einführung in Deutschland 2002 den Höhepunkt der Wahlkämpfe dar. Mit keinem anderen Wahlkampfinstrument können die teilnehmenden Kandidaten gleichzeitig eine derart große Zahl an potenziellen Wählern erreichen und dabei weitestgehend ungefiltert ihre Standpunkte vermitteln. Hinzu kommt, dass die Zahl der Wähler mit einer langfristigen und konstanten Parteibindung den Erkenntnissen der Wahlforschung zu Folge immer mehr abzunehmen scheint. Vor allem für diese parteipolitisch ungebundenen Wähler sollten die - in der Regel wenige Tage vor dem Wahltermin ausgestrahlten Debatten - eine gewisse Orientierungshilfe bei der Wahlentscheidung bieten und somit einen Einfluss auf die Wahlentscheidung ausüben.

Die in dieser Arbeit beschriebenen Effekte haben somit folgende praktische Konsequenzen: Einerseits gilt es, die die Rolle der Duelle aus demokratietheoretischer Perspektive zu untersuchen, allein schon da dieses dem präsidentiellen System entliehene Format mit der Beschränkung auf die Spitzenkandidaten der beiden Volksparteien mit dem deutschen Mehrparteiensystem in einem offensichtlich Widerspruch zu stehen scheint. Andererseits gilt es für die Politik selbst, den Stellenwert dieser „Wahlkämpfe im Miniaturformat“ (Faas/Maier 2004a, 56) neu zu bewerten, da unter bestimmten Umständen auch eine wahlentscheidende Wirkung nicht auszuschließen ist.

2. Hauptteil

2.1 Theoretisch-argumentative Begründung der Effekte von TV-Duellen.

In diesem Abschnitt geht es mir darum, den theoretischen Hintergrund meiner Arbeit darzulegen: Aus welchen Gründen ist überhaupt davon auszugehen, dass TV-Duelle einen Einfluss auf die Wahlentscheidung ausüben können? Eine präzise Zusammenfassung der Argumente für entsprechende Effekte liefert folgende Formulierung von Markus Klein und Ulrich Rosar: „TV-Duelle finden kurz vor der Wahl statt, erreichen eine große Zahl von Wahlberechtigten und stellen für nicht wenige von diesen den wichtigsten Kontakt mit dem Wahlkampfgeschehen dar“ (Klein/Rosar 2007, 83).

Gerade im Vergleich zu anderen Wahlkampfereignissen zeichnen sich TV-Duelle durch ihre enorme Reichweite aus: Die ersten beiden TV-Duelle 2002 zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber sahen jeweils 15 Millionen Bürger, das zweite Duell 2005 zwischen Schröder und Angela Merkel sogar 21 Millionen und 2009 verfolgten immerhin 14 Millionen die Debatte zwischen Merkel und Frank-Walter Steinmeier (vgl. Dehm 2002, 2005 und 2009). Da es den Wählern vergleichsweise leicht gefallen sein sollte, die TV-Duelle zu verfolgen, ist zudem davon auszugehen, dass mit diesem Format auch eigentlich politikferne Wählergruppen erreicht werden (vgl. Maier/Faas 2005, 79). Diese werden einerseits von „normalen“ Wahlkampfelementen meist nicht angesprochen und sollten andererseits durch ein solches Ereignis in ihrer Wahlentscheidung relativ leicht zu beeinflussen sein: ihre politischen Prädispositionen sind weniger stark ausgeprägt und ihre Wahrnehmung weniger selektiv als bei politikinteressierten und/oder parteigebundenen Wählern.

Gerade die Zahl dieser Wähler, die sich nicht an eine bestimmte Partei gebunden fühlen und ihre Wahlentscheidung erst sehr spät treffen, nimmt stetig zu. Immer weniger Wähler verfügen über eine Parteiidentifikation und sind somit für im Wahlkampf gesetzte Reize leichter empfänglich. Die Bundestagswahl 2005 gilt als vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung hin zu einer sehr beweglichen, volatilen Wählerschaft: knapp 35% der Wähler stimmten hier für eine andere Partei als noch 2002 (vgl. Maurer/Reinemann et al. 2007, 8). Wahlkämpfen, Medien und damit auch Fernsehduellen ist somit ein gestiegenes Effektpotenzial zuzuschreiben (vgl. Faas/Maier 2004b, 313).

Desweiteren ermöglichen die Debatten den Wählern einen direkten Vergleich der Persönlichkeiten und Sachpositionen der Kandidaten ohne den Selektionsfilter der Massenmedien (vgl. Maurer/Reinemann 2003, 25). Dies gilt auf der anderen Seite natürlich auch für die Kandidaten: Ihnen bietet sich die seltene Möglichkeit, einer großen Zahl potenzieller Wähler ihre Standpunkte und Ziele direkt zu vermitteln. Als zentrale Elemente des Wahlkampfs dominieren die Duelle die Medienberichterstattung sowohl vor als auch nach dem Ausstrahlungstermin für mehrere Tage. Über kein anderes Wahlkampfereignis wird derart intensiv berichtet wie über die Debatte und ihren Ausgang (vgl. Maurer/Reinemann 2007b, 198). Durch diese mediale Nachbearbeitung sowie durch interpersonale Kommunikation werden somit auch diejenigen Wähler über das Ereignis informiert, die die Duelle nicht direkt verfolgt haben.

Die Effekte können dabei vielfältige Formen annehmen: Zunächst kann der Auftritt eines Kandidaten sein Image verändern, etwa wenn er sich besser oder schlechter schlägt als im Vorfeld allgemein erwartet. Neben den Kandidatenimages können sich aber auch die Kriterien der Kandidatenbeurteilung verändern: Wird ein (sein Amt verteidigender) Kandidat vor dem Duell beispielsweise in erster Linie anhand der Leistung seiner Regierungszeit bewertet, kann es ihm mit Hilfe eines TV-Duells unter Umständen gelingen, für seine persönliche Bewertung günstigere Themen auf die Agenda zu setzen1. Zudem können sich durch die Aussagen der Kandidaten die Realitätsvorstellungen der Zuschauer verschieben (vgl. Maurer/Reinemann 2003, 207), wenn zum Beispiel irreführende Darstellungen der Kandidaten unhinterfragt übernommen werden. Priming-Effekte sind in unterschiedlichen Varianten möglich: Einerseits durch die Konzentration der Medienberichterstattung auf die Bewertung und das Auftreten der Kandidaten in den Fernsehduellen (vgl. Klein 2005b, 214). Andererseits kann sich durch die Duelle bei den Wählern eine Verschiebung der Bedeutung von Kandidat und Partei zugunsten des Kandidaten stattfinden. Dieser Effekt entfaltet dann seine Wirkung, wenn die allgemeine Bewertung von Kandidat und Partei bei den Wählern divergiert, der Kandidat also besser bewertet wird als seine Partei oder umgekehrt. Desweiteren geht man davon aus, dass sich der Wähler am Wahltag kaum an konkrete Aussagen und Handlungen der Kandidaten und Parteien erinnern kann. Sehr viel leichter fällt es ihm dagegen, seine globale Einschätzung darüber zu aktivieren, wer im Rahmen der TV-Duelle insgesamt besser abgeschnitten hat (vgl. Klein 2005b, 214). Das Medienereignis TV-Duell würde somit langfristig entwickelte Einstellungen zu den Kandidaten und Parteien überlagern und bei der Wahlentscheidung für den Wähler im Unterbewusstsein eine entscheidende Rolle spielen.

Maurer und Reinemann gehen bei einer zusammenfassenden Betrachtung der bisherigen Studien zum Thema davon aus, „dass im Schnitt immerhin rund fünf Prozent der Zuschauer von TV-Duellen ihre Wahlentscheidung in die eine oder andere Richtung verändern“ (Maurer/Reinemann 2007a, 327), womit von TV-Duellen bedeutsamere Effekte als von anderen Wahlkampfveranstaltungen zu erwarten wären.

Das Potenzial für mögliche Effekte ist also gegeben. Wie diese letztendlich auf die Wahlentscheidung Einfluss nehmen können, werde ich im nächsten Abschnitt mit der Einordnung der Rolle der TV-Duelle in ein Modell für die Erklärung des Wahlverhaltens darstellen.

2.2 Einordnung in das sozialpsychologische Erklärungsmodell der Wahlentscheidung:

Die Fernsehduelle als Einflussfaktor auf die Kandidaten- und Parteipräferenz.

Der Einfluss von Fernsehduellen findet am ehesten im sozialpsychologischen Erklärungsansatz des Wahlverhaltens seine Berücksichtigung. Das Ann-Arbor- oder Michigan-Modell erklärt das Wahlverhalten mit einem Kausalitätstrichter: Im Mittelpunkt steht dabei die Parteiidentifikation, „darunter wird eine langfristig stabile, affektive Bindung an eine politische Partei verstanden, sozusagen eine Art psychologischer Parteimitgliedschaft“ (Maurer/Reinemann 2003, 16). Die Vertreter des Modells sehen in ihr einen weitgehend unabhängigen Faktor, der, nachdem er sich aus der Sozialstruktur eines Wählers heraus entwickelt hat, einerseits direkten Einfluss auf die Wahlentscheidung ausübt, darüber hinaus aber auch maßgeblich die Issue- Einstellungen und Kandidaten-Orientierungen des Wählers bestimmt. Für diese beiden Punkte berücksichtigt das Modell zudem noch Residualeinflüsse.

Dies liefert einen Ansatzpunkt für die theoretische Erklärung möglicher Effekte von TV- Duellen: Wie ich im vorherigen Gliederungspunkt dargelegt habe, können Fernsehdebatten Einfluss auf Kandidaten- und Themen-Orientierungen nehmen. Zwar würden sich Fernsehduelle ins sozialpsychologische Kernmodell nur als einer von vielen Residualeinflüssen einordnen lassen, deren Wirkung zudem mit der durch die Parteiidentifikation erzeugten selektiven Wahrnehmung konkurriert, allerdings ist ein zunehmender Rückgang dieser langfristigen Parteibindung festzustellen. Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu wollen, hat dies einen Bedeutungsgewinn von Wahlkämpfen zur Folge. Maurer und Reinemann verweisen in diesem Zusammenhang auf die Kritik am „traditionellen“ sozialpsychologischen Modell: Diese sieht die Parteiidentifikation nicht als in Stein gemeißelte und allen anderen Faktoren kausal vorgelagerte Größe, sondern zieht auch rekursive Einflüsse der Kandidaten- und Themen-Orientierungen in Erwägung. „Erweist sich die Parteiidentifikation als ebenso beeinflussbar wie die Vorstellungen von Kandidaten, Parteien und Themen, dann ist das Wirkungspotenzial von Wahlkämpfen und Informationen aus theoretischer Sicht wesentlich größer“ (Maurer/Reinemann 2003, 18).

[...]


1 Dies war zu einem gewissen Grad 2002 der Fall, als es Gerhard Schröder und der SPD im Wahlkampfendspurt auch mit Hilfe der Fernsehduelle gelang, die für sie eher ungünstigen Themen Arbeitsmarkt und Wirtschaftslage von der Spitze der Agenda zu verdrängen und stattdessen die OderFlut und den Irak-Krieg in den Mittelpunkt zu rücken.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rolle von Fernsehduellen bei der Wahlentscheidung in Deutschland
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Politische Wissenschaft I)
Veranstaltung
Proseminar Politische Soziologie: Wahlen und Wählerverhalten
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V190445
ISBN (eBook)
9783656148586
ISBN (Buch)
9783656148845
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Proseminararbeit im Bereich Politische Soziologie aus dem zweiten Semester zu dem Thema wie sich Fernsehduelle in Deutschland auf die Wahlentscheidung auswirken. Mit Theorie- und Empirieteil, benotet wurde die Arbeit mit einer 1,7.
Schlagworte
TV-Duelle, Wählerverhalten
Arbeit zitieren
Hendrik Platte (Autor:in), 2010, Die Rolle von Fernsehduellen bei der Wahlentscheidung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190445

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