Zwangsehen in Deutschland - Einblicke in die Perspektiven von Opfern, Tätern, Gesellschaft und Politik


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hinführung zum Thema

3. Die Rolle der Täter unter Berücksichtigung der Position des Islams

4. Die Rolle der Opfer

5. Politische Debatte: Zwangsehen, Menschenrechte und Gesellschaft

6. Maßnahmen zur Bekämpfung von Zwangsehen in Deutschland

7. Fazit

Anhang A: Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Seit dem „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü in Berlin im Jahr 2005 ist das Thema Zwangsehe in Deutschland breit in den Medien diskutiert worden. Die damals 22-jährige Frau wurde von ihrem Bruder ermordet, da sie „ihren eigenen Weg gehen wollte“ anstatt in Zwangsverheiratung zu leben.[1] Der Tod Sürücüs löste öffentliche Diskussionen aus, in welchen über Zwangsverheiratungen, Geschlechterrollen und patriarchalische Familienstrukturen, sowie Geschlechterehre debattiert wurde. Auch die deutsche Politik hat sich mit dem Thema Zwangsehen befasst, ist als Gesetzgeber zum Schutz der Opfer tätig geworden und hat Maßnahmen eingeleitet, um Betroffenen durch Aktionen wie Beratungsleistungen präventiv zur Seite zu stehen.

Diese Hausarbeit greift die aktuelle Debatte auf und gibt nach einer theoretischen Hinführung zum Thema Zwangsehen Einblicke in die Perspektiven von Opfern, Tätern und Gesellschaft sowie Politik.

2. Hinführung zum Thema

Unter dem Begriff Zwangsehe bzw. Zwangsverheiratung soll in dieser Arbeit eine Ehe verstanden werden, die gegen den freien Willen mindestens eines Partners geschlossen wurde. Damit einher geht eine schwerwiegende Verletzung der persönlichen Freiheit, da die freie Wahl des Partners sowie die Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen damit schwer beschnitten werden. Zuwiderhandlungen verstoßen gegen mehrere nationale und internationale Normen.[2] Bereits der Versuch jemanden dazu zu nötigen eine Eheschließung einzugehen, ist gemäß § 240 III Strafgesetzbuch zu ahnden und wird in der Regel mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Weiterhin gehen mit der Zwangsehe für die Opfer oftmals Vergewaltigungen, sowie sonstige physische und psychische Verletzungen einher.[3]

Im Bezug zur Zwangsehe wird oftmals eine arrangierte Ehe abgegrenzt. Diese sei legitime Praxis in Teilen des Nahen und Mittleren Ostens, Asiens und Afrikas[4] und zeichneten sich dadurch aus, dass beide Partner ihr Veto gegen die von den Eltern des Paares organisierte Heirat einlegen könnten. Straßburger plädiert dafür, diese Form nicht als generell schlecht anzusehen.[5] Jedoch zeigt eine nicht-repräsentative Untersuchung von Schröttle, dass 18% der befragten türkischen Frauen in Bezug auf ihre (vermeintlich) arrangierte Ehe angaben (sowie damit offen zugaben), dass sie zum Zeitpunkt der Eheschließung das Gefühl hatten, kein Vetorecht zu haben.[6] Dies verdeutlicht, dass es eine große Grauzone zwischen offiziell „lediglich arrangierten“ Ehen und Zwangsehen geben muss und zumindest eine kritische Haltung gegenüber arrangierten Ehen eingenommen werden sollte. Weiterhin wird offensichtlich, dass es keine objektiven und reliablen Zahlen zur Anzahl von Zwangsehen in Deutschland bzw. auch weltweit geben kann, weshalb an dieser Stelle auch Spekulationen nach einem verlässlichen Wert ausbleiben.

Von Zwangsheirat sind vor allem Frauen betroffen[7], aber auch Männer werden mitunter zur Ehe gezwungen – beispielsweise in Fällen von Homosexualität und dem Versuch der Familien dies durch die Zwangsehe zu unterbinden. In Großbritannien spricht man davon, dass sich unter den Betroffenen ca. 15 % Männer befinden.[8] Kritisch dazu, der Validität dieser Quote vertrauend, ist zu äußern, dass Männer oftmals noch von Zwangsehen aufgrund ihrer Stellung gegenüber der Frau begünstigt werden und somit die Folgen von Zwangsehen nicht unbedingt als negativ betrachten.[9] Weiterhin kann nicht bestätigt werden, dass Zwangsehen ausschließlich in muslimischen Kulturen vorkommen: Auch in buddhistischen und christlichen Familienstrukturen sind Fälle bekannt geworden.[10] Die Landesregierung Baden-Württemberg gibt an, dass sich vor allem Menschen aus der Türkei, Albanien, Afghanistan, dem Kosovo, Pakistan, Indien, Marokko, Sri Lanka, Griechenland und (Süd-)Italien an Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen des Landes gewandt haben. Es handelte sich dabei um 213 Frauen und zwei Männer im Zeitraum Januar bis Oktober 2005.[11]

Zwangsehen kommen in vier unterschiedlichen Varianten zu Stande: Der erste Fall wäre, dass in Deutschland lebende Menschen zwangsverheiratet werden. Weiterhin ist denkbar, dass (vor allem) Mädchen und junge Frauen aus dem Ausland nach Deutschland migrieren, um hier zwangsverheiratet zu werden. Oftmals handelt es sich hier um Absprachen zwischen zwei Familien, die sich schon länger kennen. Eckert et al. sprechen davon, dass die Opfer von Zwangsehen relativ häufig „Importbräute“ wären.[12] Ferner werden Menschen im Rahmen einer „Ferien-Verheiratung“ unter einem Vorwand ins Ausland gebracht, wo diese dann, ohne dies im Vorfeld zu wissen, zwangsverheiratet werden. Die Menschen verbleiben dann oftmals im Ausland und werden als Arbeitskräfte ausgebeutet.[13] Die vierte Form wird auch als „Verheiratung für ein Einwanderungsticket“ bezeichnet: Eine Person mit gesichertem Aufenthaltsstatus in Deutschland wird mit einem im Ausland lebenden Menschen zwangsverheiratet, wobei die Ehe (unter anderem) als Mittel zur legalen Einwanderung des Partners im Rahmen des Ehegattennachzuges dient. Oftmals kennt die in Deutschland lebende Person den Partner bzw. die Partnerin vor der Eheschließung nicht.[14]

Zwangsverheiratungen sind nicht nur nach westlicher Rechtsauffassung bzw. Kultur rechtswidrig. So gilt die Zwangsehe beispielsweise im türkischen Recht als Drohung, ist bis zu fünf Jahre nach Eheschließung anfechtbar, wobei allerdings die durch Drohung ausgelöste Zwangslage bzw. Angst konkret sein muss.[15]

3. Die Rolle der Täter unter Berücksichtigung der Position des Islams

Die Diskussion des Themas Zwangsehe ist zweifellos unmöglich, ohne die Motive sowie die sozioökonomischen Gegebenheiten der Täter zu skizzieren. Dies wird Gegenstand dieses Kapitels sein. Dabei beschränken sich die folgenden Darstellungen aus Platzgründen auf den Fall, dass türkische Frauen zur Ehe gezwungen werden.

Zunächst ist zu klären, welche Rolle die Religion, hier der Islam, im Bezug auf Zwangsehen einnimmt. Köktas kritisiert in diesem Zusammenhang das in-Verbindung-bringen von Islam und Zwangsehen. Er führt an, dass nach (seinem) Verständnis des Korans, die Ehe auf „gegenseitiger Liebe, Respekt und Vertrauen“ basieren würde. Weiterhin erklärt er, dass eine Verheiratung eines Mädchens gegen ihren Willen nach islamischem Recht nichtig sei.[16] In der Hadithsammlung[17] „Sahih Al Bukahri“ von Muhammad al-Buchārī im Buch der Ehe, wird der Prophet Mohammed mit den folgenden Worten zitiert: „Ohne ihre Erlaubnis eingeholt zu haben, darf eine Witwe nicht verheiratet werden, und ein Mädchen nicht ohne seine Einwilligung.“[18] Folglich handeln Muslime, welche eine Zwangsehe eingehen, wider den Koran, denn „im Islam ist es eigentlich verboten, Frauen gegen ihren Willen zu verheiraten.“[19] Die Legitimation in der Religion zu suchen ist damit falsch.[20]

Die Motive eines Türken eine Ehe einzugehen sind vielfältig. Zunächst lässt sich jedoch festhalten, dass es sich oftmals um ökonomische und kulturelle Motive und nicht um Ehen auf Basis romantischer Liebe handelt[21]: Zwei Familien „verbünden“ sich und nicht lediglich zwei Personen. „Handelt es sich um eine sehr arme Familie, kann durch eine Verheiratung (der Tochter) in ein Emigrationsland auch eine ausreichende Ernährungsgrundlage geschaffen werden.“[22] [23] Dies kann unter anderem als Grund dafür gelten, dass Männer teilweise gezielt nach Partnerinnen aus der Türkei suchen. Eine weitere Erklärung ist darin zu sehen, dass ihnen die in Deutschland integrierten Türkinnen zu emanzipiert sind und sich nicht den Ehemännern unterordnen möchten.

Ferner ist die Ehe ein Mittel, wodurch die Männer als vollständig Erwachsene in ihrem gesellschaftlichen Umfeld akzeptiert und ernst genommen werden. In Verbindung damit steht oftmals der Wunsch nach einem Kind, welches die Akzeptanz eines Türken in der Familie nochmals steigert.[24]

Neben ökonomischen und kulturellen Motiven ist eine Heirat mit Verwandten oftmals ein Ziel innerhalb der Familien sowie eine Führung des Haushalts durch eine Frau, womit eine vom Mann gewünschte strikte Trennung der Aufgabenbereiche von Mann und Frau zum Ausdruck kommt.[25]

Zwangsehen kommen gemäß Eckert et al. ausschließlich in patriarchalisch-strukturierten Familien vor[26], in welchen eine strikte Rangfolge gilt: Der Vater hat die größte Machtstellung, gefolgt von den Söhnen, der Mutter und den Töchtern. Dabei ist vor allem die Gruppe der Männer mit niedriger Bildung und niedrigem Selbstwertgefühl kritisch zu betrachten, denn insbesondere sie sind es, die tradierte Werte aus der Türkei leben, das Verständnis von Ehre im türkischen Sinn für äußerst wichtig erachten und teilweise „sogar rigider betonen als ihre Eltern“[27] Mit diesem „Stil“ versucht diese Gruppe Prestige und Anerkennung zu finden.

Das Konzept türkischer Ehre setzt sich aus drei Elementen zusammen: Ansehen, dem Verhältnis von Familie und Außenstehenden und die Stellung von Mann und Frau innerhalb der Familie sowie Respekt. Ansehen meint (in Bezug auf den Mann), dass man sich in die Gemeinschaft einfügt, „gute Taten“ erbringt und Mitmenschen achtet - nicht lügt und stiehlt. Damit einher geht die Anforderung an den Mann, nie Schwäche zeigen zu dürfen bzw. nachgiebig oder unentschlossen zu sein.[28] Respekt bedeutet, dass die Familienhierarchie geachtet wird sowie Anweisungen von „höher stehenden“ Familienmitgliedern befolgt werden bzw. die Männer und Frauen nicht widersprechen. Bezüglich des Verhältnisses von Familie zu Außenstehenden wird vom Mann gefordert, dass er seine Familie vor Belästigungen und Angriffen schützt. „Wenn die Ehre der Ehefrau, der Tochter, der unverheirateten Schwester ange­griffen wurde, oder wenn der Vater oder der Bruder Unterstützung braucht, kann sich ein Mann der Pflicht einzugreifen nicht ohne Ehrverlust entziehen. Weicht er dennoch aus, so wird sein Vater oder Bruder eingreifen, nicht um die Ehre des Ersteren zu retten (das ist unmöglich), son­dern weil seine Ehre ebenfalls auf dem Spiel steht.“[29] Weiterhin bedeutet dies die Kontrolle der weiblichen Sexualität[30] durch den Mann als sozial gerechtfertigte Praxis. „Die Wahrung der Ehre ist nicht Sache der Frau alleine, sondern die männlichen Familienmitglieder haben die Aufgabe, Ehrverletzungen ihrer Mutter, ihrer Frau und Töchter zu ahnden“[31], was dazu führen kann, dass diese verstoßen werden.[32]

[...]


[1] Vgl. Reimann, Anna; Spiegel Online (Hrsg.), 2008

[2] Vgl. Allgemeine Menschenrechte Art. 16 II, Internationaler Pakt über politische Rechte von 1966 Art. 23 III, Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau von 1979 Art. 16 I, Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950 Art. 12, Art. 6 Grundgesetz, § 240 IV Strafgesetzbuch

[3] Vgl. Bielefeld, Heiner; et al., 2007, S. 13

[4] Vgl. Popar.de, 2010

[5] Vgl. Straßburger, 2007, S.80f.

[6] Vgl. Schröttle, 2009, S.271ff.

[7] Vgl. humanrights.ch, 2008

[8] Vgl. Zwangsheirat.ch

[9] Vgl. Eichelmann, S. 3

[10] Vgl. Eckert, et al., 2006, S. 3

[11] Vgl. Justizministerium des Landes Baden-Württemberg (Hrsg.), 2006, S. 6

[12] Vgl. ebd., S. 3

[13] Vgl. Meyer, et al., 2010, S. 2

[14] Vgl. ebd., S. 2

[15] Vgl. Spiegel Online (Hrsg.), 2006

[16] Vgl. Köktas, M. Emin, et al., 2010, S.2f.

[17] Hadithe sind überlieferte Nachrichten im Islam

[18] Vgl. Bukhari, Buch der Ehe, Hadith Nummer 40

[19] Vgl. Breuer, 2008, S. 20

[20] Vgl. Eckert, et al., 2006, S. 4

[21] Oftmals kennt sich das Brautpaar vor der Heirat kaum, vgl. Topak, 2007, S. 121

[22] Vgl. Eckert, et al., 2006, S. 5

[23] z.B. durch einen von der Familie des Mannes zu zahlenden Brautpreis

[24] Vgl. Topak, 2007, S. 88f.

[25] Vgl. ebd., S. 87f.

[26] Vgl. Eckert, et al., 2006, S. 2

[27] Vgl. Topak, 2007, S. 173

[28] Vgl. Kürşat, 2008

[29] Vgl. Schiffauer, 1983, S. 26

[30] Vgl. Kap. 4 zur Ehre der Frau

[31] Vgl. Özkara, 1988, S. 28f.

[32] Vgl. Pfluger-Schindlbeck, 1989, S. 68

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zwangsehen in Deutschland - Einblicke in die Perspektiven von Opfern, Tätern, Gesellschaft und Politik
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Migration und Menschenrechte – Geschichte und Perspektiven
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V190468
ISBN (eBook)
9783656152309
ISBN (Buch)
9783656152842
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwangsehen, Menschenrechte;, Islam;, Migration;, Migrationspolitik
Arbeit zitieren
Master of Education, Diplom-Kaufmann (FH) Sebastian Aha (Autor), 2011, Zwangsehen in Deutschland - Einblicke in die Perspektiven von Opfern, Tätern, Gesellschaft und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190468

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