"La mémoire tatouée. Autobiographie d’un décolonisé" von Abdélkébir Khatibi - Eine Autobiographie?

Der Versuch einer Genre-Einordnung sowie Analyse der Leitmotive "une pensée de la différance", "la double critique", "la dualité", "l’androgyne"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALT

1. EINLEITUNG

2. HAUPTTEIL
2.1 Structure du récit
2.2 À propos du titre (Versuch einer Genre-Einordnung)
2.3 Leitmotive (eine Auswahl)
2.3.1 Konzept einer "pensée de la différance"
2.3.2 Konzept der "double critique"
2.3.3 Mise en scène de la dualité
2.3.3.1 L’autodialogue implicite et explicite
2.3.3.2 La figure de l‘androgyne

3. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG

BIBLIOGRAPHIE

1. EINLEITUNG

Abdelkébir KHATIBI - geboren 1938 in El Jadida, zu früh gestorben 2009 in Rabat - war Philosoph, Soziologe, Autor und Kenner der maghrebinischen Kultur. Er hinterließ ein hybrides Lebenswerk, das mehr als dreißig kosmopolitische, planetare Werke sowie mehr als 150 wissenschaftliche Artikel, Studien und Interviews umfasst. Bis auf ein paar wenige Texte / Gedichte verfasste der maghrebinisch-arabische Khatibi sein Werk in französischer Sprache, publizierte in Frankreich, und sah dennoch seinen Lebensmittelpunkt (trotz der vielen Reisen nach Europa) vor allem in Marokko.

1971 erschien sein erster Roman: La mémoire tatouée - Autobiographie d’un décolonisé (LMT). In der Taschenbuchausgabe von 1979 wurde dieses Werk durch ein Vorwort von Abdelkébir KHATIBI sowie durch ein Nachwort von Roland BARTHES ergänzt, ja gar komplettiert.

BARTHES überschreibt sein Nachwort mit dem Titel Ce que je dois à Khatibi, im ersten Abschnitt dies präzisierend: « Khatibi m’enseigne quelque chose de nouveau, ébranle mon savoir. » (KHATIBI 1979: 213). Auf den folgenden Seiten erläutert BARTHES seine Aussage. Um dies im entsprechenden Rahmen rezipieren zu können, soll zunächst im Hauptteil der vorliegenden Arbeit ein Überblick über den strukturellen Aufbau von LMT gegeben werden. Hernach beschäftigt sich die Arbeit mit durch den Titel La mémoire tatouée - Autobiographie d’un décolonisé oktroyierter Genrediskussion, gefolgt von einer Analyse einiger fundamentaler Leitmotive, die KHATIBI nicht nur in LMT einführt, sondern in seinem gesamten Lebenswerk vertiefend behandelt.

2. HAUPTTEIL

Im Hauptteil soll zunächst ein Überblick über den Aufbau des Textes gegeben werden. Es folgt unter Einbeziehung des scheinbar eindeutigen Titels des Textes La mémoire tatouée - Autobiographie d’un décolonisé die Diskussion, ob eine Zuordnung des récit zu einem bestimmten Genre so ohne weiteres möglich ist. In einem weiteren großen Unterkapitel soll eine Auswahl an Leitmotiven des Textes diskutiert werden: "pensée de la différance", "double critique", "mise en scène de la dualité" und "l’androgyne".

2.1 Structure du récit

LMT ist unterteilt in drei Kapitel - Série hasardeuse I, Série hasardeuse II und Double contre double. Diese wiederum untergliedern sich in Abteilungen, welche in nachfolgender Tabelle zur besseren Übersicht aufgeführt werden. In der Zweitausgabe aus dem Jahr 1979 wird LMT durch ein Vorwort vom Autor selbst sowie durch ein Nachwort von Roland BARTHES1 eingerahmt.

TAB.1: STRUKTUR / AUFBAU VON LMT..

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laut Ulrike JAMIN-MEHL praktizierte KHATIBI beim Aufbau von LMT eine gewisse musikalische Anleihe: „Der Kompositionstechnik einer Fuge entsprechend, wird das von einer ersten Stimme in ´Série I` präsentierte Thema in ´Série II` von einer weiteren Stimme beantwortet, woran mit dem Dialog

´Double contre double` eine Art kontrapunktisches Zwischenspiel anschließt.“ (JAMIN-MEHL 2003: 293). Auch Ronnie SHARFMAN unterstreicht den musikalischen Aspekt beim Aufbau des récit, indem er schreibt « [que] la deuxième moitié du livre, < Série hasardeuse II >, fonctionne comme une orchestration synchronique des mélodies exposées dans la première partie. » (SHARFMAN 1992: 142). Charakteristisch für den Beginn einer Fuge ist, dass die Stimmen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander einsetzen. Dies ist auch in LMT der Fall. Ist das Thema einmal in allen Stimmen erklungen, so wurde es einmal durchgeführt und der erste Abschnitt der Fuge ist beendet.2 In einer Fuge folgt nun eine abermalige Exposition des Themas durch Variation. Diese wird von JAMIN-MEHL mit einer erneuten Lektüre von LMT gleichgesetzt, welche nun aus einem anderen Blickwinkel des Rezipienten / der Rezipientin erfolgt. (vgl. JAMIN-MEHL 2003: 293).

Der Instrumentalpädagoge Markus GORSKI betont bei der Beschreibung der allgemeinen Merkmale einer Fuge den formal streng-tonalen, polyphonen Aufbau, der dennoch sehr viele Freiheiten für Variationen zulässt. GORSKI hebt hervor, dass das Thema immer unangetastet bleibt, es auch durch eine Umkehrung nicht verändert, sondern nur von einem anderen Standpunkt aus gehört wird. Verändert sich seine Wirkung, so geschieht dies nur durch die unterschiedlichen kontrapunktierenden Stimmen. Beinhaltet eine Fuge mehrere Themen, so wird diese als eine Mehrfachfuge bezeichnet - ist LMT also rein strukturell betrachtet eine ‚Mehrfachfuge’? Die angelegten Themen können hierbei gegensätzlicher Natur sein, stehen jedoch nicht im Konflikt zueinander, sondern erweitern lediglich die Sicht auf ihre Inhalte. Das heißt, „nicht ´Entwicklung` ist der Inhalt einer Fuge, sondern ´Betrachtung` dessen, was vorhanden ist. Alle kontrapunktischen Kunstgriffe dienen dazu, ein Thema vollständig ´auszuleuchten`, alle Aspekte deutlich zu machen, die in ihm enthalten sind.“ (GORSKI 2010).

Dieses ‚Ausleuchten’ findet auf bald jeder Seite des Buches statt. Sei es in der Erzählung einiger Episoden aus der Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter, assoziativ verbundene Gedanken an die Zeit des Zweiten Weltkrieges, an den Vater und dessen Tod, an die Mutter sowie die Tante in ihrer Funktion als Zweitmutter, an Besuche im Hammam, die Beschneidung sowie erste sexuelle Kontakte. Auch Schule, Internat und Universität (während des Europaaufenthaltes) werden in Verbindung mit der Entdeckung der arabischen und vor allem französischen Literatur, Philosophie und des Theaters in Tableaux aufgegriffen. Eine besondere Rolle spielt dabei immer wieder die ‚Problematik’ Orient-Okzident und somit auch die Einführung, ja bereits profunde Auseinandersetzung mit einigen der für KHATIBIs Werk entscheidenden Leitmotive: "pensée-autre" / "pensée de la différance", "double critique", "androgyne", "bi-langue" (Oszillieren zwischen langue maternelle und Fremdsprache[n]), "dualité" im Allgemeinen, "corps" / "écriture du corps", "hybridité". Auf eine Auswahl dieser Leitmotive wird unter Punkt 2.3 näher eingegangen.

Ein weiterer Interpretationsansatz sieht die Struktur der Themen des Textes als ein seriell-aleatorisches System, wie es zum Beispiel Pierre BOULEZ in seiner Musik in Perfektion umsetzt. Seriell bezeichnet nach Prof. Dr. Alfonso de TORO « la prédétermination des matériaux à employer » (de TORO 2009d: 266), aleatorisch « la forme arbitraire ou hasardeuse dans laquelle les thèmes se génèrent » (ibid.). Weiterhin präzisiert de TORO diese Adjektive im Bezug zur Musik, zitierend aus dem Riemann-Musiklexikon von 1967:

Par musique sérielle, on entend un type de composition qui se base sur la (pré-) détermination de presque toutes les propriétés musicales importantes ou de paramètres de chaque son (timbre) voire de groupes de sons constitués par chiffres ou par séries proportionelles (« Proportionsreihen »). Par aléatoire, on entend de processus dont son parcours est fixé dans une forme générale, mais des processus singuliers sont délivrés au hasard. (de TORO 2009d: 267-268).3

Die serielle Musik als Weiterentwicklung der Zwölftontechnik von Arnold SCHÖNBERG setzt sich demnach als Ziel, möglichst alle Eigenschaften eines komponierten Stückes auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufzubauen. Es handelt sich demnach ähnlich wie bei der Fuge um eine nach strengen Regeln aufgebaute Musikform (mit wesentlich weniger Freiheiten zur persönlichen Ausgestaltung). Im Gegensatz zur Fuge ist jedoch ein entscheidendes Charakteristikum der seriellen Musik das Prinzip der Vermeidung tonaler Strukturen und regelmäßiger Rhythmen.

Muss man sich entscheiden, ob es sich bei LMT eher um ein fugenartiges oder doch seriell-aleatorisches System handelt, so bedarf es einer präzisen Analyse des Textes. Dies würde jedoch den Rahmen der Hausarbeit sprengen, so dass an dieser Stelle die obigen Anmerkungen genügen müssen.

[...]


1 Barthes und Khatibi beeinflussten sich gegenseitig.

2 Eine detaillierte Beschreibung des allgemeinen Aufbaus einer Fuge sowie Analyse zweier Beispielfugen von Johann Sebastian Bach sind auf der Homepage von Markus Gorski zu finden (siehe Bibliographie).

3 Aleatorisch sind zum Beispiel Modulationen in Musikinstrumenten, welche aufgrund ihres Baus kleine, unreine tonale Schwankungen in einem festgelegten Rahmen aufweisen.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"La mémoire tatouée. Autobiographie d’un décolonisé" von Abdélkébir Khatibi - Eine Autobiographie?
Untertitel
Der Versuch einer Genre-Einordnung sowie Analyse der Leitmotive "une pensée de la différance", "la double critique", "la dualité", "l’androgyne"
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Französische Kulturwissenschaft / Französische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V190476
ISBN (eBook)
9783656152286
ISBN (Buch)
9783656152415
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
autobiographie, abdélkébir, khatibi, genre-einordnung, analyse, leitmotive, La mémoire tatouée, l'androgyne, la double critique, pensée de la différance
Arbeit zitieren
Luise Bringezu (Autor), 2011, "La mémoire tatouée. Autobiographie d’un décolonisé" von Abdélkébir Khatibi - Eine Autobiographie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190476

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