Welchen Sinn hat es von Gott zu reden? Das Reden von Gott bei Rudolf Bultmann und Meister Eckehart im Vergleich


Examensarbeit, 2003
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
Theologie als Rede von Gott

2. Welchen Sinn hat es von Gott zureden? Aufsatz von Rudolf Bultmann 1925
2.1. Nur „von“ Gott kann ich reden, nicht „über“ IHN.
2.2. Über die Liebe kann man nicht reden – Liebe „ist“, indem man liebt
2.3. Auch ehrliches Suchen nach Gott ist Sünde
2.4. Steht der Mensch mit der Rede von Gott zwischen zwei Verboten ?
2.5. Ja, Gott ist das ganz Andere
2.6. Der Mensch bleibt in seiner Rede von Gott ein Sünder
2.7. Das Weltbild, in dem der Mensch eine Weltanschauung hat
2.8. Nur als von Gott Angesprochenem hat es Sinn von ihm zu reden

1. Einführung

Theologie als Rede von Gott

Ob man von Gott reden sollte, beantwortet Rudolf Bultmann in einem Aufsatz zunächst einmal recht klar und einleuchtend: „Wovon denn sonst in aller Welt?“.[1] Sein Reden über Gott fand einen beachtenswerten Ausdruck in einem Aufsatz von 1925, nach dem diese Arbeit benannt ist. In dem Schlusssatz dieses Redens über Gott resümiert Bultmann: „ob dieses aber sinnvoll und ob es gerechtfertigt ist, steht bei keinem von uns.“[2]

Die Frage des Sinnes von Gott zu reden, umfasst die Klärung des Gottesbegriffes ebenso, wie die Beantwortung der Frage nach dem Grund des eigenen Seins. Die Frage nach dem Gottesbild und die Frage nach dem Menschenbild haben in dem theologischen Denken immer eine Beantwortung gesucht. Der Begriff Theologie, griechisch theo-logia, bedeutet nichts anderes als Rede von Gott. Es ist also offensichtlich sinnlos, eine Rede, die nicht Rede von Gott ist, Theologie zu nennen. Gott ist also der Gegenstand jeder Theologie und insofern auch der christlichen. Bultmann hält es nicht für unwichtig, immer wieder zu betonen, dass das Reden von Gott ein wichtiges sei. Demgegenüber kritisiert er die liberale Theologie, die an diesem, ihrem Gegenstand, nicht immer festgehalten hat. Bultmann wirft ihr vor „dass sie nicht von Gott, sondern vom Menschen gehandelt hat.“[3]

Meister Eckeharts Wirken fand 700 Jahre vorher statt. In seinen Predigten und Aufsätzen hat er immer wieder über Gott gesprochen und geschrieben. Seine hinterlassenen umfangreichen Schriften gelten übereinstimmend als das die deutsche Mystik weit überragende Schaffen eines genialen schöpferischen Kopfes und Predigers. Meister Eckehart gilt als ihr tiefster Denker und wortgewaltigster Verkündiger. Die Gottesfrage spielt in seiner Theologie eine zentrale Rolle. Für Eckehart war dieser Gott die Einheit und das Eine. Dieses Eine als Erkenntnisweg zu vermitteln und verständlich zu machen, war Meister Eckeharts großes Anliegen. Das hat dazu geführt, dass seine Theologie auch häufig als Einheitsmystik bezeichnet wurde. Dass ihn viele nicht verstehen konnten, war ihm bewusst und niemand brauchte ihm zu sagen, dass er in vielen Köpfen Verwirrung stiftete: „Könntet ihr mit meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit spricht es selbst,“[4] so sagt er in seiner „Bürgleinpredigt“.

In der zunehmend säkular erscheinenden Welt hat sich die Frage nach Gott scheinbar erledigt. Doch die Frage nach Gott ist immer auch ein Fragen nach den großen Sinnfragen des Lebens. Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ist mein Leben wirklich alles oder gibt es noch ein Unendliches? Warum bin ich hier? Wenn ich versäume, diese Frage zu stellen und mich nicht bemühe, Antworten zu finden, lande ich mit meiner Lebenswirklichkeit in äußerster Einsamkeit. Das Unbeantwortet lassen dieser Fragen wird mir spätestens in Krisensituationen oder an der Schwelle zum Tod bewusst. Diese großen Fragen nach dem Sinn des eigenen Daseins sind es also, die die Menschheit immer wieder in Bewegung gehalten hat und hält. Diese Fragen sind letztendlich immer Fragen nach Gott. Der Mensch ist aufgefordert, eine Antwort zu suchen, die sich nur in der tiefsten Tiefe und dem tiefsten Grund seiner Existenz finden läßt. Somit hat die Säkularisierung der Welt die Frage des Sinnes über Gott zu reden, nicht verstummen lassen. Im Gegenteil, in dem Erkennen der Einsamkeit wird die Verbundenheit gesucht und in diesem Suchen finden sich Antworten, die das Sein ein Stück mehr verständlich und sinnvoll macht. Die Abwendung von den großen Sinnfragen führt in eine tiefe Verunsicherung, die den Zeitpunkt der Fragestellung nur auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt. Verunsicherung und Einsamkeit sind Erfahrungen der Gottferne, die um so mehr die Sehnsucht erwecken, andere Räume und Kräfte für möglich und denkbar zu halten. Das Reden und Nachdenken über den Sinn des eigenen Seins, der Welt und des Kosmos hat von daher zu allen Zeiten und in allen Religionen die Menschen zutiefst beschäftigt. Es war und ist ein Kernthema des Menschen, welches nicht selten zu Religionsspaltungen oder Kriegen geführt hat. Jede Konfession versucht ihr jeweils eigenes Gotteserkennen als das einzig Wahre und Richtige zu leben und zu begründen. Dieses Gottesbild hat sich nicht nur in den Zeiten gewandelt oder verändert, sondern es hat auch in den unterschiedlichen Kulturkreisen eine je ganz eigene Interpretation erfahren.

Der Islam kennt z.B. neunundneunzig Gottesnamen. Der Überlieferung nach muss ein Mensch den Einhundertsten selber finden. Mit dieser Feststellung eröffnet sich eine große Weite und die Erkenntnis, dass alles Reden von Gott immer nur ein individuelles und zeitbezogenes Reden sein kann. Eine persönliche Beantwortung, die mit der eigenen Biografie und Sozialisation in engem Zusammenhang steht. Im Namen Gottes erschließt sich für jeden Menschen, der sich damit beschäftigt, eine ganz individuelle Haltung, ein Bild, eine Vorstellung oder eine Sichtweise. Das Gottesbild, welches dann entsteht, wird unmittelbar ansprechen und einen großen Einfluss auf das eigene Leben haben. Dieser einhundertste Name ist es, um den es in dieser Ausarbeitung gehen wird. Es ist der einhundertste Name Rudolf Bultmanns. Es ist der einhundertste Name Meister Eckeharts und in allem wird mein ganz eigener einhundertster Name ebenfalls zu hören sein.

Dass Rudolf Bultmann als ein Vertreter der dialektischen Theologie, kommend aus der Liberalen Theologie in einen Vergleich zu dem 700 Jahre vorher wirkenden Mystiker Meister Eckehart tritt, soll nicht verwundern. Es wird herauszuarbeiten sein, in welcher Weise Parallelen und Unterschiede formuliert wurden und Gedankengänge miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Beide verbindet die aufrichtige und tiefe Sehnsucht, Gotteserkenntnis in Worte zu fassen. Beide waren befähigt, tiefgründige Gedanken in einer Sprache zu formulieren, die in ihrer Zeit viele Menschen berührt und bewegt haben. Sie inspirierten sie, sich auf die Suche nach einem eigenen Gottesbild zu begeben und sich damit dem Mysterium der letzten Wirklichkeit zu nähern. Beide waren und wurden heftigst angegriffen und in Frage gestellt. Ich fühle mich mit diesen großen Denkern in der Suche nach der Beantwortung dieser wichtigsten Fragen sehr verbunden und ich werde mich bemühen die Theologien der beiden zu verstehen. Das Verständlich machen eigener Gotteserkenntnis war ein, die ganze Schaffenszeit durchziehendes Bestreben von Rudolf Bultmann und Meister Eckehart. Was verstand Bultmann unter Theologie? Was verstand Eckehart unter Theologie? Was verbindet? Was trennt? Was erscheint noch gültig und was wird als überholt empfunden? In meinen Ausarbeitungen werden viele Fragen offen bleiben und ich werde bemüht sein, der Bedeutung des Werkes dieser beiden außergewöhnlichen Theologen gerecht zu werden.

2. Welchen Sinn hat es von Gott zu reden? Aufsatz von Rudolf Bultmann 1925

2.1. Nur „von“ Gott kann ich reden, nicht „über“ IHN.

Bultmann möchte der Frage nach Gott nicht aus dem Wege gehen. Für ihn ist die Aufgabe der Theologie in erster Linie eine Beantwortung dieser Frage. Bultmann klärt in dem ersten Absatz zunächst einmal das „Wie“ dieses Redens ab. Dabei unterscheidet er das Reden „von“ Gott, und das Reden „über“ Gott. Das Reden „über“ Gott wird als ein sinnloses Reden bezeichnet, denn wer „über“ etwas redet, stellt sich automatisch außerhalb dieses Gegenstandes. Um „über“ etwas zu reden, muss ich mich außerhalb dieses Seins stellen und ich entwickle dann Gedanken, wie dieses Gegenüber aussieht. Dort, wo Gott gedacht wird, ist Er die alles bestimmende Wirklichkeit. Doch, wenn ich „über“ Gott rede, ist dieser Gedanke überhaupt nicht gedacht. Die Wirklichkeit Gottes läßt sich nicht durch ein Reden „über“ Ihn durch Gründe, Rechtfertigungen oder Beweise durchführen. Wenn ich Gott als ein Objekt meines Denkens ansehe und also einen Standpunkt außerhalb von Ihm einnehme, dann ist das der Versuch, mich neutral zur Gottesfrage zu äußern. Dieses, folgert Bultmann, ist nicht möglich. „Gott ist nicht eine Gegebenheit“[5], dass heißt, nicht ein Objekt, „das man wie andere Objekte mehr oder weniger erkennen kann.“[6] Gotteserkenntnis ist in dieser Weise nicht möglich: „... mit alledem wäre Gott nicht erreicht, der nie etwas Gegebenes sein kann, das der Erkenntnis sozusagen stillhält.“[7] Das Phänomen der Subjekt-Objekt-Spaltung und deren Überwindung ist eines der Grundanliegen in der Theologie Rudolf Bultmanns und wird darum an dieser Stelle und in Punkt 2.7. etwas ausführlicher behandelt, da es zum besseren Verständnis seiner Position beiträgt.

Wer sich Gott als ein Gegenüber vorstellt, bewegt sich damit im Rahmen der griechischen Gottesanschauung, für die Gott und der Mensch ein Teil der einheitlichen Welt sind. Diese Welt ist geordnet und in einer umgrenzten und abgeschlossenen Gestalt. Nach der griechischen Auffassung sind das Transzendente und die Menschen aus dem gleichen Stoff, aus der gleichen Ordnung. Das Weltganze heißt Kosmos und umfasst Götter und Menschen in dieser Ordnung. Beide haben Anteil an der einen Natur, darum ist der Mensch befähigt, durch die Vernunft Göttliches zu erkennen.[8] Der Mensch als Subjekt steht dem Transzendenten als Objekt gegenüber.

Dieses bis in die Neuzeit hineinreichende Denken gilt es nach Bultmann zu überwinden. Bultmann bemüht sich die Unterschiedenheit zum griechisch geprägten Denken, das bis in die Neuzeit hineinreicht, im Reden von Gott hervorzuheben. Das Denken im Subjekt-Objekt Schema entspricht nicht mehr dem im biblischen Wort Gemeinten. In der Bibel ist von Gott als einem ganz anderem die Rede. Dieser ganz andere Gott des Alten Testamentes ist ein im Verhältnis zum Menschen „souveräner Herr, der mit dem Menschen nach seinem Willen umgeht wie der Töpfer mit dem Lehm, der verstockt, wen er will, und sich erbarmt, wessen er will. Sein Wille hat dem Menschen gesagt, was gut und böse ist.“[9] Der Mensch hat sich dieser Allmächtigkeit zu fügen und einzig zu fragen, was der Herr von ihm einfordert und verlangt. Im Neuen Testament findet in dem Ausspruch des Paulus (1. Kor. 8, 4-6) über Gott eine klare Feststellung statt, das Er der Einzige ist, der Wirkliche, der nicht andere Götter neben sich hat. „Wäre von Gott“, so interpretiert Bultmann, „nur die Rede von einem kosmischen Wesen, so wäre der Satz „kein Gott außer einem“ gar nicht richtig; denn in diesem Sinne von „Vorhandensein“ gibt es auch andere Götter und Herren.“[10] Folglich ist für die christliche Theologie die Überwindung dieser Trennung zwingend geboten. Der wirkliche Gott ist vielmehr unser Gott, der Gott, mit dem der Mensch unbedingt zu rechnen hat. Gott ist keine vorfindliche Gegebenheit, sondern Paulus spricht von einem wahren Gott nicht als einem „höheren Wesen“.

Nach Bultmann ist Gott nicht etwas, das ich ablehnen oder akzeptieren kann, nur weil ich eine mehr oder weniger gut bewiesene Betrachtung erhalte. Menschen, die in dieser Weise Gott verstehen, haben von der Wirklichkeit Gottes nichts erfasst. Da ich mich in meinen Betrachtungen nicht außerhalb Gottes stellen kann, ist ein allgemeines Reden „über“ Gott nicht möglich. Ich kann von Gott nicht in allgemeinen Wahrheiten reden, „die wahr sind ohne Beziehung auf die konkret existenzielle Situation des Redenden“.[11]

Gott ist für Bultmann das von Karl Barth geprägte ganz Andere. Demnach kann Er nicht zu einem unserem Denken und unserer Erkenntnis verfügbarem Objekt werden. Karl Schmithals versucht Bultmann zu verstehen, indem er in diesem ersten Absatz an jeder Stelle, wo „Gott“ genannt wird, „Gottes Offenbarung“ einsetzt, da nach seiner Auffassung Bultmann von keinem anderen Gott redet, als dem Gott der christlichen Offenbarung. Die Offenbarung beweisen zu wollen, ist genauso sinnlos wie der Versuch, über Gott zu reden. Der Mensch gehört in diese Offenbarung Gottes mit hinein und es gibt daraus folgend keinen Standpunkt außerhalb Gottes. Damit läßt sich Bultmann aber nicht auf die Immanenz des Göttlichen im Menschen ein. Er betont sogar sehr stark, dass der Mensch Gott gegenüber steht. Bultmann versucht die Objekt-Subjekt Trennung zu überwinden, indem er sagt, dass der Mensch keinen Standpunkt außerhalb eines Gottes einnehmen kann, der ihm jenseits des Menschlichen begegnet.[12] In diesem Sinne ist für Bultmann Gott der ganz Andere. Der Mensch kann sich von der Betrachtung über Gott nicht isolieren. Gott wirkt immer in Beziehung zum Menschen als der ganz Andere und als der ganz Nahe.

2.2. Über die Liebe kann man nicht reden – Liebe „ist“, indem man liebt

In Bultmanns Ausführungen werden im ersten Kapitel zwei Vergleiche aufgeführt, die den Sinn des Redens von Gott veranschaulichen und die das Verstehen der Notwendigkeit der Überwindung des Subjekt-Objekt Denkens ermöglichen sollen. Er verwendet dazu die Liebe und die Beziehung eines Vaters zu seinem Kind. Kann ich mir, als Subjekt, die Liebe als Objekt vorstellen? Kann ich die Liebe objektivieren, sie also zu einem Gegenstand meines Denkens, Redens und Urteilens werden lassen? Kann ich also meine Geliebte zum Gegenstand meiner Untersuchung über die Liebe werden lassen? Wenn ich dieses tue, stelle ich mich außerhalb dieser Liebe, „es sei denn, dass dies Reden über Liebe selber ein Akt des Liebens wäre.“[13] Liebe ist nur, sie findet im Vollzuge statt. Sie ist keine Gegebenheit, woraufhin ich etwas über die Liebe erfahre. Die Liebe ist eine Bestimmtheit des Lebens in sich. Liebend bin ich nur als Seiender, als Liebender oder als Wahrnehmender. Liebe ist nicht dort, wo ich über sie rede oder nachdenke. Ich kann mich ihr nicht gegenüberstellen. Wenn ich es dennoch zu tun versuche, falle ich augenblicklich aus der Liebe heraus. „Ein junger Mann, der seine (künftige) Braut durch die Auskunft eines Detektivbüros kennen lernen wollte, wird sie in ihrem personalem Sein überhaupt nicht kennen lernen, weil sich dieses nicht dem objektivierendem Sehen, sondern nur der existentiellen Begegnung erschließt.“[14]

Ebenso verhält es sich in dem Beispiel mit dem Vater und dem Sohn. Die Vaterschaft ist nicht etwas, über das ich Untersuchungen anstellen könnte oder das ich wissenschaftlich betrachtet in Frage stellen kann oder nicht. Das Wesen meiner Vaterschaft begründet sich in dem Sein dieses Naturgeschehens. Ich bin Vater und mein Sohn ist Sohn. Dieses ist Gegebenheit, die ein Reden darüber unmöglich macht. Wo dieses Verhältnis wirklich besteht, ist es nicht von außen zu betrachten. Die Begegnung mit dem anderen Menschen findet nur als Vater oder als Sohn, als Liebender oder als Geliebter statt. In der Freundschaft zu einem anderen Menschen und in der Sohn- oder Vaterschaft findet die Auflösung des Subjekt-Objekt Denkens statt. Es ist nicht möglich, solche Beziehungszustände zu objektivieren. Und wenn dieses richtig ist, so folgert Bultmann weiter, würde zum Beispiel „der etwaige Atheismus einer Wissenschaft nicht darin bestehen, dass sie die Wirklichkeit Gottes leugnet, sondern sie wäre ebenso atheistisch, wenn sie sie als Wissenschaft behauptete.“[15] In beiden Fällen wird Gott zum Gegenstand menschlichen Denkens gemacht; der Mensch stellt sich Ihn als ein Objekt vor und behandelt Ihn damit nicht anders als einen Baum oder ein Atom. Er begegnet damit Gott gar nicht mehr. In allgemein gültigen Wahrheiten von Gott zu reden ist nicht möglich, da Gott in Beziehung und Verbindung zur menschlichen Existenz steht. Der Mensch muss sich dazu außerhalb seiner Existenz stellen und damit auch außerhalb Gottes und damit redet er von allem anderen, nur nicht von Gott. „In diesem Sinne von Gott reden, ist nicht nur Irrtum und Wahn, sondern ist Sünde.“[16]

Weiterführend weist Bultmann darauf hin, dass in der Genesiserklärung Luthers die eigentliche Sünde Adams nicht darin bestand, von der verbotenen Frucht zu essen, sondern, indem er die Frage stellte: “Sollte Gott gesagt haben“. Adam stellt sich in dem disputare de Deo der Forderung Gottes gegenüber und disqualifiziert Ihn damit zu einem diskutablen Objekt seiner Wahrnehmung. Der objektivierte Gott ist aber nicht mehr Gott, sondern ein Götze. Und damit ist nicht erfasst, was die Bestimmtheit unseres Seins durch Gott bedeutet. Die Bestimmtheit Gottes in Bezug auf unsere Existenz ist gleichzusetzen mit dem Begriff des „Anspruches“ an uns, den Bultmann wählt. Wenn wir uns also außerhalb Gottes stellen, verleugnen wir diesen Anspruch Gottes an uns und begeben uns geradewegs in den Zustand der Gottferne, was mit dem Wort Sünde anders umschrieben ist. „Adam meint, vor Gott fliehen zu können, aber durch die Flucht wird der Anspruch nicht getilgt. So wird ein Reden über Gott zur Sünde.“[17] In diesem disputare de Deo macht sich der Mensch Gott zu seinem Objekt und vollzieht damit die Spaltung in Subjekt und Objekt. Dieses ist ein Zeitalter in dem der Mensch alles ihm Begegnende versucht zu objektivieren. Bultmann nennt dieses Wirklichkeitsverständnis „die Einstellung einer ganzen Epoche gegenüber der Welt und der Geschichte, eine Einstellung, die zur Selbstverständlichkeit geworden ist.“[18] Bei Bultmann gibt es keinen Standpunkt des Menschen außerhalb Gottes. Gott ist nur da wirklich, wo er die Existenz und das Sein des Menschen bestimmt. Dort, wo SEIN Anspruch an uns wahrgenommen wird. Von daher drängt Bultmann immer wieder auf die Notwendigkeit der Aufhebung des Subjekt-Objekt Denkens.

2.3. Auch ehrliches Suchen nach Gott ist Sünde

Bultmann stellt fest, dass selbst unser ehrliches Suchen nach Gott nur in der Trennung von Gott geschieht. Also eine Sünde ist. Wenn wir in einer Situation sind, in der wir über Gott reden müssen, können wir dieses nur als Sünder tun. Aufzuheben wäre diese missliche Lage nur, indem wir aus Gott reden. Doch dieses, sagt Bultmann, können wir uns offenbar nicht vornehmen. Denn dann wäre es wieder unser Unternehmen und damit würden wir uns wieder loslösen von Gott und der Gedanke an Gottes allmächtiges Wirken ist in Frage gestellt. „Das Reden aus Gott kann offenbar nur von Gott selbst gegeben werden.“[19] Das Reden aus Gott ist eine Rede, in der Gott oder der Heilige Geist direkt wirkt. Es wäre eine prophetische Rede. Gott spricht durch mich. „Reden aus Gott ist darum eigenes Reden in der unzugänglichen Gestalt der menschlichen Rede über Ihn.“[20] Folglich ist die Rede aus Gott eine sinnvolle und berechtigte Rede von Gott. Nach Bultmann ist dieses aber nicht möglich, da die Rede aus Gott eine göttliche Offenbarung durch den Heiligen Geist ist, Gottes eigene Rede. Und wie könnte es daher uns als Menschen möglich sein, aus Gott zu reden. Uns bliebe dann nur frei gestellt zu schweigen und dieses soll keineswegs der Fall sein. Im Gegenteil. Im Schweigen verhindern wir die Möglichkeit, aus Gott zu sprechen. Somit kann von uns, da wir über das Reden aus Gott nicht verfügen, nur das unmögliche Reden über Gott als Rede von Gott unternommen werden.

2.4. Steht der Mensch mit der Rede von Gott zwischen zwei Verboten ?

Bultmann beschreibt dieses als einen Konflikt, indem wir nicht aus Gott reden können, ohne gleichzeitig als menschliche Existenz über Ihn zu reden. Wir stehen vor einer unmöglichen Aufgabe zwischen zwei Verboten. Da wir nicht über Gott verfügen, können wir nicht von Gott reden. Wir können nur von uns selbst reden. Zum Gottesgedanken gehört ebenso der Gedanke, dass Gott das ganz Andere ist. Scheinbar stehen wir vor der unmöglichen Aufgabe, die es uns eigentlich ermöglicht, gar nicht mehr von Gott zu sprechen, also zu schweigen. Bultmann beantwortet diese Frage, ob denn nur das Schweigen bleibt, mit dem Satz: „Das würde natürlich zugleich bedeuten, dass wir überhaupt nicht handeln sollen!“[21] Und dieses lehnt er auf jeden Fall ab. Ob ich nun Gott für meine Erkenntnis zugänglich halte oder ob ich mich entschließe zu schweigen, da mir die Erkenntnis unzugänglich erscheint, in beiden Fällen mache ich Gott zu einem Objekt und bin damit nicht mehr bei Gott. Das Schweigen von Gott ist nicht näher bei Gott als das Reden von Ihm. Dennoch nimmt der Gedanke des Schweigens bei Bultmann am Lebensende einen immer größeren Raum ein. In seinen Marburger Predigten, 40 Jahre nach der Niederschrift des hier behandelten Aufsatzes, ist häufig von der Stille und dem Schweigen als einem Weg die Rede.

Will ich der Wirklichkeit Gottes begegnen, wird die Rede über Ihn sinnlos. Ich kann diese Wirklichkeit nur gleichzeitig erfahren, wie es in dem Beispiel mit der Liebe ausführlicher beschrieben wurde. Als eine im Jetzt geschehende Seinswirklichkeit. Darum besteht nach Bultmann die Theologie vor der paradoxen Aufgabe etwas zu tun, was eigentlich nicht möglich ist. „Wir können nicht über unsere Existenz reden, da wir nicht über Gott reden können; und wir können nicht über Gott reden, da wir nicht über unsere Existenz reden können.“[22] Es ist der Versuch, objektiv zu reden in dem Bewusstsein, dass das Reden über Gott nur sinnvoll ist, wenn ich diese Objektivität aufhebe. Jedes Bekenntnis und jede Rede von meinem inneren Erleben ist das Berichten vom Menschlichen. In einer Situation des Fragens und Zweifelns würde mir diese Erkenntnis nicht helfen. Ich kann es als Illusion erkennen, dass mein menschliches Reden kein Reden von Gott wäre. Oder, so Bultmann weiter, müsste doch behauptet werden, dass dieses Reden vom inneren Erleben ein Reden aus Gott ist. Und das könnte zweifelsfrei auch der Fall sein. Doch in dem Moment, wenn wir feststellen, woraufhin wir Gottes gewiss sein sollen, befinden wir uns wieder in der Spaltung von Gott. Wir stellen uns außerhalb von Ihm und reden über unsere Existenz. Wir können es also offenbar nicht so anfangen, dass wir von unserem Erlebnissen und unserem inneren Erleben sprechen. Das wäre der Versuch, objektivierend über uns zu reden. Damit hat diese Rede ihren existentiellen Charakter verloren. Denn der Gott, der mir wirklich begegnet, ist nur im Akt des konkreten Existierens erfahrbar, nicht in der Rede über meine Existenz. Gott ist die meine Existenz bestimmende Wirklichkeit. Bultmann sieht das Reden von Gott zugleich als unmöglich an, wie er es auch als der Theologie aufgetragene Aufgabe ansieht. Gott ist eben das ganz Andere.

2.5. Ja, Gott ist das ganz Andere

Der Satz: „Gott ist das ganz Andere “ erfüllt nur seinen Sinn, wenn ich ihn in strenger Bezogenheit auf den Satz: „Gott ist die unsere Existenz bestimmende Wirklichkeit“ stehen lasse. Bultmann sagt, wenn ich diese Sätze trenne, würde ich ja behaupten, dass Gott wirklich etwas völlig anderes ist. Ein metaphysisches Wesen, ein Allmächtiger, ein über mir und außerhalb von mir seiender Komplex geheimnisvoller Kräfte, etwas ganz anderes als der Mensch. Dann nimmt mein Verstehen Gottes eine Form an, die Ihn auf den Unbegreiflichen reduziert und vor allem, mich von Ihm entfernt. So werde ich Ihn nicht finden. In dieser Weise Gott zu sehen, wäre damit eine Flucht vor Gott, weil ich dann der Wirklichkeit entfliehen möchte, die von Gott bestimmt ist. Doch diese Flucht vor Gott ist nur eine scheinbare. In Wirklichkeit laufe ich mir selbst in die Arme, aber nicht als ein in Gott Seiender, sondern als einer, der sich gegen Ihn auflehnt, sich von Ihm trennt und damit in die Existenz des Sünders eintritt. In der Weise der Betrachtung Gottes als des Irrationalen oder eines schöpferischen Urquelles bezaubere ich mich dadurch, dass ich meine, von mir loszukommen. „Aber diese Verheißung ist ein Missverständnis und ein Betrug; denn indem der Mensch so von sich selbst loskommen will, entläuft er Gott.“[23] Auf diese Weise läßt sich also der Gedanke des ganz Anderen Gottes nicht durchführen. In dem Wunsche, Gott als den mir gegenüberstehenden ganz Anderen zu erkennen, fliehe ich Ihm und in dem Fliehen entferne ich mich von der einzigen Möglichkeit, Gott zu erfassen.

Die einzige Möglichkeit, Gott wirklich zu erfassen ist nur im gegenwärtigen Existieren möglich. Bultmann spricht in der letzten seiner „Marburger Predigten“ viel von dem Ruf Gottes, der „unserer Gegenwart den Sinn der Ewigkeit“[24] gibt. In dieser Gegenwart geschieht das Jetzt als wahrnehmbarer Augenblick, in dem Vergangenheit und Zukunft sich begegnen, begründen und aufheben. Gott als der ganz Andere besteht nur in dem Anerkennen der Bezogenheit Gottes auf meine Existenz im gegenwärtigen Augenblick. Und nur von dorther ist er begreifbar. Die Bestimmtheit des Menschen von jenseits seiner Selbst, ist also nicht die Vorstellung Gottes als eines Objektes oder die Vorstellung eines Subjektes, das sich die Welt vorstellt, sondern bedeutet die Bestimmtheit des Menschen durch etwas, das er nicht selbst ist. Diesem Etwas begegnet er nur dort, wo er in seiner ganzen Wirklichkeit auf dieses Gegenüber bezogen bleibt. Ich kann Gott nicht erreichen, indem ich mich in einem religiösem Akt zu Ihm aufschwinge in die Jenseitigkeit, sondern das ganz Andere, wird mir nur inmitten meines Alltagserlebens hier in dieser Welt offenbar. „Der Gott, der etwas ganz anderes ist, ist ein Götze; nur der Gott, der mir als das ganz Andere begegnet, ist Gott.“[25] Und in dieser Art der Bultmannschen Betrachtung bleibt Gott der ganz Andere, aber eben nur so betrachtet - in Bezug auf das kontinuierliche ewige Einwirken der menschlichen Existenz gegenüber.

2.6. Der Mensch bleibt in seiner Rede von Gott ein Sünder

Bultmann beschreibt den Menschen in seiner Suche nach einer sinnvollen Rede von Gott als einen Sünder. Für den Menschen bleibt die Rede über Gott nur ein unmögliches Unterfangen, da das Schweigen, im Sinne des Verstummens, für ihn nicht in Frage kommt. Die menschliche Existenz kann sich nur äußern, durch das Anerkennen des Gottes, der meine Existenz bestimmt, obwohl Er das ganz Andere ist, und in dem Fakt, dass ich Ihn nur als Sünder in meiner Rede über Ihn wahrnehmen kann. Die Anerkennung meines Versuches aus meiner tatsächlichen Situation von Gott zu reden und es nicht zu können, macht aus mir automatisch einen von Gott getrennten. In meiner Situation als von Gott getrennten kann ich Ihn aber nicht erblicken und so bleibt die Frage offen, wie ich Gott als Sünder denn begegnen oder erfassen kann. Wir können weder über Gott noch über unsere Existenz verfügen, damit können wir eigentlich von beidem auch nicht reden. Die Paradoxie der Theologie als einer „unmöglichen Aufgabe“ besteht nach Bultmann darin, „dass sie objektivierend – wie alle Wissenschaft – vom Glauben reden muss, im Wissen, dass alles Reden seinen Sinn nur findet in der Aufhebung der Objektivation.“[26] Menschlich gesehen bleibt das Reden von Gott also stets eine „Sünde“ und sinnvolles Reden von Gott eine „unmögliche Aufgabe“.

2.7. Das Weltbild, in dem der Mensch eine Weltanschauung hat

Um die Denkweise, die zu dieser Art des Redens über Gott geführt hat, zu verdeutlichen, führt Bultmann in seinem dritten Kapitel einige Gedankengänge dazu aus. Er beschreibt die Prägungen und die Art und Weise, wie der Mensch sein Verhältnis zur Welt in der Neuzeit versteht.

Das Subjekt-Objekt Schema beherrscht unter Nachwirkung des griechischen Weltbildes unser Denken seit der Renaissance, spätestens aber seit Descartes, also seit ca. dreihundert Jahren. Dieses Denken der Neuzeit beschreibt das sich zum Bilde machen der Welt. Heidegger hat dies auf den knappen Satz gebracht: „Der Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild.“[27] Es hat sich damit ein tiefer Wandel im Verhältnis des Menschen zur Welt vollzogen. Bultmann, der von Heidegger sehr beeinflusst und geprägt wurde, versucht sich von diesem Subjekt-Objekt Denkschema zu befreien, um einen tieferen Blick in das Geheimnis Gottes zu werfen.

Der Mensch sieht als Subjekt die Welt und macht sie damit zum Objekt seiner Betrachtungen und Gedanken. Die Welt wird für ihn zum Gegenstand. Damit springt der Mensch aus seiner Existenz heraus, denn er hat sein Weltbild, ob es nun idealistisch oder materialistisch ausfällt, unter Absehung seiner eigenen Existenz entworfen. Der Mensch wird als ein Objekt unter anderen Objekten in den Zusammenhang dieses Weltbild hineingestellt. Das hat zur Folge, dass sich verschiedene Weltanschauungen entwickeln können und den Menschen etwa als „Zufallsprodukt einer Atomverbindung, als höchstes Wirbeltier und Vettern des Affen oder als ein interessantes Phänomen psychischer Komplexe“[28] erklären. Damit bringen diese Vorstellungen aber den Menschen von sich selbst los und damit von der Problematik seiner konkreten Existenz, der Sorge und Verantwortung für sie. Diese Art der Betrachtung unseres Seins oder auch unsrerer Weltanschauung sollte uns gerade in den großen Sinnfragen eine Antwort geben. Doch als objektives Antworten, das eine gültige Hilfe anbieten könnte, ist dieser Versuch zum Scheitern verurteilt, da wir, um diese Antwort geben zu können, aus unserer Existenz heraustreten müssen. Es wird auch nicht besser, wenn wir uns als Subjekt bezeichnen und das Gegenüber als Objekt. Denn der als Subjekt bezeichnete Mensch ist ebenfalls von außen gesehen. Die Erfassung unserer Existenz ist aber nur als existierendes, stattfindenes Sein möglich – in der Aufhebung des Subjekt-Objekt Denkens. „Aus der Frage nach unserer Existenz hat deshalb die Unterscheidung von Subjekt und Objekt völlig auszuscheiden.“[29] Eine „theistische“ Weltanschauung oder eine „christliche“ Weltanschauung wird ebenso wenig dieser Sache gerecht. Wenn der Mensch in dem Denken der Gesetzlichkeit vom Weltgeschehen her denkt, hat er auf jeden Fall ein gottloses Weltbild, „auch wenn er die Weltgesetze als Kräfte und Formen des göttlichen Wirkens denkt oder wenn er Gott als den Ursprung dieser Gesetzlichkeit ansieht.“[30] Wenn wir uns das Wirken Gottes als ein in die Weltgesetze eingegliedertes Wirken vorstellen, müssen wir es uns bewusst machen als ein Wirken, das unbeeinflusst von unsere Existenz ist. Nachträglich müssten wir uns dann aber in dieses gewonnene Verständnis wieder einordnen, damit wir es sinnvoll nutzen können. Dieses ist nicht möglich. Gottes Wirken können wir nicht als ein allgemein stattfindendes Geschehen beschreiben, das wir ansehen unter Absehung unseres Seins. Wenn wir dieses tun, geben wir dem Gedanken, dass Gott unsere Existenz bestimmt, preis.

Unbewusst und unfreiwillig befinden wir uns ständig in Zuständen, die Seinszustände sind. In vielem, was unsere Weltexistenz bestimmt und ausmacht sind wir nur, ohne in Gesetzlichkeiten zu denken oder zu handeln. „Es wird doch wohl niemand die Lebensbeziehungen, in denen er in Liebe, Dankbarkeit und Ehrfurcht mit anderen verbunden ist, als Funktionen von Gesetzen ansehen, jedenfalls nicht, wenn er wirklich in diesen Beziehungen lebt.“[31]

2.8. Nur als von Gott Angesprochenem hat es Sinn von ihm zu reden

Wir können Gott nicht als eine Gegebenheit benennen, zu der eine Erkenntnisrelation möglich wäre, die nach Belieben vollzogen wird. Dann bezögen wir uns auf Ihn, einem Etwas, woraufhin ein Verhalten - so oder anders - möglich wäre. Gott ist nicht ein von außen zu betrachtendes Objekt, etwas Verfügbares für uns als Untersuchungsführende. Gott ist nie ein „W oraufhin“ wir über Ihn verfügen könnten. Die einzige Möglichkeit, die sich uns Menschen bietet, ist die Wahrnehmung des Wortes Gottes als zu mir Sprechendes. Dieses Wort umfasst Sein Wirken und Seine Offenbarung. Gott steht in ewiger, erlebbarer Beziehung zu uns. Nur in dieser Weise des Erkennens des Göttlichen, besteht die Möglichkeit, eine Ahnung von der Größe, der uns bestimmenden Wirklichkeit zu bekommen. „Nur wenn man sich in seiner eigenen Existenz von Gott angesprochen weiß, hat es Sinn von Gott als dem Herrn der Wirklichkeit zu sprechen.“[32]

Wenn es so wäre, führt Bultmann weiter aus, dass die Welt von außen betrachtet gottlos ist, so sind wir darinnen als ein Stück Welt gesehen ebenso gottlos. Und dann ist Gott nicht mehr das ganz Andere, da Er sich ja im Weltinnern der gottlosen und sündigen Welt befindet. Diese Welt, in der wir uns als getrennte Subjekte bewegen ist unsere Welt und die müssen wir ernst nehmen, obgleich wir uns damit als sündige Wesen darstellen. Daraus folgend stellt Bultmann zwei Möglichkeiten unseres Existierens als Sünder klar: erstens sind wir die zuständigen Personen, die für die Sorge und Verantwortung der Welt gerade zu stehen haben und zweitens ist dieser Platz auf dem wir uns inmitten des unvorstellbar großen Universums befinden absolut unsicher. Wir können diesen Ort nicht sichern oder eingreifen, wenn es schlimm wird, denn dazu müssten wir uns ja außerhalb dieser Welt stellen und damit Gott selbst sein. „Wir können nicht über unsere Existenz reden, da wir nicht über Gott reden können; und wir können nicht über Gott reden, da wir nicht über unsere Existenz reden können.“[33] Das eine geschieht nur in dem Bezogensein aufeinander und durch das Andere. Beide Seinsweisen hängen miteinander zusammen und sind ohne das andere nicht denkbar. Die Systemtheorie hat dazu in den letzen Jahren wichtige Erkenntnisse geliefert, die diese Annahme bestätigen und untermauern.

[...]


[1] Bultmann, Die Frage der dialektischen Theologie, S. 52

[2] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 37

[3] Ebd., S, 2

[4] Quint (Hrg.), Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate, S. 21

[5] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 18

[6] Ebd., S. 18

[7] Ebd., S. 18

[8] vergl. Schmithals, Die Theologie Rudolf Bultmanns, S. 25

[9] Bultmann, Jesus, S. 94

[10] Vergl. Schmithals, Die Theologie Rudolf Bultmanns,, S. 26

[11] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 26

[12] vergl. Schmithals, Die Theologie Rudolf Bultmanns, S. 29 ff

[13] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 27

[14] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 3, S. 116

[15] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 27

[16] Ebd., S. 27

[17] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 28

[18] Bultmann, Der Gottesgedanke, S. 336

[19] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 28

[20] Schmithals, Die Theologie Rudolf Bultmanns, S. 43

[21] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 33

[22] Ebd., S. 33

[23] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 29

[24] Bultmann, Marburger Predigten, S. 221

[25] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 29

[26] Bultmann und Jaspers, Die Frage der Entmythologisierung, S. 72

[27] Heidegger, Die Zeit des Weltbildes; in: Holzwege, S. 87

[28] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, Tübingen 1958, S. 31

[29] Ebd., S. 32

[30] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 32

[31] Ebd., S. 32

[32] Ebd., S. 33

[33] Bultmann, Glauben und Verstehen, Band 1, S. 33

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Welchen Sinn hat es von Gott zu reden? Das Reden von Gott bei Rudolf Bultmann und Meister Eckehart im Vergleich
Hochschule
Evangelisches Johannesstift Diakonisches Bildungszentrum  (Wichern Kolleg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
47
Katalognummer
V19048
ISBN (eBook)
9783638232661
Dateigröße
879 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist die Abschlussarbeit meiner Ausbildung zum Diakon am Wichern Kolleg des Evangelischen Johannesstiftes in Berlin
Schlagworte
Welchen, Sinn, Gott, Reden, Rudolf, Bultmann, Meister, Eckehart, Vergleich
Arbeit zitieren
Stephan Hachtmann (Autor), 2003, Welchen Sinn hat es von Gott zu reden? Das Reden von Gott bei Rudolf Bultmann und Meister Eckehart im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19048

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