1 Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
Moderne Staaten ohne Sozialpolitik erscheinen uns undenkbar. Jährlich werden etwa 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts für Sozialtranfers ausgegeben. Jedoch hatten die Menschen zu lange das Bild eines stabilen Sozialsystems im Kopf, das alle sozialen Risiken abdeckt. Kündigten sich die markanten Veränderungen – Kürzungen im sozialpolitischen Sektor – schon lange an, deren Folgen mit dieser Hausarbeit näher untersucht werden? Bisher wurden sie jedenfalls zu selten wahrgenommen. Risiken im Job, mehr Konkurrenzdruck und neue Ungleichheit: In der Mitte der Gesellschaft grassiert die Furcht vor dem sozialen Abstieg.
Gegenwärtig wird in den westlichen Industrieländern diskutiert, ob durch Verknappung der Arbeit und sinkende Realeinkommen wieder eine deutlichere Abgrenzung von Schichten entsteht: In der so genannten „Zweidrittelgesellschaft“ stehen den Erwerbstätigen rund ein Drittel Dauerarbeitslose gegenüber. Es wird befürchtet, dass durch den Wandel von der Industriegesellschaft zur Informations- oder Dienstleistungsgesellschaft die gering Gebildeten zu einer schlecht informierten und in ungeschützten, kurzzeitigen Arbeitsverhältnissen lebenden Randgruppe werden.
Daraufhin stellen sich schwerpunktmäßig die Fragen: Haben sich die sozialpolitischen Interessen der deutschen Mittelschicht in den letzten 50 Jahren verändert? Wie steht es um die gesellschaftliche Mitte in Deutschland? Sind ihre viel beschworenen Abstiegsängste und Verunsicherungen gerechtfertigt? Ferner wird auf Peter Baldwins Analysen eingegangen und versucht, seine Erkenntnisse und Fragestellungen auf die heutige Zeit zu übertragen. Sind die Interessen der Mittelschicht auch gegenwärtig noch ausschlaggebend für die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates? Sind die Machtressourcen der Mittelschicht überhaupt relevant für die Erklärung des Abbaus des deutschen Sozialstaats beziehungsweise der Kürzung der Sozialausgaben?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Zielsetzung
2 Sozialpolitische Interessen der deutschen Mittelschicht
2.1 Begriffserklärungen
2.1.1 Mittelstand
2.1.2 Schicht
2.1.3 Klasse
2.2 Sozialpolitische Interessen der Mittelschicht nach Peter Baldwin
2.3 Nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland
2.4 Sozialpolitische Interessen der deutschen Mittelschicht im 21. Jh.
3 Diskussion
3.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2 Interpretation der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit zielt darauf ab, die sozialpolitischen Interessen der deutschen Mittelschicht im 21. Jahrhundert mit der Situation vor etwa 50 Jahren zu vergleichen, um den Wandel in der gesellschaftlichen Mitte sowie die Bedeutung von Machtressourcen für die Wohlfahrtsstaatsentwicklung zu analysieren.
- Vergleich sozialpolitischer Interessen über einen Zeitraum von 50 Jahren.
- Theoretische Fundierung durch soziologische Begriffe (Mittelstand, Schicht, Klasse) sowie Peter Baldwins Analysen.
- Untersuchung des Wandels der Mittelschicht im Kontext der Nachkriegsgesellschaft und des 21. Jahrhunderts.
- Analyse aktueller ökonomischer Entwicklungen wie Einkommensspreizung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse.
- Diskussion der Rolle der Mittelschicht als Akteur und Zielgruppe des Sozialstaats.
Auszug aus dem Buch
2.4 Sozialpolitische Interessen der deutschen Mittelschicht im 21. Jahrhundert
Eine Studie zur Einkommensverteilung, verfasst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW 10/2008: 101ff), gelangt zu dem Ergebnis, dass die Mittelschicht in Deutschland allein in den Jahren 2000 bis 2006 von 62 Prozent der Bevölkerung auf nur noch 54 Prozent gesunken ist. Die von den DIW-Forschern untersuchte, rein ökonomisch definierte, Mittelschicht umfasst Facharbeiter, mittlere Angestellte und die meisten Akademiker. Die ehemaligen festangestellten Beschäftigten der Telekom, der Bahn, der Post und der Auto-, Metall-, Stahl-, Bergbau- und Chemieindustrie bildeten das Rückgrat der von der DIW als Mittelschicht definierten Bevölkerungsgruppe.
Sie wird von den Forschern rein wirtschaftlich nach Haushaltseinkommen definiert, also nicht nach Bildung, Beruf, Herkunft oder sonstigen sozialen Indikatoren. Die Forscher setzen dabei den so genannten „Median“ ein. Der Median teilt die Einkommensbezieher in zwei Hälften: 50 Prozent der Menschen in Deutschland erhalten weniger als diesen Wert, 50 Prozent erhalten mehr.
Der Median stieg von gut 15.000 Euro Mitte der 1990er Jahre auf fast 17.000 Euro im Jahr 2003. Seitdem fällt er wieder, zuletzt auf etwas über 16.000 Euro. Als Mittelschicht definieren die DIW-Forscher die Bevölkerungsgruppe, die ein Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent dieses Medians bezieht. So definiert umfasste die Mittelschicht in den 1980er Jahren in Westdeutschland rund 64 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auch nach der Vereinigung lag der Anteil der Mittelschicht in West- und Ostdeutschland ungefähr in dieser Größenordnung. 1992 betrug er knapp 62 Prozent, das entsprach etwas mehr als 49 Millionen Personen. In den nächsten acht Jahren bis 2000 blieb dieser Anteil dann weitgehend stabil. Seitdem ist die Einkommensmittelschicht aber auf rund 54 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 2006 geschrumpft. Das sind rund 44 Millionen Menschen, fünf Millionen weniger als sechs Jahre zuvor.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Sozialpolitik ein und stellt die zentrale Fragestellung nach dem Wandel der Mittelschicht und ihrer Interessen in den letzten 50 Jahren vor.
2 Sozialpolitische Interessen der deutschen Mittelschicht: Dieses Kapitel definiert die soziologischen Grundlagen und analysiert die historische sowie aktuelle Entwicklung der Mittelschicht unter Einbeziehung von Theorien wie denen von Peter Baldwin.
3 Diskussion: Der Diskussionsteil fasst die Ergebnisse zusammen und interpretiert den Strukturwandel der Mittelschicht vor dem Hintergrund aktueller ökonomischer Herausforderungen und politischer Reformen.
Schlüsselwörter
Mittelschicht, Sozialpolitik, Wohlfahrtsstaat, Einkommensverteilung, Soziale Schichtung, Mittelstand, Agenda 2010, Soziale Ungleichheit, Peter Baldwin, Wirtschaftsstruktur, Realeinkommen, Arbeitsmarkt, Sozialstruktur, Kaufkraft, Prekäre Beschäftigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und den sozialpolitischen Interessen der deutschen Mittelschicht im Vergleich zwischen der Nachkriegszeit und dem frühen 21. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die soziologischen Definitionen von Schicht und Klasse, die historische Rolle der Mittelschicht für den Wohlfahrtsstaat sowie aktuelle Entwicklungen der Einkommensschichtung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Vergleich der sozialpolitischen Interessen der deutschen Mittelschicht über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren und die Beantwortung der Frage, wie sich ihre Stellung im Wohlfahrtsstaat verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die soziologische Begriffsbestimmungen mit der Analyse aktueller empirischer Studien (z. B. vom DIW) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Begriffserklärungen, die theoretische Rahmung durch Peter Baldwin, die historische Analyse der Nachkriegszeit und die Untersuchung der aktuellen Mittelschichtssituation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Mittelschicht, Sozialpolitik, Wohlfahrtsstaat, Einkommensverteilung sowie soziologische Begriffe wie Schicht und Klasse.
Welche Rolle spielt die sogenannte „Agenda 2010“ für die Argumentation des Autors?
Die Agenda 2010 dient als Beispiel für eine sozialpolitische Richtungsänderung, durch die das System vom „versorgenden“ zum „aktivierenden“ Sozialstaat umgestellt wurde, was die Mittelschicht maßgeblich beeinflusst hat.
Wie definiert das DIW die Mittelschicht in der zitierten Studie?
Das DIW definiert die Mittelschicht rein ökonomisch als Bevölkerungsgruppe, deren Haushaltseinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens liegt.
- Quote paper
- Rüdiger Hesse (Author), 2008, Sozialpolitische Interessen der deutschen Mittelschicht im 21. Jahrhundert im Vergleich zu den vor ca. 50 Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190486