Franz Kafkas Jäger Gracchus - Versuch einer Interpretation


Hausarbeit, 2001
19 Seiten, Note: nicht benotet

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Textgenese des «Jäger Gracchus»

2. «Jäger Gracchus bin ich.» — Über die Bedeutung seines Namens

3.1. «[…] bei uns in Riva […]» — Über den Ort der Handlung
3.2. «[…] ich war Jäger, ist das etwa eine Schuld?» — Über mögliche Vorbilder und den Fehler des Jäger Gracchus
3.3. «Der Bootsmann» — Über die verwendeten Motive aus der griechischen Mythologie
3.4. «Julia die Frau des Bootsführers» — Über literarische Parallelen
3.5. «‹Salvatore› — so heiße ich […]» — Über den vermeintlichen Erlöser und die Motive aus der christlichen Mythologie

4. Abschließende Interpretation und Schlußwort

5. Quellenverzeichnis

6. Verwendetes Material aus dem Internet

7. Anhang

1. Zur Textgenese des «Jäger Gracchus»

Bei der Untersuchung der Erzählung «Der Jäger Gracchus» von Franz Kafka, wie sie in den von Paul Raabe herausgegebenen «Sämtlichen Erzählungen»[1] auftaucht, tritt die Schwierigkeit auf, daß es sich bei dem in diese Sammlung aufgenommenen Text nicht um eine vom Dichter selbst, sondern von Max Brod, einem engen Freund und Förderer Kafkas, editierte Version handelt. Entgegen Kafkas testamentarisch festgesetzten Willen, die zu Lebzeiten nicht publizierten Werke nach seinem Tode zu verbrennen, veröffentlichte Max Brod den «Jäger Gracchus» 1931, sieben Jahre nachdem Kafka der Tuberkulose erlag, zusammen mit anderen Schriften aus dessen Nachlaß in «Beim Bau der chinesischen Mauer»[2]. Allerdings führte er vor dieser Veröffentlichung erhebliche Veränderungen an dem ursprünglichen Gracchus-Stoff durch:

So erweckt die von Brod so betitelte Erzählung «Der Jäger Gracchus» in den «Sämtlichen Erzählungen» Raabes1 zwar auf den ersten Blick den Eindruck, von Kafka so generiert worden zu sein, berücksichtigt man jedoch die handschriftlichen Gestaltungsversuche[3] des Dichters, so stellt man fest, daß Kafka selbst zwar verschiedene die Gracchus-Thematik betreffende Fragmente zu Papier gebracht, die Arbeit an diesen jedoch nie beendet hat. Vielmehr gab Max Brod vier voneinander abgesetzten und durch Trennstriche separierten Textfragmenten, die er im «Oktavheft B» Kafkas fand, eine Reihenfolge, die sich ihm als sinnvoll darstellte, fügte Absätze und fehlende Worte ein und korrigierte, was ihm als unwillkürlicher Fehler des Dichters erschien. Durch diese — zunächst zweckmäßig erscheinende — Tätigkeit Brods allerdings gingen diverse für eine Interpretation wichtige Merkmale der ursprünglichen Texte verloren.

Beispielsweise lautet die Stelle «Das weiß ich und schreie also nicht, um Hilfe herbeizurufen [...].»[4] in der Handschrift Kafkas «Das weiß ich und schreibe also nicht um Hilfe herbeizurufen [...].»[5]. Daß dieser vermeintlich unwichtige Verschreiber Kafkas für eine Interpretation im Sinne des Autoren[6] jedoch eine nicht unerhebliche Rolle spielt, wird im folgenden noch zu behandeln sein. Auch die Aussage des Jäger Gracchus «Dann geschah das Unglück.»[7] entstammt nicht der Feder Kafkas, der seine handschriftlichen Aufzeichnungen an dieser Stelle mit «Dann geschah »[8] abgebrochen hat, ohne den Satz zu beenden, so daß Gracchus Bewertung des ihm Zugestoßenen als «Unglück» für eine korrekte Interpretation vernachlässigt werden muß. Gleiches gilt offenbar für den Abschnitt: «‹Aus dem Jäger ist ein Schmetterling geworden. Lachen Sie nicht.› ‹Ich lache nicht›, verwahrte sich der Bürgermeister.»[9]

Außerdem sollten bei der Betrachtung des «Jäger Gracchus» weitere Fragmente dieses Komplexes, die jedoch nicht Einzug in die von Max Brod editierte Version gehalten haben, nicht vernachlässigt werden. Dazu zählt vor allem das sogenannte «Fragment zum Jäger Gracchus»[10], ein Dialog zwischen dem Jäger Gracchus und einem Besucher auf seiner Barke, aber auch die Tagebucheinträge Kafkas vom 21. Oktober 1913[11] und vom 06. April 1917[12]. Mit dem älteren Tagebucheintrag (die Beschreibung einer in einem kleinen Hafen liegenden Barke, die von Pfeife rauchenden und Wein trinkenden Männern beladen wird) ist zum ersten Mal eine Fixierung des Szenarios gegeben, 1917 dann hat Kafka es, vermutlich einige Monate nach der Entstehung der übrigen Fragmente, wiederum mit dem Jäger Gracchus verknüpft (den Tagebucheintrag vom 06. April 1917 bildet die Beschreibung einer heruntergekommenen, schmutzigen Barke, die in einem kleinen Hafen liegt, und von der ein Arbeiter dem Ich-Erzähler berichtet: «Es [das Schiff] kommt alle 2, 3 Jahre [...] und gehört dem Jäger Gracchus»)[13].

2. «Jäger Gracchus bin ich.»— Über die Bedeutung seines Namens

Die Frage zu erörtern, über[14] wen Kafka eigentlich schreibt, wenn vom Jäger Gracchus die Rede ist, ist meiner Meinung nach grundlegend für die Interpretation der Erzählung.

So assoziiert man mit dem Namen Gracchus zunächst einmal jene beiden römischen Volkstribunen, Tiberius und Gaius Sempronius Gracchus (163-133 bzw. 153-121 v. Chr.)[15], die umgebracht wurden, weil sie eine beim Adel unbeliebte Politik zugunsten der einfachen Bauern verfolgten; den Anlaß zu ihrer Ermordung gaben beide Brüder jeweils dadurch, daß sie ihre verfassungswidrige Wiederwahl zum Tribun zwecks Vollendung ihrer Reformen durchsetzen wollten. Allerdings weisen die beiden meines Wissen außer dem Namen keine weiteren Parallelen zu Kafkas Jäger Gracchus auf: Keiner der beiden Sozialreformer war Jäger oder Seemann[16] ; außerdem ranken sich um keinen der beiden Legenden, die ihn als «Untoten» oder Wiedergänger beschreiben und schließlich weisen auch Kafkas Tagebucheinträge keinerlei Anzeichen für eine geistige Auseinandersetzung des Dichters mit dem Schicksal der beiden Römer auf.

Meiner Meinung nach viel ergiebiger ist hingegen die Feststellung, die auch Frank Möbus[17] gemacht hat, daß sich das italienische Wort «gracchio» (lateinisch «graculus») und das tschechische Wort «kavka» in ihrer jeweiligen Bedeutung —nämlich Dohle— entsprechen. Für die These, daß Kafka sich selbst in die Figur des Jäger Gracchus hineinprojiziert spricht beispielsweise die (später von Max Brod geänderte) Stelle «Das weiß ich und schreibe also nicht um Hilfe herbeizurufen [...].»[18]. Diese Stelle scheint «zunächst noch eine Reflexion des Autors über sich selbst zu sein [...]. Aber nur wenige Zeilen später wird offensichtlich, daß das reflektierende Ich fast unmerklich hinübergeglitten ist in das Ich des Jäger Gracchus»[19]. Diese «Seelenverwandschaft» zeigt sich bereits zu Beginn dieses Fragments, wo es heißt: «Niemand wird lesen, was ich hier schreibe»22; der Figur des Jäger Gracchus in den Mund gelegt, stiftet diese Aussage lediglich Verwirrung, da es unstimmig erscheint, daß er im Dialog mit dem Bürgermeister von Riva etwas aufschreibt[20], betrachtet man sie allerdings unter Berücksichtigung der These, daß Kafka den Jäger Gracchus als Metapher für sich selbst benutzt hat, wirkt sie schlüssig. Ein weiteres Indiz für diese These ist die sich über einen langen Zeitraum[21] erstreckende Beschäftigung Kafkas mit diesen Erzählfragmenten, die trotzdem keine endgültig fertige Fassung hervorgebracht hat.

3.1. «[...]bei uns in Riva [...]» — Über den Ort der Handlung

Die Erzählung[22] beginnt mit einer ausführlichen Darstellung des kleinen Hafens, der einen eher ruhigen und verschlafenen Eindruck erweckt, obwohl sich dort würfelspielende Knaben und Müßiggänger ebenso wie arbeitende Menschen finden. Als Ursache läßt sich dafür anführen, daß selbst das vermeintlich arbeitende Volk doch recht träge auftritt: «Der Wirt […] schlummerte»[23] zum Beispiel in seiner Gaststätte und ein «Obstverkäufer lag neben seiner Ware»23. Selbst die Erwähnung «des säbelschwingenden Helden»23 hat keinen Einfluß auf den friedlich-stillen Gesamteindruck, da er weit in den Hintergrund gerückt wird: Er selbst wird nicht beschrieben, lediglich der Schatten seines Denkmals wird erwähnt, so daß er eher als offenbar wirkungslose Mahnung gegen die Trägheit auftritt. Auch das «Einschweben» der Barke des Jäger Gracchus vollzieht sich «leise»23. Hektik wird —wenn überhaupt, denn auf mich wirkte dies nicht so— erst durch die Knaben in die Handlung gebracht, die von «den Trägern [...] vertrieben [...]»[24] werden.

Diese allgemein friedliche Stimmung eignet sich optimal, um die Geschichte des Jäger Gracchus dort einzubetten, denn wie er dem Bürgermeister erklärt, sei er tot, das heißt eigentlich, daß er auch ewigen Frieden erfahren sollte. Allerdings gibt er auch an: «[...]gewissermaßen lebe ich auch.»[25] Er befindet sich also weder in der Welt der Lebenden, noch im Reich der Toten, was durch den Namen der Stadt — Riva — in besonderer Weise ausgedrückt wird. Denn einerseits bedeutet «riva» im Italienischen soviel wie «Ufer»[26], also genau die Grenze zwischen Land und Wasser. Außerdem liegt der historische Ort Riva del Garda[27] direkt am Ufer des Gardasees, der an dieser Stelle von schroffen Felsen gesäumt wird. Er verkörpert also das Bindeglied zwischen zwei absolut gegensätzlichen geographischen Erscheinungen: dem tiefen See und dem hohen Gebirge.

Dementsprechend antwortet der Jäger auf die Frage des Bürgermeisters hin, ob er denn in Riva zu bleiben gedenke: «Ich gedenke nicht»[28], was verständlich erscheint, da er bereits «seit Jahrhunderten»[29] in seiner Barke das Grenzgebiet zwischen Leben und Tod befährt und offensichtlich danach trachtet, ins Elysium einzugehen: «Nehme ich [Gracchus] aber den größten Aufschwung und leuchtet mir schon oben das Tor, erwache ich auf meinem alten in irgendeinem irdischen Gewässer öde steckenden Kahn.»[30]

[...]


[1] Siehe: Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.285-288 (Im folgenden werde ich auf vollständige Quellenangaben im Text verzichten und verweise auf das Quellenverzeichnis.)

[2] Kafka, Franz:

Beim Bau der chinesischen Mauer.

Ungedruckte Erzählungen und Prosa aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Max Brod und Hans Joachim Schoeps. Berlin: Kiepenheuer 1931.

[3] In: Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S. 40-43, 44-45. Aus Platzgründen, die ausgiebiges Zitieren und Zusammenfassen verhindern, werde ich im folgenden die Kenntnis der Originalfragmente voraussetzen müssen, das gilt auch für das so genannte «Fragment zum Jäger Gracchus».

[4] Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.288

[5] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44

[6] Wobei es natürlich strittig ist, ob man dies überhaupt so nennen darf (im Hinblick darauf, daß Kafka die Verbrennung der zu interpretierenden Fragmente verfügt hat).

[7] Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.288

[8] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.45

[9] Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.287

[10] In: Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.96-100

[11] In: Kafka, Franz: Tagebücher 1912-1914. S.198

[12] In: Kafka, Franz: Tagebücher 1914-1923. S.143

[13] Vgl. zu diesem Abschnitt auch Möbus, Frank: Sünden-Fälle. S.10-14

[14] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.96

[15] Vgl. Microsoft Encarta 98. Stichworte: «Gracchus, Tiberius Sempronius» und «Gracchus, Gaius Sempronius»

[16] Der Gracchus Kafkas «lebt» schließlich auf einer Barke.

[17] Vgl. Möbus, Frank: Sünden-Fälle. S.14

[18] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44

[19] Albrecht, Hansjörg: Die Jäger Gracchus-Fragmente. Punkt 2.1.

[20] Der Dialog findet sich in dieser Form allerdings auch erst in der von Max Brod editierten Version, der auch für das unmittelbare Aufeinanderfolgen der Antwort auf die Frage nach dem Schuldigen —«‹Der Bootsmann›, sagte der Jäger » (Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.43)— und dem folgenden Text verantwortlich ist. Im Original stellt das zur Rede stehende Fragment (Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44-45) durchweg einen Monolog des Gracchus dar.

[21] Laut Möbus von 1913 bis 1917 oder sogar 1922 (siehe: Möbus, Frank: Sünden-Fälle. S.12).

[22] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44

[23] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.40

[24] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.42

[25] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.43

[26] Auch Hansjörg Albrecht hat diese Beobachtung gemacht (vgl. Albrecht, Hansjörg: a.a.O., Punkt 4.).

[27] Kafka verbrachte dort jeweils im September 1909 und 1913 (als der erste Tagebucheintrag zum Gracchus-Komplex erfolgte) seinen Urlaub, was ich wiederum als Indiz für die unter 2. erläuterte These ansehe.

[28] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44

[29] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.45

[30] Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.43 (Wobei hier wieder eine für Kafka typische Deformation eines Motivs vorliegt. Ausgehend von der griechischen Unterwelt bezieht er sich nun offensichtlich bereits wieder auf christliche Paradiesvorstellungen, wenn er vom oben leuchtenden Tor spricht.)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas Jäger Gracchus - Versuch einer Interpretation
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Germanistik)
Note
nicht benotet
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V19074
ISBN (eBook)
9783638232883
ISBN (Buch)
9783656619802
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafkas, Jäger, Gracchus, Versuch, Interpretation
Arbeit zitieren
M.A. Martin Renz (Autor), 2001, Franz Kafkas Jäger Gracchus - Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19074

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