Irina Liebmanns „Berliner Mietshaus“ – Möglichkeiten und Grenzen der Interviewliteratur

Inwiefern kann Irina Liebmanns Haus stellvertretend für die Bewohner und zu gleich den Bezirk Prenzlauerberg auftreten und somit als Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR dienen?


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellung des Werkes „Berliner Mietshaus“

3. Die Vorgehensweise Irina Liebmanns als Autorin im „Berliner Mietshaus“
3.1 Der Weg zum Berliner Mietshaus
3.2 Allgemeines zur Interviewliteratur
3.3 Die Umsetzung – Darstellung der „Begegnungen und Gespräche“
3.4 Das Haus

4. Fazit

5. Literaturangaben

1. Einleitung

Im Fokus dieser Arbeit steht Irina Liebmanns „Berliner Mietshaus“ und die dort stattgefundenen „Begegnungen und Gespräche“. Dabei soll unter Betrachtung der Gesamtheit der einzelnen Bewohnerportraits des „Berliner Mietshaus[es]“ unter Anderem nachvollziehbar erläutert werden, warum sich die Befragten eher als eine anscheinend untereinander anonyme, meist heterogene und willkürlich vom Schicksal zusammengewürfelte Gruppe, nahezu ohne gemeinschaftliche Tendenzen herausstellen. Auch die Frage, warum das „Berliner Mietshaus“ zum Teil als ein „unbequemes, ein ehrliches Buch“ rezipiert wurde, welches mit scheinbar „schonungsloser Offenheit [damalige] Umstände“[1] enthüllt, soll nicht unbeantwortet bleiben.

Inwiefern lassen sich nun diese zusammengewürfelten Portraits als eine Reflexion der DDR-Gesellschaft verstehen und vor allem mit welcher Intention?

Ich möchte beweisen, dass sowohl die einzeln befragten 32 Mietsparteien des „Berliner Mietshaus“ als ‚Menschengemeinschaft‘, wie auch das Haus selbst eine symbolträchtige Rolle einnehmen und von Liebmann bewusst zur Darstellung und letztendlich zur Vermittlung der vorgefundenen Ausschnitte zum Leben in der DDR genutzt werden.

Unter Einbeziehung und Auswertung der ausgewählten Sekundärliteratur soll Irina Liebmanns Methodik im Interview selbst, wie die Vorgehensweise bei der literarischen Umsetzung der „Begegnungen und Gespräche“, auch durch den Vergleich zum Konzept der gängigen Interviewliteratur näher beleuchtet werden. Da im Allgemeinen speziell die Literaturlage zu diesem Thema recht spärlich, andererseits vieles deutungsabhängig ist, soll meine Arbeit einen Einblick in Liebmanns Vorgehensweise gewähren, um in einer zusammenfassenden Auswertung als ein Interpretationsangebot die Frage nach Authentizität und Stellvertreterfunktion des „Berliner Mietshaus[es]“ für die DDR-Gesellschaft zu klären.

2. Vorstellung des „Berliner Mietshaus[es]“

Die seit 1975 als freie Autorin tätige Irina Liebmann schrieb unter anderem für die Zeitschrift „Wochenpost“ bis 1979 zahlreiche Alltagsreportagen. So entstand auch 1982 im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig das Buch „Berliner Mietshaus“ mit dem vielsagenden Untertitel „Begegnungen und Gespräche“.

In ihm stellt die Autorin ein willkürlich gewähltes Berliner Mietshaus in der Pappelallee[2] im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauerberg anhand einer von ihr erstellten „Kombination von Biographie[n], Erinnerung[en] und Kommentar[en]“[3] seiner Bewohner scheinbar „unkommentiert“[4] dar. Diese „bewusst fragmentisierten Lebensgeschichten von Studenten, jungen Familien, Handwerkern, Arbeitern und Rentnern“[5] sind „als eine lockere Sammlung von Reportagen“ sowie eine „dicht komponierte Beschreibung der Alltagsgeschichte des Hauses und seiner Bewohner“[6] zu betrachten. Liebmann berücksichtigt dabei sowohl Parteien des Vorder- wie des Hinterhauses, einschließlich der ansässigen Geschäfte. Dabei trifft sie teilweise auf Bewohner, die sich ihren Fragen nur widerwillig stellen, allen voran Rüdiger P., der in Liebmanns Vorgehensweise „gar keinen Sinn“ sieht: „So ein zufälliger Moment, eine Situation wie die heutige zum Beispiel, wo er sich überrumpelt gefühlt hat, keine Lust hatte zum reden, das gefällt ihm nicht.“[7]. Dennoch vertraute er Liebmann, ließ sie gewähren und über das Treffen schreiben. Andere hingegen scheinen Liebmanns Interesse an ihnen, an ihrer Geschichte sehr zu begrüßen , wie Annelise F., und geben bereitwillig Auskunft. Streckenweise sind sogar Anregungen, gar Aufforderungen an Liebmanns Texte dabei wie „Schreiben Sie keine frisierten Artikel“[8] von Manfred M., dem Maurermeister der Straße. Maria und Bernd F. hingegen sind so misstrauisch, dass sich gar kein normales Gespräch aufbauen und Liebmann lustlos werden lässt: „Es ist das erste Mal in dem Haus, daß ein Gespräch mühsam verläuft, schweigend warten die beiden auf meine Fragen, es ist nichts als Höflichkeit, mir macht das keinen Spaß, sie hätten mich wegschicken sollen.“[9] Andere wenige sind entweder gar nicht anzutreffen, teilweise verzogen, beschäftigt oder nicht an dem Gespräch mit Liebmann interessiert. Sie macht dennoch der Vollständigkeit halber Angaben zu diesen Parteien „Die Wohnung soll einem jungen Ehepaar mit Kind zugesprochen worden sein“.[10]

Die Priorität dieser Sammlung von Erzählungen im „Berliner Mietshaus“ liegt klar auf der Vermittlung von Authentizität, also Liebmanns Anspruch auf Wahrhaftigkeit der Darstellung in ihren Texten. Sie selbst möchte, dass das „Berliner Mietshaus“ Einblicke in die Alltagesgeschichte und somit die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR gewährt. Um glaubhaft zu sein hat Irina Liebmann eine spezielle und für die Interviewliteratur, der das Werk angehört, untypische Form der Vermittlung gefunden, worauf ich ab 3.2 näher eingehen werde.

3. Die Vorgehensweise Irina Liebmanns als Autorin im „Berliner Mietshaus“

3.1 Der Weg zum „Berliner Mietshaus“

Um sich der Frage nach Verbindlichkeit der zusammengetragenen Portraits im „Berliner Mietshaus“ als Reflexion der realen gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR zu nähern, ist es hilfreich das Autorenselbstverständnis Irina Liebmanns zu ergründen. Welche Motivation dem Zustandekommen des „Berliner Mietshauses“ ursprünglich zugrunde liegt, welchen Anspruch dabei Liebmann an sich selbst hatte und in wie weit dieser in den Texten umgesetzt bzw. dem Leser vermittelt wurde, sollen Aspekte sein, die nun näher beleuchtet werden.

Anfangs durch ihren Willen zu schreiben vorangetrieben, wurde Liebmann schnell durch eine fehlende Inspiration für das Selbige ausgebremst. Dazu Liebmann selbst: „Eine Freundin von mir wußte, daß ich gern schreiben würde, daß ich aber nicht weiß, wie. Ich wußte tatsächlich nicht: Worüber soll ich denn schreiben?“[11] Diese Inspirationslosigkeit erklärt sich Liebmann durch ihren hohen Qualitätsanspruch an ihre eigene Arbeit als Schriftstellerin, demnach müsste „der Gegenstand […], über den man schreibt, […] ernsthaft […] und wichtig sein für andere“. „[D]ie Vorstellung von Wichtigkeit, nicht meiner Person“[12] schwebte Liebamann dabei vor. Diese Idealvorstellung vom Schreiben war allerdings in ihrer Aufagbe als Journalistin, in der sie sich zunehmend einer internen Zensur der Redaktion zum einen, dem begrenzten Handlungsspielraum der Reportagen für die Zeitung zum anderen ausgesetzt sah, schwer umzusetzen. „Ich habe nur DDR-Reportage […] gemacht. Eigentlich bin ich nur in Betriebe, in Fabriken gegangen.“ So begründet sie dies weiter zwar mit ihrem eigenen Interesse „Weil ich das wollte, ich wollte es sehen […]. Mit Menschen reden – mir fehlte soviel Leben.“[13], ist sich aber ihrem fehlenden Handlungsspielraum und der Einseitigkeit ihres umzusetzenden Blickwinkels zu jedem Zeitpunkt bewusst: „Also irgendwann hört die Begeisterung natürlich auf. […] Nicht jeder Mensch, der auf einen zukommt, ist eine Erscheinung […], man sieht plötzlich so das Grundraster sehr stark durchscheinen“

So viel Weitsicht Liebmann auch für die Beschränkungen des Journalismus in der DDR hatte, um dessen Grenzen der Thematik wie der Darstellung derer wusste, so sehr war sie diesen Konventionen in ihrer Arbeit für die „Wochenpost“-Reportagen jedoch unterworfen. Verständlich also, dass das Konzept und die Bewertungen in ihren Darstellungen einem „Strickmuster folgen, wie es für DDR-Reportagen obligatorisch war“: nämlich „[d]as Bild, das Reportagen von den Lebensverhältnissen im eigenen Land zeichnen sollen.“[14] Aus diesen Beschneidungen heraus erwächst in Liebmann, die sich durch großes Engagement bei der Einarbeitung in die jeweiligen Thematiken ihrer Recherchearbeit auszeichnet, erst die Absicht als freie Schriftstellerin tätig zu werden.

[...]


[1] Hofmann, Michael; Opitz, Michael (Hrsg.): Metzler Lexikon. DDR-Literatur, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2008, S. 191

[2] Schmidt, Sabine: Frauenporträts und -protokolle aus der DDR, Zur Subjektivität der Dokumentarliteratur

[3] Liebmann, Irina: Berliner Mietshaus. Begegnungen und Gespräche, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1993, S. 9

[4] Jäger, Andrea: Schriftsteller aus der DDR, Ausbürgerungen und Übersiedlungen von 1961 bis 1989. Autorenlexikon, Peter Lang GmbH. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 1998 (Schriften zur Europa- und Deutschlandforschung, Bd.1), S. 404

[5] Jäger, Andrea, ebd., S. 404

[6] Schröder, Hans Joachim: Interviewliteratur zum Leben in der DDR. Zur literarischen, biographischen und sozialgeschichtlichen Bedeutung einer dokumentarischen Gattung, Niemeyer, Tübingen 2001 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd.83), S. 233

[7] Liebmann, Irina, ebd., S. 142

[8] Liebmann, Irina, a.a.O., S. 85

[9] Ebd., S. 148

[10] Ebd., S. 49

[11] Schröder, Hans Joachim: Interviewliteratur zum Leben in der DDR. Zur literarischen, biographischen und sozialgeschichtlichen Bedeutung einer dokumentarischen Gattung, Niemeyer, Tübingen 2001 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd.83), S. 236

[12] Ebd., S. 237

[13] Ebd., S. 238

[14] Ebd., S.239

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Irina Liebmanns „Berliner Mietshaus“ – Möglichkeiten und Grenzen der Interviewliteratur
Untertitel
Inwiefern kann Irina Liebmanns Haus stellvertretend für die Bewohner und zu gleich den Bezirk Prenzlauerberg auftreten und somit als Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR dienen?
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Veranstaltung
Bauplatz DDR – Metamorphosen eines prominenten Themas
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V190779
ISBN (eBook)
9783656154211
ISBN (Buch)
9783656154389
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich habe in dieser Hausarbeit die sehr interessante Thematik der DDR-Interviewliteratur behandelt. Die Hausarbeit liest sich verständlich, ist aber dennoch wissenschaftlcih stes fundiert. Viel Freude beim Lesen!
Schlagworte
irina, liebmanns, berliner, mietshaus, möglichkeiten, grenzen, interviewliteratur, inwiefern, haus, bewohner, bezirk, prenzlauerberg, reflexion, verhältnisse, Berliner Hinterhöfe, DDR-Literatur
Arbeit zitieren
Julia Neubert (Autor), 2010, Irina Liebmanns „Berliner Mietshaus“ – Möglichkeiten und Grenzen der Interviewliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190779

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