Marcel Reich-Ranickis "Mein Leben" – eine zeitgenössische Autobiographie nach dem Vorbild Lejeunes?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
25 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1 referentiell, fiktiv, fiktional
2.2 Memoiren
2.3 Autobiographischer Roman
2.4 Autobiographie
2.4.1 Geschichte und Entwicklung
2.4.2 Gattungstheorie
2.5 Autofiktion

3. Reich-Ranickis Mein Leben

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1999 erschien Marcel Reich-Ranickis Autobiographie Mein Leben als der 1920 in Polen geborene deutsche Literaturkritiker bereits 79 Jahre alt war. Lange hat er sich dagegen gesträubt, sein eigenes Leben abzufassen. Nicht zuletzt wegen eines gewissen Misstrauens der Gattung gegenüber, aber auch um die Erlebnisse im Warschauer Ghetto nicht „noch einmal in Gedanken erleben“[1] zu müssen.

Die Autobiographie Marcel Reich-Ranickis kann man unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Zum einen schildert sie seine Kindheits- bzw. Jugenderinnerungen an den Krieg und lässt sich als historisches Zeugnis und auch als Zeugnis historischer Krisenerfahrung betrachten. Zum anderen lässt sie sich den deutschsprachigen jüdischen Autobiographien im 20. Jahrhundert zuordnen und bietet somit einen besonderen Untersuchungsgegenstand dieser Gattung. Eine andere Lesart von Mein Leben ist es, diese Autobiographie als „literarisches Kunstwerk“[2] zu betrachten, da sie in oft unterhaltendem und fesselndem Sprachstil Episoden von Verfolgung, Liebe und Freundschaft schildert.

Diese Arbeit beschäftigt sich jedoch damit, Reich-Ranickis Autobiographie mit Hilfe der rezeptionsästhetischen Gattungstheorie zu untersuchen, um die Frage beantworten zu können, ob es Marcel Reich-Ranicki tatsächlich gelungen ist, eine moderne Autobiographie ganz im Sinne von Lejeunes autobiographischem Pakt ohne Fragmentarisierung, Fiktionalisierung und mit eindeutigem Referenzbezug zu schreiben.

Dazu wird zunächst die Definition einschlägiger Begriffe versucht. Berücksichtigung dabei finden sowohl die Abgrenzung zu relevanten gattungsnahen Formen der literarischen Selbstdarstellung als auch die Entwicklung der Gattung Autobiographie und die Gattungstheorien, die diese Entwicklung thematisieren.

2. Begriffsbestimmung

2.1 referentiell, fiktiv, fiktional

Die Definition der Begriffe Fiktion und vor allem Fiktionalität stellt sich als schwierig dar und unterscheidet sich je nach Fiktionstheorie, die hauptsächlich auf dem Gebiet der Philosophie und weniger im Bereich der Literaturtheorie anzusiedeln sind. Der amerikanische Philosoph Searle (1975) z.B. macht die Fiktionalität des Textes von der Intention des Autors abhängig, da fiktionale und faktuale Äußerungsakte auf der Ebene des Textes nicht zu unterscheiden sind.[3] Nach dem Philosophen und Literaturkritiker Roland Barthes dagegen ist es nicht der Autor, der spricht, sondern die Sprache. In seinem Aufsatz 1968 schreibt er sogar vom Tod des Autors. Wolfgang Iser (1991) trennt Fiktion und Wirklichkeit. Für ihn ist jede Fiktion eine Verknüpfung des Realen mit dem Imaginären.

Die folgenden Begriffsbestimmungen beziehen sich daher vereinfacht auf die Definitionen im Metzler Lexikon und berücksichtigen die Ansichten der Fiktionstheoretiker nicht, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu überschreiten. Dieses Thema wird ausführlich in Topik der Referenz von Gabriele Schabacher diskutiert.

Das Metzler Literaturlexikon definiert >referentiell< folgendermaßen:

Als >referentiell< können alle Äußerungen bezeichnet werden, denen unter dem geltenden Wirklichkeitskonzept eine realitätsbehauptende Funktion zukommt. Dies beinhaltet die Akzeptanz einer eindeutigen Zuordnung der erzeugten Textbedeutung zu einem Realitätsbereich außerhalb des kommunikativen Aktes.[4]

Ein referentieller Text ist also ein Text, dessen Inhalt einen eindeutigen Referenzbezug hat.

Fiktion bedeutet im Gegensatz zu etwas Realem etwas Erdachtes beziehungsweise Erfundenes. Spricht man von einem fiktiven Text, dann meint man einen Text, der in der Realität nicht existiert bzw. noch nicht geschrieben wurde.

„Fiktionale Texte unterscheiden sich von referentiellen dadurch, dass dieser eindeutige Realitätsbezug fehlt.“[5] Erzählt ein Text eine fiktive Welt, eine, die es in der Realität nicht gibt, ist der Text fiktional. Fiktionale Texte sind also solche, die etwas wiedergeben, das nicht tatsächlich geschehen ist, also erdacht bzw. fiktiv ist.

2.2 Memoiren

Abgeleitet wird der Begriff Memoiren aus dem Lateinischen Wort memoria, also Gedächtnis. In der Autobiographik ähneln sich die Autobiographie und die Memoiren wohl am meisten. Formal gesehen finden sich oft keine Unterschiede zwischen den beiden. Inhaltlich ist es jedoch so, dass Memoiren im Gegensatz zur Autobiographie auf die detailreiche Wiedergabe innerer Erfahrungen verzichten. Die persönliche Entwicklungsgeschichte steht dabei im Hintergrund. Vielmehr wird das beschriebene Leben in einem politischen oder historischen Kontext geschildert. Memoiren „berichten vornehmlich über Erlebnisse in Beruf und Gesellschaft sowie über Begegnungen mit bekannten Zeitgenossen.“[6] „[I]n Memoiren spricht der Autor immer als Träger einer sozialen Rolle“[7], so Neumann.

Georg Misch spricht den Memoiren jeglichen literarischen Anspruch ab.[8] Bernd Neumann stellt bei seinem sozialhistorischen Ansatz ganz deutlich heraus wie das öffentliche und private Leben in Memoiren getrennt werden und der Memoirenschreiber als Subjekt ebendieser nur so lange existiert, „wie er als Träger seiner sozialen Rolle integrierter Bestandteil der Gesellschaft ist.“[9] Endet die Laufbahn als Rollenträger, so enden auch laut Neumann auch die Memoiren. Mit der Schilderung des Privatlebens beginnt für Neumann die Autobiographie. Im Gegensatz zu den Memoiren hat eine Autobiographie also immer ein offenes Ende, da der Autor nicht über seinen eigenen Tod schreiben kann.

Die höhere Objektivität, die den Memoiren aufgrund der Zurückhaltung des Privaten, zugesprochen wird, ist zweifelhaft. Eine Person in der Öffentlichkeit will sich oft in Memoiren gut darstellen oder sogar für bestimmte Handlungen rechtfertigen. Also kann man in Memoiren ebenso Auslassungen, Verschönerungen und Raffungen vermuten wie auch in Autobiographien.

2.3 Autobiographischer Roman

Der autobiographische Roman ist die fiktionale Darstellung des eigenen Lebens. Ein autobiographischer Roman kann als literarisches Kunstwerk gelesen werden. Oft wird die dritte Person verwendet und die Namensgleichheit zwischen Autor und Protagonist ist häufig nicht gegeben. Berühmte Beispiele sind z.B. Anton Raiser von Karl Philipp Moritz, Fluchtpunkt von Peter Weiss und Christa Wolfs Kindheitsmuster.

Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft definiert den autobiographischen Roman wie folgt:

ästhetisch-fiktionale Übertragung der Lebensgeschichte des Autors bzw. einzelner Erlebnisse daraus in einen Roman. – Der autobiographische Roman ist auf der Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie angesiedelt; gattungstheoretisch stellt er ein prekäres Phänomen dar, insofern er nur im Rückgriff auf die Biographie oder zusätzliche Erläuterungen des Autors bestimmbar ist.[10]

2.4 Autobiographie

Im Gegensatz zu einer Biographie, die eine Lebensbeschreibung einer nicht mit dem Autor identischen Person darstellt, ist eine Autobiographie eine Lebensbeschreibung vom Autor selbst. Autobiographie wird sowohl im Handbuch der literarischen Gattungen als auch in zahlreichen literarischen Lexika als ein nichtfiktionaler Text, in dem das Leben des Autors von diesem selbst rückblickend erzählt wird, beschrieben.[11] Schon bei der Beschreibung als „nichtfiktionaler Text“ ergeben sich Abgrenzungsprobleme dieser Gattung. Das Metzler Literaturlexikon entzieht sich mit folgender knapper Beschreibung dieser Problematik: „Erzählung des eigenen Lebens oder eines größeren Teils daraus und der Geschichte der eigenen Persönlichkeit“.[12] Befragt man die verschiedenen Gattungstheoretiker der Autobiographie, finden sich wenige Gemeinsamkeiten in den einzelnen Definitionen. Je nach Alter der Theorie bzw. Theorieposition können die Definitionen erheblich voneinander abweichen. So schreibt Georg Misch:

„Die Selbstbiographie ist keine Literaturgattung wie die andern. Ihre Grenzen sind fließender und lassen sich nicht von außen festhalten und nach der Form bestimmen, wie bei Lyrik, Epos oder Drama, die bei aller zeitlichen, nationalen und individuellen Vielgestaltigkeit der Schöpfung doch in der Form einheitlich entfalten (...).“[13]

Um den Begriff für diese Arbeit dennoch einordnen zu können, werden nachfolgend ein kurzer Abriss über die Geschichte des Begriffes und auch einige dazugehörige Gattungstheorien vorgestellt. Da die Tradition sowohl der Geschichte der Autobiographie als auch der Gattungstheorien eine sehr lange ist, werden nur die für diese Arbeit wesentlichen Punkte skizziert.

2.4.1 Geschichte und Entwicklung

Seinen Ursprung hat der Begriff Autobiographie aus dem Griechischen, wo autós selbst, bios Leben und gráphen schreiben bedeutet. So nennt Jean Paul Sartre seine Autobiographie auch Selberlebensbeschreibung.[14] Der Begriff setzt sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch und löst damit den Begriff der Memoiren, der synonym verwendet wurde, ab. Die Beschreibungen des eigenen Lebens finden sich dagegen bereits in der Antike wie bei Platon oder Caesar. Die Confessiones von Augustinus (354- 430) stellen einen Meilenstein in der Gattung der Autobiographie dar. „Sie begründen die Tradition einer radikalen Selbstreflexivität des Ich“[15] und prägen die religiös motivierte Selbsterforschung. Die Autobiographie handelt vom Bekenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und der Bekehrung des Autors zum christlichen Glauben. Augustinus betont zudem die Bedeutung des Gedächtnisses für die Autobiographie.

Weitere die Gattung bestimmende Autobiographien entstammen dem 18. und 19. Jahrhundert. Gemeint sind die viel zitierten Confessions von Rousseau (1782 – 1789) und Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1811 – 1832). Auch wenn sich Rousseau in seinem Titel bewusst auf Augustinus bezieht, so hat seine Autobiographie primär kein religiöses Motiv, sondern stellt eine psychologische Selbstdarstellung seiner Persönlichkeit dar. Seine Bekenntnisse schildern die Entwicklung seiner Person und tragen damit wesentlich zur Entstehung moderner Autobiographik bei.

Goethes Autobiographie entsteht im Zeitalter einer Hochkonjunktur des autobiographischen Schreibens in Europa. Jedoch wird gerade Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit durch den universalistischen Anspruch ein Vorbild für viele nachfolgende Autobioraphien und als gattungsbestimmend angesehen. Wie der Titel schon erahnen lässt, fiktionalisiert Goethe seine Erinnerungen teilweise, aber stets um dadurch die echte Wahrheit darzustellen. Goethe kommentiert es an den König Ludwig I. von Bayern so, dass es sein „ernstetes Bestreben” sei,

[...]


[1] Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, Stuttgart 1999, S. 555. (Mein Leben von Reich-Ranicki wird im Folgenden zitiert unter Verwendung der Sigle ML und der Seitenangabe).

[2] Martina Wagner- Egelhaaf: Autobiographie, Stuttgart/Weimar 2000, S. 1.

[3] Vgl.: Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft, Berlin 2001, S. 187.

[4] AB: Fiktion/Fiktionalität, In: Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie, vierte Aufl., hg. von Ansgar Nünning, Stuttgart / Weimar 2008, S. 201.

[5] Ebd., S. 201.

[6] Jürgen Lehmann: Autobiographie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 1: A-G, hg. von Klaus Weimar, Berlin / New York 1997, S. 169.

[7] Bernd Neumann: Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie, Frankfurt a.M. 1970, S. 11.

[8] Vgl. Georg Misch: Geschichte der Autobiographie, Bd. 1,1. Frankfurt a.M. 1976, S. 9.

[9] Neumann: Identität und Rollenzwang, S. 13.

[10] HSM: Autobiographischer Roman. In: Metzler Lexikon Literatur, dritte Aufl., hg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff, Stuttgart / Weimar 2007, S. 58.

[11] Esther Kraus: Autobiographie. In: Handbuch der literarischen Gattungen, hg. von Dieter Lamping, Stuttgart 2009, S. 30.

[12] HSM: Autobiographie. In: Metzler Lexikon Literatur, S. 58.

[13] Georg Misch: Geschichte der Autobiographie, S. 6.

[14] Vgl.: HSM: Autobiographie. In: Metzler Lexikon Literatur, S. 58.

[15] Ebd., S. 58.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Marcel Reich-Ranickis "Mein Leben" – eine zeitgenössische Autobiographie nach dem Vorbild Lejeunes?
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Haupseminar Fiktionalität
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
25
Katalognummer
V190806
ISBN (eBook)
9783656153900
ISBN (Buch)
9783656154327
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mein Leben, Reich-Ranicki, Autobiographie, Lejeune, Philippe Lejeune, Autofiktion, Memoiren, Autobiographischer Roman, autobiographischer Pakt, Wagner-Egelhaaf, Gattungstheorie
Arbeit zitieren
Olga Heckmann (Autor), 2012, Marcel Reich-Ranickis "Mein Leben" – eine zeitgenössische Autobiographie nach dem Vorbild Lejeunes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190806

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