Im Jahr 1999 erschien Marcel Reich-Ranickis Autobiographie Mein Leben als der 1920 in Polen geborene deutsche Literaturkritiker bereits 79 Jahre alt war. Lange hat er sich dagegen gesträubt, sein eigenes Leben abzufassen. Nicht zuletzt wegen eines gewissen Misstrauens der Gattung gegenüber, aber auch um die Erlebnisse im Warschauer Ghetto nicht „noch einmal in Gedanken erleben“ zu müssen.
Die Autobiographie Marcel Reich-Ranickis kann man unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Zum einen schildert sie seine Kindheits- bzw. Jugenderinnerungen an den Krieg und lässt sich als historisches Zeugnis und auch als Zeugnis historischer Krisenerfahrung betrachten. Zum anderen lässt sie sich den deutschsprachigen jüdischen Autobiographien im 20. Jahrhundert zuordnen und bietet somit einen besonderen Untersuchungsgegenstand dieser Gattung. Eine andere Lesart von Mein Leben ist es, diese Autobiographie als „literarisches Kunstwerk“ zu betrachten, da sie in oft unterhaltendem und fesselndem Sprachstil Episoden von Verfolgung, Liebe und Freundschaft schildert.
Diese Arbeit beschäftigt sich jedoch damit, Reich-Ranickis Autobiographie mit Hilfe der rezeptionsästhetischen Gattungstheorie zu untersuchen, um die Frage beantworten zu können, ob es Marcel Reich-Ranicki tatsächlich gelungen ist, eine moderne Autobiographie ganz im Sinne von Lejeunes autobiographischem Pakt ohne Fragmentarisierung, Fiktionalisierung und mit eindeutigem Referenzbezug zu schreiben.
Dazu wird zunächst die Definition einschlägiger Begriffe versucht. Berücksichtigung dabei finden sowohl die Abgrenzung zu relevanten gattungsnahen Formen der literarischen Selbstdarstellung als auch die Entwicklung der Gattung Autobiographie und die Gattungstheorien, die diese Entwicklung thematisieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmung
2.1 referentiell, fiktiv, fiktional
2.2 Memoiren
2.3 Autobiographischer Roman
2.4 Autobiographie
2.4.1 Geschichte und Entwicklung
2.4.2 Gattungstheorie
2.5 Autofiktion
3. Reich-Ranickis Mein Leben
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“ anhand der rezeptionsästhetischen Gattungstheorie von Philippe Lejeune. Ziel ist es zu analysieren, ob es dem Autor gelungen ist, eine moderne Autobiographie im Sinne des „autobiographischen Paktes“ zu verfassen, ohne dabei den Anforderungen an eine referenzielle und chronologische Darstellung des eigenen Lebens zu widersprechen.
- Grundlagen der Gattungsdefinition (Referentialität, Fiktion, Autofiktion)
- Historische Entwicklung und Theorie der Autobiographie
- Anwendung des Lejeun’schen „autobiographischen Paktes“ auf „Mein Leben“
- Vergleich der Gattungsvorgaben mit der tatsächlichen Erzählweise Reich-Ranickis
- Diskurs über moderne vs. traditionelle autobiographische Schreibweisen
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Geschichte und Entwicklung
Seinen Ursprung hat der Begriff Autobiographie aus dem Griechischen, wo autós selbst, bios Leben und gráphen schreiben bedeutet. So nennt Jean Paul Sartre seine Autobiographie auch Selberlebensbeschreibung. Der Begriff setzt sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch und löst damit den Begriff der Memoiren, der synonym verwendet wurde, ab. Die Beschreibungen des eigenen Lebens finden sich dagegen bereits in der Antike wie bei Platon oder Caesar. Die Confessiones von Augustinus (354- 430) stellen einen Meilenstein in der Gattung der Autobiographie dar. „Sie begründen die Tradition einer radikalen Selbstreflexivität des Ich“ und prägen die religiös motivierte Selbsterforschung. Die Autobiographie handelt vom Bekenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und der Bekehrung des Autors zum christlichen Glauben. Augustinus betont zudem die Bedeutung des Gedächtnisses für die Autobiographie.
Weitere die Gattung bestimmende Autobiographien entstammen dem 18. und 19. Jahrhundert. Gemeint sind die viel zitierten Confessions von Rousseau (1782 – 1789) und Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1811 – 1832). Auch wenn sich Rousseau in seinem Titel bewusst auf Augustinus bezieht, so hat seine Autobiographie primär kein religiöses Motiv, sondern stellt eine psychologische Selbstdarstellung seiner Persönlichkeit dar. Seine Bekenntnisse schildern die Entwicklung seiner Person und tragen damit wesentlich zur Entstehung moderner Autobiographik bei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Untersuchungsgegenstands „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich des autobiographischen Paktes nach Lejeune.
2. Begriffsbestimmung: Theoretische Abgrenzung der Autobiographie von verwandten Gattungen wie Memoiren, Roman und Autofiktion sowie Erläuterung der Gattungstheorien.
3. Reich-Ranickis Mein Leben: Praktische Analyse der Autobiographie von Reich-Ranicki unter Anwendung der Kriterien von Philippe Lejeune und Vergleich mit zeitgenössischen Ansätzen.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass Reich-Ranicki trotz poststrukturalistischer Gegenströmungen an einer konventionellen, auf dem autobiographischen Pakt basierenden Form festhält.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Autobiographie, Mein Leben, Marcel Reich-Ranicki, Philippe Lejeune, autobiographischer Pakt, Gattungstheorie, Referentialität, Fiktionalität, Memoiren, Autofiktion, Literaturwissenschaft, Identität, Erzähler, Selbstdarstellung, Erinnerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Autobiographie „Mein Leben“ des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki hinsichtlich ihrer formalen und inhaltlichen Gattungsmerkmale.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Gattungstheorie der Autobiographie, der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion sowie die Frage, wie ein Autor sein Leben authentisch und für den Leser nachvollziehbar dokumentieren kann.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Reich-Ranickis Werk als klassische Autobiographie nach dem Vorbild des „autobiographischen Paktes“ von Philippe Lejeune eingestuft werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine rezeptionsästhetische Analyse durchgeführt, die Reich-Ranickis Text explizit an den Kriterien von Lejeune misst und mit anderen theoretischen Ansätzen (z.B. von Wagner-Egelhaaf) vergleicht.
Was umfasst der Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition der relevanten Begriffe und eine darauf folgende Anwendung dieser Theorie auf das Werk von Reich-Ranicki, inklusive einer kritischen Würdigung seiner erzählerischen Entscheidungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie autobiographischer Pakt, Referentialität, Fiktionalität und die Abgrenzung zur Gattung der Memoiren geprägt.
Warum hält Reich-Ranicki an traditionellen Erzählformen fest?
Laut der Arbeit resultiert dies aus seiner Skepsis gegenüber experimentellen, fragmentierenden Formen und seinem Wunsch, die Literatur durch Klarheit und Intensität der Kommunikation dem Leser zugänglich zu machen.
Wie geht die Arbeit mit dem Wahrheitsbegriff um?
Die Arbeit beleuchtet den Wahrheitsbegriff als ein Spannungsfeld zwischen tatsächlichem Erlebten, der Notwendigkeit von Auslassungen und dem Anspruch des Autors an Aufrichtigkeit ohne Exhibitionismus.
- Arbeit zitieren
- Olga Heckmann (Autor:in), 2012, Marcel Reich-Ranickis "Mein Leben" – eine zeitgenössische Autobiographie nach dem Vorbild Lejeunes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190806