Psychoanalyse und literarische Moderne

Bundesgenossenschaft und Doppelgängerscheu


Seminararbeit, 2010
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Zur Beziehungskonstellation von Psychoanalyse und literarischer Moderne

3. Die Literarisierung der Psychoanalyse
3.1. Von Krankengeschichten, die wie Novellen zu lesen sind
3.2 Visualisierung und Legitimierung der Psychoanalyse anhand literarischer Fallgeschichten

4. Die Verwissenschaftlichung des literarischen Diskurses der Moderne
4.1 Literarische Adaptionen der Psychoanalyse
4.2 Die psychoanalytische Dichter-Theorie
4.3 Psychoanalytische Literaturinterpretation

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. Einführung

Das Verhältnis von Literatur und Psychoanalyse in der literarischen Moderne zu untersuchen, bedeutet den Blick auf ein Forschungsfeld zu richten, das durch mannigfache Widersprüche, Analogien und Wechselwirkungen geprägt ist. Bereits ein flüchtiges Betrachten lässt die Un- terschiede der Disziplinen deutlich hervortreten: So bildet die Literatur eine Ausdruckform der Schönen Künste, während die Psychoanalyse sich als gestandene Naturwissenschaft prä- sentiert. Doch wiewohl Wesen und Arbeitsweise der beiden Disziplinen von großer Diver- genz sind, so befinden sich Literatur und Psychoanalyse dennoch seit jeher in einer Spiegel- beziehung. Beide Ansätze bearbeiten das selbige Themenfeld - die menschliche Psyche - und erzeugen, wenn auch auf verschiedene Weise, die nämlichen Ergebnisse.1 Resultat der beson- deren Beziehung der Disziplinen ist die Ambivalenz von Bewunderung und Doppelgänger- scheu für das Spiegel-Ich: Denn so wie die Beziehung in einer konstruktiven Bundesgenos- senschaft münden kann, so vermag sie ebenso Verwirrungen und Streitigkeiten im Urheber- recht der Erkenntnisse zu erzeugen.

Tatsache ist, die frühe Moderne ist voller Berührungspunkte und Korrelationen der beiden Richtungen, so dass unzweifelhaft postuliert werden kann, dass eine jede ohne den Einfluss der anderen nicht die selbige wäre. Die hiesige Arbeit nimmt sich zum Ziel, das Beziehungsgeflecht von Literatur und Psychoanalyse zu eruieren. Hierbei folgt sie der Kernthese Thomas Anz’, dass eine Verwissenschaftlichung des literarischen modernen Diskurses und eine analoge Literarisierung der Wissenschaft die Symptomatik dieser Wechselwirkung bilden.2 Anhand dieser zwei Grundtendenzen werden in der Folge die konkreten Einzelentwicklungen, die sich in dem Forschungsfeld ereigneten, nachvollzogen. Dabei bilden sie gleichsam Ausgangspunkt, Rahmen und formales Gerüst der Arbeit.

2. Zur Beziehungskonstellation von Psychoanalyse und literarischer Mo- derne

Ausgangpunkt des ambivalenten Beziehungsgeflechts zwischen Psychoanalyse und literari- scher Moderne bilden die kultur- und diskursgeschichtlichen Rahmenbedingungen um 1900. In jener Zeit setzte sich in der Literatur eine Tendenz zu Introversion und Seelenkundigkeit durch, welche durch den Naturalismus und den von der vorfreudianischen Psychiatrie abgelei- teten Kult um Krankheit und Nervenleiden bedingt wurde.3 Die Psychiatrie gewann für die zeitgenössischen Literaten an Bedeutung, konnte sie doch einer nachromantischen Generation die erstrebte Wissenschaftlichkeit bei der der Erkundung des Inneren gewähren. Dienlich er- wies sich hierbei insbesondere die Psychoanalyse samt ihrer Instrumentarien, welche neue Möglichkeiten der Menschendarstellung gestatteten. Während innerhalb der literarischen Be- wegung der Moderne die Tendenz hin zu einer Verwissenschaftlichung der Poesie zu konsta- tieren war, antworte die Psychoanalyse ihrerseits mit einer Literarisierung der Psychiatrie. So näherte sich die Psychoanalyse den Erkenntnisqualitäten der Kunst und Literatur an, um die menschliche Psyche zu ergründen und widerrief auf diese Weise die hermetische Grenze zwi- schen Natur- und Geisteswissenschaften, die Wilhelm Dilthey im 19. Jahrhundert postulierte.4

Literarische Moderne und Psychoanalyse verband neben dem Rückgriff auf Methodiken der benachbarten Disziplin fernerhin das selbige Themenfeld. Sie reagierten analog und in wech- selseitiger Abhängigkeit auf gravierende Identitätsprobleme des modernen Subjekts ange- sichts heterogener, schwer zu integrierender Ansprüche der sozialen Umwelt und der eigenen Natur in stark ausdifferenzierten Gesellschaften.5 Um die Zerrissenheit des Individuums zu visualisieren und die Äußerungsformen des Unbewussten darzustellen, verwendeten beide Disziplinen hierfür die gleichen Äußerungsformen wie Nacht- und Tagträume, individuelle Wahn- oder kollektive Phantasiebildungen, Fehlleistungen oder Symptombildungen.6

Wiewohl das gemeinsame Themenfeld und die analogen Darstellungsformen einerseits zu Kooperationen und Bewunderungsbekundungen zwischen Literaten und Psychoanalytikern führten, bewirkten sie gleichermaßen Konkurrenz und die Notwendigkeit, das eigene Terrain von dem Konkurrenten abzugrenzen.7 So attestierte Sigmund Freud den Dichtern „[w]ertvolle Bundesgenossen“ der Psychologen zu sein, welche „eine Menge von Dingen zwischen Him- mel und Erde zu wissen [pflegen], von denen sich unsere Schulweisheit doch nichts träumen lässt“8. Zugleich wurde der Psychoanalytiker nicht müde, die Funktionsunterschiede der An- sätze zu betonen, die Prioritätsstreitigkeiten überwinden und als Legitimationsstrategie der Psychoanalyse dienen sollten.9 In einem Brief an den Dramatiker und Mediziner Arthur Schnitzler verfasste Freud folgende Zeilen, welche - wiewohl sie lobend und bewundernd anmuten - der Psychoanalyse implizit einen höheren Rang zubilligen, indem die Erkenntnisse der Literatur als unbewusste und intuitive Einsichten beschrieben werden:10 "So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrneh- mung - alles das wissen, was ich in mühseliger Weise an anderen Menschen aufgedeckt ha- be."11 Gemäß Freud bedienen sich Literaten nicht nur anderer Mittel der Seelenerkundung, sondern haben fernerhin ein eingeschränktes Handlungsfeld. Das Engagement der literari- schen Moderne an psychopathologischen Stoffen wies der Psychoanalytiker brüsk zurück.12 Dergestalt lehnte er gerade jenen Figurentypus ab, der für die Strömung der literarische Mo- derne wie Surrrealismus und Expressionismus als geradezu bezeichnend galt und signalisierte seinen Widerwillen zur Kooperation mit der literarischen Moderne.13

Ähnlich ambivalent zeigte sich das Verhalten der Literaten. Seit Anbeginn des psychoanalyti- schen Paradigmas zeigte sich die Mehrzahl der zeitgenössischen Dichter an der Psychoanaly- se interessiert.14 Einflussreiche Autoren der Moderne wie Schnitzler, Hofmannsthal, Kraus, Thomas Mann, Hesse, Musil, Kafka und Döblin haben sich euphorisch oder kritisch mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt und psychoanalytisches Wissen in ihren Werken verarbei- tet. Hesse, Broch, Zweig und Musil ließen sich gar psychoanalytisch behandeln, um Arbeits- störungen zu beheben und verzeichneten partiell auch Erfolgserlebnisse, die sich in neuen Kreativitätsflüssen manifestierten.15 Der Hoffnung auf den Erhalt produktiver Anstöße für das Schreiben stand indes eine latente Bedrohung gegenüber: die rigorose psychoanalytische Kunstinterpretation.16 So konnte jeder Autor unwillentlich mit seinen Werken zu einem Un- tersuchungsobjekt eines Psychoanalytikers erklärt werden und wäre in der Folge „unvermö- gend [,] [s]ich gegen Interpretationen der vagsten Art zu wehren […], wenn morgen ein Freu- dianer [s]eine sämtlichen Arbeiten bis aufs I-tüpferl als infantil-erotische Hallucination ‘er- kenn[e]’“17. Eben jener vaterähnliche Überlegenheitsanspruch der Psychoanalytiker und die implizite Degradierung der Autoren zu neurotischen, bewusstseinsmäßig unterlegenen Patienten stellte ein permanentes Konfliktpotential dar und bildete die Motivation für mannigfache Literaten, sich von der Psychoanalyse zu distanzieren.18

3. Die Literarisierung der Psychoanalyse

3.1 Von Krankengeschichten, die wie Novellen zu lesen sind

Wiewohl Sigmund Freud bemüht war, die Divergenz der Methodiken von Literatur und Psy- choanalyse zu betonen, ist zu konstatieren, dass er selbst geneigt war, sich der Verfahren der Literatur zu bedienen, um die Analysefähigkeiten der eigenen Methodik zu vervollkommnen. Während die zeitgenössischen Fachkollegen Freuds einen rein naturwissenschaftlichen Um- gang mit den Phänomenen des Lebens, der Psyche und den entsprechenden physiologischen Theorien und Therapien beschieden und sich in der medizinischen Anamnese auf die Schilde- rung des Typus und des Verlaufs der Phänomene beschränkten, skizzierte Freud in seinen Krankengeschichten die Erlebensgeschichte der Patienten und suchte sich ihnen in seiner kli- nischen Praxis mittels einem ‚dichterischen’ Verstehen anzunähern.19 Als Zielsetzung galt dem Psychoanalytiker dabei nicht etwa die Objektivität der lebensgeschichtlichen Fakten zu eruieren, sondern das subjektive Erleben des Patienten zu fassen. Die Methodik Freuds wies insofern eine interpretatorische Komponente auf, die für naturwissenschaftliche Arbeiten die- ser Zeit geradezu außergewöhnlich war.

Freud selbst war sich der Besonderheit seines Vorgehens durchaus bewusst. Er hegte ambivalente Empfindungen für den zugleich reizvollen und wissenschaftlich fragwürdigen Ansatz der Beschäftigung mit der menschlichen Psyche und äußerte sich gleichsam skeptisch sowie rechtfertigend über den eher literarisch denn wissenschaftlich anmutenden Stil:

Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. Ich muß mich damit trösten, daß für dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe; Lokaldiagnos- tik und elektrische Reaktionen kommen bei dem Studium der Hysterie eben nicht zur Geltung, während eine eingehende Darstellung der seelischen Vorgänge, wie man sie vom Dichter zu erhalten gewohnt ist, mir gestattet, bei Anwendung einiger weniger psychologischer Formeln doch eine Art von Einsicht in den Hergang einer Hysterie zu gewinnen.20

Obgleich Sigmund Freud stets dem Denkmodell der Naturwissenschaften verhaftet blieb und darauf hoffte, dass einst eine physiko-physiologische Erklärung des Psychischen möglich sei, musste er sich vorerst mit der psychoanalytischen Technik begnügen, die sich literarisch- hermeneutischer Strategien bediente.21 Das Scheitern der herkömmlichen Methoden ver- dammte den Mediziner dazu, die Patienten durch lebensgeschichtlich gewendete Analyse und methodisch in Gang gesetzte Selbstreflexion - entsprechend eines hermeneutischen Prozesses der Sinnfindung - zu therapieren. Resultat dieses innovativen Ansatzes war, dass die traditionelle Form der Krankengeschichte literarisiert wurde, indem sich die Psychoanalyse durch ihre narrativen Darstellungen von Lebens- und Krankengeschichten selbst der Literatur annäherte.22 Auf diese Weise schuf der Begründer der Psychoanalyse - um es mit den Worten Robert Musils zu sagen - „psychologische Arbeiten, die wie Dichtungen“ erscheinen und „die von einer wunderbaren Eindringlichkeit sind“23.

Sigmund Freuds literarische Leistungen wurden schließlich auch von einem Großteil der zeitgenössischen Geisteswissenschaftler gewürdigt, wie die Verleihung des Goethe-Preis der Stadt Frankfurt an den Arzt im Jahre 1930 dokumentiert. So erhielt der Begründer der Psychoanalyse die Auszeichnung für dessen sprachliche Meisterschaft und die Fähigkeit, neue Begriffe zu schaffen und sich Metaphern anderer Disziplinen zu bedienen, um die klinisch gewonnenen Erfahrungen erstmals sprachlich zu strukturieren.24 Das schöpferische Wirken Sigmund Freuds stünde insofern im Andenken Goethes, zumal der Wissenschaftler die Versprachlichung des Affekts im Kontext einer dialogisch-therapeutischen Beziehung sowie die Vermenschlichung der animalischen Triebnatur ermöglicht habe.

Just diese Fähigkeit des Begründer der Psychoanalyse, die streng naturwissenschaftliche Me- thodik mit dem hermeneutischen Ansatz zu koppeln und sich gleichsam als Gelehrter und Sprachschöpfer zu bewähren, bildet die Ursache, dass der Wissenschaftler noch heute als nachahmungswürdiges Beispiel für gekonnte wissenschaftliche Prosa gilt. In Gedenken an das Werk des Wissenschaftlers verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt denn auch seit 1964 einen Sigmund-Freud-Preis für gelehrte Prosa an jene, denen es gelingt entsprechend Freud komplexe Sachverhalte in eine federnd leichte Sprache zu transformieren und wissenschaftliche Inhalte um literarische Elemente anzureichern, die der- gestalt besonders eingängig erscheinen.25

[...]


1 Vgl. Freud 1995 S. 122f.

2 Vgl. Anz 2006 S. 22

3 Vgl. Worbs 1983 8f.

4 Vgl. Anz 2006 S. 21f.

5 Vgl. Anz 1995 S. 317

6 Vgl. Anz 1997 S. 389

7 Vgl. Anz 2006 S. 22f.

8 Freud 1995 S. 48

9 Vgl. Anz 1997 S. 391

10 Vgl. Anz 2008 S. 195

11 Freud 1980b S. 249f.

12 Vgl. die Freudsche Schrift „Psychopathische Personen auf der Bühne“ (Freud 1993a)

13 Vgl. Anz 1997 S. 390

14 Vgl. Cremerius 2003 S. 18

15 Vgl. Anz 1997 S. 393

16 Vgl. Anz 2006 S. 23

17 Hoffmansthal; Haas 1968 S. 47

18 Vgl. Anz 1997 S. 392f.

19 Vgl. Wasser 1995 S. 97

20 Freud; Breuer 1970 S. 131 (Hervorhebungen durch die Autorin)

21 Vgl. Worbs 1983 S. 70-86

22 Vgl. Anz 2006 S. 22

23 Musil zit. n, Corino 1973 S. 180

24 Vgl. Nietzschke 1997 S. 140

25 Vgl. Schönau 2006 S. 250

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Psychoanalyse und literarische Moderne
Untertitel
Bundesgenossenschaft und Doppelgängerscheu
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Kulturelle Moderne I
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V190821
ISBN (eBook)
9783656153863
ISBN (Buch)
9783656154310
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sigmund Freud, psychoanalytische Literaturinterpretation, psychoanalytische Literaturwissenschaft, Nervenkunst, Worms, Anz, Dichtertheorie, Jensen, Gradiva, Traumdeutung
Arbeit zitieren
M.A. Laura Dorfer (Autor), 2010, Psychoanalyse und literarische Moderne , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190821

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