Nachhaltigkeit und Logistik

Ein neo-institutionalistisch fundierter Überblick zum aktuellen Stand


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
33 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Der Neo-Institutionalismus
2.1 Die theoretischen Grundpositionen und Definitionen des Neo-Institutionalismus
2.1.1 Der Neo-Institutionalismus als makrosoziologische Theorie
2.1.2 Der Neo-Institutionalismus als „open-system“ Ansatz
2.1.3 Der Neo-Institutionalismus als Theorie der strukturellen Vereinheitlichung
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Die Begriffe des NI
2.2.1 Die Organisation im NI
2.2.2 Institution und institutionelle Umwelt im NI
2.2.3 Legitimitat und Isomorphismus im NI
2.2.4 Zusammenfassung

3. Logistik & Nachhaltigkeit
3.1 Definition: Logistik
3.1.1 Ziele der Logistik
3.1.2 Logistik als wissenschaftliche Disziplin
3.2 Nachhaltigkeit
3.2.1 Die wirtschaftliche Bedeutung von Nachhaltigkeit
3.2.2 Die gesellschaftliche Bedeutung von Nachhaltigkeit
3.2.3 Die wissenschaftliche Bedeutung von Nachhaltigkeit

4. Logistik und Nachhaltigkeit: Einordnung in den NI
4.1 Logistik und Nachhaltigkeit
4.2 Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit soil eine Beschreibung der Theorie des Neo-Institutionalismus liefern und diese mit dem Gedanken des nachhaltigen Wirtschaftens in der deutschen Logistikbranche in Zusammenhang bringen. Dabei wird deutlich, dass Nachhaltigkeit in ihrer Dokumentation und operationalen Implementierung in der Logistik unterschiedlich stark ausgepragt ist. Dieses Phanomen wird mithilfe der neo-institutionalistischen Theorie beschrieben und in einen sozialwissenschaftlichen Zusammenhang gestellt. Die Arbeit ist fur diesen Zweck in drei Teile aufgegliedert.

Im ersten Abschnitt der Arbeit werden die neo-institutionalistischen Paradigmen und Grundbegriffe vorgestellt und beschrieben, so wie sie in dieser Arbeit ihre Anwendung finden (Kap. 1&2).

In einem zweiten Schritt werden zwei unterschiedliche Definitionen von Logistik eingefuhrt. Im Anschluss daran wird der Begriff der Nachhaltigkeit in seinen unterschiedlichen Dimensionen prasentiert (Kap. 3).

Im letzten Teil der Arbeit wird der Versuch unternommen, die Entwicklungen in der Logistikbranche in Bezug auf Nachhaltigkeit mithilfe der neo-institutionalistischen Theorie zu beschreiben und die unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb der Branche in das theoretische Konzept einzuordnen (Kap. 4).

Dabei kommt sowohl soziologische Literatur zum Neo-Institutionalismus zur Anwendung, als auch Publikationen zu Logistik und Nachhaltigkeit, sowie Internetquellen zum Dokumentieren der medialen Kommunikation uber das Thema Nachhaltigkeit und unterstutzend zur Beschreibung der Rechtslage in Deutschland in Bezug auf Logistik an einigen Beispielen.

2. Der Neo-Institutionalismus

Die Grundlage dieser Seminararbeit bildet die Theorie des Neo-Institutionalismus (im Folgenden mit NI abgekurzt), ein bedeutender Ansatz der modernen Organisationswissenschaft. Innerhalb des NI finden sich eine Reihe von Begriffen und Paradigmen, mit denen sich organisationales Handeln innerhalb einer Gesellschaft erklaren und verstehen lasst.

Im Folgenden sollen nun zuerst die Grundpositionen der neo-institutionalistischen Theorie erklart werden und dann die zentralen Begriffsdefinitionen gegeben werden, die fur eine weiterfuhrende Analyse der Auseinandersetzung mit nachhaltigen Entwicklungen in der Logistik-Branche notig sind.

2.1 Die theoretischen Grundpositionen und Definitionen des Neo- Institutionalismus

In diesem Kapitel der Arbeit, werden zuerst die Grundpositionen, die theoretischen Grundannahmen des NI vorgestellt, ohne dass eine genaue Definition der Begriffe vorgenommen wird. Die spezifischen Definitionen der Grundbegriffe, wie sie der NI verwendet finden sich im nachsten Kapitel (Kap.2.2) wieder.

Es wird dabei zunachst einmal beschrieben, was den NI als Theorie ausmacht, an welchen Paradigmen er sich orientiert und wie sich dieser Ansatz von anderen Theorien abgrenzt, also zusammengefasst, was die theoretischen Positionen und die Besonderheiten des NI sind.

Bei dieser Theorie-Analyse werden dem NI drei wissenschaftliche Paradigmen zugeordnet, die fur die Theorie, so wie sie in dieser Arbeit zur Anwendung kommt, bedeutsam sind. Es soll zuerst gezeigt werden, dass es sich beim NI, so wie er in dieser Arbeit zur Anwendung kommt, um (1) eine makrosoziologische Theorie handelt, die (2) durch Offenheit und Austausch gepragt ist und (3) zu strukturellen Angleichungsprozessen fuhrt (s. Kap. 2.1.1-2.1.4).

Es wird innerhalb dieser Analyse schnell deutlich, dass die beiden Begriffe ..Organisation" und ..Institution" zu den zentralen Ordnungseinheiten der Theorie gehoren. In welchem Verhaltnis diese Begriffe zueinander stehen, wird im weiteren Verlauf der Arbeit anhand der Begriffsdefinitionen in Kapitel 2.2 aufgezeigt werden. Erganzt werden diese „Kernbegriffe" durch weitere Definitionen, welche die funktionalen Bezuge zwischen Organisationen und ihrer Umwelt beschreiben und sich aus den theoretischen Paradigmen ableiten lassen.

Der NI ist nicht die einzige soziologisch angewandte Theorie oder Methode, die mit den Begriffen .Organisation" und .Institution" arbeitet, jedoch bekommen beide in der neo- institutionalistischen Anwendung eine zentrale, tragende Bedeutung zugesprochen. Daher muss bei der Beschreibung der theoretischen Paradigmen bereits eine kurze Definition vorweggenommen werden, die im weiteren Verlauf jedoch erganzt und ausfuhrlich beschrieben wird.

2.1.1 Der Neo-Institutionalismus als makrosoziologische Theorie

Der NI kann als Theorie in den Organisationswissenschaften, in der Organisationssoziologie und der Okonomie verortet werden und stellt neben dem Rational-Choice-Modell vor allem in der US amerikanischen Wissenschaft die bedeutendste Theorie in der Beschreibung von Struktur und Prozessen von Organisationen innerhalb einer Gesellschaft dar.[1] Der NI, wie bereits sein Name nahe legt, misst dabei den Institutionen eine entscheidende Bedeutung zu, wenn es darum geht soziales Handeln, genauer gesagt, soziales Handeln innerhalb von Organisationen zu beschreiben und zu verstehen[2].

Der NI fuhrt hierfur einen spezifischen Institutionsbegriff ein, der im Kapitel 2.2 ausfuhrlich besprochen werden soll, es kann jedoch festgehalten und vorweggenommen werden, dass unter dem Begriff der Institution eine Fulle von Regeln, Normen und Erwartungen verstanden werden kann, an denen sich organisationales Handeln orientiert und auch selbstverstandlich und „quasiautomatisch" ablaufende Prozesse, die dem organisationalem Handeln zu Grunde liegen.

Der Gesellschaftsbegriff, der im NI in der organisationssoziologischen Anwendung verwendet wird, hebt sich deutlich von anderen soziologischen Definitionen von Gesellschaft ab. In der Logik des NI wird die Gesellschaft als „ein Gefuge von Institutionen begriffen, und es sind die Institutionen der Gesellschaft welche (...) das organisationale Handeln bestimmen." Der NI zeichnet sich auch durch einen „expliziten Skeptizismus gegenuber atomistischen Handlungsmodellen"[3] aus: Eine Gesellschaft beeinflusst das Handeln ihrer Organisationen; keine Organisation handelt ausschliesslich autonom und eigenstandig, sondern ist einer Vielzahl externen Einflussen ausgesetzt, die auf sie wirken und die ihr Handeln lenken.

„Handeln ist nicht nur Ergebnis individueller Entscheidungsfindung, sondern auch bedingt durch institutionelle Rahmenbedingungen"[4]

Durch die Annahme, dass individuelles menschliches Handeln die Strukturen und Prozesse von Organisationen nicht hinreichend erklaren kann, reiht sich der NI, so wie er in dieser Arbeit zur Anwendung kommt, in die Tradition der makrosoziologischen Theorien ein.

Unter einer makrosoziologischen Theorie versteht man den „Teilbereich soziologischer Forschung, der sich mit den Strukturen oder GesetzmaBigkeiten des Aufbaus, der Entwicklung, Veranderung und gegenseitiger EinfluBnahme von groBeren sozialen Gebilden, gesellschaftlichen und kollektiven Prozessen befaBt. Die Makrosoziologie untersucht z.B. Verbande, Organisationen, Parteien, Betriebe, Kirchen (...) als relativ stabile und institutionalisierte soziale Systeme."[5] Aus dieser Makro-Perspektive konnen Organisationen, organisationales Handeln und Veranderungen von organisationalen Praktiken analysiert werden, ohne dabei das Handeln einzelner Personen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.

Es kann also Folgendes festgehalten werden:

Der NI, so wie er in dieser Arbeit zum Einsatz kommt, kann als makrosoziologische Theorie wahrgenommen werden, die es zum Ziel hat, das Verhaltnis zwischen der Gesellschaft ihren Institutionen und ihren Organisationen zu erklaren. Im Kern geht es darum, die Wechselbeziehungen zwischen Organisationen und ihrer institutionellen Umwelt zu beschreiben und zu analysieren, wie diese Beziehungen die Strukturen und Operationen von Organisationen pragen. Im Kern geht es dem NI also um die „ institutionelle, multikausale und multikontextuelle Einbettung von Organisationen in die Gesellschaft"[6]

Um die Grenze zur Theorie mittlerer Reichweite, also der Meso-Perspektive des NI, zu ziehen, sei noch einmal betont, dass durch die Einbeziehung des gesellschaftlichen Systems in die theoretischen Uberlegungen, eine Makro-Perspektive eroffnet wird. Wurden nur die Organisationen und ihrer Beziehungen untereinander betrachtet, konnte von einer meso- soziologischen Dimension gesprochen werden.

Der NI ist also keine reine Gesellschaftstheorie, sondern fallt vielmehr in das Feld der Organisationswissenschaft[7], wo er Organisationen, ihre Praktiken und deren Veranderungen beschreibt.

2.1.2 Der Neo-Institutionalismusals „open-system"Ansatz

Der NI fragt, wie bereits beschrieben, nach den Organisationen innerhalb einer gesellschaftlichen Entitat, nach ihren Strukturen und Operationsweisen. Fur den NI gilt es also, die Organisationen einer Gesellschaft zu identifizieren und anschliessend in ihrem Aufbau und ihren Operationen zu analysieren. Es ist jedoch auch deutlich herausgestellt worden, dass es bei Veranderungen im Bezug auf die Struktur oder die Praktiken einer Organisation im NI darum geht, dem individuellen Handeln einzelner Akteure innerhalb der Organisation keine hohe Bedeutung zuzumessen, sondern vielmehr zu verstehen, dass es auBere Einflusse gibt, die auf organisationales Handeln wirken.

Dabei betrachtet der NI Organisationen nicht als abgeschlossene, autonome Einheiten, die in ihren organisationalen Operationen losgelost von jeglichem Kontext eigenstandig agieren, sondern immer als eingebettet in eine Gesellschaft, die auf die Prozesse und die Struktur der Organisationen einwirkt und diese entscheidend pragt. Somit zeichnet sich der NI im Gegensatz zu anderen makrosoziologischen Theorien vornehmlich dadurch aus, dass er die Organisationen einer Gesellschaft in ihrer Struktur und ihren Operationen als offen fur auBere Einflusse ansieht im Gegensatz zu diesem offenen Ansatz betrachtet z.B. die soziologische Systemtheorie die Ordnungseinheiten einer Gesellschaft als weitgehend geschlossene Systeme, die dazu tendieren ihre „Ordnung des Handelns gegenuber der Umwelt relativ einfach und konstant zu halten."[8]

Der NI kann also als ein „open-system" -Ansatz verstanden werden, da er Organisationen nicht als autonome Einheiten beschreibt oder die internen Strukturen, Personen und Operationen einer Organisation ins Zentrum seiner Beobachtung stellt, sondern vielmehr das Verhaltnis zwischen Organisationen und deren Umwelt untersucht.[9]

2.1.3 Der Neo-Institutionalismus als Theorie der strukturellen Vereinheitlichung

Im Gegensatz zu anderen theoretischen Ansatzen betont der NI, dass die grundsatzliche Offenheit der Organisationen gegenuber auBeren Einflussen dazu fuhrt, dass sich Organisation in ihrer Struktur und in ihren Operationen potentiell verandern konnen und dies auch zu beobachten ist. Organisationen sind keine starren, unveranderbaren Gebilde, die aus ihrer eigenen inneren Logik heraus ihr Fortbestehen sichern, sondern sie sind einem stetigen Wandlungsprozess ausgesetzt, der sich durch den Austausch mit ihrer Umwelt ergibt.

Dieser Wandlungsprozess orientiert sich an den Anforderungen und Gegebenheiten der institutionellen Umwelt der Organisation. Da sich diese Anforderungen und Gegebenheiten aber nicht ausschliesslich nur auf eine einzelne Organisation auswirken, sondern eine Vielzahl verschiedener Organisationen betreffen, die sich innerhalb dieser institutionellen Umwelt befinden kommt es zu Prozessen der strukturellen Vereinheitlichung dieser Organisationen: Die Organisationen werden sich ahnlich, in ihrer Struktur und ihren Prozessen tendieren sie dazu, sich einander anzugleichen.[10]

Dies geschieht immer unter Beachtung der Anforderungen, die von auBen an die jeweiligen Organisationen herangetragen werden, also von der institutionellen Umwelt der Organisationen „gefordert" werden; der NI betont weniger die Interessenunterschiede und Konflikte sondern vielmehr die „Bestandigkeit und Homogenitat zwischen Organisationen und ihrem institutionellen Umfeld"[11]

2.1.4 ZUSAMMENFASSUNG

Die neo-institutionalistische Theorie findet in unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen ihre Anwendung und gehort ganz allgemein gesagt zur Organisationswissenschaft, fur diese Arbeit fallt sie in den Bereich der Organisationssoziologie.

Im Zentrum der Theorie stehen Organisationen als grundsatzlich offene und veranderbare Einheiten, die sich an den Anforderungen und Gegebenheiten ihrer Umwelt orientieren und deren organisationales Handeln daher von unterschiedlichen auBeren Einflussen gepragt ist; der NI bezeichnet diese Einflusse als Institutionen („open-system“ Ansatz)

Individuelles Handeln tritt im NI in den Hintergrund, vielmehr ist es das ganzheitliche organisationale Handeln, dass von wissenschaftlichem Interesse ist (Makro-Perspektive), die Veranderungen von Organisationen und die strukturelle Angleichung oder Vereinheitlichung von unterschiedlichen Organisationen, die dem selben institutionellen Umfeld angehoren stehen im Fokus der Betrachtung

Nachdem die allgemeinen Grundzuge und Besonderheiten der neo-institutionalistischen Theorie nun vorgestellt worden sind, werden im nachsten Kapitel die ausfuhrlichen Begriffsdefinitionen eingefuhrt, so wie sie im NI zur Anwendung kommen. Dies ist notwendig, um im nachsten Schritt die Theorie und ihre Begriffe auf die Entwicklungen der Logistik Branche im Bezug auf das Thema CSR zu beschreiben. Einzelne Begriffe, wie z.B. Organisation, Institution oder institutionelle Umwelt wurde schon benannt, jedoch genugt diese Beschreibung noch nicht aus, um die Grundzuge der Theorie des NI hinreichend zu beschreiben und zu verstehen. Erst durch die weiterfuhrende und genauere Definition der Begriffe kann der NI in konkreten Zusammenhangen zur Anwendung gebracht werden.

2.2 Die Begriffe des NI

Die allgemeinen Grundzuge der neo-institutionalistischen Theorie sind in Kapitel 2.1 erortert worden, im nachsten Schritt sollen nun die Begrifflichkeiten, die spezifischen Definitionen, die der NI zur Anwendung bringt, aufgefuhrt werden und es soll deutlich gemacht werden, welchen besonderen Stellenwert sie fur die neo-institutionalistische Theorietradition einnehmen. Dabei wurden in Kapitel 2.1 bereits Begriffe wie Institution, Organisation und institutionelle Umwelt eingefuhrt, aber diese wurden noch nicht ausreichend eingegrenzt und beschrieben. Die vorgestellten, allgemeinen Grundzuge der Theorie fuhren zu weiteren Begriffen, die in der Arbeit mit dem NI von Bedeutung sind.

Im Folgenden soll nun eine Ansammlung von Begriffen vorgestellt werden, die fur die weiteren Arbeitsschritte dieser Seminararbeit von Bedeutung sind: Organisation und das organisationale Feld, Institution, institutionelle Umwelt, sowie Isomorphie und Legitimitat.

2.2.1 Die Organisation im NI

Der Organisationsbegriff ist fur den NI von zentraler Bedeutung. Als organisationswissenschaftlicher Ansatz muss eine genaue Vorstellung davon existieren, was genau unter einer Organisation im NI zu verstehen ist.

Allgemein kann festgehalten werden: Mit dem Begriff ..Organisation" konnen soziale Strukturen bezeichnet werden, „geschaffen von einzelnen in der Absicht, gemeinsam mit anderen bestimmte Ziele zu verfolgen. Nach diesem Verstandnis ergibt sich fur alle Organisationen eine Reihe von gleichgelagerten Problemen. Alle mussen ihre Ziele definieren (und umdefinieren); alle mussen ihre jeweils Beteiligten dazu bringen, gewisse Dienste zu leisten; alle mussen diese Dienste kontrollieren und koordinieren; Geldmittel und Ressourcen mussen beschafft und Produkte oder Dienstleistungen verteilt werden; Mitglieder mussen ausgewahlt, geschult und ersetzt werden.“[12]

Oder kurz: „Eine Organisation kann also ganz allgemein als eine spezifische Form geregelter Kooperation bezeichnet werden“.[13]

Als Beispiele fur Organisationen konnen somit z.B. Wirtschaftsunternehmen, politische Parteien, Kirchen, Stadte oder ganze Staaten angesehen werden.

Der Begriff der Organisation im NI ist, wie es durch seine Definition deutlich wird, weit gefasst und nicht genau festgelegt. Dies eroffnet dem NI in der makrosoziologischen Perspektive die Moglichkeit in vielen unterschiedlichen Bereichen angewandt zu werden.

Fur das Verstandnis des Organisationsbegriffes im NI ist es bedeutend, dass sich eine „Homogenitat der formalen Strukturen in den unterschiedlichsten Organisationstypen wie Schulen, Staaten oder Unternehmen"[14] beobachten lasst. Diese Ahnlichkeit oder Gleichheit in den Ablaufen und der Struktur der unterschiedlichen Organisationen, lasst darauf ruckschliessen, dass diese formalen Strukturen nicht auf innerorganisationale Akteure und Entscheidungsprozesse zuruckgefuhrt werden konnen, „sondern nur durch Rekurs auf institutionalisierte Regeln und Rollen sowie Selbstverstandlichkeitsannahmen"[15] erklart werden konnen. Das bestatigt den bereits angefuhrten „open-system" Ansatz der neo- institutionalistischen Theorie in Bezug auf ihren Organisationsbegriff.

Als Beispiel fur eine solche Angleichung der formalen Strukturen von Organisationen konnen bestimmte Produktionsstandards in Unternehmen (z.B. lean production[16] )angefuhrt werden, die sich schnell in den verschiedensten Unternehmen verbreitet haben. Diese konnen als „Anpassung an auBerhalb der Organisation institutionalisierten Vorstellungen einer effizienten Organisation von Produktionsprozessen"[17] verstanden werden, die uber die Berufsverbande und Beratungsunternehmen in den jeweiligen Branchen verbreitet werden. Diese Angleichungsvorgange werden im weiteren Verlauf dieses Kapitels unter dem Begriff der „Isomorphie" genauer beschrieben.

Um den Begriff der Organisation auszuweiten, ihn zum Beispiel nicht nur auf ein einzelnes Unternehmen innerhalb einer Branche anzuwenden, fuhrt der NI den Begriff des organisationalen Feldes als einen Sammelbegriff ein, der zur „zentralen Analyseeinheit des NI"[18] wird, also zu dem Objekt, auf dem der Fokus des wissenschaftlichen Interesses liegt. Das organisationalen Feld umfasst konkret „sowohl Organisationen, die ahnliche Dienstleistungen oder Produkte anbieten, als auch Kontrollorganisationen, Zulieferer und Konsumenten."[19]

Fur den in dieser Arbeit verwendeten Organisationsbegriff lasst sich festhalten, dass unter Organisationen eine Form der geregelten Kooperation verstanden werden kann, die eine formale Struktur annehmen, welche sich durch die Beziehung zu ihrer institutionellen Umwelt konstituiert und nur durch die Einbettung einer Organisation in eine Gesellschaft, mit Regeln, Normen und Selbstverstandlichkeitsannahmen, erklaren lasst. Das organisationale Feld hebt die einzelne Organisation als Analyseeinheit auf eine Meso-, bzw. Makroebene und verbindet unterschiedliche Organisationen, in oben beschriebener Weise, zu einem Sammelverbund aus Organisationen im selben Feld.

2.2.2 Institution und institutionelle Umwelt im NI

Der Begriff der Institution stellt neben dem der Organisation den wichtigsten Terminus in der Nomenklatur des NI dar. Er findet in der Soziologie haufig Anwendung und kann unter verschiedenen Perspektiven interpretiert und eingesetzt werden. Dies wird auch in der allgemeinen soziologischen Definition deutlich: ..Institution (lat.), »Einrichtung«, soziologisch, uneinheitlich definierter Begriff mit verschiedenem theoretischem Stellenwert"[20]

Daher gilt es, die Besonderheiten des Institutionsbegriffes in der neo-institutionalistische Theorie herauszustellen, der sich von anderen Definitionen unterscheidet. Im NI interessieren „vornehmlich jene Institutionen der Gesellschaft, welche das organisationale Geschehen entscheidend beeinflussen."[21] Es handelt sich um „soziale Regeln (...), die organisationale Prozesse in zeitlicher Perspektive dauerhaft (...), in sozialer Hinsicht verbindlich (...) und in sachlicher Hinsicht maKgeblich (...) beeinflussen.[22]

Diese Definition basiert auf dem Institutionsmodell von Richard Scott, der Institutionen nach ihrer Wirkung unterscheidet und ihnen eine kausale und handlungsregelnde Kraft zuspricht, die sich auf unterschiedliche Arten entfalten kann. Er unterscheidet drei Typen von Institutionen: Regulative, normative und kognitive Institutionen.[23]

Regulative Institutionen

Regulative Institutionen generieren Handlungen durch konkret formulierte Regeln und Gesetze, die eingehalten werden mussen, um entsprechenden negativen Sanktionen bei Nichteinhaltung zu entgehen. Ihre Kraft entfalten diese Institutionen uber Zwang und ihre Befolgung richtet sich nach Kriterien der rationalen Wahl. Als Beispiel fur eine regulative Institution kann der Gesetze erlassene Staat angefuhrt werden.

Normative Institutionen

Normative Institutionen generieren Handlungen durch Normen und Werte, also daruber, welche Handlungen als wunschenswert und gut und welche als abzulehnend und schlecht angesehen werden. Eine Norm stellt im soziologischen Sinn den „Grundbegriff fur allgemeine sozial gultige Regeln des Handelns"[24] dar. Ihre Kraft entfalten diese Institutionen zum einen uber den Grad ihrer Internalisierung, also inwiefern sie fur die Akteure zu eigenen Werten und Normen des Handelns geworden sind, zum anderen uber einen rationalen Entscheidungsprozess, inwiefern das Verhalten des Akteurs mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen und Werten vereinbar ist. Der Kontrollmechanismus dieser Form von Institutionen ist eine moralische, abstrakte Autoritat ohne konkrete legale Sanktionsmittel, wie es sie bei den regulativen Institutionen gibt. Ihre Wirkung ist somit abhangig vom Grad der Internalisierung und vom Erwartungsdruck durch andere Akteure.

[...]


[1] Vgl.: Senge/Hellmann: 2006: 8.

[2] Vgl.: Ebd.

[3] Senge/Hellmann: 2006: 7.

[4] Ebd.

[5] Hillmann: 1994: 507.

[6] Senge/Hellmann: 2006: 8.

[7] Vgl.: Mense-Petermann: 2006: 64.

[8] Hillmann: 1994: 858.

[9] Vgl.: Mense-Petermann: 2006: 63.

[10] Vgl.: Becker-Ritterspach: 2006: 102.

[11] Senge/Hellmann: 2006: 13.

[12] Scott: 1986: 31 in: Senge/Hellmann: 2006: 62.

[13] Gukenbiel 1995 in: Senge/Hellmann: 2006: 62.

[14] Mense-Petermann:2006: 63.

[15] Ebd.

[16] Vgl.: Ebd.

[17] Ebd.

[18] Becker-Ritterspach: 2006:118.

[19] Ebd.

[20] Hillmann: 1994: 375.

[21] Senge: 2006: 35.

[22] Ebd.

[23] Vgl.: Ebd. 38-41.

[24] Hillmann: 1994: 615.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Nachhaltigkeit und Logistik
Untertitel
Ein neo-institutionalistisch fundierter Überblick zum aktuellen Stand
Hochschule
Universität Basel  (Institut für Soziologie )
Veranstaltung
Coroporate Responsibility und Sustainability im Non-Profit Sektor
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V190835
ISBN (eBook)
9783656153825
ISBN (Buch)
9783656154112
Dateigröße
1113 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Logistik, Nachhaltigkeit, Neo Institutionalismus, Organisation, Institution, Legitimität, Isomorphie, Soziologie, Theorie, Organisationssoziologie, Corporate Responsibility, Corporate Sustainability
Arbeit zitieren
Sebastian Sohn (Autor), 2012, Nachhaltigkeit und Logistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190835

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