Soziale Laufbahn nach Bourdieu und das Grundtvig-Programm zur Erwachsenenbildung


Hausarbeit, 2012

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Themenfeld der soziologischen Lebenslaufforschung.

Im Fokus steht, nach Darstellung einiger grundlegender Ansätze der Lebenslaufforschung unter Berücksichtigung des klassischen lebenslauftheoretischen Konzept der Statuspassagen, die Vorstellung der Laufbahnen im sozialen Raum (trajectoires) von Pierre Bourdieu, der zwischen individuellem und kollektivem Lebenslauf unterscheidet und sich damit von der klassischen Lebenslaufforschung abhebt.

Im Mittelpunkt steht die Aussage, das Individuum erhalte aufgrund seiner persönlichen Menge an erworbenem Kapital und seiner damit determinierten Klassen-oder Gruppenzugehörigkeit (z.B. als Inhaber eines bestimmten Berufsabschlusses) einen Spielraum an individuellen Laufbahnen. demgegenüber steht wiederrum ein kollektiver Lebenslauf der Klassen, der dem Individuum innerhalb dieser Klasse vorschreibt, wohin er höchstwahrscheinlich gehen wird, was aus ihm werden kann und was nicht (vgl. Fuchs-Heinritz 2005).

Da Bourdieus Konzept zum Lebenslauf in hohem Maße konträr zur klassischen Lebenslaufforschung oder erst recht zu aktuellen bildungspolitischen Instrumenten zu stehen scheint, sollen zum Schluss in Kürze einige zentrale Punkte des Grundtvig Programms zur Erwachsenenbildung der europäischen Union anhand der theoretischen Sicht Bourdieus diskutiert werden.

Für eine weiterführende Forschung wäre es denkbar, einige neue bildungspolitische Konzepte sowie bereits etablierte, weiterqualifizierende Maßnahmen miteinander zu vergleichen und im Rahmen einer Nutzenanalyse in Form qualitativer Interviews den messbaren Einfluss auf die Lebensverläufe der relevanten Zielgruppen zu erheben.

2. Lebenslaufsoziologie im Überblick

Martin Kohli ist ein Schweizer Soziologe, der unter anderem die „Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf“ an der Freien Universität Berlin 1985 ins Leben rief und diese seitdem leitet. Derzeit lehrt er am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

Kohli stellt die klassischen, objektivierten Attribute der bisherigen Lebenslaufforschung in Frage und fordert eine subjektivere Betrachtung der Lebensläufe mit einem stärkeren Blick auf die Individuen und eine „soziale Konstruktion des Lebenslaufs“ womit der Lebenslauf eine Institution darstellt. Somit wurde 1985 das Buch: „Institutionalisierung des Lebenslaufs“ veröffentlicht, das als wegweisend für die modere Lebenslaufsoziologie angesehen werden kann. Seither dominierten Begriffe wie „Normabiographie“ oder „Erwerbsbiographie“, das Leben wurde sequenziert und in Phasen eingeteilt (vgl. Wolf und Burkhard 2002).

Aufgrund der zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft und der strukturellen Veränderungen in lebenslaufrelevanten Bereichen ist eine klassische Dreiteilung des Lebenslaufs in Ausbildung-Erwerbsleben-Ruhestand nicht mehr ohne weiteres möglich. Bereits die Betrachtung der standardisierten Familienverhältnisse wirft in der Moderne Fragen auf. Da die Menschen sich immer flexibler auf ihre berufliche Situation einstellen müssen, Wohn- und Arbeitsort nicht immer identisch ist und die Aufteilung der klassischen Geschlechterrollen aufweicht, kann eine Destandardisierung der Familienzyklen beobachtet werden.

Gründe hierfür sind z.B. die variierenden Arbeits- und Rentenmodelle durch z.B. Altersteilzeit, die Abweichung von der Normalbiographie, die stark auf männliche Erwerbstätigkeit zugeschnitten war oder die zunehmende Globalisierung der Arbeitswelt und Vermischung der einzelnen Lebensbereiche durch z.B. Life-long-learning oder Vorruhestand. (vgl. Kohli 2006). Auch im Erwerbsbereich ist durch Arbeitslosigkeit, befristete Arbeitsverträge oder Frühverrentungen eine starke Veränderung zu erkennen.

Bevor auf Bourdieus Konzept der trajectoires eingegangen wird, soll die eben benannte veränderte Betrachtungsweise individueller Lebensverläufe durch den Begriff Statuspassage erläutert werden.

3. Bourdieu und der Lebenslauf

3.1 Habitus

Einleitend soll zunächst ein kurzer Überblick über Bourdieus Konzepte von Habitus und Feld gegeben werden, um die Denkweise Bourdieus besser einordnen zu können. Anschließend folgt ausführlicher das Konzept der Kapitale, da es grundlegend für Bourdieus Überlegungen der sozialen Laufbahnen ist.

Habitus beschreibt im Allgemeinen die innere Haltung eines Individuums im sozialen Raum, die er aus seinem Inneren heraus mitbringt. Dies beinhaltet seine Lebensweise, Einstellungen, Wertevorstellungen und alle sonstigen Gewohnheiten. Durch den Habitus sind Menschen in der Lage an der sozialen Praxis teilzunehmen und diese hervorzubringen. Letztlich wird der Habitus eines Menschen durch die soziale Lage seiner Geburt bedingt und ist ebenso Ausdruck und Bestimmungsgröße dieser Lage. (vgl. Krais: 1989).[1]

3.2 Feld

Der Raum sozialen Handelns bei Bourdieu ist das Feld. Das Feld kann als Pendant zum Habitus gesehen werden. Der Habitus bildet die Dispositionen der Akteure, die sich im Feld objektivierten, strukturellen Bedingungen gegenübergestellt sehen. Es setzt den Individuen Grenzen und gibt Möglichkeiten vor, wobei ein Hauptmerkmal des Feldes die Relation ist.

Hier distanziert sich Bourdieu von der Annahme, das soziale Handeln besteht aus Interaktionen von Individuum und Gesellschaft und setzt die objektiven Relationen des Feldes in den Vordergrund und zwar unabhängig von (vgl. Waquant: 1996) „den für diese Relationen charakteristischen Populationen“(Bourdieu: 1996). „Ein bestimmter Intellektueller…existiert als solcher nur, weil es ein intellektuelles…Feld gibt“(ebenda). Bourdieu unterscheidet das Feld der Ökonomie, der Wissenschaft, der Kunst, der Politik, der Religion und das übergeordnete Feld der Macht, das sozusagen die herrschende Klasse darstellt und über den anderen Feldern steht (vgl. Bourdieu: 1992).[2]

3.3 Kapital

Soziales Handeln passiert innerhalb des Felds. Die zentrale Struktur dieser Handlungen ist das Kapital, was durch den Habitus inkorporiert oder durch eigene Leistung erarbeitet werden kann. Bourdieu sieht in der Existenz von Kapital den Grund, warum das gesellschaftliche Leben nicht ständig wie ein Glücksspiel verläuft (vgl. Bourdieu: 2005).

Bourdieu unterscheidet in verschiedene Arten des Kapitals, das ökonomische Kapital, das kulturelle Kapital in seinen drei Formen, das verinnerlichte (inkorporierte[3]) kulturelle Kapital, das objektivierte kulturelle Kapital und das institutionalisierte kulturelle Kapital. (vgl. Fuchs-Heinritz/König: 2005). Das objektivierte kulturelle Kapital erscheint in Form von materiellem Besitz an kulturellen Gütern, wie Gemälde, Tonträger, Bücher etc. und ist übertragbar durch seine materiellen Träger (vgl. Bourdieu: 1992, 59). Unter dem Begriff des institutionalisiertem kulturellen Kapital sind die kulturellen Fähigkeiten, also Bildung gemeint, die wir in Institutionen wie Schulen oder Universitäten erwerben und quasi durch Zeugnisse oder Diplome zertifiziert bzw. bescheinigt werden. Ebenso wie beim inkorporierten aber anders als beim objektivierten Kapital zeigt Bourdieu auf, dass hier biologische Grenzen des jeweiligen Inhabers gegeben sind. Diese Aussage darf man wohl so verstehen, als dass das Talent und die Fähigkeiten Bildung zu erwerben nicht bei allen Akteuren gleich verteilt sind und somit die erworbenen schulischen Zeugnisse ein Indikator für kulturelles Kapital aufweisen, wohingegen das objektivierte kulturelle Kapital keinerlei Aussagen über die kulturellen Fähigkeiten seiner Eigentümer treffen kann (vgl. ebenda). Eine Art Unterkapital bezeichnet das Bildungskapital. Es benennt das einerseits durch die Familie, andererseits durch die Bildungseinrichtungen vermittelte kulturelle Kapital. Das vererbte kulturelle Kapital in der Herkunftsfamilie kann in Schulen oder Universitäten in Bildungskapital umgewandelt werden durch die Vergabe von Zeugnissen oder Zertifikaten (vgl. Fuchs-Heinritz: 2005).

[...]


[1] Der Habitus wird vom Individuum durch die sog. „Einverleibung“ übernommen. Handlungen gehen als objektive Wirklichkeit in das eigene Handeln über. Als Beispiel hierfür bringt Bourdieu die Nachahmung erwachsener Handlungen wie Gestik, Mimik, Haltung etc. von Kindern. (Näheres hierzu bei Bourdieu 1976:190)

[2] Auf den ersten Blick ähnelt Das Konzept des Feldes der Systemtheorie von Niklas Luhmann, die die Lebensbereiche in Systeme und Subsysteme, in eigenständige soziale Einheiten unterteilt. Es bestehen jedoch Unterschiede. Näheres hierzu bei (vgl. Barlösius: 2006, 94).

[3] Unter inkorporiertem kulturellen Kapital versteht Bourdieu alle kulturellen Handlungen wie musizieren, lesen, malen oder schreiben die wir von unseren Eltern oder Lehrern vermittelt bekommen und wir somit einverleibt haben. Es beschreibt so gesehen unsere kulturellen Fähigkeiten, unsere kulturelle Bildung

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Soziale Laufbahn nach Bourdieu und das Grundtvig-Programm zur Erwachsenenbildung
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V190842
ISBN (eBook)
9783656154129
ISBN (Buch)
9783656154433
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bourdieu, Weiterbildung, Lebenslauf, Grundtvig, Laufbahn, Soziale Laufbahn, trajectories
Arbeit zitieren
B.A. Heike Lemmermann (Autor), 2012, Soziale Laufbahn nach Bourdieu und das Grundtvig-Programm zur Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190842

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