Girolamos Prophetie und das Prinzipat des Lorenzo

Über Macht, Herrschaft und Cäsars Büste in Thomas Manns Drama 'Fiorenza'


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Auf breiten Stufen hindurch, hinauf, hinweg in die letzte Szene

II. Der fruhe Machtverfall und die spate Tragik des Lorenzo de Medici S.

III. Ein nihilistischer Casar

IV. Der Princeps ist tot, es lebe der Prophet!

V. Bibliographie

I. Auf breiten Stufen hindurch, hinauf, hinweg in die letzte Szene

In seiner Besprechung von Thomas Manns Gattungsverirrung Fiorenza schreibt Albert Krapp, dass das ,,Drama" an einer Stelle tatsachlich auch ,,buhnengerecht" werde.[1] Zu einer ahnlichen Feststellung kommt auch der ansonsten sehr ungnadige Richard Schaukal, welcher ,,eine einzige Szene" gefunden habe, zu welcher die drei ,,Renaissanceakte" des Dramas ,,in breiten Stufen hinauffuhren".[2] Einzig Alfred Kerr lasst auch dies nicht gelten und setzt sich in seinem Verriss uber den durchaus dramatischen und vermeintlich buhnengerechten Gehalt jener angesprochenen Zeilen vollig hinweg,[3] um welche es im Folgenden nun gehen soll: Der Schlussdialog zwischen Lorenzo de' Medici (Lorenzo Il Magnifico) und Girolamo Savonarola, dem Prior von San Marco. Und jene siebente Szene des dritten Aktes scheint fuhrwahr der Fluchtpunkt der Dramenhandlung zu sein, da in ihr die beiden Gegenspieler endlich in ur-dramatischer Art und Weise, namlich in Dialogform aufeinandertreffen und, bedenkt man die Moglichkeit einer Buhnenauffuhrung, anfangen konnen zu spielen. Von Madonna Fiore von langer Hand (i. e. spatestens seit dem Ende der Predigt Girolamos am Morgen des 8. April 1492) vorbereitet, immer wieder angedeutet (,,Nein, nicht wahr, das ist ein narrischer Gedanke: Bruder Girolamo - hier!"[4] ) und von fast allen Beteiligten (i. e. den Figuren, dem Leser, den Zuschauern, aber allem Anschein nach nicht dem Verfasser) sehnlich herbeigesehnt, beschreibt das endgultige Zusammentreffen von Lorenzo und Girolamo den Hohe- und Endpunkt des Dramas[5] und die eigentliche dramatische Verhandlung dessen, worum es in dem Opus geht: Die Aufladung des historischen Stoffes um den Verfall des Hauses Medici und den zeitgleichen Aufstieg des BuRpredigers Girolamo Savonarola, deren beider Wege sich, historisch verburgt, am Todestags Lorenzos kreuzen, mit dem Widerstreit zwischen Geist und Fleisch, Jenseits und Diesseits, Kunst und Askese, Sunde und Reinheit etc. Zwischen jenen Polen oder sogar uber diese hochst philosophische und ideelle Dialektik hinaus wird in Fiorenza auch stets die Machtfrage aufgeworfen, wobei es stets um die Macht uber die eigenwillige Kunstmetropole Florenz geht und die Gunst ihrer Verkoperin. ,,Fiorenza" ist nicht nur eine sonderbare, symbiotisch-symbolische Wortschopfung aus den Namen der Abgebildeten und der Abbildenden der Allegorie auf Florenz, sondern auch jener durch das spannungsvolle Gegeneinander von Beherrschung, Herrschaft, Verfuhrung und Fuhrung gepragte Nexus, in welchem die dramatischen Personen Lorenzo und Girolamo von den gegensatzlichen, streitbaren Kunstphilosophen, Rhetorikern und Theoretikern - so war von ihnen vorher die Rede - in Akteure verwandelt, welche schlieRlich in der letzten Szenen um mehr als nur die richtige Weltauffassung ringen. Der dritte Akt ist die letzte ,,breite Stufe", die zu diesem buhnenwirksamen Ausbruch aus der Prosa hinauffuhrt.

Der dritte Akt ist der Auftritt der beiden Prota- und Antagonisten, welche vorher nur in aller Munde waren und erst jetzt zu sprechen beginnen und auf der Buhne leibhaftig werden. Er beginnt im Lichte der ,,Spatnachmittagssonne",[6] der 8. April 1492 ist also schon weit vorangeschritten, sodass sowohl Lorenzo als auch Girolamo auf ihr Tagwerk zuruckblicken konnen:

Letzterer hat am Morgen, dem uberlangen Botenbericht[7] des Pico aus dem ersten Akt zufolge, vor mindestens ,,zehntausend Menschen" im florentiner Dom gepredigt. Unter Androhung des gottlichen Strafgerichtes habe er ,,seiner Stadt" den Ausweg aus den sicher bevorstehenden Feuersbrunsten, Kriegen, Hungersnoten und Pestepidemien gewiesen, welcher sich durch BuRe, Entsagung und der Unterwerfung unter den ,,Konig der Demut und des Schmerzes" eroffnet.[8] Im Verlauf der Predigt durch die absichtliche Verspatung der anscheinend chronisch unpunktlichen Kirchgangerin Madonna Fiore unterbrochen, nimmt er diesen Vorfall zum Anlass, sie von seiner Kanzel herab als ,,Buhlerin, [...] Mutter aller Greuel, das Weib auf dem Tiere, die groRe Babylon"[9] zu schmahen, ihr also jenes Schreckensbild zuzuweisen, welches er bereits auf die Stadt

Florenz selbst angewandt hat.[10] Womit Thomas Mann ubrigens absolut idiotensicher die symbolische Uberhohung der Dramenfigur Fiore als Verkorperung der Stadt Florenz einfuhrt und klar stellt. Ferner lasst sich durch Girolamos Predigt auch eine Ahnung von dessen politischem Programm erhaschen, dass einer charismatischen Herrschaft im Sinne Max Webers in nichts nach steht: Sein Volk sind die Florentiner nicht, weil er einer unter ihnen ist, sondern weil er uber ihnen und somit auteerhalb von ihnen steht; als religiosem Fuhrer ist es ihm allein qua seiner gottlichen Sendung und ob seines rhetorischen Talents gelungen, die Florentiner zu uberzeugen, ihm auf seinem Weg aus der vermoderten, pervertierten Gegenwart der Regierung der Medicis zu folgen und sich unter seine Herrschaft zu begeben und seiner Aufforderung nach Butee, Enthaltsamkeit und monchischem Lebenswandel nachzukommen. Somit hangt sein Aufstieg, ahnlich dem Caesars, dessen Antlitz in Bustenform im ganzen dritten Akt prasent ist, weniger von einer Legitimation durch Ideologie, Wahlversprechen oder Traditionen, sondern vor allem von seiner Person, seiner Entschlossenheit, seinem Auftrag und seinen Fahigkeiten ab. Uber Girolamo als sendungsbewussten und angeblich von Gott gesandten Usurpator wird noch zu reden sein. Nach seiner Predigt jedenfalls kehrt er nach San Marco in sein Kloster zuruck, wohin ihm der von Donna Fiore gesandte ,,Bote mit geheimen Auftrage" nachfolgt, von dem Pico in seinem Botenbericht zu wissen meint.[11] Am Ende des zweiten Aktes enthullt Fiore auch dessen Inhalt: Es ist die Aufforderung, sich nach Careggi, zu ihr und zu Lorenzo zu begeben.[12] Lorenzo indes einen Franziskanerpater empfangt. Dem an einem „namenlosen"[13] und spurlosen Leiden erkrankten, dem Tode nahen, aber wie eh und je ruhelosen Princeps verlangt es nach einem Beichtvater, welcher ,,als Priester ware, was ich als Spotter und Sunder gewesen."[14] Allein der Franziskaner ist wie er ein „Weltmann", ,,ein Spitzbube, ein uberlegener Kopf'[15], sodass er ihm nicht jene hohere Absolution verschaffen kann, welche er in Folge dessen nur durch die Nemesis des Girolamo zu erfahren meint. Aber auch hiervon erfahrt man erst durch die Ruckschau, denn als Lorenzo inmitten seines Arztes Pierleoni, des Philosophen Graf Giovanni Pico della Mirandola, des Humanisten und Dichters Angelo Poliziano, des Philosophen Marsilio Ficino und Pulcis [16] , also umgeben von Florenz humanistischer Geisteselite aus seiner einstundigen Ermattung erwacht, ist es bereits 18 Uhr und der dritte Akt beginnt.

II. Der fruhe Machtverfall und die spate Tragik des Lorenzo de Medici

Wie ein Tag im Leben des Lorenzo de' Medici vor seiner Erkrankung und in Vollbesitz seiner Macht und seiner geistigen Krafte ausgesehen haben konne, erfahren wir im Weiteren durch das Erinnerungsbilderbuch Picos:

,,Wir waren voller Bewunderung fur dich. Du hattest vielleicht am Morgen ein neues Staatsgesetz ausgearbeitet, bestimmt, die offentliche Gewalt noch vollkommener in deine Hand zu geben, damit du imstande warest, Florenz noch unbehinderter mit Freude und Schonheit zu beglucken, hattest vielleicht das Todesurteil uber einen adeligen Widersacher ausgesprochen, in der Platonischen Akademie uber die Tugend disputiert, einem Symposion im Kreise von Kunstlern und liebenswurdigen Weibern vorgesessen, uber Tafel die theoretischen Fragen der Kunst und Poesie gelost du warst bei allem mit ganzer Seele gewesen und du nahmst nun an den abendlichen Spielen unseres Geistes teil, so gegenwartig und morgenfrisch, als hattest du nichts von deinem Lebenskraften verausgabt."[17] Von seiner einstigen Morgenfrische ist Lorenzo am spaten Nachmittag des 8. April 1492 allerdings sehr weit entfernt. Daruber hinaus, dass Thomas Mann an dieser Stelle die Legende von der florentinischen Platonischen Akademie kolportiert, ist auffallig, dass Pico sich Lorenzos als einen Princeps im Sinne Machiavellis erinnert. In seinen Herrschaftsraumen hingegen desavouiert sich sein Sohn Lorenzo verglich damit als ein torichter, militaristischer Pseudo-Princeps,[18] welchem Fiore die Gunst versagt hat und Florenz die Gefolgschaft versagen wird. Obgleich seine ,,Anwartschaft auf die Gewalt [...] wohlbegrundet"[19] ist, bleibt sie vollig unsicher, denn Piero ist zunachst nur Sohn Lorenzos und nicht als Thronfolger oder ahnliches in ein Staatsamt hineingeboren. Diese Herrschaft ohne Krone muss immer wieder ,,durch Fleite, durch Kampf, durch Zucht"[20]

[...]


[1] Albert Krapp: Fiorenza. Drama in 3 Akten von Thomas Mann. (Das literarische Echo, 1906), In: Klaus Schroter (Hg.): Thomas Mann im Urteil seiner Zeit. Dokumente 1891-1955, Hamburg, 1969, S. 40-41. Krapp, S. 41.

[2] Richard Schaukal: Thomas Mann und die Renaissance. (Berliner Tageblatt, 5. Marz 1906), In: Ebd., S. 41-47. Schaukal, S. 42.

[3] Alfred Kerr: Thomas Mann. Fiorenza. (Der Tag, 5. Januar 1913), In: Ebd., S. 61-63.

[4] Thomas Mann: Fiorenza. Drei Akte, Frankfurt a. M., 1960. Fiorenza, S. 55.

[5] Vgl. Ulrich Rauscher: Fiorenza. (Die Schaubuhne, 1913), In: Schroter, S. 63-64. Rauscher, S. 64: ,,Dann erst darf der Prior zwecks Herbeifuhrung des Hohepunktes eintreten."

[6] Fiorenza, S. 95.

[7] Manns notorische Botenberichterstattungen der eigentlich dramatisch sein konnenden Ereignisse des 8. April 1492 entzieht diesen jede Dramatik, da er damit wiederholt gegen den alten aristotelischen Grundsatz verstoRt, dass Handlung im Verlauf des Stuckes stattfinden und somit gespielt werden musse. Botenberichte sind in diesem Sinne nur ein Beitrag zur Entstehung von Dramatik und machen diese selbst nicht aus.

[8] Fiorenza, S. 30: ,,[Pico:] Gnade ist eingetroffen! Florenz, mein Volk, meine Stadt, ich darf sie dir verkunden, fur den Fall, dass du BuRe tust [...] und dich dem Konig der Demut und des Schmerzes als Braut befiehlst."

[9] Fiorenza, S. 32.

[10] Fiorenza, S. 29: ,,[Pico:] Das Weib, ruft er, bist du Florenz, freche, uppige Buhlerin!"

[11] Fiorenza, S. 33.

[12] Fiorenza, S. 94: ,,[Fiore:] Gib Raum, dass ich gehe und deines Vaters Nebenbuhler erwarte."

[13] Fiorenza, S. 78: ,,[Pierleoni:] Diese Krankheit ist namenlos, wie unsere Angst. Wollte man ihr einen Namen beilegen, so lautet er kurz und schauerlich."

[14] Fiorenza, S. 106.

[15] Fiorenza, S. 105.

[16] Eine mogliche historische Entsprechung zu dieser Figur ist der Dichter Luigi Pulci, welcher allerdings bereits 1484 verstorben ist.

[17] Fiorenza, S. 107.

[18] Fiorenza, S. 87: ,,[Piero:] Wir sind Fursten. [...] Es soll kein Gesetz stehen bleiben, das dem Volke einen schatten von Recht lasst und unseren Willen auch nur zum scheine beschrankt. Es soll kein Adel mehr sein neben uns. Konfiskationen! Todesstrafen! Lorenzo hat diese Mittel nicht entschlossen genug gehandhabt."

[19] Fiorenza, S. 123.

[20] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Girolamos Prophetie und das Prinzipat des Lorenzo
Untertitel
Über Macht, Herrschaft und Cäsars Büste in Thomas Manns Drama 'Fiorenza'
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Prosaschriftsteller als Dramatiker: Mann, Musil, Grass, Kehlmann
Note
1,3
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V190881
ISBN (eBook)
9783656154693
ISBN (Buch)
9783656154921
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Fiorenza, Florenz, Reinaissance, Drama, Girolamo Savonarola, Lorenzo de Medici, Medici, Cäsar, Charismatische Herrschaft, Max Weber, Gattungsverirrung, Scheitern
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Girolamos Prophetie und das Prinzipat des Lorenzo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190881

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