Frauenspezifische Suchtarbeit

Die Abhängigkeitsproblematik aus genderspezifischer Sicht


Forschungsarbeit, 2011

36 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist weiblich? - Die Sozialisation der Frau

3. Frauen und Abhängigkeit
3.1 Einstiegswege in die Sucht
3.2 Konsummuster / -verhalten
3.3 Komorbidität
3.3.1 Trauma und Sucht
3.4 Schwangerschaft und Abhängigkeit
3.4.1 Fetale Alkoholspektrum-Störung
3.4.2 Das Neugeborenen-Entzugssyndrom
3.4.3 Weitere Schädigungen durch Konsum in der Schwangerschaft
3.4.4 Folgen für die Mutter
3.5 Mutter sein und Abhängigkeit

4. Ausstieg aus der Abhängigkeit
4.1 Frauen im Suchthilfesystem
4.2 Wege ins Suchthilfesystem
4.3 Hindernisse zum Zugang zum Suchthilfesystem
4.3.1 Wie kann der Zugang zum Suchthilfesystem erleichtert werden?
4.4 Stationäre Behandlung: Welche Angebote für Frauen sind sinnvoll und wie können diese umgesetzt werden?
4.4.1 Die Haltung der Mitarbeiter
4.4.2 Strukturelle Maßnahmen
4.4.3 Maßnahmen der Pflege

5. Frauenspezifische Prävention

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis:

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

Simone de Beauvoir

1. Einleitung

In der hier vorliegenden Facharbeit möchte ich darauf eingehen, wie sich die Abhängigkeitserkrankungen von Frauen und Männern unterscheiden. Lebensweltlich bedingt erlernen Frauen ein anderes Rollenverhalten, welches sich auf die Entwicklung und den Verlauf einer Abhängigkeitserkrankung auswirken und auch den Ausstieg aus dieser beeinflussen. Aufgrund dieser Unterschiede kann ein frauenspezifisches Angebot sinnvoll sein. Außerdem möchte ich überlegen, wie solch ein Ansatz aussehen und im stationären Rahmen umgesetzt werden könnte. Ich werde mich mit den stoffgebundenen Abhängigkeiten beschäftigen, da die Ausweitung auf stoffungebundene Abhängigkeiten und Essstörungen den Rahmen dieser Facharbeit sprengen würde.

Auch wenn sich Frauen häufig, gerade wenn sie Kinder zu versorgen haben, lieber ambulant behandeln lassen, kann trotzdem eine stationäre Behandlung sinnvoll sein. Während bei einer ambulanten Therapie, z.B. in einer Suchtberatungsstelle mit therapeutisch geschulten Mitarbeitern oder bei einer Psychotherapie, die Einzelgespräche im Vordergrund stehen, können Frauen im stationären Setting auch von Begleittherapien (z.B. Musiktherapie, Ergotherapie, Körpertherapie usw.) profitieren. Sie kämen mit anderen Betroffenen in Kontakt, es besteht die Möglichkeit Erfahrungen auszutauschen und zu erleben, dass sie mit diesem Problem nicht alleine sind. Außerdem haben sie die Möglichkeit eine Auszeit von ihrem Alltag zu nehmen und die Zeit auf Station für sich zu nutzen, ohne sich beispielsweise um ihren Partner oder die Kinder kümmern zu müssen. Die stationäre Behandlung macht vor allem bei weniger stabilen Frauen Sinn, die mehr Unterstützung im Alltag brauchen. Außerdem kann hier auf Krisensituationen wie z.B. Suchtdruck sofort reagiert werden und entsprechende Strategien erarbeitet und erprobt werden. Gerade der körperliche Entzug ist ambulant schwer durchführbar, es mangelt an Angeboten hierfür und viele Betroffene berichten davon, dass sie einen geschützten Rahmen während dieser Phase hilfreich finden.

2. Was ist weiblich? - Die Sozialisation der Frau

Helga Bilden weist (vgl. Bilden & Dausien, 2006, S.47) darauf hin, das jedes Neugeborene entweder als Mann oder Frau kategorisiert wird, da das Bürgerliche Gesetzbuch nur diese vorsieht und es dadurch als männlich oder weiblich aufwächst.

Gleichfalls geht sie davon aus, dass es keine geschlechtstypische Sozialisation gibt, die Frauen „weiblich“ und Männer „männlich“ werden lässt (vgl. Bilden & Dausien, 2006, S. 49).

Sie beschreibt weiter, dass die Geschlechtsidentität aus 3 Komponenten besteht:

1. (Selbst-)Zuordnung zu einer der beiden Geschlechterkategorien, in der Regel lebenslang gemäß der Geschlechtszuweisung bei der Geburt (sex)
2. Identifikation mit Geschlechtsnormen und -idealen, d.h. mit bestimmten Formen von Männlichkeit oder Weiblichkeit (gender)
3. sexuelle Präferenz, im Rahmen der „heterosexuellen Matrix“

(Bilden & Dausien 2006, S. 50 zitieren Butler)

Sozialisationsbedingungen:

Je nach Geschlecht des Kindes entstehen geschlechtsspezifische Rollenerwartungen. In den westlichen Ländern sind mit den Geschlechterstereotypen (Vorstellungen von Fähigkeiten, Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen) für Frauen folgende Eigenschaften verbunden: ängstlich, empfindsam, sozial orientiert und warmherzig, während dem männlichen Stereotyp Eigenschaften wie aggressiv, ehrgeizig, selbstsicher und unternehmungslustig zugeschrieben werden. Diese Zuordnung findet man bei allen Personen, die für die Sozialisation von Bedeutung sind z.B. Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, MitschülerInnen usw.. Diese typischen Vorstellungen beeinflussen z.B. die Einrichtung des Kinderzimmers, die Kleiderwahl und die Spielsachen die ein Kind bekommt. Auch wenn die angestrebten Erziehungsziele für beide Geschlechter meist die gleichen sind (z.B. hilfsbereit, selbstständig, intelligent, freundlich) scheint doch die Toleranz gegenüber Abweichungen zu variieren (vgl. Trautner in Bildner & Dausien, 2006, S. 110, 111).

Auch werden die beiden Geschlechter unterschiedlich behandelt. Zum einen kann dies bedeuten, dass man sich Jungen und Mädchen gegenüber unterschiedlich verhält (z.B. Eltern tollen mehr mit Jungen herum als mit Mädchen), zum anderen wird gleiches Verhalten unterschiedlich beantwortet (ein Mädchen das mit Puppen spielt wird gelobt, ein Junge der dies tut ausgelacht). In einer Studie von Lyott/Romney (1991) hat sich gezeigt, dass Mädchen häufiger häusliche Aufgaben und Kinderbetreuung übertragen werden, während Jungen eher außerhäusliche Aufgaben (Füttern und Hüten von Tieren) aufgetragen werden (vgl. Trautner in Bilden & Dausien, 2006, S. 111, 112).

Die Sozialisation wird auch durch weibliche und männliche Verhaltensmodelle in der sozialen Umwelt beeinflusst. Es wird gelernt, geschlechterangemessenes und -unangemessenes Verhalten zu unterscheiden, indem unterschiedliche Häufigkeiten und Konsequenzen eines Verhaltens bei weiblichen und männlichen Individuen wahrgenommen und verarbeitet werden. So erhalten Kinder auch schon Informationen über das im Erwachsenenalter von ihnen erwarteten Verhalten, z.B. der Arbeitsteilung in Beruf und Familie.

„Suchtentstehung hat mit den individuellen Erfahrungen eines Menschen zu tun, mit den Lernprozessen und seiner Lebenssituation. In diesen Bereichen existieren geschlechtsspezifische Unterschiede“ (Singerhoff, 2002, S. 37).

Auf den ersten Blick scheinen die Entwicklungsaufgaben (wie z.B. eine Identität entwickeln, selbstständig werden, eine Zukunftsperspektive finden und eine erfüllte Sexualität zu leben) für Mädchen und Jungen gleich zu sein. Aber diese Aufgaben scheinen inhaltlich für die Geschlechter etwas anderes zu bedeuten, außerdem bekommen sie während ihres Sozialisierungsprozesses verschiedenes „Werkzeug“ mit auf den Weg (Singerhoff, 2002, S.37).

Jungen werden von Anfang an durch Spielformen und Spielmaterial dazu angeregt sich körperlich zu bewegen. Sie erfahren ihren Körper und ihre Fähigkeiten, lernen, dass er trainierbar und beherrschbar ist und sie ihn zur Durchsetzung ihrer Wünsche einsetzen können. Mädchen werden eher bei feinmotorischen, ruhigeren Aktivitäten gefördert. Sie zeigen etwa ab dem siebten Lebensjahr andere Umgangsformen mit sich selbst als Jungen. Sie spielen eher ruhiger und aufeinander bezogen. Sie lernen weniger die Fähigkeiten ihres Körpers kennen und diese zu erproben um sich so durchzusetzen oder ihre Gefühle auszudrücken. Während Jungen mithilfe ihres Körpers aktiv nach außen reagieren, reagieren Mädchen eher passiv innerhalb ihres Körpers. Wie die Sozialisationsforschung bewiesen hat, reagieren Mädchen deutlich häufiger mit psychosomatischen Beschwerden auf Belastungen, Anspannung und Angst. Jungen sind eher in der Lage diese Gefühle durch körperliche Aktivität und Aggressivität nach außen hin zu verarbeiten. Auch wenn diese Verhaltensweisen sicher nicht immer angemessen sind, haben sie den Vorteil, dass Jungen nicht so stark unter psychischem und körperlichen Druck stehen, auf den Mädchen langfristig mit einem erhöhten Medikamentenkonsum reagieren können. Im wesentlichen wird das Gefühl zum Körper durch die Beziehung zum eigenen Geschlecht beeinflusst. Mädchen bekommen Bestätigung eher dadurch, dass die ein hübsches, liebenswertes, artiges oder kluges Kind sind als durch ihre Geschlechtlichkeit. Das Mädchen kann sich auch von seiner Wahrnehmung noch keinem Geschlecht zuordnen. Es hat weder das Geschlecht des Vaters oder des Bruders, aber auch noch nicht die weiblichen Formen der Mutter. Erst mit der Pubertät lernen die Mädchen ihren Körper kennen und erlangen Wissen über die Funktionen der Geschlechtsorgane. Die eigene Geschlechtlichkeit wird eher im Zusammenhang mit Problemen und Gefahren wahrgenommen: ihnen wird gesagt, dass sie aufpassen müssen, weil es Gefahren für sie gibt, ihnen jemand wegen ihrem Geschlecht etwas antun könnte. So lernen sie, dass sie auf den Schutz anderer angewiesen sind. In der Pubertät erfahren die Mädchen, dass sie Anerkennung erhalten, wenn sie attraktiv, weiblich und sexuell interessant wirken. Allerdings orientieren sie sich hierbei an den Maßstäben anderer Personen (z.B. Freund, Vater oder Chef), um auf deren Anerkennung nicht verzichten zu müssen und nicht an ihren eigenen. Diese mangelnde Vertrautheit mit ihrem eigenen Körper bedeutet eine Behinderung die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu spüren und danach zu handeln. Viele Mädchen erleben Sexualität unter fremder Regie, sie befriedigen Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit über Sexualität mit dem Partner. Bei Mädchen werden Autonomiebestrebungen in der Regel mehr unterbunden als bei Jungen. Die Selbstständigkeit wird in Bezug auf die Wahrnehmung eigenen Bedürfnisse und deren Befriedigung weniger gefördert als in Bezug auf die eigene Versorgung. Dies trifft natürlich nicht für alle Mädchen zu, zeigt aber noch immer vorhandene Tendenzen auf. Dies kann für die Ich-Identität und das Selbstwertgefühl für ein Mädchen bedeuten, (1) dass es ein unklares, unsicheres und manchmal auch ablehnendes Gefühl zu seinem Körper entwickelt, (2) es kann das Gefühl entstehen, nicht zu wissen was richtig für das Mädchen selbst ist, aber auch nicht die Macht und die Kraft zu haben das Leben umzugestalten um mehr Zufriedenheit zu haben und (3) kann sich das Gefühl entwickeln, Wertschätzung der eigenen Person nur durch andere erfahren zu können und somit in den Beziehungen zu ihnen abhängig zu sein (vgl. Singerhoff, 2002, S. 38-40).

In der Pubertät werden Mädchen und Jungen nun mit den Erwartungen an die Erfüllung ihrer Rolle als Frau oder Mann konfrontiert. Mädchen erleben hierbei, (1) dass Frauen weniger soziale Anerkennung bekommen als Männer. Ihre Arbeit wird niedriger bewertet und besteht oft in Dienstleistungen für andere, (2) dass Jungen und Männer, unabhängig von den tatsächlichen Fähigkeiten, von vornherein mehr zugetraut wird und (3), dass ihr Lebensentwurf darin bestehen soll, im Beruf Durchsetzungskraft, Entscheidungsfähigkeit und Stärke zu zeigen, während sie für die Partnerschaft und die Familie da sein und ihre „weiblichen Fähigkeiten“ wie Fürsorge, Helfen, Trösten, Zusammenhalten einsetzen sollen. Diese Doppelbelastung wird von den meisten Mädchen akzeptiert, sie äußern den Wunsch, später eine Familie haben zu wollen, aber auch berufstätig zu sein. Dies bedeutet einen erhöhten Bedarf an Arbeitsenergie, aber auch das Tragen von Verantwortung für die Umgestaltung des Rollenverständnisses und der Rollenverteilung, da noch ca. 80% der Männer das Modell „die Frau bleibt zu Hause, der Mann geht arbeiten“ befürworten (vgl. Singerhoff, 2002, S. 41, 42).Diese Umstände haben letztendlich auch Auswirkungen auf die Abhängigkeit von Suchtmitteln.

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Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Frauenspezifische Suchtarbeit
Untertitel
Die Abhängigkeitsproblematik aus genderspezifischer Sicht
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
36
Katalognummer
V190912
ISBN (eBook)
9783656155584
ISBN (Buch)
9783656156192
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Facharbeit in der Fachweiterbildung Psychiatrie
Schlagworte
Frau, Sucht, Genderspezifisch, Abhängigkeit
Arbeit zitieren
Christina Hoffmann (Autor), 2011, Frauenspezifische Suchtarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190912

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