In der hier vorliegenden Facharbeit möchte ich darauf eingehen, wie sich die Abhängigkeitserkrankungen von Frauen und Männern unterscheiden. Lebensweltlich bedingt erlernen Frauen ein anderes Rollenverhalten, welches sich auf die Entwicklung und den Verlauf einer Abhängigkeitserkrankung auswirken und auch den Ausstieg aus dieser beeinflussen. Aufgrund dieser Unterschiede kann ein frauenspezifisches Angebot sinnvoll sein. Außerdem möchte ich überlegen, wie solch ein Ansatz aussehen und im stationären Rahmen umgesetzt werden könnte. Ich werde mich mit den stoffgebundenen Abhängigkeiten beschäftigen, da die Ausweitung auf stoffungebundene Abhängigkeiten und Essstörungen den Rahmen dieser Facharbeit sprengen würde.
Auch wenn sich Frauen häufig, gerade wenn sie Kinder zu versorgen haben, lieber ambulant behandeln lassen, kann trotzdem eine stationäre Behandlung sinnvoll sein. Während bei einer ambulanten Therapie, z.B. in einer Suchtberatungsstelle mit therapeutisch geschulten Mitarbeitern oder bei einer Psychotherapie, die Einzelgespräche im Vordergrund stehen, können Frauen im stationären Setting auch von Begleittherapien (z.B. Musiktherapie, Ergotherapie, Körpertherapie usw.) profitieren. Sie kämen mit anderen Betroffenen in Kontakt, es besteht die Möglichkeit Erfahrungen auszutauschen und zu erleben, dass sie mit diesem Problem nicht alleine sind. Außerdem haben sie die Möglichkeit eine Auszeit von ihrem Alltag zu nehmen und die Zeit auf Station für sich zu nutzen, ohne sich beispielsweise um ihren Partner oder die Kinder kümmern zu müssen. Die stationäre Behandlung macht vor allem bei weniger stabilen Frauen Sinn, die mehr Unterstützung im Alltag brauchen. Außerdem kann hier auf Krisensituationen wie z.B. Suchtdruck sofort reagiert werden und entsprechende Strategien erarbeitet und erprobt werden. Gerade der körperliche Entzug ist ambulant schwer durchführbar, es mangelt an Angeboten hierfür und viele Betroffene berichten davon, dass sie einen geschützten Rahmen während dieser Phase hilfreich finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist weiblich? - Die Sozialisation der Frau
3. Frauen und Abhängigkeit
3.1 Einstiegswege in die Sucht
3.2 Konsummuster / -verhalten
3.3 Komorbidität
3.3.1 Trauma und Sucht
3.4 Schwangerschaft und Abhängigkeit
3.4.1 Fetale Alkoholspektrum-Störung
3.4.2 Das Neugeborenen-Entzugssyndrom
3.4.3 Weitere Schädigungen durch Konsum in der Schwangerschaft
3.4.4 Folgen für die Mutter
3.5 Mutter sein und Abhängigkeit
4. Ausstieg aus der Abhängigkeit
4.1 Frauen im Suchthilfesystem
4.2 Wege ins Suchthilfesystem
4.3 Hindernisse zum Zugang zum Suchthilfesystem
4.3.1 Wie kann der Zugang zum Suchthilfesystem erleichtert werden?
4.4 Stationäre Behandlung: Welche Angebote für Frauen sind sinnvoll und wie können diese umgesetzt werden?
4.4.1 Die Haltung der Mitarbeiter
4.4.2 Strukturelle Maßnahmen
4.4.3 Maßnahmen der Pflege
5. Frauenspezifische Prävention
6. Fazit
7. Quellenverzeichnis:
Zielsetzung & Themen
Die Facharbeit untersucht die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Abhängigkeitserkrankungen und erörtert, inwiefern frauenspezifische Ansätze in der stationären psychiatrischen Versorgung sinnvoll sind und praktisch umgesetzt werden können. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Lebenswelt von Frauen, der Rolle der Sozialisation, komorbiden Störungen wie Traumata sowie der besonderen Situation schwangerer oder Mutter seiender Suchtkranker.
- Unterschiede in Sozialisation und Rollenbildern bei Frauen und Männern.
- Komorbidität bei Abhängigkeit, insbesondere unter Berücksichtigung von Traumatisierungen.
- Besonderheiten von Suchtmittelkonsum während der Schwangerschaft und Mutterschaft.
- Barrieren beim Zugang zum Suchthilfesystem für Frauen.
- Konkrete Maßnahmen zur frauenspezifischen Gestaltung der stationären Behandlung und Pflege.
- Präventionsstrategien zur Förderung von Lebenskompetenzen bei Mädchen und Frauen.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Trauma und Sucht
Fischer und Riedesser (in: Schay & Liefke, 2009, S. 51, 52) definieren ein psychisches Trauma als „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“
„In einer der ersten amerikanischen Studien zum Thema Trauma und Sucht im Leben von Frauen gaben 74% der süchtigen Frauen an, sexuell missbraucht worden zu sein, 52% berichten von körperlicher und 72% von emotionaler Misshandlung“ (Covington in Gahleitner & Gunderson, 2008, S. 21).
Abhängige sind häufig schon in der Kindheit durch Deprivation, sexuelle Gewalt, körperliche oder emotionale Misshandlungen geprägt. Aber auch während der Zeit des Drogenkonsums kann es zu erneuten Traumatisierungen kommen, z.B. durch Prostitution, Gewalt und Inhaftierung. Es zeigt sich, dass die Betroffenen, die in der Kindheit Traumata erlebt haben, in ihrem Lebensverlauf physischer und sexueller Gewalt häufiger ausgesetzt waren als andere (vgl. Schay & Liefke, 2009, S. 42, 43).
„Eine Posttraumatische Belastungsstörung wird in der Regel von einer komorbiden Störung begleitet. Es handelt sich vor allem um affektive Störungen, Angststörungen, schädlichen Gebrauch von Substanzen und Abhängigkeitserkrankungen (vgl. Schay & Liefke, 2009, S. 40 zitieren Boos).
Nach Meinung mehrerer Autoren, kann es sich bei dem Konsum von Suchtmitteln um einen Selbstheilungsversuch der Betroffenen handeln, sie versuchen z.B. die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu reduzieren. Doch kann der Konsum über eine längere Zeit diese Symptome verstärken und zu weiteren Beeinträchtigungen führen, die wiederum mit einer Steigerung des Konsums bekämpft werden (vgl. Schay & Liefke, 2009, S. 40).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung begründet die Relevanz einer frauenspezifischen Sichtweise auf Abhängigkeitserkrankungen und erläutert die Notwendigkeit stationärer Angebote für Frauen.
2. Was ist weiblich? - Die Sozialisation der Frau: Dieses Kapitel thematisiert die geschlechtsspezifische Sozialisation, Rollenerwartungen und deren Einfluss auf die psychische Entwicklung von Mädchen und Frauen.
3. Frauen und Abhängigkeit: Hier werden frauenspezifische Einstiegswege, Konsummuster, Komorbiditäten sowie die komplexe Thematik von Schwangerschaft, Mutterschaft und Sucht analysiert.
4. Ausstieg aus der Abhängigkeit: Dieses Kapitel befasst sich mit den Barrieren beim Zugang zum Suchthilfesystem und konkreten Gestaltungsmöglichkeiten für eine frauenspezifische stationäre Behandlung und Pflege.
5. Frauenspezifische Prävention: Es wird die Notwendigkeit geschlechtsdifferenzierter Präventionsangebote für Mädchen und junge Frauen zur Stärkung der Lebenskompetenzen hervorgehoben.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine gendersensible Betrachtung für eine effektive psychiatrische Suchtarbeit essenziell ist, ohne dabei die individuellen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren.
Schlüsselwörter
Frauenspezifische Suchtarbeit, Abhängigkeitserkrankung, Gender, Sozialisation, Komorbidität, Trauma, Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, Suchthilfesystem, stationäre Behandlung, Pflege, Empowerment, Schwangerschaft, Suchtprävention, Lebenskompetenzen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der geschlechtsspezifischen Abhängigkeitsproblematik bei Frauen und untersucht, wie stationäre psychiatrische Angebote besser auf die Bedürfnisse weiblicher Betroffener zugeschnitten werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Facharbeit?
Zentrale Themen sind die weibliche Sozialisation, Traumatisierungen als komorbide Störungen, die Situation schwangerer Suchtkranker sowie Barrieren und Lösungsansätze innerhalb des Suchthilfesystems.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, genderspezifische Unterschiede bei Abhängigkeitserkrankungen aufzuzeigen und Strategien zu entwickeln, um eine effektivere, frauenspezifische Versorgung im stationären Rahmen zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der Analyse bestehender Forschungsergebnisse zur gendersensiblen Suchtarbeit, kombiniert mit pflegerischen Reflexionen aus der Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur weiblichen Sozialisation und Suchtentstehung sowie einen praktischen Teil, der Behandlungsbarrieren analysiert und pflegerische sowie strukturelle Maßnahmen für die stationäre Versorgung vorschlägt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Frauenspezifische Suchtarbeit, Gender, Komorbidität, Trauma, stationäre Behandlung, Empowerment und Suchtprävention.
Warum ist eine frauenspezifische Herangehensweise bei Traumata so wichtig?
Da viele abhängige Frauen traumatische Erfahrungen wie sexuelle Gewalt erlebt haben, benötigen sie einen sicheren Rahmen, der ihre Grenzen respektiert und eine trauma-sensible Behandlung ermöglicht, um nicht durch unbedachte therapeutische Vorgehensweisen erneut traumatisiert zu werden.
Welche Rolle spielt die Haltung der Mitarbeiter in der stationären Behandlung?
Die Haltung der Fachkräfte beeinflusst den Genesungsprozess maßgeblich. Ein vorurteilsfreies, empathisches und wertschätzendes Gegenübertreten ist essenziell, um Hoffnung bei den Betroffenen zu fördern und eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen.
- Quote paper
- Christina Hoffmann (Author), 2011, Frauenspezifische Suchtarbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190912