Die vorliegende Untersuchung ist der Minnekonzeption in Eilharts von Oberge frühhöfischem Roman „Tristrant und Isalde“ gewidmet. Mein Interesse an dieser Tristan-Fassung beruht unter anderem auf der Tatsache, dass die Minnethematik in der frühhöfischen Epik, die sich an die höfischen Romane anzunähern versucht, mit einem Ehebruch - oder wie sich in dieser Arbeit herausstellen soll, einem Liebesverrat - beschäftigt.
Die angestrebte Untersuchung der Literatur geht von der These aus, dass der Ehebruch Isaldes als Liebesverrat verstanden werden kann. Um diese Annahme jedoch bestätigen zu können muss zunächst die wichtigste Frage geklärt werden: Ist ein Ehebruch an sich als Liebesverrat zu verstehen? Erst dann kann das Verhältnis der drei Hauptfiguren (Tristrant, Isalde, Marke) hinsichtlich eines Liebesverrats untersucht werden. Im Speziellen ist danach zu fragen, ob das Liebesverhältnis von Tristrant und Isalde als Liebesverrat an Marke gesehen werden kann.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, Eilharts Minnekonzeption in Hinblick auf einen möglichen Liebesverrat zu analysieren, um dadurch ein besseres Verständnis für das Beziehungsgeflecht um Tristrant, Isalde und Marke zu erlangen. Die Untersuchung wird mit Hilfe von ausgewählten Werken, unter anderem von Peter von Matt, Marion Mälzer, Anna Keck und Dagmar Mikasch-Köthner, vollzogen.
Als Voraussetzung für diese Untersuchung müssen die Verhältnisse der Hauptfiguren, insbesondere das Verhältnis von Isalde zu Tristrant und Isalde zu Marke, analysiert werden. Unerlässlich ist dabei die Analyse der minne zwischen Tristrant und Isalde.
So ist zu fragen, ob bereits ein Anflug von minne vor dem Einnehmen des Trankes zu vermuten ist, um danach klären zu können, ob das Minneverhältnis von Tristrant und Isalde nach Beendigung der Trankwirkung als rechte minne angesehen werden kann. Um letztendlich aber wissen zu können, ob ein Ehebruch automatisch auch als Liebesverrat zu werten ist, ist der Ehebruch zunächst mit der Unterscheidung zwischen Mann und Frau als EhebrecherIn innerhalb der Gesellschaft zu betrachten. In Abgrenzung zum Ehebruch muss nun geklärt werden, was unter einem Liebesverrat zu verstehen ist und wie dieser sich eventuell im Beziehungsgeflecht der drei Hauptfiguren wiederfinden lässt. Folglich kann daraufhin ein Ehebruch präzise von einem Liebesverrat unterschieden werden und somit auch die eigentliche Frage, ob Isaldes Ehebruch auch als Liebesverrat verstanden werden kann beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Minnekonzeption bei Eilhart von Oberg
1.1. Causa amoris
1.2. Das Verhältnis von Tristrant und Isalde vor dem Minnetrank
1.3. Trankminne als Zwangminne?
1.4. Von der Zwangminne zur rechten minne?
2. Ist Ehebruch automatisch Liebesverrat?
2.1. Der Ehebruch im Mittelalter
2.2. Das Eheverhältnis von Isalde und Marke
2.2.1. Exkurs: Tristrant und Isalde (II); Kehenis und Gariole
3. Was wird unter Liebesverrat verstanden?
3.1. Entspricht Isaldes Ehebruch einem Liebesverrat?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Minnekonzeption im frühhöfischen Roman "Tristrant und Isalde" von Eilhart von Oberg mit dem Ziel, die Ehebruchsthematik in Bezug auf den Begriff des Liebesverrats zu analysieren und ein besseres Verständnis für das Beziehungsgeflecht der Protagonisten zu gewinnen.
- Analyse der Minnekonzeption und der Wirkung des Minnetranks bei Eilhart von Oberg.
- Untersuchung der gesellschaftlichen Bewertung von Ehebruch im Mittelalter.
- Definition des Begriffs Liebesverrat im Kontext der literarischen Tristan-Tradition.
- Kritische Prüfung, ob der Ehebruch Isaldes als Liebesverrat an Marke gewertet werden kann.
- Erörterung des Wandels von Zwangminne zur rechten minne.
Auszug aus dem Buch
1.1. CAUSA AMORIS
Bei allen Tristan-Fassungen ist der Minnetrank als Ursache der Liebe zu nennen. Oft wird der Zufall der Trankeinnahme als Schicksal begriffen und als von außen hervorgerufene minne betrachtet. Eine solche Minnekonzeption ist jedoch nichts Außergewöhnliches für das mittelalterliche Verständnis von Liebe.
Bei Eilhart hat der Trank magische Kräfte, welche die Liebe zwischen Tristrant und Isalde auslöst. Diese Trankwirkung hält nach Eilharts Erzählung vier Jahre (E. 2283). In diesem frühhöfischen Roman wird jedoch die starre Entwicklung von Liebe, die nur durch äußere Einflüsse entsteht, in Frage gestellt. Nach dem Ende der Trankwirkung lässt sich nämlich vermuten, dass während Isalde und Tristrant unter dem Einfluss standen, eine rechte minne zwischen den beiden induziert wurde. Diese rechte minne kennzeichnet sich durch eine aus freien Stücken geführte Liebe, die auch über den Tod hinweg andauert. Dennoch muss der Trank als alleiniger Auslöser der Liebe gesehen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Minnekonzeption bei Eilhart von Oberg: Dieses Kapitel erläutert die Entstehungsbedingungen der Liebe durch den Minnetrank und beleuchtet die Entwicklung von der fremdbestimmten Zwangminne hin zur freiwilligen rechten minne.
2. Ist Ehebruch automatisch Liebesverrat?: Hier wird der historische Kontext des mittelalterlichen Ehebruchs untersucht und aufgezeigt, dass die Bewertung je nach Geschlecht variierte und im Kontext höfischer Strukturen zu betrachten ist.
3. Was wird unter Liebesverrat verstanden?: Das letzte Kapitel definiert den Liebesverrat theoretisch und wendet diese Kriterien auf das Beziehungsgeflecht zwischen Tristrant, Isalde und Marke an, um ein Fazit über die Validität des Verratsvorwurfs zu ziehen.
Schlüsselwörter
Tristrant und Isalde, Eilhart von Oberg, Minnekonzeption, Ehebruch, Liebesverrat, rechte minne, Zwangminne, Tristanminne, mittelalterliche Literatur, höfische Ehe, Liebesvertrag, Beziehungsgeflecht, Trankwirkung, Treuebruch, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Minnekonzeption in Eilhart von Obergs "Tristrant und Isalde" und der Frage, ob der dort dargestellte Ehebruch als Liebesverrat interpretiert werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle des Minnetranks, die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Ehe im Mittelalter sowie die literarische Definition von Liebesverrat.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für das Beziehungsgeflecht zwischen Tristrant, Isalde und Marke zu entwickeln und zu klären, unter welchen Bedingungen Ehebruch als Liebesverrat zu werten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zu Tristan-Dichtungen und zum Konzept des Liebesverrats.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Minnekonzeption bei Eilhart, die Untersuchung der gesellschaftlichen Ehebruchs-Bedingungen und die theoretische Fundierung sowie Anwendung des Liebesverrat-Begriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem zentralen Werk und Autor sind es Begriffe wie Minnekonzeption, rechte minne, Liebesverrat und das Beziehungsgeflecht der Tristan-Figuren.
Wie unterscheidet Eilhart von Oberg zwischen Zwangminne und rechter minne?
Eilhart kontrastiert die durch den Trank erzwungene, auf äußere Einflüsse basierende Zwangminne mit der nach dem Nachlassen der Trankwirkung entstehenden, aus freien Stücken gewählten rechten minne.
Warum kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass der Liebesverrat bei Tristrant nicht existent ist?
Der vermeintliche Liebesverrat von Tristrant basiert lediglich auf einer Lüge von Kehenis und beruht nicht auf einem tatsächlichen Bruch einer Liebesbeziehung durch Untreue.
Welche Rolle spielt die Ehe von Marke und Isalde für die Argumentation?
Die Ehe wird als rein politisch motiviertes Bündnis ohne Liebe bewertet, was die Definition eines Liebesvertrags erschwert und die Feststellung eines tatsächlichen Liebesverrats problematisch macht.
- Arbeit zitieren
- Jenny Schmidt (Autor:in), 2011, Der Liebesverrat in Eilhart von Obergs „Tristrant und Isalde“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190943