Historische Pragmatik: Fluchen heute und damals in Lenz' "Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung"


Hausarbeit, 2011

19 Seiten

Marla Rinwick (Autor)


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Fluchworte aus pragmatischer Sicht
2.1 Bedeutungswandel des Begriffs fluchen
2.2 Sprachtabus und wie man sie umgehen kann
2.3 Abschwächung und Desemantisierung von Fluchworten
2.4 Der Sprechakt „Fluch“
2.5 Die Wortart der Flüche: Interjektionen
2.6 Warum und in welchen Situationen fluchen wir?

3. Andere Kulturen, andere Fluchwortbereiche
3.1 Der skatologische Fluchwortbereich im deutschsprachigen Raum
3.2 Sexuelle Körperfunktionen als Fluchwortquelle im angelsächsischen Raum

4. Die Verwendung von Fluchworten in J.M.R. Lenz‘ Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung
4.1 Wer flucht wie, wann und wo? – kontextabhängiges Fluchen im Hofmeister
4.2 Die Vermeidung von Sprachtabus im Hofmeister
4.3 Aggressive Sprechakte im Hofmeister
4.4 Flüche als Interjektionen im Hofmeister

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fluchen tut gut übertitelt Sebastian Herrmann (2005) seinen Artikel im Spiegel Online und berichtet darin von einem Gesetz in den USA, welches öffentliches Fluchen seit 1897 unter Strafe stellt. Allerdings, sagt Herrmann (2005), sei Fluchen ein „menschlicher Urtrieb[, der nicht zu unterdrücken ist, da] in der neuronalen Struktur des Hirns verankert“ (Herrmann 2005: 1).

Laut Nübling/Vogel (2004) werden die Termini fluchen und schimpfen im heutigen Sprachgebrauch ähnlich verwendet. Sie untermauern diese Behauptung mit den Einträgen aus dem Duden-Bedeutungswörterbuch 2002, in dem unter fluchen (‚mit heftigen und derben Ausdrücken schimpfen‘) auf schimpfen verwiesen und unter schimpfen (‚seinem Unwillen in heftigen Worten Ausdruck geben‘) als Synonym fluchen genannt wird. (vgl. Nübling/Vogel 2004: 19 f.)

Unter dem Oberbegriff fluchen lässt sich wiederum zwischen Blasphemie und profaner Sprache unterscheiden. Blasphemie ist die absichtlich geringschätzige Verwendung von religiösen Symbolen oder Namen durch fluchen oder schimpfen (vgl. Hughes 2006: 31). Profane Sprache kann auch ehrfurchtslos, gotteslästerisch oder schockierend sein, im Gegensatz zur Blasphemie wird sie jedoch eher gewohnheitsmäßig geäußert (vgl. Hughes 2006: 31, 362). Blasphemie ist schwerwiegender, da sie einen Angriff auf die Religion und religiöse Figuren darstellt, z. B. in der Aussage „der Papst ist ein Idiot“ (vgl. Jay 2005: 71). Auch blasphemische Beleidigungen haben mit der Säkularisierung der westlichen Gesellschaft an Ernsthaftigkeit verloren. (vgl. Hughes 2006: 31)

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich das Phänomen fluchen aus pragmatischer Sicht beschreiben. Dazu erkläre ich die Geschichte des Begriffes und seinen Bedeutungswandel näher. Danach widme ich mich den Euphemismen, welche unabdingbar für ein harmonisches Miteinander in jeder Gesellschaft sind. Im Laufe der Zeit erfahren die meisten Tabuworte eine Abschwächung und Desemantisierung, welche ich im darauf folgenden Absatz erläutern werde. Weiterhin grenze ich den Sprechakt „Fluch“ von den beiden ähnlichen aggressiven Sprechakten „Beschimpfung“ und „Verwünschung“ ab, um danach Flüche als Wortart einzuordnen. Die Begriffe „Verwünschung“ und „Verfluchung“ werde ich in dieser Arbeit synonym benutzen. Außerdem möchte ich darlegen, warum und in welchen Situationen wir fluchen.

Interessant ist auch die Tatsache, dass jede Kultur eine bestimmte semantische Fluchwortquelle hat, aus welcher der Großteil ihrer Fluchworte kommt. Dies werde ich im zweiten Teil dieser Arbeit genauer erklären, um im Anschluss daran den skatologischen Bereich im deutschsprachigen Raum sowie die Hauptfluchwortquelle sexueller Körperfunktionen im angelsächsischen Sprachraum vorzustellen.

Im dritten Teil dieser Arbeit werde ich die gewonnenen Erkenntnisse auf das Werk Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung von J.M.R. Lenz anwenden. Ich möchte aufzeigen, inwieweit sich unsere heutigen Fluchgewohnheiten von jenen vor knapp 240 Jahren unterscheiden.

2. Fluchworte aus pragmatischer Sicht

2.1 Bedeutungswandel des Begriffs fluchen

Im traditionellen Sinne versteht man unter fluchen den Anruf einer übernatürlichen Macht, um einer bestimmten Person oder einem Ort Schaden zuzufügen bzw. sie zu vernichten. Früher glaubte man noch an die „Magie des Wortes“ und an die im Fluch angerufene Autorität. Man setzte die Person oder den Ort durch Worte und deren Sinn unter einen „Fluch“ (vgl. Hughes 2006: 115).

Aus dieser Zeit, in der man zu Beginn noch glaubte, dass ein Wort und das damit bezeichnete identisch seien, stammen die sogenannten „Tabuworte“. Laut dem Duden – Deutsches Universalwörterbuch (2001) ist ein Tabu ein „Verbot, bestimmte […] geheiligte Personen od. Gegenstände […] zu nennen[. Genauer gesagt, ein] ungeschriebenes Gesetz, das aufgrund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, bestimmte Dinge zu tun“ (Duden 2001: 1555), z. B. bestimmte Worte auszusprechen. Nicht alle Tabuworte sind Fluchworte, doch alle Fluchworte sind Tabuworte – manche stärker, manche weniger stark.

Bis zum Mittelalter sind Ausrufflüche nicht bekannt, auch das Anrufen von Gottheiten war nicht gebräuchlich, danach fand religiöses Fluchen aber immer mehr Verbreitung (vgl. Gehweiler 2010: 324). Mit Einsetzten der Säkularisierung und der Aufklärung nahm der Glaube an die „Magie des Wortes“ stetig ab und Flüche wurden immer weniger als ernsthafte Verwünschungen angesehen (vgl. Hughes 2006: 115). Es gab einen „Umschwung“ vom religiösen zum „weltlichen“ Fluchen, z. B. mit dem Gebrauch von Tiernamen oder Sexualorganen (vgl. Gehweiler 2010: 325). Man kann sagen, dass das Fluchen bei und zu (jmd./etw.) zum Fluchen auf (jmd./etw.) gewechselt ist (vgl. Hughes 1991: 237). Heutzutage drückt fluchen auf profane Weise Empörung, Wut oder Überraschung aus. (vgl. Hughes 2006: 115)

2.2 Sprachtabus und wie man sie umgehen kann

Mit Euphemismen nimmt man auf Tabuworte oder unangenehme Themen Bezug, indem man sie mit bewusst indirekten oder konventionell ungenauen Begriffen umschreibt. Viele Euphemismen sind offensichtlich (z. B. four-letter-word), eine hohe Anzahl aber noch unbekannt. Alle Sprachgemeinschaften haben Tabuthemen und somit auch Euphemismen, da sie eine essenzielle Form von Höflichkeit sind. Die gefürchteten oder verbotenen semantischen Tabubereiche sind sehr unterschiedlich und beinhalten vor allem die Namen von Gott und Teufel, den Tod, Krankheit, Geistesgestörtheit, Behinderungen, Armut, Körperausscheidungen und Sexualität. In manchen Gesellschaften sogar vergleichsweise triviale Themen wie Unterwäsche oder Körperfülle.

Euphemismen entstanden in Zeiten, als man noch an die Magie des Wortes, also an eine mystische Beziehung zwischen Worten und Dingen glaubte. Durch ihre Benutzung konnte man Sachen besser beschreiben als sie sind oder Tabuthemen vermeiden, um eine gefürchtete Macht nicht zu beleidigen. Etymologisch gesehen hat das Wort „Euphemismus“ griechische Wurzeln, eu steht für ‚gut‘ und pheme bedeutet ‚sprechen‘. Typischerweise werden Euphemismen in Form von Metaphern verwendet, z. B. Liebe machen, es tun oder miteinander schlafen als Umschreibungen für Sex. (vgl. Hughes 2006: 152)

Euphemismen sind nicht zu verwechseln mit Verballhornungen, im Volksmund auch als „Verschlimmbesserungen“ bekannt. Dabei handelt es sich um die Entstellung von Worten, Namen, Wendungen, u.a. (vgl. Duden 2001: 1683). Das Fluchwort Sapperment beispielsweise ist eine Verballhornung, genauer gesagt eine bewusste Entstellung des Wortes Sackerment, um das Aussprechen dieses religiösen Fluches zu vermeiden.

Bei Sackerment wiederum handelt es sich um eine Volksetymologie, welcher der Duden (2001) wie folgt definiert: „volkstümliche Verdeutlichung eines nicht [mehr] verstandenen Wortes od. Wortteiles durch lautliche Umgestaltung unter (etymologisch falscher) Anlehnung an ein ähnlich klingendes Wort.“ (Duden 2001: 1742). Sackerment leitet sich vom lateinischen Sakrament ab und wurde zur leichteren Aussprache phonologisch an das Deutsche angepasst.

2.3 Abschwächung und Desemantisierung von Fluchworten

Fluchworte welche einst große emotive Stärke hatten, haben heutzutage durch ständige Wiederholung und willkürliche Verwendung an Einfluss verloren. Dies gilt für alle semantischen Fluchbereiche, vor allem religiöse Flüche haben durch Verallgemeinerung und Abschwächung an Intensität eingebüßt. Im Mittelalter waren sie noch sehr kraftvoll, seit der Renaissance nahm ihre Stärke immer weiter ab, bis zu dem Punkt, dass wir bei ihrer heutigen Verwendung nicht mehr an ihre ursprüngliche Bedeutung denken (vgl. Hughes 2006: 300). Auch Havryliv (2009) sagt, dass der Sprecher Flüche heutzutage aus einer Routine heraus benutzt und auf Grund ihrer Desemantisierung nicht mehr an ihre eigentliche Bedeutung denkt. Der emotive Bezug ist stärker als die Bedeutung des Fluchwortes (vgl. Havryliv 2009: 88). Hughes (2006) erklärt die Abschwächung einst starker Tabuworte anhand einiger Beispiele aus dem Englischen:

Over the centuries animal terms like pig, swine, sow, shrew, and bitch have become words of powerful insult, but then generalized and weakened. In more recent decades terms derived from genital and excretory functions have become toned down to mean nothing more offensive than “a worthless person” or “a fool.” (Hughes 2006: 301)

Im englischsprachigen Raum werden sie auch zum Fluchen benutzt, siehe fuck, auf welches ich unter 3.2 noch genauer eingehen werde. Ausnahmen, welche heutzutage als starke Tabuworte angesehen werden, sind Begriffe, die andere Rassen und Menschen mit Behinderungen diskriminieren. Noch vor 50 Jahren waren Schimpfworte wie Neger oder Krüppel nichts Außergewöhnliches. (vgl. Hughes 2006: 301)

2.4 Der Sprechakt „Fluch“

Im Volksmund sowie in der Sprachwissenschaft versteht man unter dem Sprechakt „Fluch“ auch das Beschimpfen und Verfluchen anderer Personen oder Gegenstände. Das in dieser Arbeit behandelte „Fluchen“ richtet sich im Gegensatz zu den anderen beiden Sprechakten jedoch nicht an einen Adressaten, sondern man „flucht“ über eine ärgerliche Situation, die man selbst oder andere zu verantworten haben. Beim Sprechakt „Verfluchung“ hingegen wünscht man sich, dass jemand anderem ein Unglück wiederfährt, z. B. „Der Teufel soll dich holen!“ (Havryliv 2009: 87). Wahrscheinlich entstammen einige unserer heutigen „Flüche“ ehemaligen „Verwünschungen“, z. B. „Gottes Blitz soll dich treffen!“, welches sich zum heutigen Fluch „Gottes Blitz!“ (Havryliv 2009: 87) entwickelt hat (vgl. Havryliv 2009: 87). Der perlokutionäre Akt, also der Effekt auf den Hörer beim „Verwünschen“ ist es, danach „unter dem Einfluss eines Fluches leben zu müssen“. Beim heutigen Fluchen hingegen ist die Wirkung jene, zu wissen dass die andere Person verärgert ist (vgl. Gehweiler 2010: 329). Kurzgesagt ist der Sprechakt „Fluch“ ist im Gegensatz zu den anderen beiden Sprechakten situations- und nicht adressatenbezogen. Fluchen ist monologisch, so sagte schon Jay (2000), dass wir vor allem fluchen, wenn wir alleine sind. Fluchen und Beschimpfen sind spontane Emotionskundgebungen, mit denen wir uns abreagieren. Das Beschimpfen erfüllt die zusätzliche Funktion, den Hörer zu beleidigen (vgl. Jay 2000: 193). Laut Havryliv (2009) sind die beiden Sprechakte im mündlichen Sprachgebrauch nicht immer genau zu unterscheiden, auf textlicher Ebene hingegen schon. Zur Veranschaulichung des Unterschieds beider Sprechakte gibt sie Beispiele anhand des Lexems Scheiße: „Du falsches Stück Scheiße!“ ist eine Beschimpfung und „Scheiße!“ ist ein Fluch. (vgl. Havryliv 2009: 87 f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Historische Pragmatik: Fluchen heute und damals in Lenz' "Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V190980
ISBN (eBook)
9783656155072
ISBN (Buch)
9783656155904
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische Pragmatik, Fluchen, Der Hofmeister, Lenz, Sprachtabus, Euphemismen, Desemantisierung, Sprechakt Fluch, Interjektionen, Fluchwortbereiche, Fluchwortquellen, Bedeutungswandel des Begriffs fluchen
Arbeit zitieren
Marla Rinwick (Autor), 2011, Historische Pragmatik: Fluchen heute und damals in Lenz' "Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190980

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