Venedig: neue Räume hinter offenen und geschlossenen Türen


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

1 Das Venedig des späten Settecento
1.1 Traditionsreiche Handelsmacht und einflussreiche Kulturstadt
1.2 Charakteristika der venezianischen Gesellschaft
1.2.1 Das Miteinander von popolani, cittadini und nobili
1.2.2 Venedig als Reiseziel
1.2.3 Innerer Zusammenhalt

2 Gesellschaft hinter offenen und geschlossen Türen
2.1 Öffentliches Glücksspiel im ridotto
2.2 Private Gesellschaft im casino
2.3 Kaffehäuser - botteghe del caffè

3 Resumee

Einführung

Venedig – Ziel zahlloser Generationen von Künstlern, Gelehrten, Händlern, Herrschern, Reisenden, Suchenden, Flüchtenden und Vergnügungssüchtigen aus ganz Europa. Nähert man sich der Lagunenstadt auf kulturhistorischer Ebene, betritt man einen Kosmos aus Geschichte, Kultur und Mythos einer einstmals großen Handelsmacht. Nicht ohnehin ist Venedig die meistbesuchte Stadt Europas, doppelt so viele Touristen reisen in die Wasserstadt als beispielsweise ins weltberühmte und geschichtsträchtige Rom.[1] Mit Sicherheit liegt die große Faszination Venedigs an ihrer einzigartigen Lage in einer Lagune, ihre beispiellose Architektur zieht den Besucher in ihren Bann und der Scirocco weht ihm Erinnerungen aus Venedigs unvergleichbarer Geschichte entgegen. Das Bild des heutigen Venedigs ist bestimmt durch das Zurückdenken an Vergangenes, an einstige Größe und kulturelle Bedeutung. Im Editorial der GEO Epoche, die sich der Lagunenstadt ausführlich widmet, nennt der Herausgeber die Entwicklung Venedigs „von der Großmacht zum Freilichtmuseum“ und hält fest, dass diese „Kulisse einstiger Größe“[2] dennoch nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat.

In welchem politischen und gesellschaftlichen Klima konnten die Partikularitäten der Lagunenstadt jedoch erst aufkeimen, bald erblühen und später verwelken? In der vorliegenden Seminararbeit sollen neuartige Entwicklungen im Venedig des 18. Jahrhunderts untersucht werden, im Fokus der Arbeit stehen dabei die Entstehung neuer Räume in drei ausgesuchten Lokalen ihrer Zeit: das öffentliche ridotto, die privaten casini und die gesellschaftlichen Kaffehäuser Venedigs. Zuvor wird eine Betrachtung der zeitlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Umstände versucht werden, in der die Hintergründe dieser Neuerungen aufgezeigt werden sollen. Letztendlich soll damit die These belegt werden, dass diese neuen Räume der Stadt einzig im speziellen Kosmos der venezianischen Gesellschaft entstehen konnten, der in dieser Zeit geprägt war von dem Kontrast zwischen öffentlicher und privater Gesellschaft und mit dessen Handhabung durch die Venezianer.

1 Das Venedig des späten Settecento

1.1 Traditionsreiche Handelsmacht und einflussreiche Kulturstadt

„Als der Zenit der Wirtschaftsmacht Venedig erreicht war und der langsame Abstieg begann, trat die Kultur ihren Siegeszug an.“[3]

Auf passende Art resümiert dieses Zitat die Zeitumstände, die die Grundlage für weitreichende gesellschaftliche Veränderungen ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in Venedig bildeten. Eine lange und bemerkenswerte Geschichte Venedigs ging dieser Epoche voraus: von einer kleinen Laguneninsel, die im 8.Jahrhundert gegen den mächtigen Kaiser von Byzanz revoltierte und sich fortan im Kampf gegen den einflussreichen Nachbarn sowohl politisch, als auch wirtschaftlich durchsetzte, avancierte der Inselstaat zur europäischen Großmacht des Mittelalters. Bereits um 1590 leben rund 190 000 Menschen in der Stadt am Kanal – eine danach nie wieder erreichte Einwohnerzahl.[4] In Literatur und Wissenschaft war die Historie Venedigs stets Gegenstand großen Interesses, in dieser Abhandlung kann sie jedoch aufgrund ihres beinahe unüberschaubaren Umfanges nicht eingehend behandelt werden.[5] Der allmähliche Bedeutungsverlust auf wirtschaftlicher und weltpolitischer Ebene ab dem 15. Jahrhundert und das schließliche Ende der Republik 1797 standen dessen ungeachtet einer kulturellen Blütezeit seit der Renaissance entgegen, die zweifellos ohne die wohlhabende Vergangenheit der Stadt Venedig nicht möglich gewesen wäre.

Über mehrere Jahrhunderte hinweg profitierte Venedig unter der Herrschaft seiner Dogen von seiner zentralen Lage in Mittelmeer als „Mittlerin zwischen Abend- und Morgenland“[6]. Der Handel mit der Levante brachte dem Seestaat seinen Reichtum als geografisch prädestinierter Umschlagplatz zwischen Orient und Okzident; im 14./15. Jahrhundert stieg Venedig unaufhaltbar zur reichsten und modernsten Handelsstadt des gesamten Abendlandes auf. Aber nicht nur die exotischen Waren aus dem Osten fanden von Venedig ausgehend schnell Verbreitung im restlichen Europa, auch venezianische Einflüsse aus Kunst, Musik und der Alltagskultur eroberten bald den Kontinent. Namhafte Vertreter ihrer Zunft entstammten der Republik: Bellini, Carpaccio und Tizian waren führende Maler ihrer Zeit, Giandomenico Tiepolo und Antonio Canal (genannt Canaletto) erschufen gänzlich neue Genre in der Malerei. Claudio Monteverdi revolutionierte von San Marco aus die Musikgeschichte seiner Epoche, Antonio Vivaldi ist auch heute noch weltweit ein großer Name unter den Komponisten und Carlo Goldoni amüsierte mit seiner Commedia dell’Arte damalige und heutige Theatergänger.[7]

Auch nach dem wirtschaftlichen Bedeutungsverlust, den Venedig durch die neuen Handelswege nach Amerika und Indien seit dem 15.Jahrhundert erlitten hatte, florierte ein einträglicher Industriezweig noch immer: die Produktion von prestigeträchtigen Luxusartikeln wie Seide und den wertvollen Glaserzeugnissen, die von der Laguneninsel Murano stammten, nährte noch das dekadente Bild Venedigs als genussorientierte Metropole.

Dieser spezielle Mikrokosmos aus dauerhaftem Reichtum, gesellschaftlicher Machtkonzentration und politischer Unabhängigkeit brachte seinerzeit einen besonderen Typus der Gesellschaftsstruktur hervor, der in seiner Vielfältigkeit an Menschen, Festen und Bräuchen seinesgleichen suchte. Im folgenden Kapitel soll dieses venezianische Kuriosum näher betrachtet werden.

1.2 Charakteristika der venezianischen Gesellschaft

1.2.1 Das Miteinander von popolani, cittadini und nobili

Die Bevölkerung Venedigs teilte sich auf die historischen drei Stände auf, wie auch in anderen Ländern Europas dieser Zeit. Die mächtigste Schicht der Gesellschaft waren die nobili, Patrizier aus Adel und Oberschicht, die die einflussreichsten Familien der Stadt bildeten (z.B. die Corner, Grimani, Barbarigo) und aus deren Geschlechtern die Herrscher des Staates – die Dogen – entstammten. Die Ernennung des Dogen aus ihren Reihen bedeutete fortan Aufstieg, Fall und Konkurrententum unter den verschiedenen Patrizierfamilien. Ab dem 12. Jahrhundert wirkten sie im Maggior Consiglio als Kontrollinstanz und Beratungsgremium des Herrschers im Räderwerk der ausgeklügelten venezianischen Verfassung aktiv an der Politik der Großmacht Venedigs mit.[8] Die nobili waren es, die als Bankiers, Händler und Unternehmer für den Reichtum Venedig sorgten, ihn mehrten und gewinnbringend weiter investierten. Auch bestand ihr Unternehmertum oftmals darin, die in Venedig auf jedermanns Gusto ausgerichtete Vergnügungsindustrie zu betreiben, die dem Volk in Theatern, Opern, Kaffehäusern und den unzähligen Spielhäusern, den ridotti, abwechslungsreiche Unterhaltung versprach.[9]

Die cittadini garantierten durch ihren Einsatz in der Verwaltung der Republik ein reibungsloses und effizientes Funktionieren des Staates und waren im heutigen Sinne eine gut situierte Mittelschicht. Als Basis an Arbeitern, Handwerken und Schiffsleuten dagegen fungierten die popolani, das einfache Volk Venedigs.

Eine gewisse Offenheit venezianischer Führungsschichten hob Johann Caspar Goethe in seinen umfassenden Schriften zu seiner Italienreise um 1739 hervor, die ihn im Vergleich zum eher verschlossenen heimischen Frankfurter Patriziat beeindruckt haben musste.[10] Die historisch entwickelte und bewährte Arbeitsteilung zwischen den nobili, cittadini und popolani bewirkte einen liberalen Umgang und besonderen Zusammenhalt der Stände untereinander. Reibungslose und effiziente Arbeitsabläufe verhießen einen größeren Gewinn, für Angestellte und Arbeitgeber gleichermaßen.

Besonders im alljährlichen venezianischen Karneval nahm dieser gemeinschaftliche Zusammenhalt verblüffende Ausdrucksformen an und verdeutlicht auf der anderen Seite das Selbstverständnis der stolzen Bürger Venedigs: Selbstverständlich distinguierte man sich untereinander üblicherweise zwar streng und standesgemäß durch Habitus, Kleidung und Sitten, die gewohnte Ständeordnung streifte man jedoch mit Vergnügen während der Karnevalszeit unter Kostümen und hinter Masken ab. Es verwundert daher nicht, dass es in den Monaten der Narrenzeit unter den Venezianern üblich war, sich mit „ Siora Maschera “ statt des höflichen „Eccelenza“ zu begrüßen – ungeachtet dessen, welcher Arbeiter oder Edelmann sich hinter der Maske hätte verbergen können.[11] Dieses vereinheitlichende Prinzip wirkte auch über die Karnevalszeit hinaus in der Bevölkerung Venedigs und kristallisierte sich in verschiedenen Gewohnheiten der Einheimischen. So sprach zum Beispiel ein jeder Venezianer denselben lokalen Dialekt: man beabsichtigte durchaus nicht, sich etwa durch den Gebrauch des höfischen toskanischen Italienisch von einander abzuheben – dies war allenfalls auf dem Festland Mode. Der Karneval war wiederum eine Ausdrucksform für diese Gemeinschaft der Stände, die in ihrer Besonderheit gewiss faszinierend und anziehend auf die Besucher der Stadt wirkten. Wo sonst konnte man den Freuden des incognito frönen, das genüssliche Ausschweifungen jenseits aller Standesdünkel erlaubte, ohne die Angst, erkannt zu werden?

[...]


[1] DasErste.de: Weltspiegel – Italien http://mediathek.daserste.de/daserste/servlet/content/3782910 (07.02.2010)

[2] M. Schafer: Editorial. In: GEO Epoche 11/07, S.3

[3] Rösch 2000, S.167

[4] Vgl. A. Karsten/O. Mischer: „Die Geschichte Venedigs.“ In: GEO Epoche 11/07, S.175

[5] Siehe u.a. dazu weiterführend: Del Negro, Piero / Preto, Paolo (Hrsg.): Storia de Venezia. Dalle origini alla caduta della Serenissima, Roma 1998; Landwehr, Achim: Die Erschaffung Venedigs. Raum, Bevölkerung, Mythos. 1570-1797. Paderborn 2007; Lane, Frederic C.: Seerepublik Venedig. München 1980

[6] Rösch 2000, S.166

[7] Vgl. Rösch 2000, S. 168

[8] Vgl. „Die Verfassung Venedigs (um 1400)“, In: GEO Epoche 11/07, S.172

[9] Siehe ausführlich dazu Kapitel 2.1 Öffentliches Glücksspiel im ridotto

[10] Vgl. North 2003, S.37

[11] Vgl. Eickhoff 2006, S. 67

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Venedig: neue Räume hinter offenen und geschlossenen Türen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: „Venedig 1700 bis 2010: Mythen und Identitäten einer Stadt“
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V191105
ISBN (eBook)
9783656157168
ISBN (Buch)
9783656157793
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Venedig, Kulturwissenschaft, Kulturgeschichte, Serenissima, Italianistik, Kaffeehauskultur, Gesellschaftskultur, Italien, Levante
Arbeit zitieren
BA Carolin Behrens (Autor), 2011, Venedig: neue Räume hinter offenen und geschlossenen Türen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191105

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