Konzept zur individuellen Förderung im Bildungsgang Berufsgrundschuljahr Wirtschaft und Verwaltung des Berufskollegs Castrop-Rauxel

Wochenplanarbeit im Unterrichtsfach Mathematik am Beispiel der Prozentrechnung


Examensarbeit, 2011
56 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Berufskolleg Castrop-Rauxel
1.3 Ziel und Vorgehensweise der Arbeit
1.4 Relevante Lehrerfunktionen

2. Individuelle Förderung als grundlegendes Konzept im Rahmen der Schule und als Basis der Wochenplanarbeit

3. Wochenplanarbeit als Möglichkeit selbstorganisierten Lernens
3.1 Unterscheidung von klassischem Unterricht und offenem Unterricht
3.2 Wochenplanarbeit als Form des offenen Unterrichts
3.3 Bedeutung der Wochenplanarbeit im offenen Unterricht
3.4 Bewertung der Wochenplanarbeit

4. Praktische Umsetzung am Thema Prozentrechnung im Berufsgrundschuljahr Wirtschaft und Verwaltung
4.1 Lernvoraussetzungen
4.2 Einstieg in das Thema Prozentrechnung
4.3 Praktische Umsetzung der Wochenplanarbeit
4.4 Reflexion und Bewertung des Einsatzes der Wochenplanarbeit

5. Fazit und Ausblick

Verzeichnis der zitierten Literatur

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Bearbeitungshinweise Wochenplan 21

Abbildung 2 - Arbeitsleiste Wochenplan Seite 1 22

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Öffnungsgrade des Unterrichts 10

Tabelle 2 - Verlauf der Einführungsstunde 20

Tabelle 3 - Notenschema der IHK Nord Westfalen 23

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Diskussionen in der Bildungspolitik in Bezug auf die Qualität des deutschen Bildungssystems setzen den Aspekt der individuellen Förderungen vermehrt in den Fokus. Individuelle Förderung bedeutet, dass jedem Schüler1 die Chance zu geben ist, sein individuelles Potenzial zu entwickeln und ihn durch geeignete Maßnahmen zu unterstützen.2 Daher ist eine Implementierung von Maßnahmen zu individueller Förderung auch am Berufskolleg weiter zu forcieren, auch wenn die Umsetzung im Unterrichtsalltag, im Gegensatz z.B. zur Primarstufe, als verbesserungswürdig zu sehen ist. Schaut man sich die Vielzahl an Bildungsgänge an einem Berufskolleg und die damit einhergehende, in der Zukunft weiter zunehmende, Heterogenität der Lerngruppen an, dann zeigt dies die Wichtigkeit einer festen und stringenten Implementierung von individueller Förderung in dieser Schulform auf.

Gerade im Bildungsgang „Berufsgrundschuljahr Wirtschaft und Verwaltung“ der Anlage B nach APO-BK besteht eine grundlegende Problematik in der Heterogenität der Lerngruppen, weshalb ich, ausgehend von meinem ersten Unterrichtsjahr dort, konzeptionelle Überlegungen über Maßnahmen der individuellen Förderung und die zu ergreifenden Schritte am Berufskolleg Castrop-Rauxel erschließen möchte. Die Demotivation oder das Desinteresse an fachlichen Inhalten, aber vor allem auch an Schule und Lernen der Schüler bei meiner Arbeit in diesem Bildungsgang sind Motivation, sich mit dieser Thematik gezielt auseinander zu setzen. Des Weiteren ist anzuführen, dass auf Grund der Heterogenität verschiedene Zugangsweisen für die unterschiedlichen Niveaus der Schüler geschaffen werden müssen, um diese weder zu über- noch zu unterfordern. Es geht vor allem darum, ihnen die Motivation und die Freude an Schule sowie Lernen wieder zu geben, um am Schuljahresende den Abschluss und im besten Fall dann auch eine Ausbildungsstelle ermöglichen zu können. Zwar wurde im ersten Halbjahr des letzten Schuljahres eine Förderstunde in der Woche angeboten, in der aber ein Lehrer alle fachbezogenen Fragen hätte klären müssen, auch wenn diese nicht in seinem „Spezialgebiet“ lagen. Darüber hinaus wurde diese Förderstunde nur sehr schwach von den Schülern frequentiert, und wenn sie einen Nutzen darin sahen, dann überhaupt nur kurz vor Klassenarbeiten. Daher ist diese einzelne Maßnahme nicht dem thematischen Inhalt der Arbeit zuzuschreiben, da dort keine konkrete Struktur und keine konzeptionellen Überlegungen vorlagen. Umso wichtiger erscheint die Auseinandersetzung mit einem Konzept zur individuellen Förderung in diesem Bildungsgang. Dabei soll der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit ausschließlich auf einer konzeptionellen Maßnahme zur Implementierung individueller Förderung, nämlich der Wochenplanarbeit, exemplarisch am Fach Mathematik liegen.

Die Wochenplanarbeit, als eine Möglichkeit der Individualisierung und Binnendifferenzierung im Unterricht, wird an Grundschulen bereits seit vielen Jahren äußerst erfolgreich angewendet und ist dort kaum noch aus der täglichen Unterrichtspraxis wegzudenken.3 Die Vorteile liegen auf der Hand: Flexibilität, Einfachheit und Facettenreichtum. Aber das größte Potenzial der Wochenplanarbeit ist die im doppelten Sinne zu verstehende Individualisierung. Das Konzept lässt sich an den eigenen Unterricht anpassen. Auf der einen Seite können die Bedürfnisse der Schüler in einer heterogenen Lerngruppe und auf der anderen Seite die Absichten des Lehrers gezielt berücksichtigt werden, so dass der Wochenplanunterricht theoretisch in fast allen Unterrichtseinheiten eines jeden Faches möglich erscheint. Warum also sollte dieses Konzept mit seinen nachgewiesenen Erfolgen nicht auch an einem Berufskolleg vielversprechend ein- und umgesetzt werden können?

1.2 Berufskolleg Castrop-Rauxel

Das Berufskolleg Castrop-Rauxel ist eine Schule der Sekundarstufe II mit beruflichem Gymnasium im Vestischen Kreis Recklinghausen. Zurzeit unterrichten mehr als 140 Lehrer etwa 2.600 Schüler in den Berufsfeldern Wirtschaft und Verwaltung, Sozialpädagogik, Gesundheit und Soziales. Die Qualifizierung der Schüler erfolgt praxisnah und zukunftsorientiert, Eigenständigkeit und Selbstverantwortung in Lernsituationen werden in allen Bildungsgängen besonders gefördert und durch ein teamorientiertes Kollegium begleitet. Schulinterne und -externe Evaluation stellen dabei die Qualität der Bildungsarbeit sicher und sind unter anderem Basis für ein Schulkonzept, das die kooperative Zusammenarbeit von Schulleitung, Lehrern, Arbeitgebern sowie Schülern und Eltern sichert. Im Einzelnen gehört es zum Leitbild der Schule, eine Kultur unternehmerischer Selbstständigkeit, interkultureller Kompetenz und Lernortkooperationen umzusetzen. Die Einbindung in die regionale Bildungslandschaft führt darüber hinaus zu weiteren Kooperationen, etwa mit Hoch- und Fachhochschulen, Einrichtungen der Krankenpflege, Kammern, privaten Bildungsträgern, der Agentur für Arbeit und natürlich den Ausbildungsbetrieben.

Das Berufskolleg Castrop-Rauxel nimmt darüber hinaus seit dem 01. August 2003 am Modellvorhaben „Selbständige Schule“ teil. In diesem Rahmen wurden folgende Entwicklungsvorhaben zielstrebig verfolgt4:

- Weitere Verstärkung der Lernortkooperationen;/p> - Die Entwicklung neuer Bildungsgänge Schärfung des Profils „Gesundheitsschule“;/p> - Entwicklung und Erprobung von Förderkonzepten;
- Die didaktisch-methodische Weiterentwicklung der Bildungsgänge durch Kernteams;
- Die Einbindung neuer Formen des Lehrens und Lernens in allen Bildungsgängen;
- Die Begleitung von Berufsanfängern im Lehrerberuf im Rahmen einer „Newcomer AG“;

Das Berufskolleg Castrop-Rauxel mit über 2000 Schülern in verschiedenen Bildungsgängen stellt sich auf ein sehr breites Spektrum an Förderinteressen ein. Bildungsgänge, die auf die Hochschulreife abzielen, haben möglicherweise mehr Interesse an Begabtenförderung, als an der Auseinandersetzung mit Schulmüdigkeit. Dagegen ist dies eher Schulalltag in der Berufsvorbereitung und damit hier Gegenstand der Überlegungen. Aufgrund dieser Vielfältigkeit kann es kein Förderkonzept geben, das für das gesamte Berufskolleg Castrop-Rauxel gelten kann. Die einzelnen Bildungsgänge sind beauftragt, ein passendes Förderkonzept zu entwickeln, das auf die individuellen Bedürfnisse der Lerngruppen abgestimmt ist und bewusst Schwerpunkte in bestimmten der oben genannten Arbeitsbereiche setzt. Als Hilfestellung hierzu wurde dem Kollegium in einer Lehrerkonferenz die Bandbreite der Fördermöglichkeiten und -notwendigkeiten anhand von Informationen des Ministeriums vorgestellt, auch, um darauf aufmerksam zu machen, dass viele Maßnahmen schon durchgeführt werden und lediglich systematisch erfasst und in ein Konzept eingebunden werden müssen.5 Zusätzlich wurde den Bildungsgangleitern eine Informationsseite mit relevanten Internetadressen zur Verfügung gestellt. Um die Wichtigkeit der Thematik „individuelle Förderung“ weiter zu unterstreichen, wurde bereits am 14.2.2011 ein pädagogischer Tag am Berufskolleg Castrop-Rauxel durchgeführt, bei dem in den verschiedenen Bildungsgängen fachbezogene Konzepte oder Unterrichtsstunden gezielt in Arbeitsgruppen entworfen und anschließend dem gesamten Kollegium zur Verfügung gestellt wurden.

1.3 Ziel und Vorgehensweise der Arbeit

Das Konzept der Wochenplanarbeit, welches in der vorliegenden Arbeit erschlossen wird, soll genau an den Inhalt des pädagogischen Tages anknüpfen und ein weiterer schulintern-konzeptioneller Vorstoß in Richtung der Umsetzung von individueller Förderung im Berufskolleg Castrop-Rauxel darstellen. Zusätzlich soll mit dem Konzept ein weiterer Grundstein gelegt werden, die Fokussierung des Unterrichts eher in Richtung der Schüler auszulegen und damit den Unterricht offener zu gestalten - der Einsatz der Wochenplanarbeit kann dabei eine von vielen nützlichen Methoden sein. Zur Erarbeitung des Konzeptes wird die vorliegende Arbeit in verschiedene, strukturierte und zusammenhängende Kapitel unterteilt.

In den Kapiteln zwei und drei wird zunächst die notwendige Ausgangsgrundlage für die nachfolgenden Abschnitte geschaffen. Dabei stellt das zweite Kapitel die Thematik „Individuelle Förderung“ als grundlegendes Konzept von Schule auf der einen Seite und Wochenplanarbeit auf der anderen Seite dar, so dass an dieser Stelle bereits eine erste Verbindung von Theorie und Praxis stattfindet. Anschließend wird dann im dritten Kapitel umfassend die Wochenplanarbeit als Möglichkeit der individuellen Förderung vorgestellt. Hier wird zuerst erläutert, was unter dem klassischen und was unter offenem Unterricht verstanden wird, um darauf aufbauend dann die Wochenplanarbeit als eine Form des offenen Unterrichts erläutern zu können. Das Kapitel schließt dann mit einer Begründung und Bewertung der entsprechenden Methode ab.

Das vierte Kapitel schließt nahtlos an das vorherige an, indem die praktische Umsetzung der theoretischen Inhalte beschrieben wird. Hierfür wird, ausgehend von den Lernvoraussetzungen der Lerngruppen, der Einstieg in das fachliche Thema und damit auch in die erste Phase der Wochenplanarbeit dargestellt. Im zweiten Teil des Kapitels wird dann der gezielte Einsatz der Wochenplanarbeit im Bildungsgang erklärt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den bereits gemachten Erfahrungen, von denen ausgehend dann auch mögliche Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten beschrieben werden. Daran anschließend endet das Kapitel mit einer allgemeinen Bewertung und Reflexion des Konzeptes.

Eine kurze Zusammenfassung und sich daraus ergebende Schlussfolgerungen sowie der Versuch eines Ausblickes in die Zukunft schließen im fünften Kapitel diese Arbeit ab.

1.4 Relevante Lehrerfunktionen

Der Einsatz der Wochenplanarbeit in diesem Bildungsgang fand nach Gesprächen mit den dort unterrichtenden Kollegen generell bisher noch nicht statt und besitzt somit großes Entwicklungspotenzial. Wochenpläne können sehr individuell gestaltet, an unterschiedlichste Gegebenheiten bzw. Bildungsgänge angepasst und mit vielen anderen Konzepten kombiniert werden. In diesem Sinne ist die Lehrerfunktion „Innovieren“ ein zentraler Aspekt.

Eigentlich unumstritten ist in diesem Zusammenhang auch die Lehrerfunktion „Unterrichten“. Wochenplanarbeit erfüllt die Kriterien offenen und damit modernen Unterrichts. Zum einen steht der Schüler im Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens und zum anderen wird auf mehreren Ebenen binnendifferenziert - im Rahmen der Bearbeitungszeit und -reihenfolge, Wahl der Aufgaben und dem Anforderungsniveau. Damit ist das Maß an Individualisierung bei der Wochenplanarbeit hoch und fördert selbstständiges, selbstorganisiertes und kooperatives Lernen. Diese stärkere Fokussierung des Unterrichts auf den Schüler lässt gleichzeitig den Lehrer nicht zur vermittelnden Person werden, sondern zum Lernberater/Lerncoach. Die Lehrkraft handelt hauptsächlich organisierend und vorbereitend und steht den Schülern aktiv beratend zur Seite, so dass deren Lernverhalten beobachtet werden kann, um sie dann konsequent individuell unterstützen zu können.6

An den Stellen, wo im Unterricht methodisch gearbeitet wird, die Schüler Erfahrungen von der Bedeutung methodischen Arbeitens machen, die Identitätsentwicklung der Lernenden positiv beeinflusst sowie Sach-, Sozial- und Handlungskompetenz erweitert wird, erlangt die Schule erzieherische Bedeutung.7 Also spielt auch die Lehrerfunktion „Erziehen“ eine gewichtige Rolle im Rahmen des Einsatzes der Wochenplanarbeit. Der Wochenplanunterricht verlangt von den Schülern ein hohes Maß an Selbstständigkeit und -kontrolle sowie die Fähigkeit einer sinnvollen Zeiteinteilung bei der Problembearbeitung. Die Schüler bestimmen und gestalten den Lernprozess mit, wodurch deren Eigenverantwortlichkeit gefordert und gefördert wird. Weitere Aspekte, die die Funktion Erziehen im Rahmen der Wochenplanarbeit hervorheben, sind die Förderung der Kommunikation, der Teamfähigkeit und der Kooperation untereinander.

Ebenfalls ist die Lehrerfunktion „Evaluieren“ beim Wochenplanunterricht zu berücksichtigen. Evaluationen helfen, die vielen unterschiedlichen Aspekte zu reflektieren und bzgl. des Unterrichtserfolgs zu bewerten. Sie geben Hinweise darauf, an welcher Stelle evtl. Hilfestellungen notwendig sind und in welcher Form eine Unterstützung gefragt ist - ob in fachlichen Aspekten, der Stärkung von Sozialkompetenzen oder der Organisation des Lernprozesses. Auf diese Weise lassen sich für den Lehrer sowohl Verbesserungsmöglichkeiten identifizieren als auch gut funktionierende Merkmale bestätigen.

Zu guter Letzt kommt auch der Funktion „Organisieren/Verwalten“ eine Bedeutung zu. Die Planung, Durchführung und Reflexion des Wochenplanunterrichts umfasst einen hohen organisatorischen als auch zeitlichen Aufwand. Dies reicht von den ersten Vorüberlegungen über die Eingliederung der Methode in den Bildungsgang bzw. Unterricht bis hin zur Evaluation.

2. Individuelle Förderung als grundlegendes Konzept im Rahmen der Schule und als Basis der Wochenplanarbeit

Jeder Schüler hat das Recht auf individuelle Förderung, so besagt es das Schulgesetz in Nordrhein-Westfalen.8 Dabei wird das Ziel verfolgt, eine optimale Nutzung und Entfaltung der Chancen und Begabungen eines jeden Kindes bzw. Jugendlichen unabhängig von deren Herkunft zu erreichen.9 Gerade deshalb gilt es, den Aspekt der individuellen Förderung weiter im Rahmen der Schule als ständiges Element zu implementieren. Die erfolgreiche Umsetzung der individuellen Förderung hat in diesem Zusammenhang vor allem durch entsprechende Lehr-Lernarrangements innerhalb des Unterrichts sowie mit Hilfe von begleitenden Fördermaßnahmen außerhalb des Unterrichts zu erfolgen.10 Damit muss das Konzept der individuellen Förderung in den Strukturen der Schulen fest verwachsen werden. Hierfür hat das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen ein Konzept zur individuellen Förderung entwickelt, bei welchem Schulen in den Jahren 2006 bis 2011 ein entsprechendes Gütesiegel erwerben konnten.11 Dieses Konzept basiert auf bestimmten Akzenten, die Kennzeichen einer erfolgreichen individuellen Förderung sind.12 Dazu gehört vor allem die Begabungsförderung sowie weitere Merkmale wie die kontinuierliche Fortführung individueller Förderung innerhalb der gesamten Schulzeit als auch die Sicherung von Aufstiegsmöglichkeiten in der Schule sowie die Begleitung der Übergänge im Schulwesen oder in den Bereich des Studiums bzw. Berufes. Neben all diesen Aspekten steht aber immer das eigentliche Kernziel, Unterricht und Schulorganisation so zu gestalten, dass der individuelle Lernerfolg der Schüler gesichert ist, im Vordergrund. Um dies zu gewährleisten und den Schulen konkrete Anhaltspunkte an die Hand zu geben, sind im Rahmenkonzept Handlungsfelder dargestellt, die bei der Umsetzung in die Praxis zu beachten sind:13

Handlungsfeld 1[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Grundlagen schaffen/Beobachtungskompetenz stärken

Handlungsfeld 2 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Mit Vielfalt umgehen/Stärken stärken - Schwächen abbauen

Handlungsfeld 3 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Übergänge begleiten - Lernbiografien bruchlos gestalten

Handlungsfeld 4 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Wirksamkeit prüfen - Förderung über Strukturen sichern

Um den Schulen in der konzeptionellen Bildungsgangarbeit die konkrete Implementierung individueller Förderung und die dahingehend entsprechende Planung und Durchführung von Unterricht zu erleichtern, können die einzelnen Handlungsfelder noch gezielter ausdifferenziert werden.14 Zum Handlungsfeld 1 gehören neben den Eingangs- und Ziel-Standards im Bildungsgang auch diagnostische Tätigkeiten. Handlungsfeld 2 ist gekennzeichnet durch die Durchführung eines integrativen Unterrichts, externe Förderung sowie Förderkurse als auch Lernberatung. Das Handlungsfeld 3 setzt sich zusammen aus der Übergangs-, Lebenssituations- und Lernberatung. Evaluation, Schulprogramm und die Ausgestaltung eines situationsgerechten organisatorischen Rahmens zählen abschließend zum Handlungsfeld 4. Für den Bereich des Berufskollegs werden die angeführten Handlungsfelder vor allem auf die inhaltlichen Bereiche „Besondere Begabungen“, „Lernschwierigkeiten“, „Schulmüdigkeit“, „Migrationshintergrund“, „Gender“, „Eigenverantwortliches Lernen“ und „Individuelle Beratung“ bezogen.15 Die vorliegende Arbeit behandelt aus den bereits genannten Punkten vor allem die Handlungsfelder 1, 2 und 4 sowie die inhaltlichen Bereiche „Lernschwierigkeiten“, „Schulmüdigkeit“, Eigenverantwortliches Lernen“ und „Individuelle Beratung“.

3. Wochenplanarbeit als Möglichkeit selbstorganisierten Lernens

3.1 Unterscheidung von klassischem Unterricht und offenem Unterricht

Klassischer Unterricht ist gemeinhin zu verstehen, als dass der Lehrer im gesamten Unterrichtskontext vollkommene Entscheidungs- und Handlungsgewalt besitzt.16 Ausgehend vom Lehrplan werden Lernziele definiert und diese dann anschließend mittels der Festlegung von Inhalt und Verlauf des Unterrichts umgesetzt. Schüler verfolgen dabei eher eine passive Rolle und besitzen keinerlei Mitbestimmung, bezogen auf die Lerninhalte, Aufgaben, Sozialform oder Zeit. Somit ist die geschlossene Form des Unterrichts zwar im Hinblick auf die Wissensvermittlung als klar und strukturiert anzusehen, aber gerade das elementar Wichtigste, nämlich die Lernvoraussetzungen der Schüler, finden hier keine Berücksichtigung. Die Qualität von Unterricht definiert sich dann über die erreichten Lernziele und nicht über eine Weiterentwicklung von Kompetenzen.

Kinder und Jugendliche müssen in der heutigen Zeit als lernwillig sowie kreativ verstanden und zum selbstorganisierten Lernen befähigt werden. Um dieses selbstorganisierte Lernen ermöglichen zu können, ist der klassische Unterricht zu öffnen, und Schüler sind als aktive und mitbestimmende Partner neben dem Lehrer im Unterrichtsgeschehen zu sehen. Deshalb hat sich auch die Rolle des Lehrers im offenen Unterricht zu ändern. Der Lehrer verfolgt nicht mehr die dominante, autoritäre Rolle, sondern fungiert nun als Lerncoach/-berater, der den Schülern während ihres Lernprozesses beratend und begleitend zur Seite steht. Die Eigenständigkeit und das selbstorganisierte Lernen der Schüler stehen jetzt eher im Mittelpunkt. Lernen im offenen Unterricht bedeutet somit nicht mehr nur die Aufnahme von Wissen, sondern Lernen durch Handeln, Mitbestimmen und damit Selbstorganisation. Offener Unterricht „will den sog. lernzielorientierten und lehrerzentrierten Unterricht öffnen, um Schülern durch selbständiges und kooperatives, problemorientiertes und handlungsbezogenes, mitbestimmendes und mitverantwortetes Lernen Gelegenheit zu geben, Fähigkeiten für das Leben in einer von Wissenschaft und Demokratie geleiteten offenen Gesellschaft zu erwerben.“17 Durch die Öffnung des Unterrichts sollen die Schüler also auf die Anforderungen der heutigen und zukünftigen Zeit vorbereitet und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden. Nicht der reine Wissenserwerb steht im Vordergrund, sondern auch die Entwicklung von Kompetenzen - vor allem Fach-, Sach-, Methoden- und Sozialkompetenz. Durch die dargelegten Freiheiten der Schüler im offenen Unterricht rückt das selbstorganisierte Lernen in den Fokus, welches die Forderung und Förderung der genannten Kompetenzen steigert. Der Unterricht wird individuell auf das Niveau, das Tempo und den Zugang der Schüler angepasst. Auch hier erreichen die Schüler, wie im klassischen Unterricht, die Lernziele, mit dem Unterschied, dass dies auf Basis des individuell unterschiedlichen Niveaus jedes Schülers geschieht.

Die Öffnung des Unterrichts kann dabei an Hand der Mitbestimmungsmöglichkeiten der Schüler bestimmt werden. Nur wenn Schüler im Unterricht eigene Interessen vorbringen, Ideen äußern und eigene Wege einschlagen können, kann von offenem Unterricht gesprochen werden. „Grundlage hierfür ist der Ansatz des interessebezogenen Lernens, d. h. man lernt am schnellsten und einfachsten (und meist sogar ohne es als "Lernen" zu empfinden), wenn man sich selber für einen Gegenstand interessiert.“18 Nach Peschel existieren auf Basis der organisatorischen, methodischen, inhaltlichen, sozialen sowie persönlichen Dimensionen fünf Grade der Öffnung des Unterrichts:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 - Öffnungsgrade des Unterrichts19

Unterricht muss also die Selbstständigkeit der Schüler fordern und fördern und kann somit zum selbstorganisierten Lernen hinführen. Knowles definiert dabei selbstorganisiertes Lernen als: „In its broadest meaning, >self-directed learning< describes a process in which individuals take the initiative, with or without help of others, in diagnosing their learning needs, formulating learning goals, identifying human and material resources for learning, choosing and implementing appropriate learning strategies, and evaluating learning outcomes.”20 Lernen beinhaltet schließlich einen selbstorganisierten Aspekt, wenn der Unterricht offen genug ist - Schüler also in Fragen der Lerninhalte, Aufgaben, zeitlicher Rahmen und Sozialform (mit-)bestimmen können.21 Zur Unterstützung dieser Lernprozesse müssen nach Klein folgende Aspekte beachtet werden22:

- Jeder Lernvorgang knüpft an vorhandene und individuell unterschiedliche Vorkenntnisse und Erfahrungen an.
- Werden beim Lernen möglichst viele Sinne angesprochen, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass erworbenes Wissen auch später aktiviert werden kann.
- Individuelles Lernen bedeutet auch, dass Lerner unterschiedlich viel Zeit für die Lösung von Aufgaben benötigen.
- Aufmerksamkeit und Motivation sind wichtige Voraussetzungen für Lernen.
- Lernumgebungen sollen übersichtlich sein und eine Struktur zur Orientierung vorgeben.
- Unterschiedliche Zugänge und unterschiedliche Lernwege für ein Thema unterstützen zielgruppenspezifisches Arbeiten.

3.2 Wochenplanarbeit als Form des offenen Unterrichts

Die Umsetzung der Wochenplanarbeit gliedert sich im Regelfall in die folgenden Abläufe: Am Anfang eines bestimmten Zeitraumes (bspw. einer Woche) erhalten die Schüler einen Plan mit einem Pool an Aufgaben, welche sie in den dafür vorgesehenen Unterrichtsstunden in unterschiedlichen Sozialformen (Einzel-. Partner-, Gruppenarbeit) frei bearbeiten können.23 Die Grundidee der Wochenplanarbeit ist dabei das selbstständige und eigenverantwortliche Erarbeiten von Fachinhalten und ggf. eine anschließende Selbstkontrolle. Beachtet werden muss aber an dieser Stelle, dass auf Grund des nicht zu bewältigenden Arbeitsaufwandes der Lehrer in der alltäglichen Praxis nicht für jeden Schüler einzeln einen individuellen Wochenplan erstellen kann - auch wenn damit Lerndefizite behoben werden könnten.24 Binnendifferenzierung findet bei der Wochenplanarbeit im Regelfall also durch die Variation der Aufgaben in Bezug auf Menge und Schwierigkeitsgrad statt.

In einer ersten Phase bei der Arbeit mit Wochenplänen gibt der Lehrer diese noch vollständig vor, so dass die Schüler sich an die meist neue Methode gewöhnen können, und der Einstieg erleichtert wird. Ist die Arbeitsform der Wochenplanmethode längerfristig erfolgreich durchgeführt und kann als implementiert angesehen werden, dann ist aus theoretischer Sicht angedacht, dass Schüler und Lehrer gemeinsam neue Wochenpläne erstellen. Gerade wenn Wochenplanarbeit ein fester Bestandteil des Unterrichts werden soll, ist dieser Schritt zwingend erforderlich. „Im Verlauf von längerfristigem WP-Unterricht muss dieser weiterentwickelt werden, müssen weitergehende Herausforderungen und attraktive Variationen des Grundkonzepts eingeführt werden, wenn WP nicht auf die Dauer zu einem langweiligen Routinegeschäft der Kinder werden soll und schließlich keine Bereicherung ihrer Schulerfahrung mehr darstellt.“25

Parallel sollte auch darauf geachtet werden, dass vorab feste Regeln der Wochenplanarbeit gemeinsam mit den Schülern festzulegen und im Klassenraum aufzuhängen sind. Nur so kann Transparenz geschaffen und im Klassenverbund produktiv gearbeitet werden. Die meisten Regeln können dabei vorab festgelegt werden, andere ergeben sich lerngruppenabhängig unter Umständen erst während der Wochenplanarbeit und müssen dann ergänzt werden. Als wichtigste Regeln seien genannt:

- Saubere Heftführung
- Eine Aufgabe nach der anderen bearbeiten
- Konzentriertes und strukturiertes Arbeiten
- Selbstständiges Arbeiten
- Leises Nachfragen

[...]


1 Der Einfachheit halber wird in der vorliegenden Arbeit ausschließlich die männliche Form benutzt. Dies schließt aber gleichzeitig die weibliche Form mit ein.

2 Vgl. Meyer (2004), S. 97f.

3 Vgl. Reich (2008), S. 4

4 Vgl. nachfolgend o.A. (o.J.), Darstellung der Schule, S. 1f.

5 Vgl. Lennartz/Minding-Geiger/te Wilde (2011), S. 12f.

6 Vgl. Reich (2008), S. 6

7 Vgl. Claussen (1997), S. 35f.

8 Vgl. § 1 (1) Schulgesetz NRW, BASS Auszug 1-1, S. 2

9 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW (2011)

10 Vgl. Lennartz/Minding-Geiger/te Wilde (2011), S. 11

11 Siehe auch www.chancen-nrw.de

12 Vgl. nachfolgend Lennartz/Minding-Geiger/te Wilde (2011), S. 12f.

13 Vgl. ebenda

14 Vgl. Zahn (2011), o.S.

15 Vgl. Lennartz/Minding-Geiger/te Wilde (2011), S. 13

16 Vgl. Reich (2008), S. 3

17 Schaub/Zenke (2000), S. 410

18 Peschel (2011)

19 In Anlehnung an Peschel (2011b)

20 Siebert (2001), S. 25

21 In Anlehnung an Weinert (1982)

22 Vgl. Klein (2004), S. 63ff.

23 Vgl. Huschke/Mangelsdorf (1994), S. 11

24 Vgl. Reich (2008), S. 5

25 Huschke (1982), S. 247

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Konzept zur individuellen Förderung im Bildungsgang Berufsgrundschuljahr Wirtschaft und Verwaltung des Berufskollegs Castrop-Rauxel
Untertitel
Wochenplanarbeit im Unterrichtsfach Mathematik am Beispiel der Prozentrechnung
Hochschule
Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung, Gelsenkirchen; ehem. Studienseminar für Lehrämter an Schulen Gelsenkirchen
Autor
Jahr
2011
Seiten
56
Katalognummer
V191110
ISBN (eBook)
9783656157533
ISBN (Buch)
9783656157649
Dateigröße
2229 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prozentrechnung, Wochenplanarbeit, kooperatives Lernen, individuelle Förderung, Mathematik, Berufskolleg, Berufsgrundschuljahr, Schule, Examen, Staatsexamen
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. André Diekow-Kemper (Autor), 2011, Konzept zur individuellen Förderung im Bildungsgang Berufsgrundschuljahr Wirtschaft und Verwaltung des Berufskollegs Castrop-Rauxel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191110

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konzept zur individuellen Förderung im Bildungsgang Berufsgrundschuljahr Wirtschaft und Verwaltung des Berufskollegs Castrop-Rauxel


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden