Bonhoeffers Christologie - Ihr Profil, ihre Potentiale und Grenzen


Examensarbeit, 2011

41 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. PROFIL DER CHRISTOLOGIE IN WICHTIGEN BONHOEFFERSCHRIFTEN
2.1 Aspekte der Christologie in Sanctorum Communio (1927)
2.2 Aspekte der Christologie in Akt und Sein (1930)
2.3 Christologie in der Christologie-Vorlesung (1933)
2.3.1 Christologie als Zentrum der Wissenschaft im Raum der Kirche
2.3.2 Die Wer-Frage und der Glaube
2.3.3 Kann Christus durch sein Werk erkannt werden?
2.3.4 Der gegenwärtige Christus pro-me
2.3.4.1 Die dreifache Gestalt Christi als Wort, Sakrament und Gemeinde
2.3.4.2 Der gegenwärtige Christus als Mitte unserer Existenz, der Geschichte und der Natur
2.3.5 Zusammenfassung
2.4 Christologische Konkretionen in Nachfolge (1937)
2.5 Christologische Konkretionen in Gemeinsames Leben (1938)
2.6 Christologische Konkretionen in Ethik (1939-43)
2.7 Christologische Konkretionen in Widerstand und Ergebung (1943-44)
2.8 Zusammenfassung des christologischen Profils

3. POTENTIALE UND GRENZEN VON BONHOEFFERS CHRISTOLOGIE
3.1 Potentiale
3.1.1 Existentieller Bezug
3.1.2 Religionskritik und Religionslosigkeit
3.1.3 Erfahrungsdimension in der Postmoderne
3.1.4 Verantwortungsethik
3.1.5 Radikale Weltlichkeit des Glaubens
3.1.6 Fragmentarische Lebensrealität
3.2 Grenzen
3.2.1 „Christus als Gemeinde existierend“
3.2.2 Spekulative Christologie?
3.2.3 Die christologische Verhüllung
3.2.4 Stellvertretungskonzept
3.2.5 Christologische Engführung?

4. SCHLUSSBEMERKUNGEN

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Dietrich Bonhoeffer ist bis heute durch sein zeugnishaftes Leben bei vielen Christen weltweit bekannt. Seine Theologie bleibt fragmentarisch und lässt erhebliche Interpretationsspielräume offen. Ob als christlicher Märtyrer, „Kirchenvater“ der Evangelikalen1 oder Vertreter der Gott-ist-tot-Theologie2, ruft Bonhoeffers Schaffenskraft eine ambivalente

Wirkungsgeschichte hervor. In dieser Arbeit soll der Theologe Bonhoeffer und sein zentrales theologisches Thema Jesus Christus näher betrachtet werden. Darin ist die Grundlage für Bonhoeffers enge Verbindung von Glauben und Leben zu sehen. Das hierfür zu erörternde Profil von Bonhoeffers Christologie bildet den Hauptteil dieser Arbeit (2.) und beschäftigt sich mit den Schriften „Sanctorum Communio“, „Akt und Sein“, der Christologie-Vorlesung, „Nachfolge“, „Gemeinsames Leben“, „Ethik“ und „Widerstand und Ergebung“. In einem zweiten Teil versuche ich Potentiale (3.1) des christologischen Konzepts Bonhoeffers für heute zu erörtern, sowie kritisch auf Grenzen (3.2) seiner Ausführungen aufmerksam zu machen. Hierbei gilt es zu bemerken, dass nur eine Auswahl an Potentialen und Kritikpunkten in dieser Arbeit aufgeführt werden kann. In Schlussbemerkungen (4.) sollen zuletzt wichtige Gedanken gebündelt werden, um die mögliche Bedeutung von Bonhoeffers christologischen Entwurf für uns heute darzustellen.

2. Profil der Christologie in wichtigen Bonhoefferschriften

Jesus Christus ist die „bewegende Mitte der Theologie Bonhoeffers“3 und somit ist Christologie in allen seinen Schriften ein nicht wegzudenkender Bestandteil. Aber es gibt keine systematische Lehre von Jesus Christus bei Bonhoeffer. Daher sollen in diesem Hauptteil meiner Arbeit die einschlägigen Schriften Bonhoeffers4 chronologisch durchforscht und markante Profilpunkte seiner Christologie herausgestellt werden, wodurch eine Entwicklung christologischer Vorstellungen bzw. wiederkehrender Elemente teilweise thematisiert wird.5 Der Christologie-Vorlesung soll hierbei am meisten Aufmerksamkeit gewidmet werden, da „mit dieser Vorlesung … Bonhoeffer das ‚Fundament‘ gelegt hat , auf dem er die nun folgende praktische Arbeit und ihre vielfältige Reflexion aufbaute“6. Die weiteren Schriften werden aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit eher punktuell betrachtet. So bleibt es eine gewagte Auswahl christologischer Überlegungen der jeweiligen Schriften.

2.1 Aspekte der Christologie in Sanctorum Communio (1927)

Für SC sind drei Aspekte für ein Christologie-Profil wichtig: Erstens der ekklesiozentrische Ansatz, zweitens das Fehlen einer expliziten Christologie und drittens die Formel „Christus als Gemeinde existierend.“

Zum ersten setzt Bonhoeffer bei der Theologie mit dem Stehen in der Kirche an. Sie ist Voraussetzung, Gegenstand und Mitte der theologischen Bemühungen. „Christus ist der Grund, auf dem allein der Bau der Kirche ruht, die Wirklichkeit, an der das geschichtliche ‚Gesamtleben‘ entsprang.“7 Jede Ekklesiologie beinhaltet für ihn eine Christologie. Beide hängen voneinander ab, denn Gemeinschaft mit Gott gibt es nur durch Christus. Dieser ist aber nur in seiner Gemeinde gegenwärtig, „daher gibt es Gottesgemeinschaft nur in der Kirche“8. Bonhoeffer redet hier vom neuen Lebensprinzip der Gemeinde, das Christus in sich trägt.9

Zum zweiten fehlt aber eine explizit ausformulierte Lehre von Jesus Christus. Diese wäre zu erwarten bei Bonhoeffers Entfaltungen zum Transzendenzbegriff: bei der Rede vom Du, das auf Gott oder den Anderen bezogen wird und beim Bezug des Glaubens direkt auf Gott, der dem Einzelnen in der Gemeinde unmittelbar gegenüber steht.10 Bonhoeffer will durchaus einen christlichen Personbegriff und einen christlichen Gottesbegriff entwickeln.11 Jedoch fehlen dann entsprechende Ausführungen zur Bedeutung Jesu Christi. Am Beispiel des Glaubens sei dies noch einmal näher erläutert: Dieser ist primär auf Gott gerichtet, wenn Bonhoeffer schreibt: „Glaube ist seinem Wesen nach allein Richtung auf Gott“12.

Drittens verdeutlicht die einschlägige, zentrale Formel „Christus als Gemeinde existierend“13 die enge Verknüpfung von Ekklesiologie und Christologie in SC und lässt im ersten Moment auf „eine durchgängig christologische Fundierung der ekklesiologischen Überlegungen schließen “14. Jedoch ist keine explizit christologische Intention erkennbar.15 „Eine totale Identifikation zwischen Christus und Gemeinde kann auch nicht stattfinden, da ja Christus zum Himmel gefahren und nun bei Gott ist und wir noch auf ihn warten.“16 Auch wird die Formel in Bonhoeffers späteren Schriften aufgelockert. In CV heißt es vorsichtiger: „Dieser als Gemeinde existierende Christus ist die ganze Person als Erhöhter und Erniedrigter.“17 In N formuliert Bonhoeffer dann nur noch: „Der gekreuzigte und auferstandene Christus existiert durch den Heiligen Geist als Gemeinde, als der ‚neue Mensch‘, so wahr er der Menschgewordene ist und in Ewigkeit bleibt, so wahr sein Leib die neue Menschheit ist.“18 In SC meint die Formel eher formelhaft die Kirche als Kollektivperson im Gegensatz zur Menschheit, „die als Ganze gesündigt hat, Eine ist; sie ist ‚Adam‘, eine Kollektivperson, die nur durch die Kollektivperson ‚Christus als Gemeinde existierend‘ abgelöst werden kann“.19 An anderer Stelle redet Bonhoeffer vom geeinten Gemeindegebet der einen Gemeinde. In der Fürbitte trägt sodann der einzelne die Last der vielen Anderen zu Gott und christliche Nächstenliebe bewährt sich. „ S o betet in dem einen, der im Namen Jesu für den Anderen Fürbitte tut, die ganze Gemeinde mit, d.h. aber ‚Christus als Gemeinde existierend‘ - so mit einer Modifikation des Hegelschen Begriffs.“20 Hier wird lediglich formal mit der neutestamentlich gebotenen Form des Gebets im „Namen Jesu“ die Gebetseinheit der Gemeinde mit der bekannten Formel Bonhoeffers ausgedrückt. Ansonsten ist hier nicht weiter von einer Mittlerfunktion Christi beim Gebet die Rede. Der einzelne trägt die Last des Anderen direkt zu Gott. Christus dient in SC eher zur „Kollektivierung“ der Kirche und ist weniger der in die Geschichte eingetretene, konkrete Christus.21 Die Gemeinde ist in SC scheinbar unmittelbar durch den Willen Gottes errichtet.22 Dies führt zur Kritik an SC, nämlich dass Bonhoeffer die Geschichte nicht ernst nimmt.

Kurzum, SC liefert uns keine explizite Christologie. Es ist eher die Rede von einer „Ekklesiozentrik“, die uns ohne große Ausführungen zu Jesus Christus ermöglicht von der Welt zu sprechen, denn „in der Kirchengemeinde ist ein Stück Welt rein aus der sanctorum communio heraus organisiert.“23

2.2 Aspekte der Christologie in Akt und Sein (1930)

In AS begegnet uns nun ein christozentrischer Ansatz. Gegenüber SC wird die Grenze (Transzendenz) nicht mehr mit dem Du des Anderen oder dem Du Gottes, sondern mit Christus festgelegt.24 Vorher trat Gott oder der Heilige Geist zum konkreten Du hinzu, nun steht Christus in der Mitte als handelndes Subjekt in der Gemeinde. Gott gibt sich in Christus seiner Gemeinde und jedem einzelnen Gemeindeglied. Daraus folgert Bonhoeffer, dass mit Christus die Person des Anderen erst ihre Personhaftigkeit in den Augen der Anderen empfängt.25 So wird der andere zum Christus für mich, in existentieller Begrenzung von außen, als Bürge der Kontinuität der Offenbarung.26 Was heißt das? Offenbarung geschieht in der Gemeinde und ihr Sein liegt nicht in einem vergangenen Geschehen, ist aber auch kein freier, nichtgegenständlicher Akt, der die individuelle Existenz betrifft, sondern „das Sein der Offenbarung ist das Sein der Gemeinschaft von Personen, die durch die Person Christi konstituiert und geschlossen ist, und in der sich der Einzelne in seiner neuen Existenz je schon vorfindet“27. Kontinuität meint, dass die Offenbarung gegenwärtig ist, denn, wenn auch der einzelne die Predigt nicht hört, so hört die Kirche doch immer und Christus „ist“ in seiner Gemeinde. Darin bürgt die Gemeinde als Gemeinschaft von Personen überpersonal für die Kontinuität der Offenbarung.28

Ein weiterer zentraler Punkt in AS ist die Unterscheidung von actus directus und actus reflexus, i.S.v. von Glaube und Theologie, mit dem Geheimnis als „tragende“ Mitte. Der Glaube richtet sich auf das Geheimnis der Person Jesu Christi, hat seinen Ort in der Predigt und steht dem Theologieverständnis voran. Diese Unterscheidung wird mit Aufnahme in N und E zu einem Grundbegriff der gesamten Theologie Bonhoeffers. „So weiß ich nur im Glauben an Christus, daß ich glaube (bezw. hier weiß ich es nicht), und auf diesen reflektierend weiß ich nichts.“29 In N aufgenommen heißt es dann: „So schließt der Glaube, aus dem ich bete, jede Reflexion, jede Demonstration aus.“30 Der Nachfolgende reflektiert nicht, sondern folgt in allem Christus.31 In E weiß der verantwortlich Handelnde letztlich auch nicht um das Gut- oder Bösesein seines Handelns, da er auf die Gnade angewiesen ist und sein Handeln, das im Blick auf die letzte Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes in Christus geschieht, im Augenblick des Vollzugs allein Gott ausgeliefert wird und so im Glauben als actus directus geschieht.32 Nun ist in AS der Begriff actus directus eingeführt und auf Christus bezogen, ja durch Christus konstituiert. Er ist nicht, wie nach SC zu vermuten wäre, auf Gott gerichtet, sondern auf Christus, da so besser verdeutlicht werden kann, dass die geschichtliche und zeitliche Existenz betroffen ist. Nur im von Christus begründeten Auf- Christus-gerichtet-Sein gibt es wirkliche Existenzbetroffenheit, „wo Heil nicht mehr gedacht und im Denken gesucht wird, sondern wirklich ist“33.

Gegenüber SC wird nun in AS erstmals andeutungsweise die absolute Vermittlung durch Jesus Christus angesprochen, was einen weiteren Aspekt eines christozentrischen Ansatzes in AS darstellt.34 Jesus Christus ist der unumgängliche Mittler, durch dessen Menschwerdung Theologie konkret und verwirklicht wurde.35 Christi zentrale Vermittlungsfunktion wird beschrieben mit der „Selbstbindung Gottes an das mittlerische Wort“36. Dieses ist Christus, Gottes Wort der Freiheit für die Menschen. Christus ist habbar in seinem Wort in der Kirche.37 Als Konsequenz für die Außenwelt nimmt der Mensch durch das Betroffen werden von Christus die Welt anders wahr. Sie ist von Christus bestimmte Wirklichkeit, die durch das Außen der Christusperson für den Menschen in ein anderes Licht gerückt wird. Hier ist dann zu reden von der personal-sozialen und ethisch-geschichtlichen Wirklichkeit.38 Mit diesem Verständnis von Mittlerschaft Christi ist die Nähe zu Christus als Mitte in CV (vgl. u. 2.3.4.2) bereits vorwegzunehmen.

Zentrale christologische Aspekte in AS sind also Christus als die Grenze, die den Weg zur Transzendenz eröffnet, der auf Christus gerichtete Glaube und seine Mittlerfunktion in seinem Wort, die den Zugang zu Gott schafft. Feil nennt SC-Aussagen mit AS christologisch expliziert, ja komplementiert.39 SC und AS sind die Grundlegung für Bonhoeffers frühe Christologie, wie sie CV wiedergibt. Bethge schreibt im Nachwort der CV, dass Bonhoeffer von ekklesiologischen zu christologischen Konzepten, vom konkret Vorfindlichen, der Kirche, zum inneren Geheimnis dieses Ortes, Christus, vorgedrungen ist, dass nach der Behandlung der Kirche in SC, in AS stärker die Christuszentrierung in den Blick gerät und so das „Konzept der ‚Grenze‘ für die glaubende Gemeinschaft, dem kritischen wie ermächtigenden ‚von außen‘ mitten unter uns“40.

2.3 Christologie in der Christologie-Vorlesung (1933)

2.3.1 Christologie als Zentrum der Wissenschaft im Raum der Kirche

In CV41 entfaltet Bonhoeffer anfangs die christologische Frage und erwähnt gleich zu Beginn die Kirche und beschreibt ihren Auftrag, Christus zu verkündigen dialektisch: aus rechtem Schweigen, da Gottes Wort das Unaussprechliche ist.42 Hier wird bereits die enge Verknüpfung zur Ekklesiologie sichtbar, die Bonhoeffer in CV voraussetzt. Für die Erörterung der christologischen Frage ist Bonhoeffer wichtig, dass das Dasein des Menschen nur in Christus seinen Ursprung hat. Für die Wissenschaft bedeutet das, dass diese erst durch die Christologie als Wissenschaft katexochen ermöglicht wird.43 Denn Christologie als die Lehre vom Logos, vom Wort Gottes, „wird von außen her durch die Transzendenz zum Zentrum der Wissenschaft“44 und der Logos ist als Person zu verstehen. So ist Christus einerseits als Person gegenständlich und zugänglich, andererseits aber transzendent. Transzendenz meint zum einen, dass der Logos als Mensch nicht einer Idee45 zugrunde liegt, da sonst die Christologie keinen zentralen Charakter haben könnte und zum anderen ist Transzendenz sui generis vorauszusetzen und nicht zu beweisen. Als Beweisgegenstand wäre sie nicht Transzendenz, sondern der Vernunft unterliegende Immanenz. Bonhoeffer verortet so die Christologie zum Zentrum der Wissenschaft,46 wobei sich dann Wissenschaft im Raum der Kirche definieren muss. Ansonsten wird die Zentralstellung der Christologie für die Wissenschaft nicht anerkannt.

2.3.2 Die Wer-Frage und der Glaube

Bei der Frage nach Jesus Christus lehnt Bonhoeffer die Kompetenz des immanenten Logos des Menschen ab, da Christus als transzendenter Gegen-Logos über dem menschlichen Logos steht. Der menschliche Logos versucht neue Gegenstände in die ihm zur Verfügung stehende Ordnung einzuordnen. Scheitert dies nun, so kann die einordnende Wie-Frage des menschlichen Logos nicht das letzte Wort haben. Auf Hegels Philosophie basierend schildert Bonhoeffer dann die Selbstverneinung des Logos, die zur Selbstbejahung wird und zuletzt doch die Neuordnung des göttlichen Logos als richtendes Urteil über den menschlichen Logos anerkennt und fragen muss: „Wer bist Du?“47 In dieser Wer-Frage erkennt der Fragende die Begrenzung seines eigenen Seins an, stellt somit die Existenzfrage und stellt auch die Frage des Glaubens: „Bist Du Gott selbst?“ Dies fragen die entthronte Vernunft des menschlichen Logos48 und der Glaube. Der Glaube stellt diese Frage, weil er allein die Andersartigkeit anerkennt und mit der Antwort leben kann. Ja, er stellt allein die rechte Wer-Frage, da ihm die bereits vorher geschehene Antwort vorausgeht, da sich der Gefragte selbst vorher schon offenbart hat.49 In der Kirche ist der Anspruch Christi, Wort Gottes zu sein, legitim und deshalb kann nur dort wissenschaftlich die christologische Frage gestellt werden.50 „Ich kann nur etwas suchen, was bereits gefunden ist“51, schreibt Bonhoeffer dazu. Das ist eine Absage an alle rein universitäre Christologie, die die Realität der Kirche und des Glaubens leugnet. Wenn nun allein die Kirche die Antwort „Logos Gottes“ erfährt, darf erstens die Wahrheit dieses Logos nicht angezweifelt werden, da das Zeugnis Jesu sich selbst beweisend steht. Außerdem kann das „Dass“ der Offenbarung Gottes in Christus theologisch nicht angezweifelt werden.52 Zweitens darf man nicht nach dem Warum des Anspruchs Christi fragen, sich also anmaßen, Vater Jesu Christi zu sein und sich denken, wie es zu dem „Dass“ der Offenbarung kam. So ist die Wer-Frage allein ontologisch zu verstehen.53 Sie fragt nach der Natur Christi, seinem Sein und Wesen. Sie tut dies, da mit dieser Transzendenzfrage gleichzeitig die Existenzfrage gestellt ist, als einzige Frage über sich hinaus, und da „der Mensch nur von Gott her weiß, wer er ist“54, nämlich der von ihm Gerechtfertigte, was es im Glauben anzuerkennen gilt. So steht für Bonhoeffer die Christologie über der Anthropologie. Der Glaube und die Begegnung mit Jesus verhelfen dem Menschen dazu, dass er wirklich ist. Hier macht Bonhoeffer eine radikale Abhängigkeit des Menschen von Christus deutlich. „ V on der Auseinandersetzung mit Jesus hängt Leben und Tod, Heil und Verdammnis ab.“55 Jeder Einzelne muss sich mit Jesus beschäftigen. Entweder stirbt der Mensch oder der Mensch tötet Jesus.56 Diese zwei Möglichkeiten gibt es in der Begegnung mit Jesus. Wer mit ihm fertig werden will, versucht ihn zu töten. Wer die Wer-Frage nicht aus dem Glauben stellt, kommt letztlich nicht an Jesus vorbei und wird getötet.57 Jesu Anspruch versucht Bonhoeffer noch zu verdeutlichen, indem er Jesu Rede von sich selbst als göttliches Wort und Amt gegenüber den Propheten betont, die nur Amtsträger sind. Sie werden gefragt: „Was bist „Wer bist Du, der Du nur darum nach mir fragen kannst, weil Du durch mich der Gerechtfertigte, der Begnadete bist?“ DBW 12, 286.

Du?“ Christus mit dem Anspruch, das Wort zu sein, stellt den Beginn eines neuen Seins da. „Dort ist die Frage nach der Offenbarung Gottes selbst gestellt.“58

Unter dem Akt des Glaubens hat also die christologische Frage als Wissenschaft59 die Möglichkeit die Wer-Frage zu stellen. Nur so ist die christologische Frage recht gestellt. Dies ist Bonhoeffers Ausgangspunkt für die weitere Entfaltung seiner Christologie. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der Ort wissenschaftlicher Christologie im Raum der Kirche stattfindet. Die ratio mit der anfangs erwähnten pointierten Doppelthese zwischen Schweigen und Reden als Aufgabe der Kirche ist an die Grenze des Denkens geführt, wo sie auf Christus als ihre neue Mitte trifft. Anders gesagt: Christus, der Gegen-Logos stellt den menschlichen Logos in Frage, ja siegt über ihn. Diesem Kampf kann sich niemand entziehen. Nur der Glaube an Christus als den Logos Gottes führt zur persönlichen Rettung des Einzelnen und ist Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten mit der Frage nach Christus. Er lässt den Menschen in der Gemeinschaft mit Christus erst wirklich Mensch werden, wobei an dieser Stelle Gemeinschaft nicht näher expliziert wird.

2.3.3 Kann Christus durch sein Werk erkannt werden?

Bonhoeffer verneint die Vorordnung der Soteriologie vor der Christologie, wie es z.B. Melanchthon tut60. Bonhoeffer meint, man muss die Person kennen, um auch das Werk zu kennen. Aber auch durch die Person kann der Mensch Christus nicht erkennen, da nach 2.Tim 2,19 nur Gott die Seinen kennt61 und so sind dem Menschen Person und Werk verhüllt. Die Person bedarf wegen der Prädestination Gottes der Selbstoffenbarung Gottes. Das Werk wird im Geheimen der Geschichte, im Inkognito des Fleisches, getan.62 Als Mensch getan, lässt es nur einen zweideutigen Rückschluss auf die Person zu. Als Gott getan, ist der direkte Rückschluss von der Geschichte auf Gott unmöglich.63 Allein im Gebet zu Christus, so Bonhoeffer, offenbart sich Christus ohne Zwang selbst. Genauere Aussagen über diese Selbstoffenbarung Christi werden nicht gemacht. So gilt es die christologische Frage vor der soteriologischen zu sehen. Hierbei geht es ihm um die Frage des Erkenntniszusammenhangs von Person und Werk. Jedoch will Bonhoeffer keine Trennung des realen Zusammenhangs von Person und Werk wissen, da „die theologische Frage … ihrem Wesen nach nur an den ganzen Christus gestellt werden kann “64. Als Gegenstand der Christologie definiert Bonhoeffer dann „ d ie personale Seinsstruktur des ganzen geschichtlichen Christus“65.

Christologie untersucht dann Jesus Christus aufgrund seines Seins und nicht aufgrund seines Tuns. Dies führt uns zu Bonhoeffers Rede vom gegenwärtigen Christus.

[...]


1 Vgl. Huntemann, Bonhoeffer, 11.

2 Vgl. Abromeit, Geheimnis, 1.

3 Krause, Bonhoeffer, 59.

4 Sanctorum Communio (SC, 1927, DBW 1), Akt und Sein (AS, 1930, DBW 2), Christologie-Vorlesung (CV, 1933, DBW 12), Nachfolge (N, 1937, DBW 4), Gemeinsames Leben (GL, 1938, DBW 5), Ethik (E, 1939-1943, DBW 6), Widerstand und Ergebung (WE, 1943-1944, DBW 8). Christologie ist bei Bonhoeffer das zentrale theologische Thema. Es ist nicht beschränkt auf (eine) einzelne Schrift(en). Daher muss ich den Versuch wagen, seinen christologischen Ansatz anhand seiner wichtigsten Schriften herauszustellen.

5 Hier halte ich mich weitgehend an Feils historischen Überblick über die Christologie Bonhoeffers, vgl. Feil, Christus, 137ff.

6 Feil, a.a.O., 171f.

7 DBW 1, 97.

8 DBW 1, 101. Hier eine starke ekklesiologische Tendenz, vgl. Feil, a.a.O., 142 Anm. 4.

9 Vgl. DBW 1, 92.

10 Vgl. Feil, a.a.O., 144.

11 Vgl. DBW 1, 19.

12 DBW 1, 135.

13 DBW 1, 76.87.126ff. u.a.

14 Feil, a.a.O., 145.

15 Vgl. ebd.

16 DBW 1, 86.

17 GS III, 193f.

18 DBW 1, 234.

19 DBW 1, 76.

20 DBW 1, 126.

21 Vgl. Feil, a.a.O., 146.

22 Vgl. dazu DBW 1, 87: „Die Kirche ist der neue Wille Gottes mit den Menschen.“ Und: DBW 1, 181: „Der seinen Willen durchsetzen wollende Gott gibt sich selbst in die Herzen der Menschen und schafft Gemeinschaft, d.h. er setzt sich selbst zum Mittel seines Zweckes.“

23 DBW 1, 158.

24 Vgl. DBW 2, 38. Der Zusammenhang mit dem transzendentalen und ontologischen Ansatz kann an dieser Stelle nicht berücksichtigt werden.

25 Vgl. DBW 2, 111.

26 Vgl. DBW 2, 110.

27 Ebd.

28 Vgl. ebd.

29 DBW 2, 89.

30 DBW 4, 158.

31 Vgl. DBW 4, 167.

32 Vgl. DBW 6,268.

33 Feil, a.a.O., 151.

34 Vgl. Feil, a.a.O., 153f.

35 Vgl. Feil, a.a.O., 156.

36 DBW 2, 140.

37 Vgl. DBW 2, 85.

38 Vgl. Feil, a.a.O., 155.

39 „ Das ‚Sein-in-der-Gemeinde‘ ist komplementiert durch den auf Christus gerichteten Akt.“ Feil, a.a.O., 156.

40 Bonhoeffer, Christologie, 96.

41 Die CV ist eine Nachschrift aus Aufzeichnungen der damaligen zuhörenden Studenten aus dem Sommersemester 1933 in Berlin. Genaueres zur Entstehung der Nachschrift, vgl. DBW 12, 279 Anm.1. Interessant ist, dass mit GS III, 166-242 eine durchaus ausführlichere Fassung vorliegt, da hierfür noch zwei weitere studentische Aufzeichnungen von Hilde Enterlein und Klara Hunsche zur Verfügung standen. So erwähnt GS III, 242 noch einen vorgesehenen 3.Hauptteil „Der ewige Christus“. Jedoch war das Semester zu Ende und so gibt es davon keine Aufzeichnungen.

42 Vgl. DBW 12, 280.

43 Vgl. DBW 12, 281.

44 Ebd.

45 Vgl. Feil, a.a.O., 97 Anm. 44: Idealistische Philosophie erlaubt Ideen innerhalb ihres Systems des Geschichtsverständnisses. Dagegen wendet sich Bonhoeffer: Christus sprengt dieses System und ist in der Geschichte mit seinem Anspruch stehen zu lassen, weil die Geschichte mehr ist als eine Idee und ihr Anspruch uns mit unserer ganzen Existenz in die Verantwortung ruft.

46 „… unsichtbare, unerkannte, verborgene Mitte der Wissenschaft, der universitas litterarum.“ DBW 12, 281.

47 DBW 12, 283.

48 Das kritische Denken muss zuletzt nach dem Wer fragen, kann es aber nicht, da es, an die eigene Autorität gefesselt, fragt und das Wie bei der Wer-Frage immer mitdenkt. Bonhoeffer bezieht sich hierbei auf Luthers Rede vom in sich verkrümmten Herz des Menschen (cor curvum in se), vgl. ebd. Bonhoeffer spricht weiter vom Tod des Gott-Logos durch den menschlichen Logos, der sich erhebt. Der Gott-Logos als das Gegenwort steht aber siegreich auf. So wird der Mensch zum Gerichteten und die „Wer bist Du?“-Frage, fällt auf ihn zurück:

49 Vgl. DBW 12, 283.

50 Bonhoeffer definiert Wissenschaftlichkeit christologisch. Ihr unterliegt ein relativer Wahrheitsbegriff. Wahrheit existiert nicht losgelöst von einem Bezugspunkt. Sie ereignet sich immer in Bezogenheit auf Christus, da dieser dem Menschen gegenüber steht; vgl. auch 2.3.1.

51 DBW 12, 284.

52 Vgl. ebd.

53 In Nachfolge (DBW 4, 220 Anm. 10) ist Christologie für Bonhoeffer „ihrem Wesen nach k eine ontologische Frage“(DBW 12, 284) mehr; vielmehr gilt es ontologische Aussagen von verkündigendem Zeugnis zu unterscheiden. Feil sieht hier in der CV eine letzte Auseinandersetzung mit dem Idealismus und das Ende ausgeprägter Verwendung philosophischer Terminologie, vgl. Feil, a.a.O., 171.

54 DBW 12, 286.

55 Ebd.

56 Vgl. DBW 12, 287f. Bonhoeffer nennt dazu Beispiele des Proletariats, Dostojewskis, Hauptmanns und Grosz’.

57 Vgl. DBW 12, 288.

58 DBW 12, 289.

59 Vgl. Anm. 50.

60 Vgl. DBW 12, 289: „hoc est Christum cognoscere, beneficia eius cognoscere, non, quod isti die Scholastiker docent, eius naturas, modos incarnationis contueri”, vgl. Melanchthon, Loci communes, 86.

61 Vgl. DBW 12, 290.

62 Dieses Werk ist dem heutigen Wissenschaftsbegriff nicht zugänglich.

63 Vgl. DBW 12, 291.

64 Ebd.

65 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Bonhoeffers Christologie - Ihr Profil, ihre Potentiale und Grenzen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Evangelische Theologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
41
Katalognummer
V191190
ISBN (eBook)
9783656159698
ISBN (Buch)
9783656159773
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bonhoeffers, christologie, profil, potentiale, grenzen
Arbeit zitieren
Michael Schlötterer (Autor), 2011, Bonhoeffers Christologie - Ihr Profil, ihre Potentiale und Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191190

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