Das Reich der Düfte - Südfrankreich einmal anders


Studienarbeit, 2011
52 Seiten, Note: 1,23

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Wirkung des Duftes

3 Das Reich der Düfte
3.1 Die Geschichte der Provence
3.2 Die Bedeutung des Lavendels und dessen Verarbeitung

4 Die Parfümhauptstadt Grasse
4.1 Allgemeine Fakten zur Stadt
4.2 Die Entwicklung der Parfümindustrie in Grasse

5 Der Trend des Sensory Marketings

6 Die Bedeutung des Sensory Marketings im Tourismus

7 Tourismus in Grasse und seine Vermarktung
7.1 Sehenswürdigkeiten
7.2 Parfümerien und Parfümmuseum
7.2.1 Parfümerie Fragonard
7.2.2 Parfümerie Galimard
7.2.3 Parfümerie Molinard
7.2.4 Musée International de la Parfumerie (MIP)
7.3 Veranstaltungen und Feste
7.3.1 Grasse im Eventrausch
7.3.2 L’Expo Rose
7.3.3 La Fête du Jasmin

8 Der Trend zu Themenreisen

9 Reiseveranstalter für Duftreisen zur Côte d’Azur

10 Zusammenstellung einer individuellen Duftreise nach Grasse

11 Zusammenfassung Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Lavendeltraum

„Blau soweit das Auge reicht.

Warme Luft über endlose Felder streicht.

Zart und warm strömt es hervor.

Düfte steigen betäubend empor.“[1]

Die Lavendelfelder sind ihr Markenzeichen. Der Duft ihr wertvollstes Gut. Die Provence birgt allerlei Schätze, von denen viele noch unentdeckt sind und nur darauf warten, ihre ganze Pracht enthüllen zu können.

Frankreich ist mit einigen Klischees behaftet: literweise Rotwein, jede Menge Käse, frische Baguettes und natürlich der Eiffelturm. Diese Begriffe sind wohl die am häufigsten genannten, wenn man an Frankreich denkt. Dass diese Destination jedoch viel mehr zu bieten hat, als kulinarische Genüsse und imposante Bauwerke, das beweist vor allem der Süden mit seinem Reich der Düfte - mit der Provence.

Die Verfasserin hat sich für das Thema entschieden, da sie eine enge Be­ziehung zur Destination Frankreich, zu ihrer Kultur, Lebensweise und zur französischen Sprache hat. Aufgrund ihres dreimonatigen Praktikums in Südfrankreich hat sie außerdem ganz andere Seiten von Frankreich ken­nengelernt, die nicht sofort mit der Destination in Verbindung gebracht werden. Daher liegt es ihr am Herzen, den Süden und speziell die Pro­vence vorzustellen, mit ihr die Parfümhauptstadt Grasse und den grenzen­losen Reichtum an Düften, Farben und Blumen. Die Studienarbeit wird sich schwerpunktmäßig auf die Stadt Grasse beziehen, da diese Stadt, nach Meinung der Verfasserin, das Herzstück der Provence bildet und aufgrund ihrer Tradition und Entwicklung dazu beigetragen hat, die Pro­vence als touristisches Ausflugsziel noch erfolgreicher zu etablieren - in der Hoffnung, der Leser möge Frankreich von einer anderen, schönen Seite kennenlernen, und vielleicht sogar lieben lernen.

2 Die Wirkung des Duftes

Vitalisierend, erfrischend, vertraut - ein Duft kann so vielfältig sein. Jeder Mensch nimmt Gerüche unterschiedlich wahr. Der eine empfindet den Duft von Lavendel als unangenehm, auf den anderen wirkt er hingegen beruhigend. Ein Duft kann verzaubern, eine längst vergessene Erinnerung wieder aufleben lassen oder die Phantasie anregen. Altbewährte Rede­wendungen wie „immer der Nase nach“ oder „jemanden nicht riechen können“ zeigen ganz konkret, wie stark unser Handeln von Gerüchen ge­steuert wird.[2]

Beim Einatmen durch die Nase wird ein Geruch zuerst über die Riech­schleimhaut ganz oben in der Nasenhöhle wahrgenommen. Dort sitzen die Riechzellen, von denen jeder Mensch ca. 3 Millionen besitzt[3]. Jede Riechzelle ist auf eine gewisse Duftstoffkomponente spezialisiert. Nimmt der Mensch also einen ganz bestimmten Geruch wahr, z.B. von Lavendel, werden manche Riechzellen aktiviert, andere reagieren nicht. Die Kombi­nation verschiedener Duftkomponenten führt zu einem Geruchseindruck des Lavendels. Am Rezeptor der Riechzelle löst der Duftstoff einen elekt­rischen Impuls aus und dieser wird über die langen Fortsätze der Riech­zellen an den Riechkolben weitergeleitet, der oberhalb der Nasenwurzel liegt und einer der ältesten Teile des Gehirns ist. Dort befinden sich zahl­reiche kugelige Rechenzentren, die so genannten Glomeruli[4]. In diesen Glomeruli werden die Impulse verarbeitet und der Geruch kann somit vom Riechkolben definiert werden. Dies reicht jedoch nicht zur vollständigen Identifikation des Geruches aus. Aus dem Riechkolben werden daher Nervenimpulse an das Riechhirn geleitet. Das Riechhirn wiederum gibt die Duftinformation in Form des Nervenimpulse an den Mandelkern weiter, einen Hirnteil, der zum limbischen System gehört und verantwortlich ist für die Gefühle der Menschen. Im Mandelkern angekommen erzeugt der Duft dann ein für jeden Menschen spezifisches Gefühl, z.B. Ruhe, Ekel oder Appetit.

3 Das Reich der Düfte

3.1 Die Geschichte der Provence

Das Gebiet der heutigen Provence ist eine der am frühesten besiedelten Regionen in Europa. Im Laufe der Zeit wurde die Provence von unter­schiedlichen Kulturen beeinflusst und geprägt, die sie zu dem machten, was sie heute ist: eine Kunst- und Kulturstätte, umgeben von atemberau­bender Natur.

Die Geschichte der Provence reicht bis 5000 v. Chr., da schon die Nean­dertaler in den Höhlen und Felsüberhängen der Region hausten. Später lebten dort die so genannten ligurischen Stämme, die sich ab dem 6. Jh. v. Chr. mit dem aus dem Norden einwandernden keltischen Stamm zu­sammenschlossen. Zwischen der neu entstandenen Bevölkerungsgruppe der Keltoligurier kam es von nun an zu mehrfachen kriegerischen Ausei­nandersetzungen. Zur gleichen Zeit ließen sich ausgewanderte Griechen an der Küste des Mittelmeers nieder, die die damalige Region in vielerlei Hinsicht beeinflussten. So gründeten diese um 600 v. Chr. die Stadt Massalia, heute bekannt als Marseille.[5] Weitere Handelswege und Sied­lungen wurden angelegt, wie z.B. die heutige Stadt Nizza. Die Herrschaft der Griechen beschränkte sich auf den schmalen Küstenstreifen und die Einwanderer lebten friedlich mit den Keltoliguriern, die vom kulturellen Ein­fluss der Griechen profitierten. Wichtige Dinge wie das Alphabet, die Öl­baumkultivierung, den Rebstock und den damit verbundenen Weinanbau erhielten die Ureinwohner von den Einwanderern. Um 125 v. Chr. kam es dann aber doch zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Griechen und einigen keltoligurischen Stämmen, weshalb die Griechen die Römer zu Hilfe riefen, die darin die Möglichkeit sahen, ihren Machtbereich zu vergrößern. Die Provence war für die Römer ein Landweg nach Spani­en, den es abzusichern galt. Somit begann die Herrschaft der Römer, die durch blutige Schlachten das Gebiet der Provence in ihren eigenen Machtbereich eingliederten. Die „Provincia Gallia Narbonensis“[6] entstand, womit sich auch die Namensgebung der Provence erklärt: der Begriff „Provence“ leitet sich vom lateinischen Wort „provincia“ ab.

Durch militärische Eroberungen gewannen die Römer immer mehr Macht. Wie die Griechen zuvor errichteten auch sie zahlreiche Städte und Bau­werke nach heimatlichem Vorbild, die Infrastruktur wurde ausgebaut und die Landwirtschaft erlebte einen Aufschwung. Wegen verheerender Einfäl­le germanischer Völker und der Absetzung des römischen Kaisers endete die glänzende römische Herrschaft Ende des 5. Jh. n. Chr. Es folgte eine lang anhaltende Phase der wirtschaftlichen und politischen Stagnation. Ab 1032 n. Chr. gehörte die Provence dann endgültig zum Herrschaftsbereich des deutschen Kaisers, dem das Gebiet durch Erbfolge zugefallen war. Nach unbedeutenden Jahrhunderten erlebte die Provence im Mittelalter einen zweiten Aufschwung: die römischen Päpste zogen von Rom nach Avignon ins Exil, was der Region einen enormen Auftrieb verschaffte. Landwirtschaftliche Produktionstechniken wurden verbessert, der Mittel­meerhandel wurde ausgeweitet und der Lebensstandard der Bevölkerung stieg. Überall in der Provence wurden romanische Kirchen und Klöster errichtet, wodurch auch die Kirche an Reichtum gewann. 1481 vermachte der kinderlose letzte Herrscher der Anjou-Dynastie[7] sein Reich dem fran­zösischen König, wodurch die Provence endgültig und offiziell zu Frank­reich zählte.

Ein weiterer kultureller Austausch fand statt, unter anderem wurde Fran­zösisch als Amtssprache eingeführt und es entstand allmählich industriel­les Gewerbe; Gerbereien und Töpfereien entwickelten sich und die Her­stellung von Seifen, Tüchern und Stoffen erreichte ein breites Ausmaß an Interesse. Im 20. Jh. erlebte die Provence einen erneuten Wandel der wirtschaftlichen und kulturellen Struktur. Obwohl die Provence von den Auswirkungen des 1. Weltkriegs weitestgehend verschont blieb, wurde sie doch durch einen industriellen Aufschwung erfasst. Die traditionelle Agrar­gesellschaft und die kleinbäuerlichen Produktionsformen lösten sich auf und die Côte d’Azur wurde zum Reiseziel für den Massentourismus. Durch die Förderung der Parfümherstellung und der zunehmenden Bedeutung des Tourismus wurde die Provence kulturell und wirtschaftlich zu einer der dynamischsten Regionen Frankreichs. Seit 1970 gehört die Provence zum Verwaltungsgebiet Provence-Alpes-Côte d’Azur[8] und seitdem wächst die Rolle der Wirtschaft und des Tourismus in der Provence unermüdlich. Je­dem, den man nach der Provence fragt, fallen sofort Bilder von violett far­bigen Lavendelfeldern, strahlendem Sonnenschein und weiten Landschaf­ten ein, die ebenso viele Maler und Künstler anziehen. Die Provence durchlebt noch immer eine Blütezeit, und was viele Touristen erst jetzt er­kennen, wusste Frédéric Mistral schon damals: es ist ein „Imperium der Sonne“[9].

3.2 Die Bedeutung des Lavendels und dessen Verarbeitung

Schon der französische Schriftsteller Jean Giorno (1895-1975) bezeichne- te den Lavendel als „Essence de Provence“, als Seele der Provence.[10] Während der Lavendel in unseren Breitengraden hauptsächlich als Duft­oder Zierpflanze Verwendung findet, wurde und wird er heute noch in der Provence zur Gewinnung von ätherischem Lavendelöl angebaut.

Die Tradition des Anbaus und der Verarbeitung von Lavendel reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Wilder Lavendel wuchs schon immer in den Berg­regionen Südfrankreichs, vor allem in den westlichen Hochflächen und im Vorgebirge der Meeralpen auf einer Höhe von 600-1600m. Zu Beginn ver­arbeiteten die Bauern der Provence die getrockneten Blüten des wilden Lavendels für Duftmischungen oder Potpourris als Nebenerwerb. Auf­grund steigender Nachfrage nach diesen Duftstoffen begannen die Bauern schließlich, den Lavendel gezielt anzubauen, wodurch nach und nach die großen Lavendelfelder entstanden, wie wir sie heute kennen. Man unter­scheidet grundsätzlich zwei Lavendelsorten: den echten Lavendel (Lavendula officinalis) und Lavandin (eine Kreuzung aus echtem Lavendel und Speik-Lavendel). Der qualitativ höherwertige echte Lavendel muss in einer Höhenlage von 600-800 Metern angebaut werden, um sich vollstän­dig entfalten zu können, während der Lavandin wesentlich einfacher und in einer Höhe von 400-600 Metern zu kultivieren ist[11]. Die weitersteigende Nachfrage veranlasste die Bauern dazu, den Lavendel auch zur Herstel­lung anderer Produkte zu verwenden, wie z.B. für handgefertigte Seifen, Puder und Duftleder. Ursprünglich wurden die Blütenstängel des Laven­dels mit einer Handsichel geschnitten, was sich als harte Knochenarbeit erwies: für den Schnitt von 10 Hektar Lavendelfeldern benötigte eine vier­köpfige Bauernfamilie 30 Tage[12].

Durch die Entstehung erster Parfümzentren im 17. Jh., zu denen auch die Stadt Grasse gehört, entwickelten die Bauern komplizierte Methoden zur Herstellung von ätherischem Lavendelöl, dass die Grundlage für die Par­fümherstellung bildete. Der geschnittene Lavendel wurde in der Sonne getrocknet und dann direkt weiterverarbeitet. In einem Alembic, einem kupfernen Kessel mit helmartigem Aufsatz, konnte mittels Wasserdampf­destillation das hochwertige Lavendelöl gewonnen werden. Bei der Her­stellung von Lavendelöl fällt gleichzeitig auch Lavendelwasser an, das weniger wertvoll ist, aber immer noch genügend Duftstoffe enthält, die für die Verarbeitung in der Kosmetikindustrie Anwendung finden.

Für die Gewinnung von nur einem Liter ätherischem Lavendelöl sind 140­160kg Lavendel erforderlich. Die Schwerstarbeit, die die Bauern bei einer solchen Masse leisten mussten, ist heute durch moderne Landmaschinen und Schneidewerkzeuge erleichtert worden. Der Lavendel wurde also nicht nur zur Herstellung von Parfümen, sondern auch für zahlreiche Duft­produkte wie handgefertigte Seifen, Duftpuder oder Gewürze, wie die Herbes de Provence, verwendet. Touristen werden als Souvenirs außer­dem Trockensträuße, Duftkissen und Lavendelhonig angeboten. Aus dem anfänglichen Nebenerwerb der Bauern entwickelte sich nach und nach ein eigenständiger Industriezweig, der noch heute ständig wächst und die Provence mit ihren Lavendelfeldern zu einer unverzichtbaren Region macht.

4 Die Parfümhauptstadt Grasse 4.1 Allgemeine Fakten zur Stadt

Die mit rund 45.000 Einwohnern bevölkerte Stadt befindet sich im Hinter­land von Cannes und ist spätestens seit dem Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind als Welthauptstadt der Parfümherstellung bekannt. Eine eher kleine Stadt, die aufgrund ihrer Geschichte und ihres Gewerbes an Bedeutung gewonnen hat und seither unverzichtbarer Bestandteil eines Besuches der Provence ist. Grasse gehört zum Departement Alpes­Maritimes und liegt im Hügelland der Alpensüdausläufer auf knapp 306 Metern über dem Meeresspiegel. Die Höhenlage und das vorteilhafte Klima der Provence - die Region, zu der Grasse zählt - begünstigen vor allem den Anbau von Lavendelpflanzen, die die Grundlage der heutigen Welt­parfümstadt bildeten. Abb. 1: Blickauf Grasse

Als historische Stadt ist sie gleichzeitig ein Teil der heutigen „Route Napoléon“, eine 324km lange Strecke, die Napoléon 1815 von Elba aus nach Grenoble ablief[13]. Das mediterrane Klima, das die Stadt beherrscht, bringt heiße und trockene Sommer und relativ milde und trockene Winter, die meist sonnig sind und noch Temperaturen bis 12°C ermöglichen. Die ganzjährig milden Temperaturen machen Grasse und die Côte d’Azur das ganze Jahr über zu einem Touristenmagnet. Anfangs etablierte sich die Region als bevorzugtes Winterreiseziel, da der milde Winter einen Zu­ fluchtsort für viele ausländische Gäste bot und allgemein als gesundheits­fördernd angesehen wurde. Außerdem sind die Ausläufer der Südalpen im Winter mit Schnee bedeckt und bieten daher auch ein perfektes Ziel für den Wintersport.

Im 19. Jh. wurde die Côte d’Azur eine klassische Destination für den Kur­tourismus; und Seebäder wie Cannes, Menton und Monte Carlo entstan­den. Besonders für den europäischen Hochadel und das Großbürgertum war die Region um Grasse der bevorzugte Erholungsort. Die adligen Gäs­te erholten sich dort meist für mehrere Wochen, weshalb sich ein hekti­scher Bau von Hotels, Villen, Kasinos, exotischen Gärten und Strandpro­menaden entwickelte.

Seit 1930 wurde das Winterreiseziel vom Sommertourismus abgelöst. Während die Urlauber die Küste überwiegend wegen der langen Strände heimsuchen, geraten Grasse und Umgebung wegen der Ruhe, der Kultur und den typischen Gegebenheiten der Provence in den Mittelpunkt. Im Sommer kann man sich bei konstanten 35°C in der kleinen historischen Stadt vom Rummel in den großen Küstenstädten erholen. Der französi­sche Geograf und Schriftsteller André Siegfried (1875-1959) bezeichnete die Provence als „ein kaltes Land, auf das die Sonne heiß brennt“[14]. Zu Recht, denn die Sonne scheint dort rund 300 Tage im Jahr, umgerechnet ca. 2600-2800 Stunden jährlich, während in Deutschland gerade mal 1300-1800 Stunden die Sonne scheint.[15] Lediglich durch den strengen, kühlen Mistral-Wind wird der heiße Sommer unterbrochen, was der Pro­vence als Sonnenland aber keinen Abbruch tut.

Auch die Pflanzenwelt hat sich an das mediterrane Klima angepasst. Im Sommer und Winter setzt aufgrund der Trockenheit die Wachstumsphase der Flora ein, denn Regen fällt in diesen Jahreszeiten nur selten. Der Herbst und Frühling jedoch sind durch regelmäßige, teilweise heftige Nie­derschläge gekennzeichnet, weshalb die Provence zu jener Zeit in voller Blüte steht: für Aktiv- und Kultururlauber gelten die Herbst- und Früh­lingsmonate als beste Reisezeit, da die üppige Vegetation und die milden Temperaturen einen angenehmen Aufenthalt ermöglichen. Im Februar begeistern die blühenden Mimosenwälder mit ihrer gelb leuchtenden Far­benpracht. Durch die Trockenheit und Niederschlagsknappheit gibt es in der Provence hauptsächlich zwei Landschaftsformen: die Garrigue mit ihrer Steineiche und den zahlreichen Kiefer- und Pinienarten, sowie die Macchia[16], ein Gestrüpp aus Hartlaubgewächsen, Büschen, Sträuchern und Kräutern. Kräuter wie Lavendel, Rosmarin, Thymian und Salbei sind charakteristisch für die Provence und bilden zusammen die bekannten „Herbes de Provence“. Doch wer den Lavendel in seiner vollen Blüte er­leben will, muss sich wohl oder übel den hohen Temperaturen aussetzen und die Destination im Juli und August bereisen. Die zahlreichen Hügel, auf denen die Stadt gelegen ist, bieten einen atemberaubenden Ausblick auf das blau-violette Lavendelmeer. Es ist unumstritten, dass die Côte d’Azur mit der Provence, Paris und Korsika die beliebtesten Ausflugsziele der Franzosen und ausländischen Gäste sind. Auch, wenn der Kurtouris­mus in der Provence heute eher zweitrangig ist, haben sich viele Franzo­sen einen Zweitwohnsitz errichtet, um sich in der beruhigenden Umge­bung von Lavendel und Bergen zu erholen.

Auch wirtschaftlich gesehen bieten Klima und Landschaft Vorteile, denn der Tourismus hat eine hohe Bedeutung für die gesamte französische Wirtschaft. Nicht nur die Landwirte, die den Tourismus verstärkt als zwei­tes Standbein nutzen, sondern auch die Parfümindustrie in Grasse profi­tieren vom Tourismus. Die Landwirtschaft ist nach wie vor ein wichtiger Arbeitgeber, denn die Bauern produzieren unterschiedlichste Obst- und Gemüsesorten sowie Wein und Oliven. Circa ein Zehntel der Einwohner von Grasse sind in der Parfümindustrie beschäftigt, die mittlerweile auch Lebensmittelgeschmacksstoffe für Joghurts, Soßen und Kuchen produzie­ren. Doch auch die Entwicklung modernster Technologien schafft viele neue Arbeitsplätze, vor allem für junge hochqualifizierte Arbeitskräfte aus anderen Departements. Insbesondere der Ausbau der Schnellzugstrecke TGV Méditerranée, mit der man innerhalb von nur drei Stunden von Paris nach Marseille reisen kann, fördert die Verlagerung der Wirtschaftskraft in den lavendelblauen Süden Frankreichs.

4.2 Die Entwicklung der Parfümindustrie in Grasse

Die Geschichte der Parfümerie in Grasse beginnt im Wesentlichen mit den Gerbern. Im Mittelalter war Grasse eine Stadtrepublik mit Gewerbetraditi­on, deren wichtigstes Gewerbe das Gerberhandwerk war. Schon bald entwickelten sich die Gerber zu den sogenannten „maîtres gantiers parfumeurs“[17] - Parfümhändler und Hersteller von feinen Lederhandschu­hen. Sie erhielten von König Ludwig XIV das Monopol auf den Handel mit Düften und spezialisierten sich seitdem immer mehr auf die Extraktion von Blütendüften, dabei vor allem auf die der Orangenblüten, des Jasmins und des Lavendels.

Wenn man bedenkt, dass gerade der Adel im Mittelalter die Ansicht ver­trat, dass Waschen und Baden die Verbreitung von Krankheiten fördere und es deshalb bevorzugte, die Haut zu pudern, war der Erfolg der Duft­herstellung vorauszusehen. Um die notwendigen Rohstoffe für die ersten hergestellten Düfte zu bekommen, bauten die Maîtres verschiedene Duft­pflanzen um Grasse herum an, wie z.B. Jasmin, Veilchen, Mimosen, die Rose centifolia, eine Rosensorte, und natürlich Lavendel. Durch den zu­nehmenden Gestank der Bevölkerung, die sich weiterhin weigerte, sich zu waschen, kam die Maîtres auf die glorreiche Idee, die feinen Lederhand­schuhe der hochadligen Einwohner zu parfümieren. Da der körpereigene Geruch der Menschen und der ziegenartige Duft der Lederhandschuhe bald die ganze Stadt beherrschte, mussten die ersten Parfüms, die die Maîtres herstellten, sehr stark und kräftig sein.

Der Erfolg war immens. Die kleinen Gerbereien lösten sich nach und nach auf, und die Parfümherstellung wurde zu einer eigenen, erfolgreichen In­dustrie. Die berühmten Söhne der Stadt - Galimard, Molinard und Frago­nard - schlossen sich der Begeisterung für die wachsende Parfümindustrie an und eröffneten die ersten gleichnamigen Parfümerien. Der Grundstein war gelegt, und seither sind dem Wachstum der Parfümwirtschaft keine Grenzen gesetzt.

Jeder Parfümeur musste das Handwerk perfekt beherrschen und beson­ders über die beiden nachfolgend erläuterten Herstellungsverfahren Be­scheid wissen. Bei der aufwendigen Methode der Enfleurage werden Blü­ten in Schweinefett eingelagert, das den Blüten ihren Duft entzieht. Wenn das Fett die Duftstoffe vollständig entzogen hat, werden diese mit Alkohol ausgewaschen und dadurch gebunden.

Eine weitere Methode war die Destillation mit Wasserdampf, bei der die Blüten mit Wasser in einem riesigen Destillierkolben erhitzt wurden und anschließend schöpfte man die durch den Dampf gelösten Duftöle mit ei­nem essencier (Ölkaraffe) ab[18]. Die heutigen Verfahren sind natürlich wei­terentwickelt und verfeinert worden, wenn auch das Grundprinzip erhalten bleibt: die Blüten werden zusammen mit dem Lösungsmittel Hexan in rie­sige Tanks gegeben. Nach einiger Zeit wird das Hexan wieder herausge­löst und es bleibt ein duftender Balsam übrig, das concrète. Durch die an­schließende Destillation entsteht das eigentliche Endprodukt, die essence absolue, die dann für das Kreieren hochwertiger Parfüms verwendet wird. Berühmte Parfüms wie „Chanel No. 5“ oder „Eau Sauvage“ von Christian Dior wurden in Grasse kreiert und verzaubern die ganze Welt.

Wer heute nach Grasse fährt und nur auf farbenfrohe Blumenfelder hofft, wird jedoch sicher enttäuscht sein, denn die Parfümeure mussten sich an die veränderte Marktsituation anpassen und den eigenen Anbau reduzie­ren. Die aufwendige Produktion und Zucht aller Duftpflanzen ist längst nicht mehr rentabel, weshalb heutzutage die meisten Blüten aus der Tür­kei, Bulgarien, Indien und Südamerika importiert werden, da die Pflücker dort geringer bezahlt werden und die Parfümeure dadurch Kosten sparen. Die Grasser Parfümeure konzentrieren sich vielmehr auf die Kreation der Düfte, was nicht heißt, dass nicht doch noch das ein oder andere Laven­del- oder Rosenfeld vor der Stadt zu bewundern ist. Trotz des zunehmen­den Imports; „Die Blüten aus Grasse bleiben der Stoff, aus dem Parfüm­träume gemacht werden“[19].

[...]


[1] My stories: Lavendeltraum unter http://www.buch-schreiben.net/b37157-Gedichte- Lavendeltraum.htm vom 24.03.2011

[2] Vgl. Lasard: Wie das Riechen funktioniert unter http://www.lasard.de/qeruchssinn.html vom 28.01.2011

[3] Ebd.

[4] Vgl. Lifeline: Das Special Mentale Fitness unter http://www.lifeline.de/mentale- fitness/konzentration/duefte/content-2027Q7.html vom 28.01.2011

[5] Vgl. Bresso: Die Provence - fast so alt wie die Menschheit unter http://www.bresso.de/req geschichte.phtml vom 04.02.2011

[6] Nestmeyer, Ralf: Côte d’Azur, 6. Auflage, Erlangen, Michael Müller Verlag, 2009, S. 20

[7] Anjou = eine ehemalige Provinz in Frankreich

s Vgl. Bresso: Die Provence - fast so alt wie die Menschheit unter http://www.bresso.de/req geschichte.phtml vom 04.02.2011

[9] Vgl. France Guide: Die Region Provence - Alpes Côte d’Azur unter httpy/de.franceguide.com/interaktive-karten/frankreich/regionen/provence-alpes-cote-d- azur/Die-Region-Provence-Alpes-Cote-d-Azur.html?NodeID=168&EditoID=13334 vom 04.02.2011

[10] Vgl. Paradisi.de: Lila Zauber und ein Duft der die Sinne benebelt - Die Provence unter http://www.paradisi.de/Freizeit und Erholung/Reiselaender/Frankreich/Artikel/8952.php vom 04.02.2011

[11] Frankreich Kontakte.de: Lavendel, die Seele der Provence unter http://www.frankreichkontakte.de/lavendel.html vom 08.02.2011

[12] Ebd. vom 08.02.2011

[13] Vgl. L’A.N.E.R.N.: La route Napoléon unter http://www.route- napoleon.com/accueil/index.html vom 08.02.2011

[14] Mache, Ines: Côte d’Azur - Seealpen & Hochprovence, 1. Auflage, Bielefeld, REISE KNOW-HOW Verlag, 2006, S. 61

[15] Ebd.

[16] Dr. Abend, Bernhard: Provence Côte d'Azur, lO.Auflage, Ostfildern, Karl Baedeker Verlag, 2OO5, S. 2O

[17] Coquelicot: La Belle Provence - Tourismus unter http://www.coguelicot.com/sudfrankreich-cote-dazur-qrasse-p- 344.html?osCsid=df076cbbb03da855077cf229a525980e vom 08.02.2011

[18] Williams, Roger: Provence & Côte d’Azur, München, Dorling Kindersley Verlag, 2010, S. 67

[19] Dr. Abend, Bernhard: Provence Côte d'Azur, 10.Auflage, Ostfildern, Karl Baedeker Verlag, 2005, S. 206

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Das Reich der Düfte - Südfrankreich einmal anders
Hochschule
Merkur Akademie International; Zentrale
Veranstaltung
Tourismusmarketing
Note
1,23
Autor
Jahr
2011
Seiten
52
Katalognummer
V191215
ISBN (eBook)
9783656160076
ISBN (Buch)
9783656160793
Dateigröße
4830 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Duft, Frankreich, Grasse, Parfüm, Sensory Marketing, Duftmarketing, Tourismus, Parfümreisen
Arbeit zitieren
Katja Becher (Autor), 2011, Das Reich der Düfte - Südfrankreich einmal anders, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191215

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