Eingedenken in das Widerstrebende - Zu Adorno und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung"


Essay, 2001
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Eingedenken - in das Widerstrebende

Zu Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“

Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“1 ist in einem doppelten Sinn ein Buch des Widerspruchs. Zum einen versuchen die Autoren zu belegen, dass die Aufklärung nicht realisiert, was sie zu verwirklichen verspricht - objektive Versöhnung von Geist und Natur auf dem Wege autonomer Entfaltung des vernünftigen Subjekts -, sondern das genaue Gegenteil - Selbstzerstörung des Subjekts durch rationale Herrschaft über die Natur; insofern zielt ihr Widerspruch auf eine Verabschiedung des Projekts der Aufklärung. Zum anderen ist das Buch Ausdruck des aufklärerischen Gewissens der Autoren, die Aufklärung über sich selbst aufklären zu müssen, um sie zu retten; hier führt ihr Widerspruch letztlich zur paradoxen Konstruktion einer totalen Vernunftkritik innerhalb des Mediums der Aufklärung - d.i. die vernünftige, Geltung beanspruchende Argumentation - und zur Kritik begrifflichen Denkens durch begriffliches Denken.

„ Auf dem Weg von der Mythologie zur Logistik hat Denken das Element der Reflexion auf sich selbst verloren, und die Maschinerie verst ü mmelt die Menschen heute, selbst wenn sie sie ernährt. “ (DdA 44) Dieser Satz führt - implizit - die wichtigsten strukturgebenden Elemente von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ zusammen: den Zeitbezug zum „ heute “ als Ausgangspunkt ihrer Diagnose und Kritik der Aufklärung; den dialektisch als Selbsterhaltung durch Selbstverstümmelung zu denkenden Mechanismus im mythischen und aufgeklärten Denken („ ... verst ü mmelt ... ernährt “); die negativ- geschichtsphilosophische Deutung dieser Dialektik als Tiefenstruktur des Zivilisationsprozesses, d.h. die Darstellung einer verhängnisvollen Entwicklungslinie vom mythischen Zeitalter zum wissenschaftlichen, kulminierend in der Vernichtungsmaschinerie des faschistischen Staates („ Mythologie zur Logistik ... Maschinerie ... “); schließlich das auf das Postulat „ Eingedenken der Natur im Subjekt “ (DdA 47) hinauslaufende Verdikt notwendig kritischer Selbstreflexivität der Aufklärung („ ... Reflexion auf sich selbst ... “).

Die in den frühen vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstandene „Dialektik der Aufklärung“ vollzieht eine radikale Kritik des abendländischen Zivilisationsprozesses aus einer zeitgeschichtlichen und geistigen Krise heraus. Adorno und Horkheimer war es angesichts des Faschismus und Stalinismus nicht mehr möglich, das totale Umschlagen der bürgerlichen Aufklärung in die faschistische Barbarei von einem nicht-reflexiven souveränen Vernunft-Standpunkt aus zu erklären, wie ihn die emanzipatorische Gesellschafts- und Ideologiekritik noch besaß. Mit marxistischer Terminologie zum Beispiel war weder das Aufkommen des Faschismus zu begreifen, noch konnten Adorno und Horkheimer emanzipatorische Kräfte innerhalb des Zivilisationsprozesses länger benennen.2 Die Erfahrung des Leidens des entmündigten und verdinglichten Subjekts einerseits und dessen pathologische Ausformung als Subjekt brutaler Herrschaft mittels identifizierender (ausgrenzender / planender) Vernunft andererseits ließen die geschichtsphilosophischen Dogmen Marxens für eine Erklärung des Faschismus ungenügend erscheinen: dass nämlich zum einen Arbeit als Wesenskern der Geschichte aufzufassen sei (und die jeweiligen historischen Produktionsverhältnisse die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse spiegelten), und dass zum anderen in Gestalt der Produktivkräfte die Möglichkeit einer Selbstbefreiung und daraus folgenden objektiven Veränderung der Gesellschaft zum Guten verkörpert sei.3

Für Adorno und Horkheimer liegt der Grund dafür, dass aus der bürgerlichen Aufklärung der Faschismus entstehen konnte, in einem gewaltsamen Moment innerhalb Vernunft selbst, das sich seit dem Beginn des Zivilisationsprozesses entwickelt; sie denken das Subjekt der Aufklärung als den für immer gezeichneten Schauplatz einer Dialektik der Vernunft, durch welche das Subjekt die Züge eines herrschenden und zugleich beherrschten erhält. Unvorstellbar für Adorno und Horkheimer daher, das Subjekt der Aufklärung noch länger als Agens gesellschaftlicher Versöhnung zu denken.

Die selbstreflexive Wendung der philosophischen Kritik zu einer die Grundlagen der Aufklärung infragestellenden Vernunftkritik ist damit inauguriert. Von einer Analyse der dem Faschismus verfallenen Gegenwart ausgehend, welche die Vernunftdialektik zutrage treten lässt, deuten die Autoren diese - retrospektiv - als Tiefenstruktur des Zivilisationsprozesses und führen die Genese des Faschismus bis in die „ Urgeschichte der Subjektivität “ (DdA 62) zurück. Der Selbstzerstörungsprozess der Aufklärung beginnt für Adorno und Horkheimer nämlich bereits in ihrem Ursprung. Die zentrale These ihres Buches führt dies auf die nie gelingende Emanzipation des Subjekts vom Bann der mythischen Ursprungsmächte zurück: „ Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem Schritte tiefer sich in Mythologie “ (DdA 18). In ihrer Kernthese verflechten Adorno und Horkheimer die Aufklärung und den Mythos in einer unüberwindbaren, schicksalhaften Dialektik ineinander. Während der - nach traditioneller Denkungsart irrationale - Mythos bereits aufklärerisches Potential enthält, da er erzählend- interpretierend die Ursprungsmächte in ihrer Gewalt zu bremsen, sie zu kontrollieren versucht, ist die Aufklärung bestrebt, deren Bann durch Vernunftherrschaft zu zerstören, bleibt aber durch einen zugleich selbstzerstörerischen Vernunftgebrauch in ihm befangen. Der hohe Preis für die Emanzipation von den Ur-Mächten in der Urgeschichte der Subjektivität ist nämlich nach Adorno und Horkheimer die Aufopferung der lebendigen Substanz des scheinbar autonom gewordenen Subjekts. Gleich Odysseus4, der sich den Genuss des Sirenengesangs nur durch die List, seinen Körper an einen Mast anbinden zu lassen, zu verschaffen vermag, muss das Subjekt der Aufklärung die Herrschaft über die äußere Natur durch Unterdrückung der inneren Natur, durch strenge Entsagung bezahlen. Mit dem Selbstgewinn geht der Selbstverlust einher, mit dem Gewinn an Autonomie wird ein neuer Zwang errichtet, der sich - freudianisch ausgedrückt - nicht gegen das Ich, sondern gegen das Es richtet, durch dessen Unterdrückung das Ich sich als starre Einheit konstituiert, dadurch aber die Fähigkeit zur Versöhnung mit der Natur - d.i. die Versöhnungshoffnung der Aufklärung - verliert: „ Die Herrschaft des Menschen ü ber sich selbst, die sein Selbst begr ü ndet, ist virtuell allemal die Vernichtung des Subjekts, in dessen Dienst sie geschieht. “ (DdA 62) Die Herkunft des Geistes aus der Natur, welche das herrschaftliche Subjekt schon im Ursprung der rationalistischen Aufklärung zu leugnen beginnt, ist nach Adorno und Horkheimer ihr Verhängnis. Die unterdrückte Natur bricht nämlich immer wieder hervor, und zwar desto gewaltsamer, je stärker die Repression ist, die gegen sie ausgeübt wird. Rationalität schlägt in Irrationalität um, weil in ihrem Zentrum jene rohe Gewalt des Mythos steckt, gegen welche das Subjekt der Aufklärung sich ursprünglich konstituiert hat. Das Umschlagen geschieht im Rausch, im Wahnsinn, schließlich in der rational organisierten barbarischen Menschenvernichtung.

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Details

Titel
Eingedenken in das Widerstrebende - Zu Adorno und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophie )
Veranstaltung
Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
8
Katalognummer
V191226
ISBN (eBook)
9783656159681
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um die schriftliche Magisterprüfung im 2. Hauptfach, als Essay ausgearbeitet.
Schlagworte
eingedenken, widerstrebende, adorno, horkheimers, dialektik, aufklärung, Vernunft, Vernunftkritik, Rationalität, Totalitarismus, Umschlagen, Homer, Odysseus, 11. September
Arbeit zitieren
Magister Artium Michael Birkner (Autor), 2001, Eingedenken in das Widerstrebende - Zu Adorno und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191226

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