"Oldthinkers unbellyfeel Ingsoc" - Das Verhältnis zwischen Newspeak, Satire und Negativer Utopie in Orwells "1984"


Hausarbeit, 2011

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Newspeak
2.1. Newspeak als Satire
2.2. Newspeak als Mittel der Negativen Utopie

3. Die Gattungsdebatte um den Roman

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

George Orwells (1903-1950) bekannter Roman 1984 wird seit 1949, seinem Erscheinungsjahr, als eines der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts, und als Spiegelbild seiner Gesellschaft betrachtet. Sehr problematisch ist es zwischen Kritikern, seine Gattung zu bestimmen, die zwischen zwei Polen schwingt: der Satire und der Negativen Utopie.

Daneben ist Newspeak (dt. Neusprech/Neusprache) ein distinktives Merkmal dieses Werkes; und diese Sprache kann ebenfalls sowohl anti-utopische als auch satirische Aspekte zeigen. Absicht dieser Arbeit ist es, am Beispiel von Newspeak die beiden Seiten dieses Romans zu veranschaulichen, und zu versuchen, die Frage nach der Gattungsdefinition des Werkes zu beantworten.

Erstens wird das Newspeak, sein Ziel und seine Struktur präsentiert; zweitens werden Basic English und andere geplante Sprachen eingeführt, und ihre Verbindung zu Newspeak illustriert; drittens werden psycholinguistische Theorien hinzugezogen, um den kognitiven Prozess des Newspeak zu beschreiben; viertens geht es um die Debatte um die Rezeption des Romans, und um die Bestimmung der Gattung; abschließend versuchen wir, einige Konklusionen aus dem Verhältnis zwischen der fiktiven Sprache und dem Werk Orwells zu ziehen.

2. Newspeak

Newspeak ist die offizielle Amtssprache einer der drei Supermächte der Welt 1984 s, nämlich Ozeaniens; sie koexistiert jedoch mit dem Standard-Englischen (oder Oldspeak), der als „ lingua franca “, und zwar als Verkehrssprache, gilt.[1] Umstritten ist das Verhältnis zwischen diesen Sprachen: Chilton[2] behauptet, dass sie völlig verschiedene Idiome seien, weil Winston beim Modifizieren der Times-Artikel eine Übersetzung führen muss, da er noch in Oldspeak denkt; daher handele es sich um einen Bilingualismus: die beiden Sprache hätten gleiche Wichtigkeit bei jeder Alltagssituation. Es scheint aber nicht so: während Standard-Englisch als Oldspeak (trotz einiger Einsätze von geläufigen Newspeak-Vokabeln) noch die gesprochene Sprache bleibt, ist Newspeak die schriftliche Sprache geworden, wie von den Times-Artikeln gezeigt. Zwischen Old- und Newspeak handelt es sich deshalb um eine Diglossie: die zweite Sprache wird als höher kenngezeichnet, und wird in ungefähr siebzig Jahren die erste völlig ersetzen[3]. Luchini und García[4] halten daneben Newspeak nicht für „an original language, but a biased version of an existing one“; das ist im Anhang erkennbar: “Newspeak was founded on the English language as we now know it“ (Orwell, S. 228).

Außerdem ist Newspeak nicht die Sprache der ganzen Population Ozeaniens: nur die Partei-Mitglieder sprechen sie (oder sollten sie sprechen); die proles, die etwa 85% der Bevölkerung ausmachen (vgl. Orwell, S. 158), in einem elenden Zustand leben und sogar als keine Menschen betrachtet werden („The proles are not human beings“, (Orwell, S. 43), kennen nur Oldspeak.

Orwell widmet Newspeak einen großen Platz des Romans; durch den Philologen Syme werden zunächst ihre soziologischen Merkmale und ihre Funktion bei der Überwachung des Volkes von der Partei erläutert:

‘Don’t you see that the whole aim of Newspeak is to narrow the range of thought? In the end we shall make thoughtcrime literally impossible, because there will be no words in which to express it. Every concept that can ever be needed, will be expressed by exactly one word, with its meaning rigidly defined and all its subsidiary meanings rubbed out and forgotten. […] Every year fewer and fewer words, and the range of consciousness always a little smaller. Even now, of course, there’s no reason or excuse for committing thoughtcrime. It’s merely a question of self-discipline, reality-control. But in the end there won’t be any need even for that. The Revolution will be complete when the language is perfect. Newspeak is Ingsoc and Ingsoc is Newspeak,’ he added with a sort of mystical satisfaction. ‘Has it ever occurred to you, Winston, that by the year 2050, at the very latest, not a single human being will be alive who could understand such a conversation as we are having now?’ (Orwell, S. 42). Hervorhebungen vom Verfasser)

Winston hält Syme für zu intelligent, selbst wenn ergeben: er werde früher oder später von der Thought Police „vaporized“, d.h. er werde sich in Luft auflösen, und niemand werde sich mehr an ihn erinnern. Symes Charakter dient also als Beispiel, das zeigt, dass die Partei so viel in Newspeak investiert, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern andauernd daran arbeitet, die definitive Version des Wörterbuchs zu erstellen. Harris[5] vergleicht indirekt dieses Vorgehen mit dem der Académie Française, die keine Entsprechung im Vereinigten Königreich hat; die englischen Leser werden von dieser Einschränkung des Wortschatzes stärker beeindruckt, weil ihre Sprache nie eine diktatorische Kontrolle trug: Deren einzige Idee wäre wie eine Zensur wahrgenommen.

Die weitere Stelle des Romans, in der Newspeak erläutert wird, ist die Appendix The Principles of Newspeak: hier geht der Autor ins Detail, und wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung zeigt er noch einmal die programmatischen Bestandteile der Sprache:

The purpose of Newspeak was not only to provide a medium of expression for the world-view and mental habits proper to the devotees of Ingsoc, but to make all other modes of thought impossible. […] Its vocabulary was so constructed as to give exact and often very subtle expression to every meaning that a Party member could properly wish to express, while excluding all other meanings and also the possibility of arriving at them by indirect methods. This was done partly by the invention of new words, but chiefly by eliminating undesirable words and by stripping such words as remained of unorthodox meanings, and so far as possible of all secondary meanings whatever. […] Quite apart from the suppression of definitely heretical words, reduction of vocabulary was regarded as an end in itself, and no word that could be dispensed with was allowed to survive. Newspeak was designed not to extend but to diminish the range of thought, and this purpose was indirectly assisted by cutting the choice of words down to a minimum. (Orwell, S. 227-228). Hervorhebung im Original)

[...]


[1] Vgl. George Orwell: 1984. A Novel. New York 1950, S. 159. Zitatnachweise im Folgenden im fortlaufenden Text unter (Orwell, Seitenzahl).

[2] Paul Chilton: Orwell, Language and Linguistics. In: Language & Communication. An Interdisciplinary Journal 4/1984, H. 2, S.129-146.

[3] „It was expected that Newspeak would have finally superseded Oldspeak (or Standard English, as we should call it) by about the year 2050“ (Orwell, S. 227).

[4] Pedro Luis Luchini/Adolfo Martín García: Turning to Orwell to understand Orwell’s Problem. A Sociolinguistic View. In: Reading Matrix. An International Online Journal 6/2004, H. 1, S. 97-105, hier S. 99.

[5] Vgl. Roy Harris: The Misunderstanding of Newspeak. In: Times Literary Supplement 4214/1984, S. 17.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
"Oldthinkers unbellyfeel Ingsoc" - Das Verhältnis zwischen Newspeak, Satire und Negativer Utopie in Orwells "1984"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V191227
ISBN (eBook)
9783656159674
ISBN (Buch)
9783656159742
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
oldthinkers, ingsoc, verhältnis, newspeak, satire, negativer, utopie, orwells
Arbeit zitieren
Matt Distel (Autor), 2011, "Oldthinkers unbellyfeel Ingsoc" - Das Verhältnis zwischen Newspeak, Satire und Negativer Utopie in Orwells "1984", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191227

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