Das Internet der frühen Neuzeit: Eine Entwarnung vom Verfall der Gesellschaft


Hausarbeit, 2011
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Mobiltelefon in der Öffentlichkeit: Grenzverschiebung oder Inszenierung?

2. Das Fernsehen und der Verlust des Geheimnisses

3. Das World Wide Web zur Zeit Gutenbergs

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ein Bekannter von mir hat es sich zur Gewohnheit gemacht, eine Erzählung von besonders komischem, unglaublichem oder anderweitig bemerkenswertem Inhalt mit dem Ausspruch „Lol!“ zu kommentieren. Dieses lol, das seinen Ursprung in den 1980er Jahren hat und erstmals in Textnachrichten innerhalb des frühen Internets zur Anwendung kam, steht für laughing out loud und gehört einer Reihe von Akronymen an, die Anfang des Jahres 2011 in das Oxford English Dictionary aufgenommen wurden und damit gewissermaßen offiziell als Ausdrücke anerkannt sind[1]. Üblicherweise finden sie Verwendung im schriftlichen Kommunikationsverkehr des Internets. Damit hat sich die übliche, die, wenn man so möchte, sozial anerkannte Verwendungsweise solcher Ausdrücke wie lol, omg (ebenfalls in das Dictionary aufgenommen) oder roflmao [2] gewandelt: Vokabeln, die dem Netzjargon entspringen und deren Gebrauch außerhalb des Kommunikationsraums „Internet“ einstmals Verwunderung oder Belächeln hervorriefen, sind nicht länger ausschließlich dort beheimatet, ihre Verwendung über Emails und Chats hinaus verliert den Status als Normenverstoß.

Der Einzug, den lol in die mündliche (präziser: außerhalb des Internets stattfindende) Kommunikation hält, ist ein Beispiel für den Einfluss, den bestimmte Medien auf mit ihnen sonst nicht verknüpfte Bereiche des Lebens ausüben können. Dabei werden üblicherweise einige der im Ausgangsmedium beheimateten Wertesysteme, Konventionen und Haltungen für extramediale Bereiche übernommen und in diesen für gültig erklärt.

Ein anderer Übergang dieser Art findet statt, wenn Handlungen aus dem Bereich des Privaten in den der Öffentlichkeit verlegt werden, wenn also normative Konventionen jener Sphäre auch in dieser zu herrschen beginnen. Die Frage nach der normativen Bewertung sowohl dieses als auch des umgekehrten Falles gehört zu den zentralen Themen der Soziologie und insbesondere mit dem Aufkommen und vor allem der Erschwinglichkeit von Fernsehen, Mobiltelefon und in den letzten 15 Jahren auch des Internets ist das Interesse daran nur noch gewachsen.

Im Zentrum dieser Arbeit soll der erstgenannte Fall vom Einzug des Privaten in die Öffentlichkeit stehen. Grund dafür ist eine Argumentationslinie, die in einigen ihrer ausformulierten Exemplare beinahe als notorisch bezeichnet werden muss und deren Vertreter darin die These von einer brutalen Usurpation des öffentlichen Raumes durch das Private vertreten. Ich werde einige ihrer Vertreter im Verlauf der Arbeit direkt zu Wort kommen lassen, möchte sie aber an dieser Stelle in ihren Grundzügen beschreiben.

Ob es sich nun beim zentralen Gegenstand der Kritik um das Fernsehen, das Internet oder sonst ein kommunikations- oder unterhaltungselektronisches Medium handelt, allen Vertretern dieser Kritikrichtung ist gemein, dass in dem Medium das – und meistens nur das – Potenzial hervorgehoben und, was zu zeigen Ziel dieser Arbeit ist, übertrieben bedrohlich dargestellt wird, die bestehende gesellschaftliche Ordnung in ihren Grundfesten zu erschüttern, aufzulösen oder neu zu konstituieren, die etablierten und nützlichen Grenzen zu zerstören und damit das gelingende soziale Miteinander unmöglich zu machen. Dieser Form von Kulturkritik liegt zweierlei zugrunde. Zum Ersten kann man ihren Vertretern einen tiefgreifenden (Massen-)Medienpessimismus unterstellen, der schon aufgrund der Vehemenz, mit der er vertreten wird, nicht vorbehaltlos betrachtet werden sollte. Zum Zweiten fußt die Kritik, wenn sie die Auflösung von bestehenden, etablierten und wichtigen Grenzen als Bedrohung beschreibt, auf einer argumentativen Grundlage, der zufolge die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre erstens statisch und mehr oder minder klar definiert ist und zweitens früher einmal grundlegend anders, nämlich dem gelingenden sozialen Miteinander förderlich, konstituiert gewesen sei, als es heute der Fall ist[3]. Dieses Früher, das der Kritik als Bezugspunkt und Beispiel einer besseren Zeit dient, wird eine zentrale Stelle in dieser Arbeit einnehmen. Beate Rössler, deren Argumentation ich im Folgenden aufgreifen und weiterführen werde, nimmt sich dieser Kulturkritik an und zeigt, inwiefern die zeitgenössischen sozialen Veränderungen, wie sie durch Mobiltelefonie, Fernsehen etc. hervorgerufen werden, eher keine fundamentalen Umstürze der bis heute feststehenden Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum darstellen, so wie auch diese Grenzen alles andere als statisch und klar definiert waren und sind[4].

Mit dieser Arbeit möchte ich zu zeigen versuchen, dass die beiden argumentativen Stützen dieser extrem einseitig kritischen Technologierezeption sich bei genauerer Betrachtung als sehr wackelige Beine herausstellen. Dazu wird mit einem Blick in die Geschichte zu zeigen sein, dass die Grenzen zwischen den beiden sozialen Sphären nie statisch waren und auch nicht die definitorische Eindeutigkeit aufwiesen, wie es ihnen von der Kritik unterstellt wird.

Darüber hinaus wird sich herausstellen, dass die Kritik mitsamt ihren Befürchtungen zu beachtlichen Teilen im Wortlaut jener Kritik wiedergefunden werden kann, die beim Aufkommen solcher Medien geäußert wurden, die von der heutigen als die Referenzmedien einer Zeit genannt werden, in der die Welt privat-öffentlicher Grenzziehungen noch in Ordnung gewesen sei. Dieser Umstand ist deshalb signifikant, weil er zu zeigen ermöglicht, dass die Kritik sich auf Umstände beruft, die ihrerseits gar nicht existierten: Es wird auf eine Zeit verwiesen mit dem Zusatz, dort seien die Zustände noch wünschenswert gewesen, doch bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass sie strukturell genau die gleichen waren, die gleichen Funktionen erfüllten, die gleichen Formen von Kritik hervorbrachte. Die technophobe Argumentation der hier behandelten Sorte erweist sich damit gleichermaßen als auf Sand gebaut.

Jedem der drei in Frage stehenden Medien werde ich im Folgenden einen Abschnitt widmen, beginnend mit dem Gebrauch des Mobiltelefons in der Öffentlichkeit. Hier werde ich mich noch eng an Rösslers Ausführungen halten und zeigen, inwiefern das öffentliche Telefonieren eine Weiterführung schon lange bestehender Verhaltensweisen der Selbstinszenierung im öffentlichen Raum darstellt und damit eher nicht als grenzdestruktives Werkzeug zur Verschmelzung von Öffentlichkeit und Privatem fungiert. Das Fernsehen werde ich im nächsten Abschnitt betrachten und untersuchen, ob die Befürchtungen angebracht sind, es führe zu einer systematischen Intimisierung der Gesellschaft, dem Verlust des Simmelschen Geheimnisses und den daraus resultierenden Schäden für das soziale Gefüge. Im letzten Abschnitt wird das Internet untersucht. Dies geschieht einmal auf der Ebene der Interaktions-und Selbstoffenbarungsmöglichkeiten, die vor allem das Web 2.0 bietet. Zusätzlich werde ich eine Studie heranziehen, die eine Antwort auf die Frage erlaubt, ob die zunehmende Verbreitung von Social-Networking- Portalen wie Facebook, das StudiVZ u.ä. die Fähigkeit der Benutzer beeinträchtigt, zwischen privat und öffentlich hinreichend unterscheiden zu können. Für die Betrachtung des Internets werde ich versuchen, die Ausführungen von Michael Giesecke fruchtbar zu machen, der in seinem Werk Der Buchdruck in der frühen Neuzeit aufschlussreiche Einblicke in die zeitgenössische Rezeption des Buchdrucks in den Jahren der Durchsetzung dieser damals neuen Technologie erlaubt.

Zum Schluss sei noch eine Entwarnung gegeben. Bisher mag sich diese Arbeit gelesen haben, als habe sie zum Ziel, sämtliche Bedenken ob der Verbreitung neuer Technologien zerschlagen zu wollen. Das ist selbstverständlich mit Nichten meine Absicht. Die Ambivalenzen, die Neuerungen dieser Art mit sich führen, existieren und sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. So vereinfachen Handy und Internet mit Sicherheit manchen weniger wünschenswerten Vorgang, und das zweifelsohne auch im Bereich der Grenzziehung zwischen Öffentlichkeit und Privatem. Gerade deshalb aber gilt es, differenziert hinzusehen und deutlich zu machen, wo und auf welche Art und Weise diese Veränderungen genau passieren, statt das gesamte Medium mit all seinen Begleiterscheinungen ohne Unterscheidung zu verurteilen. Lobgesänge, beispielsweise auf die neue Demokratiefähigkeit, die große Freiheit des Internets sind hier nicht zu finden, wohl aber Untersuchungen dazu, wo diese berechtigt sind und wo nicht.

[...]


[1] Morgan 2011.

[2] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Abk%C3%BCrzungen_%28Netzjargon%29. In Artikeln zu akademischen Themen oft von fragwürdigem Gehalt, stellt Wikipedia andererseits einen hervorragenden Chronisten von im Internet beheimateten Subkulturen dar, vermutlich nicht zu einem geringen Teil aufgrund der Eigenschaft, selbst ein WWW-inhärentes Medium allererster Güte zu sein. Daher halte ich es für gerechtfertigt, hier auf Wikipedia verweisen, die in der Zusammenfassung von im Internet verbreiteten Akronymen die Konkurrenz zur Buchform nicht zu scheuen braucht.

[3] Vgl. Rössler 2001, 308.

[4] Ebd., 309.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Internet der frühen Neuzeit: Eine Entwarnung vom Verfall der Gesellschaft
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V191249
ISBN (eBook)
9783656160700
ISBN (Buch)
9783656160281
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internet, neuzeit, eine, entwarnung, verfall, gesellschaft
Arbeit zitieren
Andreas Raddau (Autor), 2011, Das Internet der frühen Neuzeit: Eine Entwarnung vom Verfall der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191249

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