Die Schreibkonferenz - Ein Einblick in die Methode


Hausarbeit, 2011

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung des Aufsatzes

3. Prozesse des Schreibens

4. Die Schreibkonferenz
4.1. Ablauf der Schreibkonferenz

5. Zusammenfassung

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nichts ist subjektiver, als die Beurteilung und Bewertung eines Textes. Es ist wissenschaftlich erwiesen[1], dass derselbe Aufsatz von unterschiedlichen Lehrpersonen sehr unterschiedlich beurteilt wird. Das liegt zum einen daran, dass die Textqualität schwer zu erfassen ist, zum anderen an der Tatsache, dass oft das äußere Erscheinungsbild oder die inhaltliche Position stärkeren Einfluss auf die Lehrperson haben[2]. Aus dem Bewerten, dem kognitiven Akt des Einschätzens und dem Beurteilen, der sprachlich geäußerten Bewertung gegenüber dem Schüler ergibt sich in der Regel das Benoten, die zusammenfassende Bewertung einer Leistung in einer Ziffernote. Diese gelten aber aus den oben genanten Gründen weder als valide, noch als reliabel, noch als rein objektiv. Da aber auf die Notengebung nicht verzichtet werden kann, muss man an dem Bewertungsmaßstab arbeiten. Kriterienkataloge sind aber nur sinnvoll, wenn sie grundsätzlich von allen eingehalten werden und keine Überzahl an Kriterien entsteht. Ingrid Böttcher und Michael Becker-Mrotzek haben hierzu einen Basiskatalog entwickelt, der 12 Kriterien umfasst und 5 Dimensionen für die Aufsatzbeurteilung herausstellt[3].[4] Wenn man nun also einen festgelegten Kriterienkatalog hat, dann könnte man diesen auch als allgemein gültiges Messinstrument verwenden.

Ist es daher nicht sinnvoll, wenn die Schülerinnen und Schüler den Schritt der Bewertung selber gehen, also schon vor der Abgabe ihre Aufsätze kontrollieren können?

Eine geeignete Methode für das Bewerten eines Schüleraufsatzes ist die Schreibkonferenz. Der selbstverfasste Text wir einer kleinen kritischen Öffentlichkeit präsentiert, damit der Verfasser möglichst vielseitige Rückmeldungen bekommt, der ihn dann veranlasst seinen Text zu überarbeiten. Brakel-Olsen hat 1990 in einer Studie herausgestellt, dass die Quantität der Überarbeitungen ohne Beteiligung der Mitschüler zwar höher war, jedoch meist nur die Oberfläche des Textes betrafen. Dem steht die Überarbeitung mit Beteiligung der Mitschüler gegenüber, da hierbei eine höhere Qualität in der Tiefenstruktur des Textes zu beobachten war.[5]

Geübte Autoren erkennen Fehler und Probleme ihres Textes sofort. Ersetzen Wörter, korrigieren grammatische Fehler und fügen neue Gedankengänge ohne tieferes Nachdenken ein. Einem Schüler fehlt es hierfür an Erfahrung. In diesem Zusammenhang ist die prozessorientierte Schreibdidaktik entwickelt worden, aus deren Entwicklung das Modell der Schreibkonferenz entstand.

Um die Entstehung der Schreibkonferenz nachzuvollziehen, wird zunächst die Entwicklung des Aufsatzunterrichts erläutert. Hierbei stütze ich mich hauptsächlich auf die Abhandlung von Otto Ludwig „Der Schulaufsatz – Seine Geschichte in Deutschland“, da es kaum weitere hinreichende Literatur über diesen Gegenstand der Forschung gibt[6].

Des Weiteren werde ich in einem Kapitel die Prozesse des Schreibens vorstellen, weil es bei einer prozessorientierten Schreibdidaktik nicht darum geht den Text als Endprodukt zu sehen, sondern den Prozess in Schritten nachvollziehen zu können.

Das Kernstück dieser Arbeit bildet dann das Kapitel über die Schreibkonferenz selbst.

Da die Forschung den Blick vom Produkt des Schreibens verstärkt auf den Schreibprozess gelenkt hat, wird die Fragestellung sein, ob die Schreibkonferenz geeignetes Mittel ist, seinen Text mithilfe der Revision von Mitschülern zu entwickeln.

2. Historische Entwicklung des Aufsatzes

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war das Schreiben Bestandteil der Rhetorik[7]. Zur Zeit der Griechen und Römer bestand dies in den Vorübungen zur Vorbereitung auf den Rhetorikunterricht. Dieser wiederum sollte den Menschen dazu befähigen selbständig Reden zu halten, was damals den gebildeten Bürger ausmachte. Somit zielten die „progymnasmata“, wie sie die Griechen nannten, auf das Mündliche ab, womit das Schriftliche zur notwendigen Sekundärfunktion wurde.[8]

Im Mittelalter fanden die Vorübungen wenig Anklang, da man sich mehr mit der Klassifikation und Illustration von Redefiguren beschäftigte, als an dem Stil der Rhetorik zu arbeiten.

Erst die Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts übernahmen wieder den Gedanken der Vorübungen und die Lehrbücher von Theon und Aphthonius wurden ins Lateinische übersetzt, womit diese auch ihren Einsatz in den Lateinschulen fanden. Wirklich durchgesetzt hat sich allerdings nur das Lehrbuch des Aphthonius, das somit auch Bindeglied zum Schulaufsatz der Neuzeit wird, da auch im 19. Jahrhundert öfters darauf hingewiesen wird. Allerdings waren die Lateinschulen meist für die besser gestellten Mitgliedern der Gesellschaft bestimmt. Und das Deutsche brauchte fast drei Jahrhunderte um Einzug in den Klassenraum halten zu können. Die Reformer des 17. Jahrhunderts, wie etwa Wolfgang Ratke, Johann Balthasar Schupp, Christian Weise und mit Sicherheit am Bekanntesten Johann Amos Commenius, trieben diese Entwicklung maßgeblich voran. Commenius ging soweit, dass er zwei didaktische Grundsätze formulierte, wonach die Sachkenntnis vor der Wortkenntnis, so also der Sachunterricht vor dem Sprachunterricht und der Sprachunterricht wiederum nur in Verbindung mit dem Sachunterricht erfolgen darf. Dadurch entwickelte er einen Lehrplan, bei dem der Rhetorikunterricht ans Ende gestellt wurde, also erst nachdem die Schüler alles erlernt hatten, was für eine angemessene und zweckvolle sprachliche Darstellung nötig war.[9]

In den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts forderten die erwerbsmäßigen Bürger der Gesellschaft Schulen, an denen auch normal bürgerliche lernen konnten. Die Bürger forderten keine Gelehrtenschule, sondern eine Schule in der die Schüler mit ihrem Verstand bürgerliche Sachzustände begreifen lernen sollten. So musste auch der Schreibunterricht dementsprechend angepasst werden. Zukünftig bereiteten die mündlichen Übungen nach wie vor die Ausbildung der Beredsamkeit vor, die schriftlichen Übungen allerdings wurden zur reinen Gedankenarbeit genutzt. Die Akzentuierung des Aufsatzschreibens hat sich also von der Wirkung auf den Prozess des Schreibens verlagert und somit wird dem Schreibenden mehr Aufmerksamkeit geschenkt.[10] In diesem Zusammenhang entstehen erste Formen des freien Aufsatzes[11]. An den Gymnasien hingegen existierte der Rhetorikunterricht noch während des 19. Jahrhunderts, meist in den oberen Klassen[12]. Hier setzte sich auch der gebunden Aufsatz durch, der für die Schüler klare Formvorgaben besaß. Differenzierte Aufsatzformen, wie etwa die Abhandlung, Erörterung oder der literarische Aufsatz entstehen[13].

Zugleich forderte die gesellschaftliche Entwicklung außerhalb der Schule, zunehmend die schriftliche Kommunikation. Die Rhetorik wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gänzlich aus dem Unterrichtsgeschehen verbannt.

Von 1850 bis 1918 spielte die Didaktik und Methodik des Aufsatzunterrichtes eine große Rolle und Männer wie Robert Heinrich Hiecke, Rudolf Hildebrand und Ernst Lass trieben diesen bedeutsam voran.[14] Diese betonten besonders die Subjektivität des Schreibers und dessen Werk. Aufsatzformen, wie die Erzählung[15], die Beschreibung und die Schilderung entstehen.[16] Rudolf Hildebrand hat schon 1867 einen Ansatz entwickelt, der Kritik am traditionellen Aufsatzunterricht vermerkt und somit eine entwicklungspsychologische fundierte Form des Aufsatzes entwickelt, der dem heutigen „Freien Schreiben“ schon nahe kommt[17].

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts tritt dann das Kind in den Mittelpunkt erzieherischen Denkens und Handelns, man spricht auch von den reformpädagogischen Ideen. Otto Ludwig gibt allerdings zu bedenken, dass sich wohl die Auffassung vom Menschen selbst verändert hat und sich eine Umwertung der Werte vollzieht, sowie der Aufbau einer neuen Kultur. Dies betraf auch unmittelbar den Aufsatzunterricht: Der gebunden Aufsatz wurde scharf kritisiert.[18] Im Rahmen der Kunsterziehungsbewegung entwickelte sich der Erlebnisaufsatz[19]. Leider blieb es bei dieser Entwicklung und die Aufsatztheoretiker verstanden sich mehr darauf alte Aufsatzformen gegen neue Gedanken in Kultur und Gesellschaft zu verteidigen. Das neu entwickelte Fach der „Deutschkunde“ trug auch nicht wesentlich zur Weiterentwicklung des Aufsatzes bei, da es hierbei lediglich um die Erziehung des Deutschen zum Deutschen ging[20]. Ganz zertreten wurden die Bemühungen um eine Reform in der Aufsatzdidaktik dann mit der Machtübernahme Hitlers 1933. Die neue Weltanschauung, also die Auswahl der Stoffe stand im Mittelpunkt. Aus der Erzählung wird ein Sachbericht, da alle gefühlsmäßig geäußerten Kommentare verpönt waren. In den oberen Klassen wurde der Sachbericht dann zum Tatsachenbericht, immer mit dem Hintergrund der Klarheit, höchster Genauigkeit und Richtigkeit. Die Betrachtung wird zum Besinnungsaufsatz, als Instrument der Charakterbildung.[21]

Erst mit der Mitte der fünfziger Jahre kann man wieder eine strukturierte Aufsatzdidaktik erkennen: der sprachgestaltende Aufsatz wird forciert. Hierbei sollte der Schüler nach bestimmten Vorgaben Sprache gestalten. Es ging hierbei um die „innere Sprachbildung“.

[...]


[1] Vgl. Schröter, Gottfried, Die ungerechte Aufsatzzensur, Bochum 1971.

[2] Vgl. Birkel, Peter, Aufsatzbeurteilung: ein altes Problem neu untersucht; in: Didaktik Deutsch 15, 2003, S. 46-63.

[3] Sprachrichtigkeit, Sprachangemessenheit, Inhalt, Aufbau und Schreibprozess.

[4] Vgl. Becker, Mrotzek, Textqualitäten erkennen, in: Grundschulmagazin, 2010, S. 14-18.

[5] Vgl. Killus, Dagmar, Selbstgesteuertes Lernen in Lern-, Interessen- und Erfahrungsangeboten an Schulen mit Ganztagsangebot, Eine Expertise für den BLK-Modellversuch lernen für den Ganztag, Ludwigsfelde 2006.

[6] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S. 3.

[7] Vgl. Böttcher, Ingrid, Becker-Mrotzek, Michael, Texte bearbeiten, bewerten und benoten, Berlin 2003, S. 10.

[8] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S. 7 ff.

[9] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S. 24 ff.

[10] Ebd. S. 105.

[11] Vgl. Böttcher, Ingrid, Becker-Mrotzek, Michael, Texte bearbeiten, bewerten und benoten, Berlin 2003, S.10.

[12] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S. 123.

[13] Vgl. Böttcher, Ingrid, Becker-Mrotzek, Michael, Texte bearbeiten, bewerten und benoten, Berlin 2003, S.10.

[14] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S. 194 f.

[15] Die Erzählung hatte verschiedene Ausrichtungen, die teilweise auch kritisch diskutiert wurden. So wandelte sich die phantasievolle E. im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Beschreibung faktischen Geschehens.

[16] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S. 211.

[17] Vgl. Spitta, Gudrun, Schreibkonferenzen in Klasse 3 und 4, Frankfurt am Main, 1992, S.15.

[18] Ebd. S.301 f.

[19] Vgl. Böttcher, Ingrid, Becker-Mrotzek, Michael, Texte bearbeiten, bewerten und benoten, Berlin 2003, S.10.

[20] Vgl. Ludwig, Otto, Der Schulaufsatz, Seine Geschichte in Deutschland, Berlin u.a. 1988, S.353.

[21] Ebd. S. 388f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Schreibkonferenz - Ein Einblick in die Methode
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur II )
Veranstaltung
Das Rechtschreibgespräch
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V191330
ISBN (eBook)
9783656161264
ISBN (Buch)
9783656161615
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schreibkonferenz
Arbeit zitieren
Verena Nöckel (Autor:in), 2011, Die Schreibkonferenz - Ein Einblick in die Methode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191330

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Schreibkonferenz - Ein Einblick in die Methode



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden