Visuelle Medien und ihre Produkte beeinflussen die Gesellschaft in immer größerem Maße, und so wird auch das Wissen über die Welt und ihrer Geschichte durch sie geprägt und ver-mittelt. Nun gibt es verschiedene Methoden, sich als Historiker mit Filmen auseinanderzuset-zen. Die klassische Variante ist es, zu überprüfen, ob die Rekonstruktion der gezeigten Er-kenntnisse genau ist. Daneben besteht die Möglichkeit, historische Spielfilme sowohl nach ihrer Aussage als auch nach ihrer Machart zu untersuchen.
Die Spielfilme „Der Untergang“ (D 2004) und „Inglourious Basterds“ (USA 2009), die in dieser Arbeit auf die Art und Weise untersucht werden sollen, wie sie jeweils mit den histori-schen Stoffen umgehen, derer sie sich bedienen, wurden im Sinne eines maximal kontrastiven Vergleichs ausgesucht. Das heißt, das entscheidende Kriterium für die Auswahl war ihre diametral von einander abweichende Herangehensweise an das Thema „Nationalsozialismus“. Denn während sich der im Jahr 2004 erschienene „Untergang“ ganz dem Diktum von Authen-tizität und Fakten verschrieben fühlte, stellt „Inglourious Basterds“ eine Historienfarce dar, die sich um die geschichtliche Realität herzlich wenig kümmert. Man könnte jetzt annehmen, „Der Untergang“ beinhalte folgerichtig mehr historische Wahrheit als „Inglourious Basterds“. Aber ist dem wirklich so? Produziert ein Spielfilm automatisch bessere Aussagen über die Vergangenheit, sobald er sich das Label der Authentizität ansteckt? Und müssen historische Filme überhaupt authentisch sein oder sollte man sie nicht vielmehr nach anderen Maßstäben beurteilen? Zur Beantwortung dieser Fragen sollen in dieser Arbeit zunächst theoretische Vorüberlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Film angestellt werden (Punkt 2). An-schließend steht „Der Untergang“ und seine Vorgehensweise bei der Darstellung historischer Ereignisse im Mittelpunkt der Analyse (Punkt 3). Als klassischer Geschichtsfilm, der den Anspruch äußert, nur historisch Nachgewiesenes darzustellen, soll „Der Untergang“ als Kon-trastfolie für die Analysen zum zweiten Film dienen, da „Inglourious Basterds“ als erster die „Frechheit“ besessen hat, gegen die historische Wirklichkeit zu erzählen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Verhältnis von Geschichte und Film
3. Der Untergang – authentischer als die Realität
4. „Hitler kaputt, Bormann kaputt, Goebbels kaputt, Goering kaputt, Geschichte kaputt?“
5. Fazit
6.0 Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Literatur
6.3 Internet
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht und vergleicht die unterschiedlichen filmischen Herangehensweisen an das Thema Nationalsozialismus in den Spielfilmen „Der Untergang“ und „Inglourious Basterds“. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie diese Filme mit historischem Material umgehen und ob ein Anspruch auf Authentizität zwangsläufig zu einer besseren historischen Aussage führt.
- Vergleich der filmischen Repräsentation von Geschichte
- Analyse des Authentizitätsanspruchs im Spielfilm
- Untersuchung der narrativen Strategien von „Der Untergang“ (D 2004)
- Untersuchung der kontrafaktischen Erzählweise von „Inglourious Basterds“ (USA 2009)
- Diskussion des Stellenwerts von Filmen als historische Quellen
Auszug aus dem Buch
3. Der Untergang – authentischer als die Realität
Die von Produzent und Drehbuchautor Bernd EICHINGER postulierte Authentizität reizt dazu, den Film „Der Untergang“, der die letzten zwölf Tage Adolf Hitlers und seiner engsten Entourage im Führerbunker in Berlin zeigt, auf Faktizität zu prüfen. Dieses Unterfangen ist allerdings von vorneherein als müßig anzusehen, da der Anspruch, Vergangenes so zu zeigen wie es wirklich war, seit Ende des Historismus in der Geschichtswissenschaft haltlos wurde. Allein der von EICHINGER verwendete Komparativ des Begriffs „authentisch“ zeigt die unüberlegte Haltung des Filmemachers. „Wer solche ‚Authentizität’ verspricht“, so der NS-Experte Michael WILDT, „bringt nicht historisches Geschehen zum Ausdruck, sondern entwirft gerade im umgekehrten Sinn in der gegenwärtigen Szenerie die Vergangenheit“. Aber „Eichinger dachte wohl: Das zeigen wir jetzt exakt so, wie es wirklich war“. Auf diese Weise verschiebt „Der Untergang“ sein Verhältnis zur außerfilmischen Realität und beansprucht das Kriterium der Wissenschaft (wahr – unwahr) für sich, obgleich Filme eigentlich nach dem Code: „unterhaltend – nicht unterhaltend“ arbeiten und doch „jeder Kamerawinkel, jedes Zusammenfügen zweier Einstellungen, jede Großaufnahme immer schon Wertung sind.
Der „Fetisch der Authentizität“ führt dazu, dass sich „Der Untergang“ selbst als Quelle inszeniert und dadurch die Grenzlinie zwischen Realität und Fiktion aufgeweicht wird. Schon zu Beginn hört der Zuschauer eine Stimme, die nicht der Fiktion angehört. „Mit dieser Stimme, die nicht seine eigene ist“, so der Filmkritiker Ekkehard KNÖRER, „behauptet der Film bereits den Zusammenfall von Geschichtsereignis und fiktionaler Darstellung. [...] Aufgerufen wird eine Zeugin, die zitiert wird, als unverbrüchliche Beglaubigung [...]. Die Bilder, die der Stimme folgen werden, behaupten in dieser Montage, nichts anderes zu sein als Illustration des von dieser Stimme Gesagten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der filmischen Geschichtsvermittlung ein und begründet die Auswahl der beiden kontrastierenden Spielfilme für die Analyse.
2. Zum Verhältnis von Geschichte und Film: In diesem Kapitel werden theoretische Grundlagen erörtert, wie Filme als Medium Geschichte darstellen und warum sie als „Mythomotoren“ mit der klassischen Geschichtswissenschaft konkurrieren.
3. Der Untergang – authentischer als die Realität: Dieses Kapitel kritisiert den Anspruch des Films auf historische Authentizität sowie dessen selektiven und problematischen Umgang mit historischen Quellen und Fakten.
4. „Hitler kaputt, Bormann kaputt, Goebbels kaputt, Goering kaputt, Geschichte kaputt?“: Hier wird Tarantinos kontrafaktischer Ansatz analysiert, der bewusst mit der historischen Wirklichkeit bricht und den Faschismus als popkulturelles Narrativ neu thematisiert.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine historische Korrektheit im Film zweitrangig gegenüber der filmischen Aussage ist und dass Tarantinos Ansatz der „authentischen“ Illusion des „Untergangs“ vorgezogen werden sollte.
6.0 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen, Fachliteratur und Internetbeiträge.
Schlüsselwörter
Geschichte, Film, Der Untergang, Inglourious Basterds, Nationalsozialismus, Authentizität, Geschichtswissenschaft, Repräsentation, Kontrafaktisch, Täter, Opfer, Erinnerungskultur, Filmanalyse, Spielfilm, Mythomotoren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie zwei Spielfilme, „Der Untergang“ und „Inglourious Basterds“, das Thema Nationalsozialismus filmisch umsetzen und dabei sehr unterschiedliche Konzepte von historischer Wahrheit verfolgen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Geschichte und Medium Film, die kritische Auseinandersetzung mit dem Authentizitätsanspruch im historischen Kino sowie die Bedeutung der Täter- und Opferdarstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Anspruch eines Spielfilms auf absolute Authentizität oft in die Irre führt und dass ein bewusster, kontrafaktischer Umgang mit Geschichte – wie bei Tarantino – historisch aufschlussreicher sein kann als eine pseudo-dokumentarische Inszenierung.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um einen maximal kontrastiven Vergleich zweier Spielfilme, die sich in ihrer Herangehensweise an das Thema Nationalsozialismus diametral unterscheiden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Überlegungen zum Film als historisches Medium angestellt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der filmischen Strategien von „Der Untergang“ und der bewussten Fiktionalisierung durch „Inglourious Basterds“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Wesentliche Begriffe sind „Fetisch der Authentizität“, „kontrafaktische Geschichtsdarstellung“, „Film als Quelle“ und „Erinnerungskultur“.
Inwiefern unterscheidet sich die Quellenverwendung in beiden Filmen?
Während „Der Untergang“ versucht, sich auf Quellen wie Stenogramme zu stützen und dadurch einen irreführenden Authentizitätsanspruch erhebt, verzichtet „Inglourious Basterds“ auf diesen Anspruch und nutzt Geschichte lediglich als Pool für eigene Erzählungen.
Welche Kritik übt der Autor an der Figur des Günther Schenck in „Der Untergang“?
Die Arbeit kritisiert, dass der Film einen NS-Arzt, der an Verbrechen in Konzentrationslagern beteiligt war, in ein positives, heldenhaftes Licht rückt und damit die historische Realität verharmlost.
Was bedeutet der „Triumph des Kinos über die historische Wirklichkeit“?
Dieser Ausdruck beschreibt, dass der Film das Recht hat, eigene fiktive Wahrheiten zu schaffen, die nicht den Standards der Geschichtswissenschaft unterliegen, und somit neue Perspektiven auf das kollektive Gedächtnis eröffnen kann.
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- B.A. Yannick Lowin (Author), 2011, Die filmische Umsetzung von Geschichte in „Der Untergang“ und „Inglourious Basterds, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191462