Einstellungsänderungen: Die Anwendung einfacher Modelle an einem Praxisbeispiel

Eine sozialpsychologische Untersuchung


Hausarbeit, 1996

34 Seiten, Note: bestanden

Burkhard Tomm-Bub (Autor)


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

(Relevanz des Themas, persönlicher Bezug des Verfassers,Spezi-

fizierung des Beispiels: Alkoholismus, Bezug zur Sozialpsychologie)

2 Definitionen
2.1 Definitionen: Sozialpsychologie , Einstellungen, etc.
2.2 Definitionen: Sucht, Alkoholismus, etc.
2.3 Verknüpfung der Begriffsfelder

3 Einfache Erklärungsmodelle

(Hinweis auf andersartigeFaktoren: genetische,drogenimmanente)

3.1 Lerntheoretische Erklärungsansätze

(Wie kommt es zur Sucht, wie zur Genesung)

3.2 Systemtheoretische Erklärungsansätze

(Wie kommt es zur Sucht, wie zur Genesung)

4 Vergleich der Modelle

(Würdigung und Kritik)

5 Resümee

(Abschließende Zusammenfassung, weiterführende Gedanken/Hinweise)

6 Quellenangaben

7 Erklärung

(Selbst verfaßt, keine unerlaubten Quellen, etc.)

1 Einleitung

Einstellungen begegnen dem Menschen in der Alltagswelt “auf Schritt und Tritt”. Niemand kann sich definitiv davon freisprechen, derartigen Wahrnehmungsstrukturierungen zu unterliegen.

Eine Einstellung setzt in der Regel eine Dualität voraus, nämlich jemanden, der eine Einstellung hat und ein Objekt auf das diese Einstellung Bezug nimmt.

Schon die quantitative Dimension des Phänomens könnte also für eine Wissenschaft die sich mit dem Menschen beschäftigt -wie eben die Psychologie- Grund genug sein, in der Einstellungsforschung ein interessantes Arbeitsgebiet zu sehen.

Noch reizvoller scheint die Beschäftigung mit Einstellungsänderungen, markieren diese doch häufig Wendepunkte im Leben von Menschen, oft auch solche bedeutsamer Natur.

Einstellungsänderungen ergeben sich häufig durch Erlebnisse und Erfahrungen, diese wiederum resultieren nicht immer, aber doch meist, aus der Begegnung, der Konfrontation mit anderen Menschen und Menschengruppen. So ist ein relevanter Bezug speziell zur Sozialpsychologie ebenfalls hergestellt.

Sehr gravierende Einstellungsänderungen sind notwendig bei Menschen, mit denen sich in dieser Arbeit befaßt werden soll. Suchtkranke haben wie jeder Mensch bestimmte Einstellungen sich selbst gegenüber, gegenüber anderen Menschen und in Bezug auf ihr jeweiliges Suchtmittel. Diese dann durch Lernen aus der eigenen Erfahrung, über Informationen und -insbesondere- durch die sorgende Konfrontation mit Anderen zu verändern, stellt die schwere, überlebensnotwendige Aufgabe dar, die hier zu bewältigen ist. Als konkretes Beispiel wird der Alkoholismus gewählt, eine besonders verbreitete Suchtkrankheit unserer Zeit und des westlichen Kulturkreises.

Der Verfasser besitzt eine persönliche Motivation, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, er selbst ist Mehrfachabhängiger (mit den Schwerpunkten Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit), rückfallfreie Abstinenz liegt seit nunmehr etwa sechs Jahren vor.

Zunächst folgen einige -teils ausführliche- Definitionen, aufgrund der teils recht speziellen Materie scheint dies angebracht.

Elemente einfacher lerntheoretischer, bzw. systemtheoretischer Erklärungs-modelle (hier natürlich mit sozialpsychologischem Bezug) werden dann auf das Beispiel angewendet werden. Eine Abgrenzung zur klinischen Psychologie muß dabei natürlich zunächst stattfinden.

Ebenfalls notwendig ist sicherlich auch eine Überprüfung der bis hierher bereits explizit und implizit vorgebrachten Behauptungen und Thesen.

Der Versuch die Erklärungsmodelle miteinander zu vergleichen und ein Resümee sollen die Arbeit abschließen.

2 Definitionen

Da das gewählte Praxisbeispiel recht spezieller Natur ist und sicherlich auch einem anderen psychologischen Teilgebiet zurechenbar wäre, nämlich der klinischen Psychologie, empfiehlt es sich etwas weiter “auszuholen” und die Begriffe “Sozialpsychologie” und “klinische Psychologie” zunächst definitorisch zu untersuchen.

“Einstellungen” und “Einstellungsänderungen”, dies sind natürlich ebenfalls Zentralbegriffe, deren gemeinte Bedeutung zu Beginn festgelegt werden sollte.

Der Versuch, Wirklichkeit in Begriffe zu fassen, also Definitionsversuche zu machen ist allgemein sicherlich wertvoll. Überhaupt erst einmal klar zu machen, worüber man eigentlich spricht, erleichtert die Kommunikation und ermöglicht somit, im günstigen Fall, das Gewinnen neuer Erkenntnisse.

Vergessen werden darf dabei natürlich nicht, daß “Realität” naturgemäß nicht vollständig faßbar ist und bleibt, stets wird definitorisch an den “Rändern” von Begriffen “abgeschnitten”, d.h. Teile von möglichen Bedeutungen gehen verloren, Übergänge, Mischungen, etc. sind nicht adäquat darstellbar.

In der Bewußtheit dieser Einschränkungen soll nun versucht werden, sich den o.a. Begriffen zu nähern.

Der gesamte Komplex “Alkohol-Sucht-Abhängigkeit”, usw. wird hieran anschließend eingehender betrachtet, spezifische Definitionsversuche zu den Erklärungsmodellen werden dagegen erst in den entsprechenden Abschnitten gemacht.

2.1 Definitionen: Sozialpsychologie, Einstellungen, ...

Welchem Teilgebiet der Psychologie läßt sich das Phänomen “Suchtkrankheit” zuordnen?

Sicher gibt es für das Entstehen verschiedener Süchte auch Faktoren, die ganz außerhalb der Psychologie zu suchen sind (drogenimmanente, biologische und genetische etwa) -und über diese wird auch weiter unten noch zu referieren sein! Als zuzuordnende Psychologiesektionen lassen sich aber zunächst wohl die klinische Psychologie und die Sozialpsychologie in Betracht ziehen.

Wo aber liegt das Schwergewicht?

Zur Erläuterung des Begriffs “klinisch” findet sich folgender Hinweis:

"Klinisch (clinical). Ursprünglich für alle Beobachtungen gebraucht, die den an das Bett gebundenen Patienten betreffen. Heute ist es -z.B. als Klinische Psychologie - die umfassende Bezeichnung aller jener Beobachtungen, Tests und Maßnahmen, die der Diagnose und - wo dies dem Psychologen möglich ist - der Heilung dienen." (Fröhlich, W.D. & Drever, J.; 1978, S.185).

Schreibt man nun Süchten wie dem Alkoholismus Krankheitscharakter zu -und dies ist vollauf angemessen (s.u.)- scheint die psychologische Einordnung zunächst klar.

Beschäftigt man sich jedoch näher mit der Genese von Abhängigkeitserkrankungen, bezieht man bedeutsame gesundungsfördernde Faktoren mit ein und reflektiert man die bei beiden Prozessen beteiligte gesellschaftspolitische Dimension, so gerät die Sozialpsychologie viel stärker ins Blickfeld.

Zur Definition von “Sozialpsychologie” liest sich unter anderem:

"Sozialpsychologie (social psychology).

Allgemeine und umfassende Bezeichnung für ein Teilgebiet der Psychologie, in dessen Rahmen Erkenntnisse der Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Motivationsforschung mit den Mitteln psychologisch-wissenschaftlicher Methoden auf die soziale Interaktion bzw. umgebende Kultur des Individuums bezogen werden bzw. dadurch eine erhellende Beschreibung und Erklärung erfahren. Im allgemeinsten Sinne untersucht die S., wie sich individuelles Verhalten durch soziale Interaktion entwickelt und modifiziert und welche Rückwirkungen dies innerhalb und außerhalb des sozialen Feldes hat. Die wichtigsten Teilgebiete der Sozialpsychologischen Forschung sind:

a) Arten und Formen der sozialen Anpassung (Sozialisation) und Arten und Wege der Internalisierung ...
b) Soziale Einstellungen, ihr Erwerb und ihre Wirkungsweise, sowie die Dynamik ihrer Veränderungen;...” (Fröhlich, W.D. & Drever, J.; 1978, S.293).

Weiter weist Manz darauf hin, daß als Themen der Sozialpsychologie folgende Bereiche gelten können: a) Einstellungen b) Gruppenprozesse und c) Sozialisation, wobei diese Themenkreise nicht streng voneinander abgrenzbar seien (1987, S.9).

Betrachtet man nun Sucht als ein fortgesetztes individuelles (Fehl-) Verhalten, unterstellt man, daß pathologische Abhängigkeit teils aus schädlichen Einstellungen resultiert, teils diese generiert und stellt man schließlich den enormen Einfluß von (Selbsthilfe-) Gruppen, bzw. also Gruppenprozessen auf die Gesundung in Rechnung, so kann ein sehr erheblicher Einfluß an sozialpsychologischen Faktoren wohl angenommen werden.

Einstellungsforschung kann demnach also wichtige suchtspezifische Erkenntnisse hervorbringen, daher nun zwei Hinweise zum zentralen Begriff “Einstellung”:

Die meistzitierte Definition der Einstellung bzw. Attitüde nach Allport lautet:

"Eine Einstellung ist ein mentaler und neuraler Bereitschaftszustand, der durch die Erfahrung strukturiert ist, und einen steuernden oder dynamischen Einfluß auf die Reaktionen eines Individuums gegenüber allen Objekten und Situationen hat, bei denen dieses Individuum eine Beziehung eingeht"

(1935; zitiert nach Triandis, H.C,1975, S. 4.).

“Einstellung (soziale) Attitüde kognitiv-emotionale Verhaltensbereitschaft gegenüber sozialen Objekten (Personen, Personengruppen, Sachen, Problemen, Ideen, Begriffen). Man unterscheidet in der Einstellungsforschung drei Komponenten der Einstellung:

a) die kognitive (was ich über das Objekt denke und zu wissen glaube)
b) die emotionale (mit welchen Gefühlen und Affekten ich das Objekt verbinde)
c) die verhaltenskomponente (wie ich mich dem Einstellungsobjekt gegenüber ver- halte)” (Manz, 1987; S.23/24).

Diese Ausführungen stützen durchaus das bisher formulierte und mögen zur Bestimmung des Einstellungsbegriffs vorerst genügen.

Inwiefern hiermit zur Klärung in Bezug auf das Thema beigetragen wird, kann erst weiter unten geschildert werden, zunächst scheint es angebracht definitorische Eingrenzungen im Bereich “Alkoholismus, Sucht, etc.” zu treffen.

2.2 Definitionen: Sucht, Alkoholismus,...

Als Thema dieser Arbeit wird der Alkoholismus gewählt, diese Erkrankung reiht sich ein in eine Anzahl meist nicht so verbreiteter, in den Medien aber oft überbetonter Suchtkrankheiten.

Bevor psychologische und Suchtaspekte in Verbindung gebracht werden, müssen einige Spezialbegriffe erläutert werden. Recht qualifiziert unternehmen dies Dörner und Plog:

“Begriffe der Abhängigkeit

Droge: Sammelbegriff für alle das Gehirn bzw. das Handeln beeinflussenden (enzephalo- bzw. psychotropen) Mittel.

Abhängigkeit: (Dependence): tritt an die Stelle der alten Begriffe (addiction) und Gewöhnung (habituation). ...

Definition für Drogenabhängigkeit: (in Anlehnung an die WHO): Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung durch ein zentralnervös wirkendes Mittel, der zu seelischer oder seelischer und körperlicher Abhängigkeit von diesem Mittel führt und der das Individuum und/oder die Gesellschaft schädigt - Bestandteil der Definition ist also auch die Gesellschaft. Nikotin, Alkohol, Haschisch werden sozial unterschiedlich gewertet.

Seelische Abhängigkeit: das schwer bezwingbare Verlangen, durch eine Droge Selbstverwandlung, Entlastung und Genuß herzustellen, mit Verselbständigung des Mittels, Verlust der Konsumkontrolle, und Versuch, um jeden Preis sich das Mittel zu beschaffen.

Körperliche Abhängigkeit: Anpassungszustand mit Toleranzsteigerung, Zwang zur Dosissteigerung für dieselbe Wirkung und mit Abstinenzerscheinungen bei Absetzen oder Verminderung der Dosis” (1984, S.250).

Grenzt man Sucht nun in Hinblick auf Alkoholismus näher ein, findet sich folgende Formulierung:

"Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der UNO, hat 1952 bereits definiert: Alkoholiker sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht hat, daß sie deutlich Störungen und Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen; oder sie zeigen Prodrome (Vorläufer) einer solchen Entwicklung. Daher brauchen sie Behandlung,(" (Holzgreve, 1992, S.12).

Wichtig bei diesen Definitionen erscheint bei Dörner/Plog die Einbeziehung der Gesellschaft in die Begriffsbestimmung, in der WHO-Festschreibung sei die Subsumierung von Prodromen hervorgehoben!

Zu ergänzen ist, daß “Trunksucht” als Krankheit im Sinne der Reichsversicherungsordnung (RVO) anerkannt wurde und zwar im Sinne des § 182, RVO (BSG 28,114). Das entsprechende Grundsatzurteil erging am 18. Juni 1968. Nach diesem Urteil ist jede Sucht eine solche Krankheit, wobei als Kennzeichen derselben ein “Verlust der Selbstkontrolle” und das “Nicht - mehr - aufhören - können” angesehen werden.

Nachzutragen ist weiterhin, daß bei Alkoholismus oft, wenn auch keineswegs immer, körperliche und seelische Abhängigkeit vorliegt, dies im Gegensatz etwa zu Stoffen wie Haschisch (Cannabis, Hauptwirkstoff THC) und Kokain.

Ungeachtet der Dörner/Plog-Definition wird der Verfasser weiterhin die Begriffe “Abhängigkeit” und “Sucht” (synonym) verwenden.

“Sucht”, dies signalisiert scheinbar Assoziationen zu “Suchen”, “Sehnsucht”, u.ä., in Wahrheit ist als etymologische Herkunft des Begriffs jedoch der Wortstamm “krank sein, siechen” anzusehen. Diese “Doppelbödigkeit” sollte bei der Beschäftigung mit dem Thema ruhig auch weiterhin “mitschwingen”!

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Einstellungsänderungen: Die Anwendung einfacher Modelle an einem Praxisbeispiel
Untertitel
Eine sozialpsychologische Untersuchung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Psychologie an der FU/GH Hagen)
Veranstaltung
Sozialpsychologie
Note
bestanden
Autor
Jahr
1996
Seiten
34
Katalognummer
V1915
ISBN (eBook)
9783638111744
ISBN (Buch)
9783638637541
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Besonderheit: Der Autor, Erzieher, Sozialarbeiter und Magister, ist selbst trockener Alkoholiker (12 Jahre rückfallfrei).
Schlagworte
Einstellungen, Einstellungsänderung, Alkoholismus
Arbeit zitieren
Burkhard Tomm-Bub (Autor), 1996, Einstellungsänderungen: Die Anwendung einfacher Modelle an einem Praxisbeispiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1915

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