Figuration nach Norbert Elias am Beispiel einer Abschlussklasse einer Realschule


Essay, 2010

7 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

1. Einleitung

In dem hier vorliegendem Essay, das die Prüfungsleistung der Vorlesung ÄEinführung in die soziologischen Theorien“ ist, wird der von Norbert Elias (1897-19901 ) eingeführte Begriff ÄFiguration“ am Bespiel einer Abschlussklasse einer Realschule erklärt werden. Das ausgewählte Beispiel ist lediglich zur Anschauung gedacht, aber nicht in allen Punkten auf die Realität übertragbar.

2. Definition/Begriffsbestimmung

2.1. Der Begriff Figuration

Der Begriff ÄFiguration“ ist aus dem Lateinischen entlehnt und ist mit dem Wort Äfi- gura“ verwandt, was so viel wie ÄBildung, Gebilde“2 bedeutet, bzw. mit dem Wort Äfiguratio“, was so viel bedeutet wie ÄGestaltung“3. Im Sinne von Elias dient der Be- griff Ädazu, ein einfaches begriffliches Werkzeug zu schaffen, mit dessen Hilfe man den gesellschaftlichen Zwang, so zu sprechen und zu denken, als ob ‚Individuum‘ und ‚Gesellschaft‘ zwei verschiedene und überdies auch antagonistische Figuren seien, zu lockern.“4 Dies heißt, dass mit diesem Begriff Äder Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft ausgedrückt werden“5 soll. Ebenso bedeutet der Begriff, Ädass Menschen nicht als Einzelwesen handeln, sondern in Verflechtun- gen (‚Interdependenzen‘) mit anderen Menschen.“6 Die Verflechtungen sind unabhängig davon, ob sie den Individuen bewusst oder unbewusst sind oder ob die besagten Individuen einander wohlgesinnt sind oder nicht überhaupt kennen. Des Weiteren kann der Begriff ÄFiguration“ quantitativ sehr variabel benutzt werden. Er aber kann Äauf kleine Gruppen, wie auch auf Gesellschaften mit […] Millionen interdependenten Individuen“7 angewandt werden. Trotzdem bestehen ÄFigurationen […] aus einzigartigen Individuen, die aber wechseln.“8 Es ist festzuhalten, dass es sich bei dem Begriff ÄFiguration“ nicht um eine Beschreibung eines bestimmten gesellschaftlichen Umstands handelt, sondern um eine Art ÄBehelf“, um Abhängigkeiten zwischen handelnden Individuen darzustellen.

3. Das Beispiel der Abschlussklasse einer Realschule

3.1 Einleitung zum Beispiel

Das vorliegende Beispiel dient lediglich der Anschauung. Es soll nur das Interde- pendenzgeflecht erklären, hat aber nicht den Anspruch die Realität exakt abzubilden oder auf die Realität anwendbar zu sein. Im Folgenden werden am Beispiel einer Schulklasse die Abhängigkeiten und Verhältnisse der SchülerInnen untereinander dargestellt. Die Interdependenzen zu klassenexternen Individuen und Gruppen, wie z. B. Eltern, Schulleitung, Parallelklassen, werden auf Grund der dadurch entstehen Komplexität und nicht mehr gewährleisteten Anschaulichkeit nicht berücksichtigt. Deshalb werden auch die LehrerInnen der Klasse nicht berücksichtigt. Die Namen der SchülerInnen sind durch Buchstaben verschlüsselt. Diese Maßnahme soll die objektive Wahrnehmung des Beispiels durch die LeserInnen zu gewährleisten.

3.2 Ausgangssituation in der Klasse

Bei der im Bespiel behandelten Schulklasse handelt es sich um eine 10. Realschul- klasse9, die den Mittleren Schulabschluss (MSA, ehem. Realschulabschluss) an- strebt. In ihrer Konstellation ist die Klasse seit Beginn der 5. Klasse zusammen und während der sechs Jahre gemeinsamen Unterrichts, gab es einige Zu- und Ab- gänge, aber die Grundstruktur der Klasse ist weitestgehend gleich geblieben. Das Alter der SchülerInnen der Klasse liegt zwischen 15 und 18 Jahren. Das Verhältnis der Geschlechter liegt bei 6 Mädchen zu 7 Jungs, somit etwa ausgeglichen.

3.3 Das Verhältnis der SchülerInnen untereinander

Das Zentrum der Klasse bilden der Schüler A und die Schülerin B, die beide KlassensprecherInnen sind. Ihre Stellung innerhalb der Hierarchie der Klasse ist am höchsten. A engagiert sich in der Schule als Streitschlichter. Er besitzt die Meinungsführerschaft innerhalb der Klasse. B engagiert sich ebenfalls für die Schule, sie leitet die Theater-AG. Die Schülerin C gilt als sehr hilfsbereit, da sie ihre Hausaufgaben weitergibt oder bei Leistungskontrollen abschreiben lässt und den leistungsschwächeren KlassenkameradInnen auch Nachhilfe gibt. Daher ist sie ebenfalls hochangesehen, ist aber ansonsten kaum am außerschulischen sozialen Leben der Klasse beteiligt, weil sie als ÄStreberin“ gilt. Sie wird nach der 10. Klasse die Oberstufe eines Gymnasiums besuchen. Der Schüler D ist mit 18 Jahren der älteste Schüler der Klasse, weil er im vorangegangenen Schuljahr den Abschluss nicht geschafft hatte. Er ist im Besitz eines PKW-Führerscheins, was ihm innerhalb der Klasse sehr hohes Ansehen bringt, da er seine MitschülerInnen mit seinem Auto auch zu außerschulischen Aktivitäten, wie z. B. Disco, mitnimmt. Dadurch hat er, solange keiner seiner Mitschüler einen PKW-Führerschein hat, die Möglichkeit, großen Einfluss zu nehmen, wo der Großteil der Klasse am Wochenende ihre abendliche Freizeit verbringt. E ist die Freundin von D und beste Freundin von B. Sie ist durch die Beziehung von einer unauffälligen Schülerin (Ägraue Maus“) zum festen Bestandteil der Kerngruppe der Klasse geworden. Die Gruppe um die SchülerInnen F, G und H ist weitestgehend nicht ins schulische und außerschulische Leben der Klasse integriert, da sie einen türkischen Migrationshin- tergrund haben und meistens unter sich bleiben. Untereinander kommunizieren sie auf Türkisch. Einzig zu C haben sie schulischen Kontakt, da sie aufgrund ihrer No- ten Gefahr laufen, den Schulabschluss nicht zu bestehen. Die Schüler I und J sind sog. beste Freunde und gehören zu den leistungsschwachen Schülern. Ihre Interessen sind hauptsächlich Partys und Alkoholkonsum (ÄPartylöwen“). Sie sind in der Lage Haschisch für die anderen SchülerInnen zu besorgen. Sie sind mit A, B, D und E befreundet. K ist Außenseiter in der Klasse, er hat kaum schulischen und gar keinen außerschulischen Kontakt mit seinen KlassenkameradInnen. Er wird durch A, D, I und J gemobbt, während die restlichen SchülerInnen sich nicht daran beteiligen, sich aber auch nicht mit ihm solidarisieren. Seine Freizeit verbringt er am PC. Der Schüler L ist erst seit kurzem in der Klasse, da er während des Schuljahres die Schule gewechselt hat. Er hat noch keine feste Kontakte, wird aber von A und D akzeptiert und mit zu Freizeitaktivitäten genommen.

Es lassen sich zwei wesentliche Cliquen innerhalb der Klasse unterscheiden: Ein- mal die Gruppe um A und B, bestehend aus D, E, I, J und (noch mit Einschrän- kungen) L. Die Gruppe, bestehend aus F, G und H, unterscheidet sich vor allem kulturell von den anderen in der Klasse. Zudem gibt es mit C und K zwei Außenseiter, die keiner der beiden Cliquen zugerechnet werden können.

3.4 Die Abhängigkeiten zwischen den SchülerInnen

Die Abhängigkeiten (Interdependenzen) innerhalb einer Schulklasse sind unterschiedlich. Man kann diese Abhängigkeiten in zwei Kategorien einordnen: allgemeine und spezielle Abhängigkeiten. Die allgemeine Abhängigkeit ist die, die alle gleichermaßen betrifft. Die spezielle Abhängigkeit ist die, die zwischen den einzelnen SchülerInnen besteht und unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.

3.4.1 Allgemeine Abhängigkeit

Eine Abhängigkeit voneinander liegt im Verhalten der Gemeinschaft. So kann das Verhalten einzelner, z. B. unpassendes Verhalten bei Exkursionen, zu Folgen führen, die die ganze Klasse betreffen, z. B. Absage weiterer Exkursionen. Dieses kann auch im Unterricht beobachtet werden. Wenn die Schulklasse aufgrund einzelner oder einer Gruppe von SchülerInnen im Unterricht nicht die Stofffülle schafft, die sich die Lehrkraft vorgenommen hat, so kann dies zur Folge haben, dass die SchülerInnen mehr Hausaufgaben aufbekommen oder die Klasse langsamer mit dem Stoff weiterkommt und womöglich hinter dem Lehrplan hinterherhinkt. Auch in diesem Fall besteht zwischen den SchülerInnen eine Abhängigkeit. Somit lässt sich sagen, dass eine Abhängigkeit per se zwischen den SchülerInnen besteht - unabhängig ihrer Stellung in der Klasse.

3.4.2 Spezielle Abhängigkeiten

Der Schüler A ist abhängig von den anderen SchülerInnen, die durch Akzeptanz als ÄMeinungsführer“ und die Wahl zum Klassensprecher ihm Anerkennung zollen. Ähnlich verhält es sich mit B: sie erhält Anerkennung durch ihr Engagement in der Theater-AG von LehrerInnen und vor allem SchülerInnen. Als Klassensprecherin ist sie aber auch von den anderen SchülerInnen (vor allem von deren Gunst) abhängig da diese sie gewählt haben und sie, sofern sich dafür eine Mehrheit findet, wieder absetzen können. C ist von den anderen abhängig, weil diese von ihrer Hilfsbereitschaft profitieren. Im Gegenzug sind die leistungsschwächeren SchülerInnen von ihr abhängig, da sie ihnen Nachhilfe gibt. D ist ebenfalls von der Gunst der andere]n abhängig, da diese ihn vor allem wegen seines Führerscheins anerkennen. Allerdings sind die anderen ebenso von ihm abhängig, da er ihnen Mobilität verschafft, auch wenn er das Fahrziel, zumindest theoretisch, bestimmen kann. E ist durch die Freundschaft zu B bzw. die Beziehung zu D von ihnen abhängig, da diese ihr ihren Aufstieg innerhalb der Klasse ermöglicht haben. Als beste Freundinnen sind B und D voneinander abhängig, da sie sich gegenseitig freundschaftlichen Halt geben. Die Gruppe bestehend aus F, G und H ist hauptsächlich wechselseitig abhängig. Ihre Gruppe gibt ihnen die Möglichkeit ihre Kultur und ihre Sprache in der Schule zu leben. Aus ihren schlechten schulischen Leistungen ergibt sich eine Abhängigkeit zu C, da diese ihnen durch ihre Nachhilfe ausreichende Noten verschafft.

[...]


1 Brockhaus (2003), S. 1744

2 Langenscheidt (2003), S. 250

3 Ebd.

4 Elias (1971), S. 141

5 Buder (2005), S. 8

6 Kruse (2008), S. 220

7 Buder (2005), S. 8

8 Mikl-Horke (2001), S. 166

9 Für das Bespiel ist es unerheblich, ob es sich wirklich um eine „klassische“ Realschule handelt oder um eine sog. Mittel- bzw. Sekundarschule

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Figuration nach Norbert Elias am Beispiel einer Abschlussklasse einer Realschule
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V191530
ISBN (eBook)
9783656163107
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
figuration, norbert, elias, beispiel, abschlussklasse, realschule
Arbeit zitieren
Malte Dierwald (Autor), 2010, Figuration nach Norbert Elias am Beispiel einer Abschlussklasse einer Realschule , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191530

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