Die Autorin stellt die Forschungen von Philip Jackson zum hidden curricula dar.
Was bedeutet es für die Erziehung und die dort tätigen Pädagogen, wenn Erziehungsziele im Verborgenen die eigentlichen konterkarieren? Es ist wichtig für Pädagogen, die eigene Rolle, persönlichen Ziele und was tatsächlich erreicht wird, zu reflektieren, auch um sich vor Selbstüberschätzung zu hüten.
Es geht in der Schule nicht allein um Vermittlung von Wissen, sondern das Leben in Gesellschaft erfordert die Anpassung an Strukturen. Ausgehend von Norbert Elias Überlegungen in seiner Zivilisationstheorie „Vom Zwang zum Selbstzwang“ wird dargestellt, wie die Tendenz zur Selbstdisziplinierung und Anpassung an vorgegebene Strukturen in der Moderne zunimmt, die Gefahr von „Betriebsblindheit“ bis hin zu Manipulation steigt.
Pädagogik bewegt sich so immer auch im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Zwang. Wo erschöpft sich Disziplin in Gehorsam? Wo beginnt eigenständiges Denken, wo wird es begrenzt?
Gehorsam ist manchmal notwendig, um Notfälle oder Katastrophen zu vermeiden, aber kein Erziehungsziel. Pädagogik öffnet neue Wege, wenn sie hilft das Denken zu erweitern und auch ein „Nein“ akzeptiert. Die intellektuelle Entwicklung des Einzelnen hat Vorrang vor Ideen.
Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke zeigen anhand der Theorien des Institutionellen Rassismus und Diskriminierung auf, dass im Widerspruch zu demokratischen Grundüberzeugungen stehende Prinzipien in den Strukturen von Organisationen auffindbar sind. Die Grenzen pädagogischen Handelns werden im System Schule deutlich, gleichzeitig ergeht aber auch an Pädagogen die Aufforderung, ihr Handeln zu reflektieren, um Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen und im öffentlichen Diskurs Veränderungen und soziale Chancengleichheit zu ermöglichen.
Anschließend werden Geschichte, Struktur und Vereinnahmung der jungen Menschen der NS-Jugendorganisation Hitler-Jugend dargestellt, die den heimlichen Lehrplan des Gehorsams zum bestimmenden Prinzip erhoben. Zuletzt werden exemplarisch Zeitschriftenbeiträge aus der für die Hitler-Jugend konzipierte NS-Zeitschrift „Hilf mit“ analysiert.
In der NS-Pädagogik wird deutlich, dass Menschen buchstäblich auf der Strecke bleiben, wenn Regeln zum Selbstzweck erhoben werden. Da, wo Pädagogik nicht im Sinne Kants zur Mündigkeit erzieht, wird es gefährlich. Ein System kann manipulieren und diskriminieren – für Pädagogen heißt das: Wachsam und kritisch bleiben!
Inhaltsverzeichnis
1. Philip Jackson: The Hidden Curricula – Der heimliche Lehrplan
2. Norbert Elias: Zwang zum Selbstzwang
3. Institutionelle Diskriminierung durch Strukturen des Schulsystems
4. Die Strukturen der Hitler-Jugend (HJ)
4.1 Die HJ: Von der Kampftruppe zur Massenbewegung
4.2 Die Struktur des Führerprinzips in der HJ
4.3 Die Vereinnahmung des Führerprinzips in der HJ
4.4 Die NS-Erziehung
5. Die Bedeutung struktureller Vorentscheidung in der Organisations der NS-Erziehung (Schule und Hitler-Jugend)
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Mechanismen struktureller Vorentscheidungen in Erziehungsinstitutionen, wobei sie insbesondere die Parallelen zwischen dem „heimlichen Lehrplan“ in Schulen und der indoktrinierenden Struktur der Hitler-Jugend beleuchtet, um die Bedeutung von Disziplin, Anpassung und institutioneller Diskriminierung aufzuzeigen.
- Analyse des "heimlichen Lehrplans" nach Philip W. Jackson
- Prozess der Zivilisation und Selbstzwang nach Norbert Elias
- Untersuchung institutioneller Diskriminierung im Schulwesen
- Strukturwandel der Hitler-Jugend zur staatstragenden Massenorganisation
- Erziehungsmethodik und totale Indoktrination im NS-Regime
Auszug aus dem Buch
Die Strukturen der Hitler-Jugend (HJ)
Seit dem NSDAP-Parteitag vom 03./04.07.1926 in Weimar gab es die Hitlerjugend (im folgenden HJ) unter dieser Bezeichnung und Führung von Kurt Gruber. Von Anfang an war die HJ als Jugendorganisation der NSDAP als Partei und SA unterstellt. Dies war in den „Richtlinien über das Verhältnis zwischen NSDAP und HJ e.V.“ vom 05.12.1926 geregelt.
Ab 1928 beginnt der aus dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund kommende Baldur von Schirach die HJ mitzugestalten. Während Gruber die HJ als exklusiven Verband begriff, ging es von Schirach um Erweiterung. 1929 versuchte Kurt Gruber die HJ in den „Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände“ aufnehmen zu lassen, das aufgrund der feindlichen Haltung zur Weimarer Republik nicht gelang. Auch wenn das Ziel Grubers verfehlt wurde, der HJ eine zusätzliche Werbeplattform zu erschließen, so nutzte diese ausgiebig die Ablehnung zu einer Großkundgebung in Berlin „Vom Widerstand zum Angriff“. Ab 1929 drängte die HJ stärker in die Öffentlichkeit.
Die HJ entwickelte sich immer mehr zu einer Kampftruppe: So steigen die offiziellen Totenzahlen von 1931-33 dramatisch auf 21 Hitlerjungen und 1 BDM-Mädel im Vergleich zu 2 Toten von 1925-1930.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Philip Jackson: The Hidden Curricula – Der heimliche Lehrplan: Das Kapitel erläutert den Begriff des heimlichen Lehrplans, der neben der offiziellen Wissensvermittlung soziale Regeln und Routinen etabliert, die Disziplinierung und Anpassung fördern.
2. Norbert Elias: Zwang zum Selbstzwang: Hier wird die soziologische Theorie Elias' zur zunehmenden Rationalisierung und zur Transformation von Außenzwängen in internalisierte Selbstzwänge im Verlauf der Zivilisationsgeschichte analysiert.
3. Institutionelle Diskriminierung durch Strukturen des Schulsystems: Dieses Kapitel untersucht, wie organisatorische Rahmenbedingungen und institutionelle Abläufe in der Schule zur systematischen Diskriminierung und zur Konstruktion ethnischer Differenzen beitragen.
4. Die Strukturen der Hitler-Jugend (HJ): Es wird der Wandel der HJ von einer paramilitärischen Kampftruppe hin zur staatlich gelenkten Massenorganisation nach dem Führerprinzip detailliert dargestellt.
5. Die Bedeutung struktureller Vorentscheidung in der Organisations der NS-Erziehung (Schule und Hitler-Jugend): Das abschließende Kapitel setzt die theoretischen Ansätze in Beziehung zur NS-Propaganda und zeigt auf, wie durch totale Indoktrination und strukturelle Vorgaben freies Denken systematisch unterdrückt wurde.
Schlüsselwörter
Heimlicher Lehrplan, Norbert Elias, Zivilisationsprozess, Hitler-Jugend, Führerprinzip, Institutionelle Diskriminierung, NS-Pädagogik, Indoktrination, Gehorsam, Strukturelle Vorentscheidung, Totalitarismus, Sozialisation, Machtstrukturen, Erziehung, Selbstzwang.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen, durch die erzieherische Institutionen Individuen formen, und untersucht dies anhand des Vergleichs zwischen dem alltäglichen heimlichen Lehrplan in Schulen und der ideologischen Indoktrination in der Hitler-Jugend.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die schulische Sozialisation, das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Zwang, die institutionelle Diskriminierung sowie die Funktionsweise totalitärer Erziehungsorganisationen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie strukturelle Vorentscheidungen in Organisationen wie Schule und Hitler-Jugend Erziehungsprozesse steuern und inwieweit diese Strukturen Disziplinierung, Anpassung oder Unterdrückung von Individualität fördern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Analyse soziologischer Konzepte (u.a. Jackson, Elias, Gomolla/Radtke) sowie auf eine historische Quellenarbeit, insbesondere durch die Untersuchung zeitgenössischer NS-Propagandazeitschriften.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über schulische Machtstrukturen und eine historische Analyse der Hitler-Jugend, um Gemeinsamkeiten in der Vermittlung von Gehorsam und der Ausgrenzung des "Anderen" aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Heimlicher Lehrplan“, „Selbstzwang“, „Institutionelle Diskriminierung“, „Führerprinzip“ und „NS-Erziehung“ maßgeblich bestimmt.
Wie bewertet die Arbeit das Konzept des „heimlichen Lehrplans“?
Das Konzept wird als Instrument der Disziplinierung verstanden, das zwar notwendig zur Aufrechterhaltung des Unterrichts sein kann, aber in totalitären Kontexten zur bedingungslosen Unterwerfung missbraucht wurde.
Welche Rolle spielt das Führerprinzip in der Argumentation der Autorin?
Das Führerprinzip wird als zentraler Strukturmechanismus identifiziert, der jegliche Form von Widerspruch unterbindet und die totale Erfassung der Jugendlichen ermöglicht, um eine homogene, gehorsame Masse zu formen.
Welchen Bezug stellt die Autorin zwischen Schule und NS-Erziehung her?
Sie arbeitet heraus, dass sowohl die Schule als bürokratische Organisation als auch die Hitler-Jugend über formale Strukturen verfügen, die individuelle Freiheit zugunsten einer systemkonformen Anpassung einschränken.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin für moderne Pädagogen?
Die Autorin plädiert für eine beständige Reflexion pädagogischer Alltagspraxen und Strukturen, um als Pädagoge nicht unbewusst diskriminierende Muster zu reproduzieren, sondern stattdessen im Sinne Kants zur Mündigkeit zu erziehen.
- Quote paper
- Tanja Schmidt (Author), 2012, Die Bedeutung struktureller Vorentscheidung in der Organisation der NS-Erziehung , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191578