Politisch-soziale und volkskulturelle Aspekte des Saubannerzugs von 1477


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand, Quellen, Quellenkritik

3. Der Saubannerzug von 1477
3.1. Vorgeschichte
3.2. Der Saubannerzug
3.3. Folgen des Saubannerzugs

4. Politisch-soziale und volkskulturelle Aspekte des Saubannerzugs
4.1. Politisch-soziale Merkmale
4.1.1. Stadt- und Landorte der Eidgenossenschaft
4.1.2. Verwandtschaft und Gemeinschaften
4.1.3. Knabenschaften
4.2. Elemente der Volkskultur
4.2.1. Vegetationskulte
4.2.2. Heischezüge
4.2.3. Totenkult
4.2.4. Maskenkulte
4.2.5. Fastnacht

5. Schlussbetrachtung

6. Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis
6.1. Quellenverzeichnis
6.2. Literaturverzeichnis
6.3. Abbildungen

1. Einleitung

Nächtlicher Saubannerzug verwüstet Gebenstorf[1], „Saubannerzug von Schmerikon nach Eschenbach[2], diese Zeitungsmeldungen von 2011 und 2012 zeigen, wie sehr der Begriff des „Saubannerzugs“ noch im gegenwärtigen Sprachgebrauch und damit im Bewusstsein der Schweiz vorhanden ist. In den beiden erwähnten Fällen begingen Unbekannte mehrere Sachbeschädigungen, wie z.B. Demolierung von Verkehrsschildern, Verunstaltung von Kunstwerken und Zerstörung von Straßenlaternen.[3]

Auch die Teilnehmer des Saubannerzugs[4] von 1477 waren ein wilder, unkontrollierter Haufen, der eine Kriegskontribution aus den Burgunderkriegen von der savoyischen Stadt Genf eintreiben wollte, mit deren Zahlung diese schon lange in Rückstand war. Da das Gerücht umging, dass Berner Hauptmänner durch Erhalt von Bestechungsgeldern die Zahlung der Restkontribution verzögert haben sollen, wollte man diese auch zur Rechenschaft ziehen. Zudem hatte man von den Stadtorten (Bern, Luzern, Zürich, Basel) der Eidgenossenschaft einen zu kleinen Teil an der Beute aus den Schlachten der Burgunderkriege erhalten, das dritte Ziel war also die Einforderung eines höheren Beuteanteils.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die politisch-sozialen Elemente und die Aspekte der Volkskultur aufzuzeigen, die sich im Saubannerzug manifestierten. Dazu gehört z.B. die agrarische Gesellschaftsstruktur, die die Landorte der inneren Schweiz (Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug) zur damaligen Zeit prägte, die Familie und die Knabenschaften, die in den dortigen Gemeinschaften eine wichtige Rolle einnahmen, und diverse Kulte, wie z.B. Vegetations- und Totenkulte sowie die sog. „Heischezüge“.

Im ersten Abschnitt wird der gegenwärtige Forschungsstand dargestellt und auf die verwendeten Quellen, vor allem die Berner Chronik des Diebold Schilling, die wichtigste Quelle für den Saubannerzug, eingegangen und sie kritisch betrachtet.

Danach folgt das Kapitel über den Saubannerzug von 1477. Zuerst wird die Entstehungsgeschichte beleuchtet: der Aufstieg des Hauses Burgund und die Burgunderkriege (1474-77), wobei der Kriegszug der Eidgenossen gegen Savoyen von 1475, der Hauptgrund für den Saubannerzug, besonders hervorgehoben wird. Infolgedessen wird der Saubannerzug selbst beschrieben: sein Zusammenfinden, die Teilnehmer, der Zug und das Resultat. Der dritte Punkt handelt von den kurz- und langfristigen Folgen des Zuges bis zum Stanser Verkommnis von 1481.

Der dritte Abschnitt behandelt schließlich die politisch-sozialen und volkskulturellen Aspekte des Saubannerzuges. Die politisch-sozialen Sachverhalte drehen sich vor allem um die gesellschaftliche Struktur der agrarisch geprägten Landorte der Innerschweiz (der Heimat der Saubannerzügler) im Vergleich zu den Stadtorten. Weiterhin werden verwandtschaftliche Aspekte wie Sippe und Familie, rechtliche Elemente (Volksjustiz) und der Status und die Rolle der sog. „Knabenschaften“ betrachtet. Die Merkmale der Volkskultur beleuchtet in den Knabenschaften verankerte Glaubensvorstellungen, etwa Vegetationskulte, „Heischezüge“, Toten- und Maskenkulte sowie die Fastnacht als Teil der „Verkehrten Welt“. Aufgrund der engen Verquickung von sozialen und volkskulturellen Elementen wird man die beiden Aspekte nicht immer völlig scharf voneinander trennen können.

Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse und offen gebliebene Fragen in einer Schlussbetrachtung zusammengefasst.

2. Forschungsstand, Quellen, Quellenkritik

Forschungsarbeiten, die sich allein um den Saubannerzug drehen, sind rar gesät. Meistens wird er im Rahmen der Burgunderkriege behandelt oder dessen Folgen betrachtet (Stanser Verkommnis von 1481). Da der Saubannerzug politisch intendiert war, wird dieser Aspekt in den Arbeiten am stärksten hervorgehoben. Die sozialen und kulturellen Ursprünge und Elemente des Zuges wurden bisher jedoch eher rudimentär erforscht.

Die erste maßgebliche Arbeit über das „Torechte Leben“ publizierte Victor van Berchem, der 1919/20 in einem zweiteiligem Aufsatz[5] über „La folle vie“ und dem Vertrag des „Ewigen Burgrechts“ schrieb. Diese Arbeit blieb für lange Zeit singulär, bis Ernst Walder in den 80er Jahren sich des Themas annahm und zwei Aufsätze (1982-83) und einen Sammelband (1994) publizierte, die die Ereignisse vom Saubannerzug bis zum Stanser Verkommnis behandeln.[6]

In den 90er Jahren widmete sich Christoph Döbeli dann erstmals und bisher einzig den sozialen und volkskulturellen Elementen des Saubannerzugs in seiner 1992 verfassten, unveröffentlichten Lizentiatsarbeit.[7] Diese Arbeit regte mich zu meiner Fragestellung an und ist auch das wichtigste Werk innerhalb der von mir verwendeten Literatur.

2001 erschien eine kleinere Arbeit zum „Torechten Leben“, und die jüngste Publikation ist ein Aufsatz von Andreas Würgler von 2004, in dem er aufzeigt, wie die Historiografie den Saubannerzug sukzessive von einem politischen Ereignis zu einem simplen Fastnachtsereignis bagatellisierte. Auch zeigt er, dass der Begriff „Saubannerzug“ erst im Laufe der Zeit aufkam; ursprünglich wurde das Ereignis nur „Kolbenbannerzug“ genannt.[8]

Für die kulturellen Aspekte wurde vorwiegend auf ältere Literatur zwischen 1875 und 1930 zurückgegriffen, die auch Döbeli in seinem Aufsatz verwendete. Zu nennen sind hier v. a. der Schweizer Altphilologe Karl Meuli, der 1928 einen wichtigen Aufsatz über Bettelumzüge im Volks- und Totenkultus veröffentlichte,[9] oder Wilhelm Mannhardt, ein deutscher Ethnologe des 19. Jahrhunderts, dessen zweibändiges Buch „Wald- und Feldkulte“[10] eine Fülle von ethnologisch-mythologischen Aspekten der alten Germanen behandelt. Weiterhin wurden noch Arbeiten von Alois John über Heischezüge (1905), Pierre Saintyves (1919) und ein Aufsatz Roland Rumpels über die Bedeutung des Krieges in der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft herangezogen.[11]

Die Hauptquelle für den Saubannerzug von 1477 ist die Berner Chronik[12] des Diebold Schilling d. Ä. (* um 1430-35 in Hagenau (Elsaß)/+1485 in Bern). Schilling gelangte 1456 nach Luzern und 1460 nach Bern, wo er verschiedene Schreibposten innehatte (Unterschreiber, 1467-81 Schreiber des Seckelmeisters[13] und 1481-85 Gerichtsschreiber).

Außerdem gehörte er seit 1468 dem „Rat der Zweihundert“[14] an und war Augenzeuge der Burgunderkriege und des Saubannerzugs, der 1477 vor Bern stand und drei Tage in der Stadt blieb, bevor er nach Freiburg weiterzog.[15]

Die Berner Chronik umfasst den Zeitraum von 1152 bis 1480 und ist neben der „Großen Burgunderchronik“ und der „Spiezer Chronik“ eines der drei historiografischen Werke Schillings. Vermutlich wurde er durch seine Mitgliedschaft in der „Adelichen Gesellschaft zum Narren und Distelzwang“[16] und dortigen, historisch interessierten Mitgliedern zur Verfassung dieser Chroniken seit den 1460er-Jahren animiert.[17]

Die ersten beiden Bände der Chronik stützen sich auf Arbeiten früherer Geschichtsschreiber wie Bendicht Tschachtlan oder Konrad Justinger, der dritte Teil basiert auf eigener Anschauung und Quellenstudium. Er enthält die Darstellung der Burgunderkriege und den Saubannerzug von 1477. Er wurde von Gustav Tobler von 1897-1901 ediert und wird für den vierten Teil dieser Arbeit verwendet.[18] Man kann davon ausgehen, dass die drei Bände unter der Zensur des Berner Rates eine Tendenz erhielten, die Rolle Berns in patriotischem Lichte darzustellen, als auch die, die Situation der gesamten Eidgenossenschaft zu harmonisieren.[19]

Weitere Quellen sind die „Chronik der Stadt Zürich“ eines anonymen Züricher Bürgers, der an der Schlacht von Murten teilnahm, sowie das Tagebuch des Basler Kaplans Johannes Knebel von 1473-79 und die „Anonyme Chronik der Burgunderkriege“ (ebenfalls von 1473-79). Ebenfalls wurde der zweite Band der amtlichen Sammlungen der eidgenössischen Abschiede (Verträge und Ergebnisse der Tagsatzungen der Orte) von 1421-77 genutzt. Für die Abbildungen wurde von Diebold Schilling d. Ä. die „Große Burgunderchronik“ sowie die „Amtliche Berner Chronik“ in einer illustrierten Auflage von 1943 verwendet.[20]

3. Der Saubannerzug von 1477

3.1. Vorgeschichte

Der Aufstieg des Hauses Burgund begann 1363, als der französische König Johann der Gute seinem Sohn Philipp dem Kühnen Burgund zu Lehen gab. Im Laufe von etwa 70 Jahren vergrößerte sich der burgundische Herrschaftsbereich durch Heiraten und Eroberungen enorm, so kamen Brabant, Flandern, Holland, die Freigrafschaft Burgund, die Picardie und Luxemburg in den Besitz der burgundischen Herzöge.[21] Diese territoriale Stärke, gepaart mit einer stark wachsenden Wirtschaft (Burgund verzeichnete damals mehr Steuereinnahmen als das Heilige Römische Reich) führte zu einer expansionistischen Politik, die als Ziel die Vereinigung der nördlichen und südlichen Territorialkomplexe hatte.[22]

1435 erfolgte ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, als sich Burgund aus der Lehensabhängigkeit des römisch-deutschen Kaisers und des französischen Königs löste.

Karl der Kühne (der von 1465-77 regierte) verfolgte das Ziel der Gebietsvereinigung weiter, indem er das Herzogtum Lothringen erobern wollte, und plante danach die Erhebung Burgunds zum Königreich. Gegen diese drohende Ausdehnung formierte sich allerdings Widerstand: zum einen Kaiser Friedrich III., der um seine elsässischen Besitzungen fürchtete, Ludwig XI., der König von Frankreich, sowie die sog. „Niedere Vereinigung“[23]. Dies war ein 1473/74 geschlossener Landfriedensbund, dem die elsässischen Reichsstädte Straßburg, Colmar, Basel und Schlettstadt, die Eidgenossenschaft[24] und Siegmund, der Herzog Österreichs, angehörten.

Nachdem die Feindseligkeiten beiderseits schon lange schwelten, gab schließlich die Ermordung des tyrannischen burgundischen Landvogtes Peter von Hagenbach in Breisach Karl dem Kühnen den Grund zum Kriegsbeginn.[25] Während Hagenbachs Bruder als Vergeltungsmaßnahme das obere Elsass verwüstete,[26] marschierte Karl in Lothringen ein, besetzte das Herzogtum und belagerte die Stadt Neuss.

Die „Niedere Vereinigung“ fiel gleichzeitig in der Freigrafschaft Burgund, wo sie in der Schlacht von Héricourt ein burgundisches Heer besiegten,[27] und in dem mit Karl verbündeten Herzogtum Savoyen ein. Ein bernisch-freiburgisches Heer eroberte von April bis Oktober 16 Städte und 43 Schlösser in Savoyen sowie die Herrschaften Erlach und Illens. Die Stadt Genf wurde von Plünderung und Brandschatzung verschont, da sie sich im Vertrag von Morges[28] vom 29.10.1475 verpflichtete, 26.000 rheinische Gulden an die Eidgenossen zu zahlen.[29] Zudem wurde festgelegt, dass vier der reichsten Männer Genfs als Geiseln nach Bern und Freiburg gebracht werden sollten, bis die komplette Kontribution bezahlt sei.[30]

Auch soll den Hauptleuten, die überwiegend aus Bern stammten, viel Geld gezahlt worden sein, während die einfachen Soldaten leer ausgingen.[31] Savoyen zahlte 2000 Gulden[32], zögerte jedoch die Restsumme von 24.000 Gulden unter Missachtung von Zahlungsterminen hinaus, da es auf einen Sieg seines burgundischen Verbündeten spekulierte. Es existiert aber auch die Theorie, dass Savoyen 4000 Gulden geschickt hat, die Berner Hauptmänner aber 2000 Gulden (aus Sicht der innerschweizer Kantone als Bestechung) einbehalten haben, um die Restzahlung hinauszuschieben.[33]

Nach diesen Erfolgen seiner Gegner schloss Karl mit Ludwig XI. von Frankreich einen Waffenstillstand und mit Kaiser Friedrich III. einen Friedensvertrag, sodass er seine Kriegsanstrengungen nun gegen die Eidgenossen wenden konnte, vor allem aber gegen Bern. Er belagerte das Städtchen Grandson, nahm es ein und ließ die über 400 Mann starke Besatzung hinrichten.[34] Die kurze Belagerungszeit nutzte Bern, um Entsatzheere der Eidgenossen zu organisieren, die Karl in der Schlacht von Grandson am 2.3.1476 besiegen konnten. Das hoch gerüstete, aber starre und unflexible Heer konnte gegen die wendigen eidgenössischen Infanteristen nichts ausrichten, da es ihm an Disziplin mangelte und aus unterschiedlichen Kontingenten zusammengewürfelt war. Es wurde von den Eidgenossen in die Flucht geschlagen.[35] Ihnen fiel eine riesige Beute in die Hände,[36] die noch heute sprichwörtlich als „Burgunderbeute“ bezeichnet wird.

In der Schlacht von Murten am 22.6.1476 brachten die Eidgenossen Karl dann eine vernichtende Niederlage bei.[37] Ein Drittel des burgundischen Heeres wurde getötet. Infolgedessen stießen die Eidgenossen auch weit in die vom Herzogtum Savoyen beherrschte Waadt vor, was Herzogin Jolanda von Savoyen zum Friedensschluss zwang.

Nach dieser ernüchternden Episode zog sich Karl aus dem bernischen Gebiet zurück und konzentrierte sich wieder auf die Eroberung Lothringens, das er im Herbst 1476 mit seinem Heer erneut angriff. Er belagerte zweieinhalb Monate die Hauptstadt Nancy erfolglos und wurde schließlich von Truppen der „Niederen Vereinigung“ und Herzogs René von Lothringen am 5.1.1477 zur Schlacht gestellt und vollständig aufgerieben. In den Wirren der Schlacht wurde Karl der Kühne getötet.[38]

Die Burgunderkriege endeten mit zwei separaten Friedensverträgen: der erste wurde 1476 in Freiburg im Üechtland zwischen Bern und Freiburg einerseits und dem Herzogtum Savoyen andererseits geschlossen. Savoyen erlitt große Gebietsverluste und musste auch die Stadt Freiburg in die Unabhängigkeit entlassen, die schließlich von Kaiser Friedrich III. zur Reichsstadt erhoben wurde. Den Vertrag von Zürich 1478 schlossen René von Lothringen, Siegmund v. Österreich und die „Niedere Vereinigung“ einerseits und Maximilian v. Habsburg[39] andererseits ab. Die Parteien sicherten sich untereinander Neutralität zu und die Eidgenossenschaft gab Maximilian für 150.000 Gulden die Freigrafschaft Burgund zurück.

[...]


[1] http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/baden/naechtlicher-saubannerzug-verwuestet-gebenstorf-111612466 (Stand: 11.2.2012, 14:18 h).

[2] http://www.suedostschweiz.ch/vermischtes/saubannerzug-von-schmerikon-nach-eschenbach (Stand: 11.2.12, 14:17 h).

[3] Ebd.

[4] Vgl. zur Etymologie Würgler, Kolbenbanner, S.198-202. Seiner Meinung nach verwenden alle Chronisten des Zuges den Begriff „Kolbenbanner“, nie „Saubanner“. Letzterer Ausdruck kommt erst 50 Jahre nach dem Ereignis zum ersten Mal auf, wird in der folgenden Zeit eher bagatellisierend gebraucht und setzt sich seit dem frühen 17.Jahrhundert in der Historiografie durch. Als weiteres Argument dient, dass das Tier auf dem Banner als Eber und nicht als Sau identifiziert wird (weidmännisch wird mit „Sauen“ ein Eber bezeichnet), was ergo gegen den Begriff „Saubannerzug“ spricht. Die Sau steht symbolisch für Schmutz und Unwürde und dient als Schimpfwort und Spottsymbol, was als Aufstandssymbol sicher unpassend wäre. (Ebd., S.200). Andererseits zeigt das Banner des „Großen, Allmächtigen und Unüberwindlichen Rates von Zug“, eine Muttersau mit Frischlingen, was gegen die Deutung als Eber spricht. Allerdings ist nicht erwiesen, ob dieser Rat wirklich aus dem Saubannerzug hervorging oder ob er sich parallel und unabhängig von ihm gründete. Der dritte Ausdruck für den Saubannerzug ist „Torechtes Leben“. Hierbei bedeutet „torecht“ nicht etwa „dumm“ oder „närrisch“, sondern eher „verrückt“ oder „irrsinnig“. „Leben“ ist ein alter schweizerischer Ausdruck für „Zunft“ oder „Vereinigung“. Würgler nennt drei Argumente gegen diese Bezeichnung: erstens würde dieser Name die politischen Intentionen des Zuges nur lächerlich machen; zweitens enthält der Name keinen Bezug zu dem Banner, und drittens meint er, das der Berner Chronist Diebold Schilling den Begriff nur verwendet, um den politischen Charakter des Zuges zu verharmlosen und zu karnevalisieren. Daher kann auch angenommen werden, dass das „Torechte Leben“ vermutlich Eigenbezeichnung der Teilnehmer des Zuges ist, wie bei Schilling steht: Schilling, Berner-Chronik, Bd.2, S.128: …so gabent si ze antwurt: es were das torechtig leben, darin si zusamen als hoch und túre gelobt und gesworn hetten…“. (Würgler, Kolbenbanner, S.201). Auf der anderen Seite steht das Argument, dass der Begriff, wenn man ihn mit „wild“ übersetzt, seinen lächerlichen Charakter verliert und besser zu den politischen Intentionen des Zuges passt. Im weiteren Verlaufe der Arbeit werde ich jedoch den geläufigeren Begriff „Saubanner“ beibehalten.

[5] van Berchem, Genève.

[6] Walder, Leben; Walder, Verkommnis; Walder, Entstehungsgeschichte.

[7] Döbeli, Zug.

[8] Vgl. Fußnote 4, S.3; Rudin, Leben; Würgler, Kolbenbanner.

[9] Meuli, Bettelumzüge.

[10] Mannhardt, Wald- und Feldkulte.

[11] John, Sitte; Saintyves, Rondes; Rumpel Krieg.

[12] Schilling, Berner-Chronik.

[13] Ein Kämmerer.

[14] Der „Rat der Zweihundert“ entwickelte sich ab dem späten 13. Jhdt. in den Stadtstaaten Bern, Luzern, Zürich, Basel und Freiburg. Er wird auch als „Großer Rat“ bezeichnet, hatte 200-300 Mitglieder und die legislative Gewalt inne.

[15] Ott, Schilling, S.770f.

[16] Eine der 13 Gesellschaften der Stadt Bern, die heute noch existiert.

[17] Zahnd, Schilling.

[18] Ebd.

[19] Ott, Schilling, S.771.

[20] Zürich-Chronik; Knebel-Chronik; Anonyme Chronik; Schilling, Burgunderchronik; Schilling, Amtliche.

[21] Calmette, Bourgogne, S.171.

[22] Die nördlichen Gebiete umfassten Brabant, Flandern, Hennegau, Luxemburg, Namur, Artois, Holland und Seeland. Die südlichen Territorien bestanden aus dem Hzm. Burgund und der Freigrafschaft Burgund.

[23] Schilling, Berner-Chronik, Bd.1, S.136f., 142f., 161-163.

[24] Für die Acht Orte der Eidgenossenschaft siehe Abb. 1.

[25] Schilling, Berner-Chronik, Bd.1, S.152f.: „Das der von Hagenbach mit dem swert vor aller menglichem gericht wart.“; „...wart im desselben tages sin houpt abgeslagen...“.; Knebel-Chronik, Bd.1, S.68.

[26] Schilling, Berner-Chronik, Bd.1, S.167.

[27] Ebd., Bd.1, S.180-194; Knebel-Chronik, Bd.1, S.87f.

[28] Schilling, Berner-Chronik, Bd.2, S.82: „...Daruf am letsten zer Morse [Morges] tedingen getroffen und inen copien der pflicht, die ufzurichten, gesant sind...“. Der gesamte Vertrag in: Eidgenössische Abschiede, Bd. 2, S.567f.

[29] Ebd., Bd.1, S.313-315. S.313f.: „...namlichen, das die von Jenf denen von Bern und andern Eidgnossen mit denen von Friburg und Solotern fúr semlich sachen geben und usrichten solten zwenzig und sechstusent Rúnscher gúldin...“. Ursprünglich lag die geforderte Summe wohl wesentlich höher: Ebd.: „...das war gar ein grosser abslag nach der vordrigen anmutung...“; Anonyme Chronik, S. 517: „Und zugent fur Jenff die statt; die machtent ein täding mit den Eydtgnossen. Also brantschatztent sy die statt fúr 26,000 schilt [Schildfranken (frz.: écus)] Uff das zugent sy ab, widerumb har heym, und ward das gelt nit glych geben.“ ; Zürich-Chronik, S.263: „Und darumb das die Eidgnossen wider us dem land käment und nit fürer wüstind, darumb verhießen si den Eidgnossen 26 tusend guldin und gaben darumb búrgen.“ ; Eidgenössische Abschiede, S.567: „...vigintisex mille scutorum auri...“.

[30] Schilling, Berner-Chronik, Bd. 1, S.313: „...darzu sollten ouch si von ir stat vier die richesten man zu búrgen geben und in die beiden stette Bern und Friburg legen, bis das die summ bezalt wurde, das ouch von inen beschach.“; Anonyme Chronik, S.517: „Darumb fürten sy vier die besten und rychsten mit yn gon Bern, bisz die summ bezalt ward.“. Der Vertrag von Morges nennt die Namen der vier Geiseln: „...quatuor fideiussores et principales, videlicet Petrum de Vergonay, Bonifacium de sancto Michahele, Petrum de Poiret et Johannem Linget, omnes de Gebennis, in urbes Bernensem et Friburgensem, qui illic morabuntur usque adeo...“.

[31] Schilling, Berner-Chronik, Bd. 1, S.314: „So wart ouch den houptlúten und andern gewaltigen von stetten und lendern ein merglich und gros summ geltes geschenkt, das si ouch williclichen namen und nit versmachten, und wart aber dem gemeinem man nit, die dann stat und land als wol und me dann die gewaltigen mussent behalten.“. Ob diese Summe die 2000 Gulden darstellen, die als Bestechung an die Berner Hauptmänner gezahlt wurde, weiß man nicht.

[32] Die 2000 Gulden, die die Landorte erhielten, wurden in Form von Kirchengut und –schätzen entrichtet, was die Landorte als Verhöhnung Gottes und ihrer selbst betrachteten. Die Güter wurden nach Luzern gebracht. Ebd.: „Dann do die erste bezalung kam und dennoch lang darnach, do wurdent von denen von Jenf nit me dann zweitusent Rúnsch gúldin bezalt; darunder was vil kilchengutes und gezierde an silbrin crútzen, kelchen, monstranzen, und anderm, dabi man wol erkant, das die von Jenf mit semlichen iren úppigen tedingen vorab gottes und ouch der Eidgnossen spottetent, , dann si doch semlich bezalunge on beroubunge der kilchen wol hetten mogen tun.“.

[33] Schilling, Berner-Chronik, Bd. 2, S.128: „Darzuo gabent si [die Teilnehmer des Saubannerzuges von 1477] ouch fur, das etlichen houptluten und undertaedingern von Bern und andern Eidgnossen von demselben brantschatz zweitusent schilt werent worden, die si davon genomen und under sich geteilt hettent, damit die recht houptsum nit nacher wolte gan; und meinten mit irem eignen und selzen furnemen dieselben houptlit understan zu strafen...“. Eidgenössische Abschiede, Bd.2, S.643: „Die Boten von Bern sollen heimbringen, die von Genf geben vor, sie hätten 4000 Gulden nach Bern geschickt, die von Bern haben aber den Eidgenossen nicht mehr denn 2000 Gulden übergeben.“. Vgl. für eine detaillierte Darstellung der gesamten Vorgänge der Eidgenossen mit Genf 1475 siehe van Berchem, Genève, Teil 1, S.8-34.

[34] Schilling, Berner-Chronik, Bd. 1, S.371f.

[35] Ebd., S.376-378.

[36] Ebd., S.384-391.

[37] Schilling, Berner-Chronik, Bd. 2, S.49-51.

[38] Ebd. S.111-113.

[39] Maximilian war Rechtsnachfolger Karls des Kühnen, da dieser Karls Tochter Maria im August 1477 geheiratet hatte.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Politisch-soziale und volkskulturelle Aspekte des Saubannerzugs von 1477
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte unter Einbeziehung der Landesgeschichte)
Veranstaltung
Feste in der spätmittelalterlichen Stadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V191586
ISBN (eBook)
9783656164593
ISBN (Buch)
9783656164791
Dateigröße
1203 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
saubanner, saubannerzug, kolbenbanner, torecht, leben, schweiz, eidgenossen, eidgenossenschaft, burgunderkriege, landorte, stadtorte, stanser verkommnis, brandschatzsumme, volkskultur, heische, masken, vegetationsdämon, eber, knabenschaften, selbstjustiz, totenkult, fasnacht, geister, kulte, verkehrte welt, diebold schilling, savoyen, genf, luzern, bern, uri, payerne, ewiges burgrecht, blutrache, sippe, freischar, narr
Arbeit zitieren
Fabian Fuchs (Autor), 2012, Politisch-soziale und volkskulturelle Aspekte des Saubannerzugs von 1477, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191586

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Politisch-soziale und volkskulturelle Aspekte des Saubannerzugs von 1477



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden