Das Moral- und Werteverständnis im Bereich Erziehung und Schule in einer wertunsicheren Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2010

81 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definition der Begriffe „Moral“ und „Wert“
2.1 Moral- und Wertdefinition im Wandel der Zeit
2.1.1 ethischer Aspekt
2.1.2 religiöser Aspekt
2.1.3 Nihilismus

3. Moral- und Werteverständnis in der Gesellschaft 15
3.1 Wertwandel
3.2 die wertunsichere Gesellschaft
3.2.1 Gründe für eine wertunsichere Gesellschaft
3.2.1.1 Rationalismus
3.2.1.2 Individualismus
3.2.1.3 Hedonismus

4. Werterziehung
4.1 Strategien der Wert- und Moralerziehung

5. Von der Theorie zur Praxis: Wert- und Moralerwerb in der Schule
5.1 Von der Theorie zur Praxis: Der Kohlberg-Ansatz
5.2 Tendenzen in der Schule: Ethik- vs. Religionsunterricht
5.2.1 Religion und Ethik
5.2.1.1 Der Religionsunterricht
5.2.1.2 Sittliche Bildung – Ethik im Unterricht
5.3 Umfrage zum Thema „Werte- und Moralvorstellungen in der Schule

6. Zukunftsausblick

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Hey, hier, ich muss dir etwas zeigen. Hab ich gestern auf dem Schulhof aufgenommen. Phillipp und Moritz haben sich geprügelt. Man, war das heftig. Moritz hat sogar am Kopf geblutet und unsere Lehrerin hat einen Krankenwagen gerufen. Ich hab alles gefilmt und heute Mittag kannst du es dir im Internet angucken. Mach mal einen Kommentar!“

So, oder so ähnlich, verlaufen derzeit viele Pausenhofgespräche. Von Tag zu Tag steigt die Zahl der Gewaltvideos auf bekannten Internetplattformen wie YouTube; sie werden immer gewalttätiger und hemmungsloser. Je brutaler die Prügelei, die im Video zu sehen ist, desto mehr Beliebtheitsklicks und Anerkennung gibt es. Bereits 2008 beklagte der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger, dass es „heute schon fast zum Allgemeinwissen, insbesondere von Jungen ab zwölf Jahren [gehöre]‚ wie und wo man im Internet oder über Freunde ohne Schwierigkeiten an problematische Inhalte wie sehr extreme Sexualitätsdarstellungen und brutale Bilddateien und Spielsequenzen kommt ’“[1]. Diese und andere Beschäftigungen, die häufig auf die neuen Medien zurückzuführen sind, bestimmen derzeit das Leben der Kinder und Jugendlichen. Auf diese Art und Weise suchen sie sich Anerkennung und Zuspruch in ihren Freundeskreisen. Meidiger warnte deshalb, dass „zahlreiche Kinder und Jugendliche trotz äußerlichen Imponiergehabes oder zur Schau getragener Coolness durch die Konfrontation mit solchem Content innerlich zutiefst verunsichert und teilweise auch geschockt seien.“[2]. Im schlimmsten Fall kann es sogar zur Nachahmung kommen. Immer häufiger hören wir von Gewaltangriffen unter Jugendlichen und sogar gegenüber Erwachsenen.[3] Bestimmte früher noch das Rollenspiel Vater-Mutter-Kind die Kinderzimmer oder den Garten, so sind heute Computer und Handys zum beliebten Dauerspielzeug der Kinder und Jugendlichen geworden. Natürlich bleibt diese Veränderung nicht folgenlos. Interessen, Einstellungen und Ideale spiegeln sich im Verhalten des Menschen wieder. Seine Wertvorstellungen und das moralische Verständnis erlernt er im Zuge der Sozialisation durch Familie, Freunde, Institutionen und die übrige Gesellschaft. Die zunehmende Passivität der Familie und das regelrechte Sich-Selbstüberlassensein der Kinder führen zur Orientierungslosigkeit. Erzieherische Einrichtungen wie Kindergärten und Schule sind dem immer steigenden Druck die gesamte Erziehungsaufgabe zu übernehmen nicht gewachsen und können die Verantwortung nicht übernehmen. So suchen sich die Kinder und Jugendlichen selbst den rettenden Anker und damit eigene Beschäftigungsmöglichkeiten, denn ganz ohne Maßstäbe kann ein Mensch nicht aufwachsen.

Die vorliegende Gemeinschaftsarbeit zum Thema Das Moral- und Werteverständnis im Bereich Erziehung und Schule in einer wertunsicheren Gesellschaft beschäftigt sich deshalb mit den hier angedeuteten Veränderungen und was die Schule mit dem Religions- und Ethikunterricht diesbezüglich erreichen kann.

Zuerst widmen wir uns den eigentlichen Begriffen Moral und Wert; was verstehen wir darunter und was bedeuten sie in den verschiedenen Disziplinen? Eine besondere Stellung bei der Bearbeitung der Vorstellung des Moralischen und Wertvollem im ethischen wie im religiösen Bereich kommt dem Nihilismus nach Friedrich Nietzsche zu. In seiner Philosophie, die er selbst als Kriegserklärung an die Moral und Moralisten bezeichnet[4], richtet er sich aufklärerisch gegen die in Europa vorherrschenden christlich-bürgerlichen Moralvorstellungen.

Anschließend setzen wir uns mit einem weiteren Begriff auseinander: Wertwandel. Was bedeutet er und wann setzte er ein? Wie bereits durch den Titel unserer Arbeit angedeutet, trat mit dem Wertwandel auch eine Wertunsicherheit auf. Wie äußert sich diese Unsicherheit in unserer Gesellschaft, wie kommt sie überhaupt zu Stande und wie wirkt sie sich auf unsere Wert- und Moralentwicklung aus? Eine besondere Rolle spielen dabei die drei Strömungen Rationalismus, Individualismus und Hedonismus. Sie haben das jeweilige Denken der Menschen zu jener Zeit beeinflusst. Ob nun egoistisches, rein Verstand oder Lust geleitetes Denken, wie haben sich diese Gedanken auf das Werte- und Moralverständnis sowie die Erziehung der Jüngsten unserer Gesellschaft ausgewirkt? Die Parole Wert-Erziehung tauchte erstmals 1970 bei einem amerikanischen Autor und Futurologen auf. In seinem Werk „Future Shock“ schrieb Alvin Toffler über die bevorstehenden Veränderungen in unserer westlichen Welt, der scheinbar eine Informationsflut drohte und über Strategien, mit denen man auf diesen Wandel reagieren könne.

Im Anschluss daran haben wir uns ebenfalls mit Strategien der Wert- und Moralerziehung beschäftigt. Verschiedene Modelle und Ansätze sollen dem Chaos der Erziehungsziele und –stile eine bestimmte Richtung geben. Besondere Berücksichtigung findet das Kohlbergsche Modell und weitere Ansätze des Schweizer Pädagogen und Psychologen Fritz Oser. Sie geben eine Anleitung zur richtigen Moral- und Werterziehung für Kinder ab dem kleinsten Alter. Kohlberg hat sogar zuerst ein Stufenmodell über die Moralentwicklung aufgestellt, welches in einer tabellarischen Übersicht vorgestellt wird. Die Stufen bilden für ihn die Basis weiteren Ausarbeitung eines theoretischen Ansatzes zur Moralentwicklung (Dilemma Methode), die hinterher in die Praxis, besonders im Bereich Schule, umgesetzt wurde. Mit Hilfe von fiktiven Szenarien sollen die Schülerinnen und Schüler einem Wertedilemma ausgesetzt werden und versuchen durch den Diskurs verschiedene Lösungswege zu finden und darüber reflektieren. Damit die genannten Punkte nicht rein theoretisch bleiben, sind wir anschließend zu einem praktischen Teil übergegangen. Anlass war, herauszufinden, was in der Schule für die Moral- und Werterziehung getan werden kann und welche Rolle Religions- und Ethikunterricht dabei spielen. Durch eine kleine Umfrage mit verschiedenen gezielten Fragen zum Thema Wertwandel, Moral- und Werterziehung in der Schule wollten wir uns ein allgemeines Meinungsbild einholen. Ansprechpartner sind hauptsächlich Lehrer aus den entsprechenden Fachbereichen Religion und Ethik.

Im letzten Teil unserer Arbeit wagen wir uns eine Zukunftsprognose zu stellen. Da die Werte- und Moralentwicklung immer von den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängt, sind wir von den Zuständen, die zurzeit herrschen ausgegangen und haben versucht einen positiven und negativen Ausblick auf die Werte- und Moralentwicklung für die nachfolgenden Generationen zu geben.

Annika Nitschke

2. Definition der Begriffe ‚Wert’ und ‚Moral’

Obwohl dieser Abschnitt der Arbeit unter der Überschrift „Definition der Begriffe ‚Wert’ und ‚Moral’“ steht, lässt sich keine direkte Antwort auf diese Frage finden. Weder der Begriff Wert, noch Moral lässt sich mit einer einfachen Definition verständlich erklären. Hinter beiden Begriffen verstecken sich komplexe Konzepte, die in den verschiedensten Disziplinen, die unterschiedlichsten Bedeutungen haben. Da unsere Arbeit eine Interdisziplinäre Arbeit in den Fachbereichen Ethik und Religion ist, haben wir das Werte- und Moralverständnis in beiden Disziplinen genauer untersucht und uns verschiedene Definition und Auffassungen von der Antike bis zur Neuzeit angeschaut.

2. 1 Moral- und Wertdefinition im Wandel der Zeit

2. 1. 1 Ethischer Aspekt

Die Begriffsbestimmung der beiden für den Bereich Ethik unumgänglichen Begriffe ‚Moral’ und ‚Wert’ umfasst einen sehr komplexen Rahmen. Ob in der antiken oder neuphilosophischen Ethik – fast jeder Philosoph hat ein anderes Werteverständnis und/oder eine andere Auffassung von dem, was moralisch ist. Auffällig ist jedoch, dass sich beide Begriffe sehr ähnlich sind und die Philosophen bei der Definition dieser oft auf den jeweils anderen Begriff Bezug nehmen.

-Moral

Im Folgenden werden drei verschiedene, allgemeine Definitionen des Begriffs „Moral“ aus ethischen Begriffssammlungen vorgestellt:

1. Düwell, M. / Hübenthal, C. / Werner, M. H. (Hrsg.): Handbuch der Ethik. J.B. Metzler Verlag 2006, S. 426-430

„Moral als ein beschreibend gebrauchter Begriff bezeichnet summarisch alle von einem Menschen oder einer Gesellschaft als richtig und wichtig anerkannten Normen und Ideale des guten und richtigen Sichverhaltens (ein altes Wort hierfür ist: Sitten, lat. mores) plus der mehr oder weniger vernünftigen Überzeugungen, die es ermöglichen, diesen Normen und Idealen einen ernst zu nehmenden Sinn zu geben, sie zu rechtfertigen oder gegebenenfalls auch kritisch zu modifizieren.“

2. Höffe, O.: Lexikon der Ethik. Verlag C.H. Beck oHG 2008. S. 211

„Moral (lat. mores: Sitten, Charakter) und Sitte stellen den für die Daseinsweise der Menschen konstitutiven (keinesfalls auf Fragen der Sexualität beschränkten) normativen Grundrahmen für das Verhalten vor allem zu den Mitmenschen, aber auch zur Natur und zu sich selbst dar. Moral und Sitte (geltende oder positive Moral im Unterschied zur kritischen Moral) bilden im weiteren Sinn einen der Willkür der einzelnen entzogenen Komplex von Handlungsregeln, Wertmaßstäben, auch Sinnvorstellungen.[…] Sie werden durch Aufwachsen in der entsprechenden Gruppe, durch Vor- und Nachahmen, Leitbilder, verbale oder nichtverbale Billigung und Missbilligung angeeignet und zur persönlichen Haltung, Sinnesart befestig (Erziehung), mit der Gefahr, dass die eigene Moral und Sitte absolut gesetzt und Fremde mit anderer Moral und Sitte diskriminiert werden.“

3. Regenbogen, A. / Meyer, U.: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Felix Meiner Verlag 1998. S. 429

„Moral, von lat. moralis (pars philosophiae), Übersetzung von gr. ёthikon meros philosophias (vgl. Cicero, De fato 1,2; Seneca, Ephist. 89), eingedeutsche von Thomasius 1720; 1. die Sittlichkeit, 2. das sittliche Verhalten, die Sittenlehre oder die Ethik; dazu moralisch, sittlich, der Sittlichkeit, der Sittenlehre gemäß, 3. im Gegensatz zu physisch auch svw. innerlich, geistig, vernünftig (in dieser Bed. Auch Moralwissenschaften); seit Mitte des 18. Jh. auch Ersatz für ethisch; moralischer Sinn (bei A. Shaftesbury moral sense), die angeblich in der Natur des Menschen liegende Unterscheidungsgabe für Recht und Unrecht, die gefühlsmäßige Reaktion auf sittliche Werte und Unwerte und das sittliche Empfinden. […]“[5]

Besonders im letzten Eintrag wird deutlich, dass die Moral Gegenstand der Ethik ist. Allgemein können Ethiken deshalb als Theorien, die sich mit den verschiedenen Aspekten des Phänomens Moral auseinandersetzen, bezeichnet werden. Jede von ihnen hat eine andere Zugangsweise: es gibt normative und deskriptive Ethiken, sowie Metaethiken. Normative Ethiken versuchen moralische Urteile zu formulieren und zu begründen, um unser Handeln zu erleichtern, während deskriptive Ethiken eher beschreibend sind, das heißt, sie versuchen Moral in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen darzustellen. Die Metaethik ist als eine eigenständige Disziplin anzusehen, deren Ziel es ist, die begrifflichen Grundlagen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Moral bereitzustellen. Sie könnte als Grundlage für den normativen und deskriptiven Zugang zur Moral gesehen werden. Während die vorangegangenen Definitionen sich mehr auf eine allgemeine Beschreibung und das neuzeitliche Verständnis von Moral beziehen, ist Aristoteles Tugendethik ein antiker Ansatz aus dem Bereich der normativen Ethiken.

In seinem Buch „Nikomachische Ethik“ definiert der antike Philosoph moralisch richtiges Handeln als das Streben nach einem glückseligem Leben. Glück bezeichnet Aristoteles als das höchste Gut: „die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel allen Handelns ist.“[6]. Doch wie erreicht der Mensch diesen Zustand? Aristoteles versucht dafür einen allgemeingültigen Weg aufzuzeigen. Dieser führt für ihn über den Weg der Tüchtigkeit und Tugend. Aristoteles schreibt, dass „das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und vollkommensten Tugend gemäße Tätigkeit.“[7]. Tugenden sind nach Aristoteles die Tüchtigkeiten der Seele. Er unterscheidet die Verstandestugenden und die sittliche Tugend. Erstere entwickelt der Mensch im Laufe der Zeit und Erfahrung durch Belehrung, letztere wird ihm durch Gewöhnung zuteil. Tugenden sind von der Vernunft bestimmt und sollen durch Einübung und Erziehung erworben werden. In seiner Mesotes-Lehre beschreibt er die verschiedenen Tugenden und erklärt, dass die Mittlere zwischen zwei entgegengesetzten Tugenden der beste Weg zur Glückseligkeit ist; zum Beispiel die Großzügigkeit als Mittelweg zwischen den beiden antagonistischen Tugenden Verschwendung und Geiz; oder die Tapferkeit zwischen Tollkühnheit und Feigheit. Deshalb sollten auch die Kinder in der vollkommenen Gemeinschaft, der sogenannten Polis, zu tüchtigen und strebsamen Staatsbürgern herangezogen werden. Von Geburt an sind sie, unter Berücksichtigung der Eudaimonie-Lehre, körperlich zu kräftigen sowie intellektuell und sittlich zu bilden. Kurz: sie sind an Leib und Seele, Geist und vor allem Charakter tüchtig zu machen.

Allgemein lässt sich festhalten, dass sich Moral grundsätzlich in den Charakterzügen oder Tugenden des Menschen manifestiert. Ihre soziale Funktion äußert sich darin, dass vor dem Hintergrund formulierter Moralregeln oder –normen über das eigene Verhalten und Leben, sowie den Umgang mit den Mitmenschen, reflektiert werden kann. Wie die bereits ausgeführten Definitionen über Moral zeigen, kann durch diese Regelen das Verhalten in moralisch richtiges (zum Beispiel erlaubtes, gebotenes oder schätzenswertes Verhalten) oder moralisch falsches (zum Beispiel verbotenes oder verachtenswertes Verhalten) Verhalten eingeteilt werden.

Dennoch stellt sich die Frage, ob Moral überhaupt in einem neutralen Sinne definiert werden kann. Ist es möglich Moral zu bestimmen, ohne dabei eine bestimmte Vorstellung von der Richtung zu haben, von dem was richtig oder falsch, erlaubt oder verboten, usw. ist?

-Wert

Der Begriff ‚Wert’ selbst ist nicht so alt, wie das eigentliche Konzept, das sich dahinter verbirgt. Eine eigenständige Wertphilosophie existiert erst seit ca. 100 Jahren. Ihr Anliegen ist es sich mit metaphysischen Themen, wie den Definitionen der Begriffe ‚Wirklichkeit’ oder ‚Moralität’ auseinanderzusetzen. Es geht außerdem um zentrale Fragen der Lebensführung, die sich nur durch die Orientierung an Werten beantworten lassen können.

Wie in den oben angeführten Werken, wird der Begriff ‚Wert’ hier folgendermaßen definiert:

1. Düwell, M. / Hübenthal, C. / Werner, M. H. (Hrsg.): Handbuch der Ethik. J.B. Metzler Verlag 2006, S. 549

„Ganz allgemein lassen sich Werte als bewusste oder unbewusste Orientierungsdirektiven für das menschliche Leisten bestimmen. Der Mensch als Subjekt zeichnet sich durch diesen Bezug zu Werten aus: Sie sind die Direktiven der Gestaltung seiner selbst und seiner Welt. Daher sind Werte Geltungsprinzipien.“

2. Höffe, O.: Lexikon der Ethik. Verlag C.H. Beck oHG 2008. S.344

„Unter Wert versteht man die bewussten oder unbewussten Orientierungsstandards und Leitvorstellungen, von denen sich Individuen und Gruppen bei ihrer Handlungswahl leiten lassen.“

3. Regenbogen, A. / Meyer, U.: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Felix Meiner Verlag 1998. S. 727

„Wert: im allg. die zwischen einem Gegenstand und einem Maßstab durch den wertenden Menschen hergestellte Beziehung. Mit aller menschlichen Tätigkeit sind Wertschöpfung und Bewertung verbunden. Die verteilende, entscheidenden und zielrealisierenden Tätigkeiten des Wertens bring die Beziehungsdimension zwischen einem Menschen und einem Gegenstand (Gebilde, Prozeß, Person) zum Ausdruck.“

In der antiken Ethik, sowie schon bei der Beschreibung der Nikomachischen Ethik von Aristoteles angedeutet, geht es auch bei dem Konzept des Wertes, um das Streben in der Beziehung zu jemand anderem mit seinem Wollen und Tun Gutes zu beabsichtigen. In der neueren Philosophie dagegen wurde der Wertbegriff durch H. Lotze[8] in Verbindung mit dem Begriff der Geltung eingeführt, von den verschiedensten Philosophen und Phänomenologen (u.a. Max Scheler[9] und Nicolai Hartmann[10] ) weitergeführt und schließlich folgendermaßen festgelegt : Dinge, Prozesse, Personen oder Handlungen gewinnen erst an Wert, wenn sie zu uns in eine Beziehung treten, weil wir sie erst dann beurteilen können.

Aus diesen komplexen Beziehungsgebilden entsteht unter anderem die Vielheit der Werte, zum Beispiel theoretische, praktische, ästhetische und religiöse. Im Grunde macht die Weise, in der diese Werte realisiert werden, unsere Kultur aus, denn letztlich geht es in der Kultur darum, wie wir als Subjekte Werte verwirklichen. Der Wertbegriff ist demnach Grundlage der Kultur. Trotz dessen, gibt es keine Theorie, in der sich die Wertansichten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen des Menschen miteinander verknüpfen lassen.

Die verschiedenen Vorstellungen von dem, was moralisch richtig oder falsch oder in der Interaktion mit Anderen gar wertvoll ist, spiegelt sich in den jeweils zeitgenössischen Lebenseinstellungen der Menschen und damit auch in ihren Erziehungsstilen und dem. was sie ihren Kindern mit auf den Lebensweg geben wollen, wider.

Annika Nitschke

2. 1. 3 Religiöser Aspekt

-Wert im christlichen Sprachgebrauch

Um die christliche Sicht von Wert zu verstehen, soll sich zunächst mit erst allgemeinen Definitionen und Klassifizierungen von diesem Begriff beschäftigt werden. Beim Wert handelt es sich in erster Linie um eine Wirklichkeit, die angestrebt und geliebt wird. Man unterscheidet Genusswerte, Nutzwerte und sittliche Werte voneinander. Genusswerte verhelfen zu einer unmittelbaren Befriedigung und Beglückung. Nutzwerte bezeichnen Werte, die Mittel zu anderen Zielen darstellen. Der sittliche Wert, der für die christliche Sicht von Wert relevant ist, bezeichnet die Verwirklichung des letzten und umfassenden Sinnes menschlicher Existenz und ist in sich anzustreben. Die weltimmanente Interpretation besagt, dass die Verwirklichung des sittlichen Werts die Förderung von Lebensgenuss und Herbeiführung einer innerweltlichen Zukunftsutopie beinhaltet.

Im christlichen Sinne ist der sittliche Wert das letzte Ziel menschlichen Lebens, das das Erreichen des ewigen Heils in der Gemeinschaft zu Gott ist. Dieses ewige Heil ist somit die eigentliche Verwirklichung und Vollendung der Sittlichkeit.[11]

Nur der personale Akt verhilft dem Menschen zur Verwirklichung eines sittlichen Wertes, wobei dieser nicht durch bloße Erfüllung einer Forderung oder Norm gegeben ist, sondern in Freiheit ungezwungen getroffen werden muss. Außerdem wird der Erfolg eines sittlichen Wertes nicht im äußeren Erfolg menschlichen Handelns deutlich, da dieser auch immer durch Zufälle geprägt ist. Er ist vielmehr dann erfolgreich, wenn äußeres Verhalten, Innerlichkeit und Tätigkeit verbunden sind. Zusätzlich muss der Mensch das sittliche Gute erst erfahren und davon betroffen werden, um die sittlichen Werte erfüllen zu können. Er vollzieht sich in bestimmten Grundhaltungen, wie zum Beispiel Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue und in anderen verschiedenen Tugenden[12] des individuellen sozialen Lebens. Besonders hervorzuheben sind hierbei die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffung, deren Beachtung die Erfüllung des sittlichen Wertes maßgeblich beeinflussen. An dieser Stelle sind auch die sogenannten Antiwerte zu nennen, die das Schädliche, Hässliche und sittlich Böse beinhalten, wie der Verstoß gegen die Naturordnung, die Verneinung des Lebenssinnes, den der Christ in der Liebe zu Gott und in der Gemeinschaft zu ihm sieht.

Das Lexikon für Theologie und Kirche beschreibt das theologisch-ethische Verständnis von Wert folgendermaßen: „Sittliche Werte sind im Gegensatz zu ästhetischen, religiösen oder ökonomischen Werten eine Motivation und Zielsetzung, an welchen sich der Mensch moralisch ausrichtet. Sie betreffen Verhaltensweisen des Menschen und drücken Bedingungen gelingenden Lebens aus.“ Dabei wird die Werterfahrung durch gesellschaftliche Konsensbildung, rationalen Diskurs und ganzheitliche Kommunikation vermittelt. Im christlichen Bereich muss die Bildung von Wertvorstellungen durch den Glauben und das ‚Ja’ zu Gott und Gottes Heil geprägt werden.

Pädagogisch gesehen versteht man unter Werten Orientierungsmaßstäbe des menschlichen Handelns, welche im Verlauf der Sozialisation erlernt werden.[13] Kluckhohn bezeichnet sie des Weiteren als „Konzepte des Wünschenswerten.“[14] Wurden diese Werte individuell angeeignet, erlangen sie als „Motive des persönlichen Handelns handlungsorientierende und verhaltenssteuernde Kraft.“[15]

Es geht sogar so weit, dass Werte-Haltungen kognitive, affektive und handlungsintentionale Einstellungskomponenten vereinen. Die Erziehung spielt in Sachen Werte eine maßgebliche Rolle. Sie fördert als intentionales Handeln werteorientiertes Handeln, ermöglicht konkrete Werte-Erlebnisse und vertieft diese in Werterfahrungen. Die Schule als Ort der Erziehung und Bildung ist natürlich ein wichtiger Ort für die Werterziehung. Sie ist ein gelebtes Ethos der Schulgemeinschaft und des Schullebens und ist eine fächerübergreifend und verbindend einzulösende Aufgabe.

- Moral im christlichen Sprachgebrauch

Als Moral bezeichnet man „die Summe der in einer Gesellschaft anerkannten Verhaltensregeln und der sie tragenden Überzeugungen.“[16] Moral ist im Gegensatz zur Sitte als das gewohnt richtige und zu Recht als dem durch Gesetzgebung geregelten Verhalten, das in Wahrheit gute Handeln, das Anspruch auf universale Geltung und auf Anerkennung durch jedermann erhebt. Etymologisch stammt das Wort Moral aus dem lateinischen mos, was übersetzt Sitte bedeutet, also der von einer Gemeinschaft anerkannten, in Tradition übernommene Kodex von Verhaltensweisen.[17]

Die Moral geriet in den letzten 100 Jahren in Verruf, man machte sich lustig über sogenannte Moralaposteln und sah es eher als eine Art Fremddiktat, Unterdrückung der Eigeninitiative und als nahtloses Netz von Geboten und Verboten an, dass ein tadelloses Verhalten in der Gesellschaft produziert wird, dem jedoch jegliche innere Überzeugung und persönliche Ehrlichkeit fehlt. Seit einiger Zeit ist die Moral jedoch wieder gefragt, zum Beispiel wird man immer häufiger Zeuge davon, wie in den Naturwissenschaften bei schwierigen ethischen Problemen mit der Moral argumentiert wird.[18] Man denkt bei Moral im christlichen Sprachgebrauch jedoch nicht nur an Normen für ein bestimmtes Verhalten oder für bestimmte Gruppen von Menschen, sondern auch häufig an die sogenannten „letzten Normen, die für den Menschen als Menschen gelten. Beispielsweise ist die christlich abendländische M. in diesem Sinne verstanden worden.“[19] In der Praxis werden moralische Fragen wie das Tötungsverbot (z.B. die immer aktuelle Frage des Schwangerschaftsabbruchs), Ehe und Familie, Wahrheitspflicht oder Gottesverehrung der Moraltheologie zugeordnet. „Die Moraltheologie ist die wissenschaftliche Erhellung des dem erlösten Menschen in der Gnade Gottes ermöglichten u. unter dem Anruf Gottes aufgetragenen sittlichen Handelns, wodurch er eine gläubige u. dankbare Antwort auf das ihm in Christus angebotene Heil gibt.“[20] Diese Wissenschaft untersucht also das sittliche Handeln, dass dem Menschen durch Gott aufgetragen wurde und wodurch er zum Heil finden kann. Speziell im christlichen Bereich gibt es des Weiteren die Gnadenmoral, in der nicht die eigene moralische Leistung eines Individuums gesehen wird, „sondern die bereitwillige Annahme des Rechtfertigung durch die Erlösungstat Christi u. die dankbarliebende Antwort darauf im sittlichen Bemühen.“[21] Erst im Nachgehen sittlichen Handelns und in der Verinnerlichung der Moral „kommt der Mensch ganz zu sich selbst, wird er seiner Freiheit mächtig, das zu wollen, was er sich selbst, seiner Um- und Mitwelt u. zuletzt Gott schuldet.“[22] Außerdem geht das Katholische Soziallexikon soweit zu sagen, dass Moralisches Handeln „schöpferisches Tun“[23] sei. Es zeichnet sich dadurch aus, dass wir schon im Alltag bei kleinen Entscheidungen durch moralisches Handeln unserer Zukunft Richtung geben, indem wir in diesem Handeln das „absolute Gutsein Gottes transparent“[24] werden lassen.

Katharina Rössel

2. 1. 3 Nihilismus

Die wohl bekannteste philosophische Lehre, die sich gegen die christlichen Werte und Ansichten stellt, ist Friedrich Nietzsches (1844-1900) „Nihilismus“. Seine Philosophie gliedert sich in die Entwertung der bisherigen Werte, in die Geschichte des europäischen Nihilismus und, als Folge der Entwertung, in die Setzung neuer Werte. Nietzsche benutzte den Begriff, der „als geschichtliche Erfahrung das Resultat der Entwertung aller obersten, dem Leben und Sterben bislang Sinn gebenden sittlich-politischen Grundsätze[…]“[25] meint, deshalb, um „die Religionen und das Göttliche und die Metaphysik und das Transzendente ihre Daseinsberechtigung ein[zu]büßen und die Wissenschaften im ganzen und ihre Gegenstände ihren Geltungsbereich [zu] begrenzen.“[26]. Bereits 1886 fordert er in seinem Werk „Der Wille zur Macht“ daher die Umwertung aller Werte und wendet sich damit eindeutig gegen die christliche Moral und die Metaphysiker: „Der Verfall der herkömmlichen Werte in denjenigen Bereichen, welche die Wahrheit zu haben meinten oder sich an die Wahrheit bzw. an Gott zu orientieren glaubten, macht den Nihilismus offenbar.“[27]. Nietzsche ist der Ansicht, dass der Mensch in Gott den Mittelpunkt des Moralischen und in der Religion seine Wirklichkeit sieht, die nach Nietzsche damit vollständig verloren gehen würden. Kuhn schreibt in ihrem Werk „Friedrich Nietzsches Philosophie des europäischen Nihilismus“ folgendes dazu: „Nach dem Verlust der Wahrheit bzw. Gottes wird zum ersten die Moral ihres überlieferten Fixpunktes enthoben. […] Die Meinung ist aufzugeben, dass Gott die Wahrheit sei. […] Wir haben die Welt, welche Werth hat, geschaffen. Mit dem Wegfallen des herkömmlichen Fixpunktes der Moral wird auch die Verpflichtung auf einen verbindlichen Kodex des sittlichen Verhaltens unterhöhlt.“[28]

Speziell kritisiert Nietzsche am Christentum, ähnlich wie auch der bekannte Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872), dass die Erschaffung Gottes auf den Menschen zurückzuführen ist. Aus der Überforderung eines zu starken Machtgefühls heraus, hat sich der Mensch eine Instanz, nämlich Gott, gesucht, auf die er dieses Gefühl übertragen kann. Somit ist die Religion, als Erfindung des Menschen, aus reinem Angstgefühl entstanden; gibt ihm aber gleichzeitig Sicherheit und Halt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Gott und die Religion aus der Verneinung des Menschen gegenüber seinen Herausforderungen entstanden sind. Das Christentum wandelt sich selbst zum Nihilismus: „In der Erkenntnis dessen, dass seine Provenienz auf eine von den Menschen ins Werk gesetzte creatio ex nihilo zurückgeht, entzieht sich der christliche Gott in das Nichts.“[29]. Der Nihilismus erfasst alle Lebensbereiche des Menschen (von der Wissenschaft, über die Moral bis hin zur Kunst). Er hebt sämtliche oberste moralische Werte auf (Moralen sind die Zeichensprache der Affekte) und verlangt als Folge einen Übermenschen, der sich seine Wertmaßstäbe rücksichtslos und gar egozentrisch aus positiven wie negativen Ereignissen, zusammensetzt. Er tritt quasi an die Stelle Gottes und bildet mit seiner unvorstellbaren Persönlichkeit den Sinn der Erde.[30] Nur er ist, nach Nietzsche, dazu fähig den Zusammenbruch, des bis dahin anerkannten Ethos, zu überwinden. Der Atheismus des Philosophen schließt aber nicht nur die Werte der christlichen Moral aus, sondern auch jene, die sich gegen einen Lebenswillen wenden. Nicht zuletzt betont Nietzsche besonders den instinkthaften „Willen zur Macht“[31]. So sucht sich der Mensch Ersatzautoritäten wie seine Vernunft oder den sozialen Instinkt und schaffte die Umwertung aller Werte durch einen Rückzug auf das Naturprinzip. Gut und Böse sind deshalb zukünftig durch Nutzen und Machtgewinn bestimmt.

Annika Nitschke

3. Moral – und Werteverständnis in der Gesellschaft

3. 1 Wertwandel

Früher war alles besser! Eigentlich spielt es keine Rolle, in welchem Zeitalter man lebt, dieser Spruch begegnete schon allen Generationen, auch denen, die diese Worte nun an die jeweils jüngere Generation richten. Doch was meinen sie damit? Bekommt man im Supermarkt nicht mehr das Produkt, was einem früher treu gedient hat, schmeckte die Limonade in alten Zeiten nicht einfach frischer als heutzutage? Oftmals sind nicht nur materielle Dinge gemeint, sondern auch der Zeitgeist, Interessen, Ideale, Normen, Verhaltensweisen und Überzeugungen.

Jeder Mensch hat in seinen jungen Jahren sicherlich von seinen Großeltern oder Eltern den indirekten Vorwurf „Die Jugend von heute ist unmöglich!“ gehört. Doch was bedeutet unmöglich ? Unmöglich ist in erster Linie mit einer negativen Konnotation belegt, das heißt jeder hat bereits eine bestimmte Vorstellung von dem, was richtig oder falsch ist - kurz: eine Vorstellung von Werten. Bereits im Kapitel zuvor haben wir uns intensiv mit dem Begriff Wert auseinandergesetzt und es hat sich herausgestellt, dass es schwer ist eine einheitliche Definition dieses Wortes zu finden. Die verschiedenen Disziplinen und Herangehensweisen haben nur stellenweise Gemeinsamkeiten, da sie jeweils andere Schwerpunkte setzen. War es früher angesehen seinen Eltern bedingungslos zu gehorchen, so praktizieren Eltern heute gerne den sogenannten laisser-faire Erziehungsstil und Kinder entwickeln mehr und mehr den Drang zum autonomen Freidenken. So wandeln sich im Laufe der Jahre der Zeitgeist, die Interessen, die Ideale, die Normen, die Verhaltensweisen und Überzeugungen. „‚Wert’ ist in letzter Zeit zu einem Modewort geworden.“[32], Wertwandel zu einem viel diskutierten Thema. Brezinka definiert Wertwandel folgendermaßen: „Man vergleicht etwas, wie es früher gewesen ist, mit dem, was es heute ist. Dieses ‚Etwas’ wird mit dem vieldeutigen Wort ‚Werte’ bezeichnet.[33] “. Auch er stellt eine Bedingung dafür, was unter Werten verstanden wird und schreibt weiterhin: „Nehmen wir vorläufig einmal an, es sei damit gemeint, was die Menschen als wertvoll erleben, was sie anstreben und anderem vorziehen.“ Untersucht man dies bezüglich, was Wertwandel übertragen auf die Gesellschaft bedeutet, so beobachtet, beschreibt und interpretiert man, was sich an den Einstellungen der Menschen bezüglich ihrer obersten Maxime geändert hat.

Da wir uns auf den Bereich Erziehung und Schule festgelegt haben, möchten wir uns im weiteren Verlauf dieser Arbeit auch nur auf den Wertwandel in diesem Feld beschränken. Denn gerade die Lehrkraft spürt den Wertwandel unter ihren Schülern im Laufe der Jahrzehnte am deutlichsten, während sie zusätzlich, mit den Eltern, für eine Förderung der Werte- und Moralvorstellungen zuständig ist, wie dies Artikel 25 der rheinland-pfälzischen Landesverfassung betont: „Die Eltern haben das natürliche Recht und die oberste Pflicht, ihre Kinder zur leiblichen, sittlichen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit zu erziehen. Staat und Gemeinden haben das Recht und die Pflicht, die Erziehungsarbeit der Eltern zu überwachen und zu unterstützen.“[34]. Hier wird ausgedrückt, dass die Eltern, unterstützt durch den Staat, in diesem Fall der Lehrer, die Kinder psychisch und physisch gesund zu erziehen hat. Ebenfalls hat „Schule […] die Jugend zur Gottesfurcht und Nächstenliebe, Achtung und Duldsamkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit, zur Liebe zu Volk und Heimat, zum Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt, zu sittlicher Haltung und beruflicher Tüchtigkeit und in freier, demokratischer Gesinnung im Geiste der Völkerversöhnung zu erziehen.“[35].

Untersucht man den dritten Abschnitt der Landesverfassung Schule, Bildung und Kulturpflege und die vorangegangenen Definitionen von Wert und Moral, so stellt man fest, dass sich die Wortwahl, der Sinn und das Konzept nach all den Jahren nicht verändert haben. Offensichtlich ist in diesem Zusammenhang mit Werten etwas Stabiles, Unwandelbares und Zeitloses gemeint. „‚Werte’ erscheinen hier als objektive Orientierungsmittel, die den Schülern außerhalb ihres Bewusstseins vorgegeben sind.“[36]

Doch wie verträgt sich diese Tatsache mit dem Oberbegriff Wertwandel, der impliziert, dass sich die Werte wandeln ? Wertvorstellungen und moralische Leitbilder sind Vorgänge, die sich im Bewusstsein der Menschen abspielen. Der Wertwandel ist von daher ein geschichtliches Phänomen, das sich auf Personen und Personengruppen innerhalb bestimmter Zeiträume bezieht. Somit bezieht sich auch die Definition des Wertwandels auf die Vorstellungen und Orientierungspunkte einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit: „Die Menschen unterscheiden sich nach den Rangplätzen, die bestimmte Güter in ihrer subjektiven Werthierachie einnehmen. Diese subjektive Ordnung wird auch ‚Präferenzordnung’ (Bevorzugungsordnung) genannt. Wertwandel wird vorwiegend als Änderung der Prioritäten in dieser Ordnung verstanden und über individuelle Verhaltenspräferenzen erfasst.“[37]. Brezinka unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Fragestellungen: eine individuelle/lebensgeschichtliche und eine kollektive/epochalgeschichtliche.[38] Erstere bezieht sich auf den Wandel der persönlichen Wertungen von nur einer Person innerhalb ihres Lebens. Ziel dieser Fragestellung ist es, herauszufinden, ob sich Veränderungen hinsichtlich der subjektiven Werthierachie ergeben haben. Wenn sich diese Veränderungen bei mehreren Einzelpersonen zeigen, wirkt sich dies auf das gesamte Klima einer Gesellschaft aus. Zweitere Fragestellung meint den Wandel der Wertungen innerhalb einer Gruppe während eines bestimmten Zeitverlaufs. Beide Phänomene lassen sich nicht voneinander abgrenzen, da ein Kollektiv ja auch immer aus mehreren Individuen besteht. Vertreter bestimmter Wertvorstellungen sterben und werden durch Neugeborene ersetzt, die wieder eigene in ihrem Lernprozess erworbene neue Werthierarchien in das Kollektiv mit einbringen. So kommt der zeitgeschichtliche Wertwandel zustande. Interessant ist nun zu untersuchen, inwiefern der kollektive Wertwandel im Bereich Schule und Erziehung stattgefunden hat.

Um festzustellen, was sich in diesen Feldern verändert hat, muss man gleichzeitig die Veränderungen in der Gesellschaft mitberücksichtigen. Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka deutet auf der Basis verschiedener Untersuchungsergebnisse[39] zum Thema Wertwandel einen „Wertwandlungsschub“[40], der Mitte der sechziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland einsetzte an. Vor dieser Veränderung galten die sogenannten „Pflicht- und Akzeptanzwerte“, worunter moralische Güter wie Disziplin, Gehorsam, Pflichterfüllung, Bescheidenheit, Fleiß, Selbstbeherrschung, Anpassungsbereitschaft etc. fallen. Diese damalige Gesellschaft wurde vor allem noch durch die Tugenden des Kaiserregimes und des Dritten Reiches geprägt[41]. Zwischen 1965 und 1975 wurden diese durch die „Selbstentfaltungswerte“[42] abgelöst. Nicht zuletzt ist diese Zeit auch für das Stichwort 68-er Revolution, in der man sich für Minderheiten einsetzte, für den Frieden demonstrierte und sich gegen das alte autoritäre Bildungssystem erhob, bekannt[43]. Der zunehmende Ruf nach Selbstbestimmung, Mitsprache und die Betonung des Individuums unter der Bevölkerung wurde laut. Brezinka unterscheidet dazu drei verschiedene Rubriken von geistigen Gütern: „(1) Güter ‚idealistischer Gesellschaftskritik’ wie Emanzipation von Autoritäten, Gleichbehandlung, Gleichheit, Demokratie, Partizipation und Autonomie des Einzelnen; (2) Güter des ‚Hedonismus’ wie Genuß, Abenteuer, Spannung, Abwechslung und Ausleben emotionaler Bedürfnisse; (3) Güter des ‚Individualismus’ wie Kreativität, Spontaneität, Selbstverwirklichung, Ungebundenheit, Eigenständigkeit.“[44].

Durch diese Veränderung ist bei der Mehrheit der Bevölkerung eine Wertunsicherheit entstanden, die in eine „Wertsynthese“[45], das heißt eine Verbindung von Pflicht- und Akzeptanzwerten mit Selbstentfaltungswerten, mündet. Brezinka ist sogar der Meinung, dass viele Menschen wieder zur Einhaltung der alten Tugenden tendieren. Dieser Gedanke wird im Zukunftsausblick noch einmal näher erläutert.

Im Allgemeinen versteht man unter dem Wertwandel ein individuelles Ereignis, dass sich im Bewusstsein des Menschen abspielt und nur durch sprachliche Äußerungen und Verhaltensweisen zu interpretieren ist. Aufgrund dieser Erkenntnis können Studien, die einen Wertwandel belegen, in den Ergebnissen verfälscht sein.

[...]


[1] http://www.golem.de/0805/59898.html (Stand: 14. 09. 2010)

[2] Ebd. http://www.golem.de/0805/59898.html (Stand: 14. 09. 2010)

[3] Ein aktuelles Beispiel bietet der Fall vom September 2009, als ein 50-jähriger Mann in der Münchener Straßenbahn von Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde. Nachdem der Familienvater einen Jungen verteidigte, der von den drei jungen Männern um 15 Euro erpresst wurde, griffen sie den Geschäftsmann an. http://www.zeit.de/gesellschaft/2009-09/muenchen-angriff-todesopfer-2 (Stand: 14.09. 2010)

[4] Vgl. Ritter, J. / Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. 1984. S. 164.

[5] - Marcus Tullius Cicero (106 v.Chr. – 48 v.Chr.) war ein antiker Philosoph und Politiker. Er war als römischer Anwalt tätig und besaß besonders gute rhetorische Fähigkeiten. In seiner Schrift De Fato (Übersetzung: Über das Schicksaal) setzt er sich mit den verschiedenen antiken Ansätzen (Megariker, Stoiker, Epikureer, Akademiker) zur Frage der Willensfreiheit, auseinander. Es geht um die Verantwortlichkeit des Menschen: Ist der Mensch wirklich so frei, dass er jede Entscheidung selbstbestimmt trifft, oder ist ihm sein Handeln durch das Schicksaal vorbestimmt und kann er deshalb nicht für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden? Er prägte den Begriff „philosophia moralis“; beschreibt ihn rückführend auf das Wort <mores>, welches sich auf die Sitten bezieht.- Der römische Dichter und Philosoph Seneca (ca. 4 v.Chr. – 65 n.Chr.) schrieb in den epistulae morales ad Lucilium (Übersetzung: Briefe über Ethik an Lucilius), eine Sammlung von 124 Briefen, über die rechte Lebensführung. Er behält das Verständnis, dass auch Cicero über Moral besaß bei, allerdings „wird die Moralphilosophie nach einem verbreiteten stoischen Schema weiter differenziert in Güterlehre, Trieb- bzw. Affektenlehre und Pflichtenlehre.“. (Ritter, J. / Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. 1984. S.149). - Thomasius (1655-1728) war deutscher Jurist, Philosoph und Aufklärer. Er übte Tätigkeiten an der Hochschule aus und verfasste vorwiegend juristische Texte. Er kämpfte unter anderem für die Abschaffung der Hexenprozesse. Kernstück seiner Sittenlehre ist die Glückseligkeit; Moral ist für ihn eine „Lehre, die den Menschen unterweist, worinnen seine ware und höchste Glückseligkeit bestehe, wie er dieselbe erlangen und die Hindernisse, so durch ihn selbst verursachet werden, ablegen und überwinden solle.“. (Ritter, J. / Gründer, K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. 1984. S.160). - A.Shaftesbury (1671-1713) ist Begründer des moralistischen Sensualismus, eine philosophische Richtung, die sich auf das Empfinden als dem Ursprung allen Denkens und Handelns beruft.

[6] Aristoteles: Nikomachische. 1985. S.11.

[7] Ebd. S. 12.

[8] Rudolf Hermann Lotze (1817-1881) ist Begründer der Wertphilosophie; er etablierte erstmals den Begriff des Wertes in der Philosophie. In seinem „teleologischen Idealismus“ fragt er nach einem metaphysischen Sinn als Endzweck der Welt. Dabei übersteigt die Sinnsuche alle Naturwissenschaften, da diese nicht mehr im Stande sind, das Sein und die Geschehnisse der Welt in ihrem Wert und ihrer Sinnhaftigkeit zu interpretieren. Daher bedarf es einer ganz ideellen Perspektive, die es ermöglicht Wertvolles von Gleichgültigem zu unterscheiden. Für Lotze vollzieht sich diese Unterscheidung auf der Ebene des Gewissens, welches uns letztlich zu den absoluten Musterbildern des sittlichen Lebens führt.

[9] Die bisher bekannteste Richtung der Wertethik ist die „materiale Wertethik“ begründet durch Max Scheler (1874-1928). Ganz allgemein geht es bei ihr darum, die ethischen Werte als eine absolute oder objektive Orientierung für das moralische Handeln zu sehen. Schelers Ziel mit seiner materialen Werthethik war es, zu einer rein von den sittlichen Werten, welche aus der natürlichen Weltanschauung herausgelöst sein sollten, abhängigen Lehre zu gelangen. Seine Ethik konzipierte Scheler als „Personalismus“, da für ihn ethischen Werte personalen Charakter haben, d.h. sie sind Personen- und Verhaltengebunden. Der Personalismus ist für Scherer eine Lehre, die sich mit den höheren Stufen des Menschseins beschäftigt.

[10] Nicolai Hartmann (1882-1950) ist, wie bereits weiter oben angedeutet, neben Max Scheler einer der Hauptvertreter der „materialen Wertethik“. Er kritisiert vor allem, dass der moderne Mensch den Blick für das eigentlich Wertvolle durch seine Rast- und Oberflächlichkeit verloren hat. Sein Ziel ist es deshalb, den Menschen eine Vertiefung des Wertbewusstseins mit dem Zwecke einer besseren Lebensweise, nahezulegen.

[11] Klose A. u.a. (Hg.): Katholisches Soziallexikon, Innsbruck 1980, S.2559: Der Begriff Sittlichkeit bezeichnet die Übereinstimmung des Denken und Handelns mit dem Sittengesetz. Unter dem Sittengesetz versteht man „die begründete u. verbindliche Verdeutlichung jener sittlichen Werte, die der Mensch in Geboten u. Verboten, in Normen, Weisungen und Gesetzen findet.“ In de Bibelwissenschaft spricht man eher von Weisungen als von Gesetzen.

[12] Forschner, Maximilian: Artikel Tugend, Tugendlehre I. Philosophisch. In: Walter Kasper (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK3) 10. 2001, S.293: Philosophisch gesehen bezeichnet Tugend „die feste Disposition eines Menschen zu einem lobens- u. bewundernswerten Leben. Dieser T. -Begriff ist in Antike und MA an inhaltlich gefüllte Vorstellungen v. einer guten, großartigen bzw. vollkommenden menschl. Lebensweise gebunden.“ Je nach Zeitalter verstand man unter Tugend immer etwas anderes.

[13] Römelt, J.: Artikel Wert II. Theologisch- ethisch. In: Walter Kasper (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK3) 10, Freiburg im Breisgau u.a. 2001,S.1107.

[14] Ebd., S. 1107.

[15] Ebd., S. 1106.

[16] Teichtweier, G.: Moral. In: Klose, A. u.a. (Hrsg.): Katholisches Soziallexikon, S.1845.

[17] Ebd.

[18] „anders leben, damit andere überleben“ ebd. S.1845.

[19] Ginters, R.: Moral. In: Khoury, A.: (Hrsg.): Lexikon religiöser Grundbegriffe. Judentum Christentum Islam,, S.735.

[20] Ebd.: S.1848.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Höffe, O.: Lexikon der Ethik. 2008. S. 227.

[26] Kuhn, E.: Friedrich Nietzsches Philosophie des europäischen Nihilismus. 1992. S. 125.

[27] Ebd. S. 133.

[28] Ebd. S. 129f.

[29] Ebd. S. 139.

[30] Nietzsche konkretisiert die Vorstellung von diesem Übermenschen in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ (1883/1884).

[31] Den Gedanken stellt Nietzsche zunächst in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ im zweiten Teil „Von der Selbstüberwindung“ (1883)vor und greift ihn daraufhin in seinen darauffolgenden Werken immer wieder auf.

[32] Brezinka, W.: Erziehung in einer werteunsicheren Gesellschaft. 1993. S. 112.

Mit Modewort ist hier die häufige Benutzung des Begriffs Wert für sämtliche dem moralischen Denken zugeordneten Anlässe und Gelegenheiten gemeint.

[33] Ebd.: S. 111.

[34] http://rlp.juris.de/rlp/gesamt/Verf_RP.htm#Verf_RP_rahmen. Artikel 25. (Stand: 11.09.2010)

[35] Ebd. Artikel 33.

[36] Brezinka W. Erziehung in einer werteunsicheren Gesellschaft: S. 113.

[37] Ebd. S. 114.

[38] Ebd. S. 114.

[39] Wir haben uns entsprechende Studienergebnisse, die zu der Zeit als ein Wertwandel diagnostiziert wurde, in dem vom Institut für Demoskopie Allensbach von Noelle-Neumann und Piel herausgegebenen Sammelband, näher betrachtet. Es wurde auf der Grundlage einer bestimmten Forschungsmethode eine Langzeitanalyse zu bestimmten Themen wie Politik, Freizeit, Massenkommunikation, Familie und Ehe sowie Arbeit und Beruf, usw. durchgeführt. Wir hielten die Frage nach dem kirchlichen Interesse für besonders interessant: Anhand der Häufigkeit des Kirchenbesuches zwischen den Jahren 1953 und 1979 stellte Noelle-Neumann und Piel fest, dass insgesamt ein Rückgang der Kirchgänger zu verzeichnen war. Während es 1953 von 200 Befragten Katholiken und Protestanten noch 163 regelmäßige Kirchgänger waren, waren es 1979 nur noch 76 von 200 Befragten. 1953 gab es 40 unter 200 Befragten, die nie in die Kirche gingen, 1979 waren es hingegen 76, die einen Kirchenbesuch ablehnten. Dies ließ uns darauf schließen, dass sich die Bevölkerung immer häufiger an anderen Werten, wie zum Beispiel den gleichzeitig zunehmenden Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, orientierte. Eine entsprechende Grafik dazu, befindet sich im Anhang. (Noelle-Neumann, E. / Piel, E. (Hrsg.): Eine Generation später – Bundesrepublik Deutschland 1953-1979. 1983. S. 89.

[40] Ebd. S. 116.

[41] Preußische Tugenden nachzulesen auf http://www.welt.de/print-welt/article431886/Preussische_Tugenden.html (Stand: 14.09.2010)

[42] „Damit sind Güter gemeint, die keine Tugenden sind, die der Mensch sich selbst abverlangt, sondern die aus Forderungen und Ansprüchen an andere bestehen.“ Ebd. S.117

[43] 68-er Bewegung nachzulesen auf http://www.bpb.de/themen/UEZYL5,0,Die_68erBewegung.html (Stand: 14.09.2010)

[44] Ebd. S. 117.

[45] Ebd. S. 117.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Das Moral- und Werteverständnis im Bereich Erziehung und Schule in einer wertunsicheren Gesellschaft
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Katholische Theologie - Philosophie und Ethik)
Note
1,3
Autoren
Jahr
2010
Seiten
81
Katalognummer
V191602
ISBN (eBook)
9783656164531
ISBN (Buch)
9783656164678
Dateigröße
11510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Bachelorarbeit bildet eine Gemeinschaftsarbeit zweier Studentinnen aus den Fachbereichen Katholische Theologie und Philosophie und Ethik.
Schlagworte
moral-, werteverständnis, bereich, erziehung, schule, gesellschaft
Arbeit zitieren
Katharina Rössel (Autor)Annika Nitschke (Autor), 2010, Das Moral- und Werteverständnis im Bereich Erziehung und Schule in einer wertunsicheren Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191602

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