Rechtsgeschichte der Homöopathie im 19. Jahrhundert


Seminararbeit, 2012
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was versteht man unter Homöopathie?

3. Entwicklung der Homöopathie
3.1. Samuel Hahnemann
3.2. Stand der Medizin zur Zeit Hahnemanns
3.3. Anfänge der Homöopathie
3.4. Matthias Marenzeller

4. Homöopathieverbot 1819
4.1. Gründe für die Ablehnung der Homöopathie
4.2. Missachtung des Homöopathieverbotes
4.3. Klinischer Versuch - Josephsakademie
4.4. Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Gumpendorf
4.5. Ereignisse von 1833

5. Aufhebung des Homöopathieverbotes 1837

6. Maßregeln bei Anwendung des homöopathischen Heilverfahrens 1846

7. § 354 allgemeines Strafgesetz - unberechtigter Verkauf innerer und äußerer Heilmittel

8. Verordnung von 1887 zur missbräuchlichen Selbstdispensation

9. Weitere rechtliche Entwicklung

10. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn der Kopf pocht oder der Hals kratzt, führt der erste Weg zum Arzt. Man lässt sich untersuchen und erwartet ein Rezept zu erhalten, mit dem man in der Apotheke die heilenden Medikamente erstehen kann. Doch was man erhält, sind nicht die altbekannten klassischen Tabletten, die man von der letzten Erkrankung schon kennt, sondern der gute Rat zur Einnahme von "Globuli", kleinen Kügelchen aus Milchzucker. Die Arznei, die sich ebenfalls darin befindet, ist so sehr verdünnt, dass sie darin fast nicht mehr nachweisbar ist. Und das soll nun die Beschwerden lindern oder den Patienten sogar ganz heilen?

Diese Skepsis besteht nicht erst seit gestern - seit Anbeginn der Homöopathie hatten Vertreter dieser neuen Behandlungsmethode mit großer Skepsis und Gegenwehr der Kritiker und der Gesellschaft zu kämpfen. Man fürchtete nicht nur ausbleibende Heilerfolge und unvorhersehbare gesundheitliche Gefahren, sondern auch wirtschaftliche Nachteile aufgrund vermehrter Konkurrenz für Schulmediziner und Apotheker.

Diese Arbeit soll einen kurzen Überblick darüber geben, wie sich die Lehre der Homöopathie entwickelt und wie sich deren Geschichte insbesondere in rechtlicher Hinsicht im 19. Jahrhundert gestaltet hat.

2. Was versteht man unter Homöopathie?

Der Begriff "Homöopathie" leitet sich von den griechischen Wörtern "homoîos" (ähnlich) und "páthos" (Krankheit, Leiden) ab. Die von der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM) formulierte Definition der Hahnemann'schen Homöopathie lautet:

"Homöopathie ist eineärztliche Therapie mit potenzierten Arzneien, die nach dem Simileprinzip (similia similibus curentur) als Einzelmittel verordnet werden. Die Arzneien werden entsprechend ihren Arzneidaten, die sich aus homöopathischer Arzneimittelpr ü fung am Gesunden, Toxikologie und klinischer Verifikation ergeben, eingesetzt. Homöopathie ist eine Regulationstherapie, in deren Mittelpunkt der Mensch als Individuum steht."1

Der Grundstein dieser Definition wurde bereits vor rund 200 Jahren vom Vater der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), mit folgenden Worten veröffentlicht:

"Wähle um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche einähnliches Leiden vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)!"2

3. Entwicklung der Homöopathie

3.1. Samuel Hahnemann

Der aus Sachsen stammende Samuel Hahnemann (geboren 1755), der als Begründer der Homöopathie gilt, begann sein Studium der Medizin 1775 in Leipzig. Da der Unterricht ausschließlich theoretisch abgehalten wurde, beschloss Hahnemann nach zwei Jahren, den Studienort zu wechseln und seine Ausbildung in Wien fortzuführen, da hier direkt am Krankenbett gelehrt wurde.

Er wurde ua vom Leibarzt am kaiserlichen Hof, Freiherr Joseph von Quarin (1733-1814), unterrichtet und sammelte auf dessen Vermittlung bald eigene praktische Erfahrungen in Siebenbürgen. 1779 kehrte Hahnemann wieder nach Deutschland zurück und promovierte am 10. August 1779 in Erlangen. In der Folge eröffnete er eine eigene Praxis. Die im Zuge seiner Tätigkeit als praktizierender Arzt gesammelten Erfahrungsschätze brachten den der damaligen Medizin in vielen Bereichen eher skeptisch eingestellten Hahnemann dazu, ein Grundprinzip festzulegen: Jede Behandlung, die zu einer Schwächung des Körpers führt (etwa durch Schwitzen, Abführen, Erbrechen, Aderlässe etc), sei zu vermeiden.3

In der Folge stellte Hahnemann eine Behandlung der Syphilis vor, bei der durch eine Quecksilberkur eine Reaktion namens Mercurialfieber ausgelöst wird, die die Stelle der Krankheit einnehmen und sie dadurch vertreiben soll. Man kann darin bereits den Vorläufer seiner später entdeckten These des Ähnlichkeitsprinzips erkennen. Als Hahnemann 1790 von der Wirkung der Chinarinde beim Wechselfieber las, beschloss er durch einen Selbstversuch die Wirksamkeit zu überprüfen. Es handelte sich dabei um Hahnemanns erste homöopathische Arzneimittelprüfung.4

In den folgenden Jahren führte Hahnemann weitere Selbstversuche mit damals gebräuchlichen Arzneimitteln durch und dokumentierte genau die Symptome, die bei Einnahme der Arznei auftraten. Ein Patient mit ähnlichen Beschwerden wurde nun mit diesen Medikamenten behandelt. Als Hahnemanns Sohn als Folge aus einer solchen an ihm durchgeführten Arzneimittelprüfung lebensbedrohliche Vergiftung davontrug, begann Hahnemann die Arzneien immer mehr zu verdünnen. Ab 1800 wurden die Arzneimittel darüber hinaus kräftig verschüttelt.5

3.2. Stand der Medizin zur Zeit Hahnemanns

Dies alles geschah zu einer Zeit des Umbruchs in der Medizin. Viele klassische Therapiemethoden, wie beispielsweise der Aderlass, wurden zunehmend kritisch hinterfragt. Zu der Zeit als Hahnemann erstmals als Arzt tätig wurde, war in der Medizin die Humoralpathologie oder Viersäftelehre vorherrschend.6 Dabei ging man davon aus, dass das Auftreten einer Krankheit dadurch ausgelöst wird, dass die vier im Körper fließenden Säfte (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim) im Ungleichgewicht stehen. Hahnemann stand dieser Lehre skeptisch gegenüber und führte Aderlässe und andere Therapien, die den Körper zusätzlich schwächen, sehr zurückhaltend durch.

Ganz allgemein stand die Schulmedizin trotz erster Erkenntnisse auf den Gebieten der Pathologie und Anatomie vielen schweren Krankheiten und Seuchen, die ganze Länder und Kontinente in Atem hielten, nach wie vor machtlos gegenüber - sicher erfolgversprechende Therapien waren selten oder gar nicht vorhanden.7 Das trug dazu bei, dass später erste Erfolge durch homöopathische Behandlung ganz besondere Beachtung fanden.

3.3. Anfänge der Homöopathie

1796 trat Samuel Hahnemann mit dem von ihm entdeckten Ähnlichkeitsprinzip an die Öffentlichkeit: Mit dem Titel "Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneysubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen." erschien im Hufelandschen Journal der praktischen Arzneykunde die erste Publikation zur Homöopathie.8 Die Reaktion unter seinen Arztkollegen war sehr verhalten. Hahnemann ließ sich davon jedoch nicht entmutigen - er prüfte weitere Arzneien und erzielte erste Erfolge durch diese neuartige Art der Behandlung. 1807 verwendete Hahnemann erstmals den Begriff "Homöopathie" - und kurz darauf auch "Allöopathie" (ein Sammelbegriff für alle anderen nicht-homöopathischen Behandlungsmethoden).9

Als 1813 im Zuge der Völkerschlacht zu Leipzig eine Typhusepidemie ausbrach, wurden 180 erkrankte Soldaten von Hahnemann behandelt. Während bei herkömmlicher Behandlung durch andere Ärzte ca. 30-40% der Patienten verstorben sind, konnte Hahnemann mit seiner homöopathischen Behandlung große Erfolge erzielen -179 Patienten überlebten. Erstmals nahmen große Teile der Ärzteschaft und des Adels Notiz von der neuen Behandlungsmethodik Hahnemanns.10 Es handelt sich hierbei um die erste wissenschaftliche Untersuchung über die Wirksamkeit der Homöopathie.

3.4. Matthias Marenzeller

Nicht nur Hahnemann erzielte bei der Behandlung von kranken Soldaten durch die Homöopathie große Erfolge, auch der Wiener Militärarzt Matthias Marenzeller (1765-1854) erkannte bald die Vorteile dieser neuen Therapiemethode.11

Nach dem Medizinstudium in Graz und einer Anstellung 1785 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien arbeitete Marenzeller als Regimentsarzt. Er interessierte sich sehr für alternative Behandlungsmethoden, da auch er, wie Hahnemann, ein Gegner der weit verbreiteten Aderlass- und Abführtherapie war. Als er durch einen Zeitungsausschnitt auf Hahnemanns Therapie aufmerksam wurde, begann er sofort durch Selbststudium der wenigen verfügbaren Literatur sich weiteres Wissen darüber anzueignen und experimentierte schon bald mit verschiedenen Arzneistoffen. Marenzeller stieß mit seinen Arzneiversuchen mit teilweise gefährlichen Substanzen wie Arsenik auf viel Kritik an den Wiener Kliniken.12

Vor allem der kaiserliche Leibarzt Josef Andreas von Stifft, der auch die Position des obersten Sanitätsverantwortlichen inne hatte, wollte diesen Experimenten und damit auch der Weiterentwicklung der Homöopathie ein Ende setzen. Er veranlasste die Versetzung Marenzellers als Stabsarzt ans Prager Invalidenhaus. Doch dadurch wandte sich Marenzeller nicht von der Homöopathie ab, ganz im Gegenteil: Er setzte seine Versuche in Prag fort, sodass das Prager Invalidenhaus schon bald erste Anlaufstelle für homöopathische Behandlung wurde.13

4. Homöopathieverbot 1819

Die Homöopathie steckte 1819 noch in ihren Kinderschuhen. Gerade wurden erst das Ähnlichkeitsprinzip entdeckt und erste Erfolge in der praktischen Anwendung der homöopathischen Lehren erzielt. Trotzdem gab es viele Kritiker, vor allem Schulmediziner, die der neuen Heilmethode skeptisch gegenüberstanden. Vor allem, dass sich nicht genau erklären ließ (und sich teilweise bis in die Gegenwart nicht erklären lässt), wie überhaupt ein Heilerfolg durch die Einnahme von stark verdünnten Arzneien erlangt werden kann, schürte wohl die Skepsis der Homöopathiegegner.

Dass sich Marenzeller und mit ihm die Homöopathie trotzdem nicht aufhalten lassen, erkannte Stifft schon bald und beschloss, zu stärkeren Mitteln im Kampf gegen diese neue Therapieform zu greifen.14 Durch ein von Stifft initiiertes Hofkanzleidekret wird die Anwendung von Homöopathie 1819 durch Staatskanzler Metternich in Österreich gesetzlich verboten:

"Seine Majestät geruhen mit höchster Entschlie ß ung vom 13. Oktober 1819 anzuordnen: Doctors Hahnemann homöopathische Cur-Methode sey allgemein und strenge zu verbiethen."15

[...]


1 Diez, Von der Notwendigkeit, das Vergessene zu bergen , in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 15 (16).

2 Hahnemann, Organon der rationellen Heilkunde, 1810, V.

3 Drexler, Homöopathische Medizin - ihre Wurzeln und Entstehung, in König (Hrsg), Durch Ähnliches heilen², 2005, 15 (16).

4 Drexler, Homöopathische Medizin - ihre Wurzeln und Entstehung, in König (Hrsg), Durch Ähnliches heilen², 2005, 15 (17).

5 Drexler, Homöopathische Medizin - ihre Wurzeln und Entstehung, in König (Hrsg), Durch Ähnliches heilen², 2005, 15 (17).

6 Dorffner, Versuche einer Institutionalisierung der homöopathischen Lehre im 19. Jahrhundert, in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 55 (55 f).

7 Kogler, "Jeder hat das unbenommene Recht, sich in Krankheiten behandeln zu lassen, wie er nur immer will.", 2003, 9.

8 Bönninghausen, Die Homöopathie, ein Lesebuch für das gebildete, nicht-ärztliche Publikum, 1834, 76.

9 Kogler, "Man fing damit an, die Wahrheit des homöopathischen Princips wegzudemonstriren ...", in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 79 (81).

10 Drexler, Homöopathische Medizin - ihre Wurzeln und Entstehung, in König (Hrsg), Durch Ähnliches heilen², 2005, 15 (19).

11 Dorffner, Versuche einer Institutionalisierung der homöopathischen Lehre im 19. Jahrhundert, in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 55 (56).

12 Dorffner, Versuche einer Institutionalisierung der homöopathischen Lehre im 19. Jahrhundert, in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 55 (58).

13 Dorffner, Versuche einer Institutionalisierung der homöopathischen Lehre im 19. Jahrhundert, in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 55 (58).

14 Dorffner, Versuche einer Institutionalisierung der homöopathischen Lehre im 19. Jahrhundert, in Horn (Hrsg), Homöopathische Spuren, 2003, 55 (58).

15 Hofkanzley-Decret vom 21. Oktober 1819 (Entschließung vom 13. Oktober 1819) an sämtliche Länderstellen betreffend das Verboth der Hahnemannischen homöopathischen Heilart.

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Details

Titel
Rechtsgeschichte der Homöopathie im 19. Jahrhundert
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Römisches Recht und Antike Rechtsgeschichte)
Veranstaltung
Seminar Geschichte des Medizinrechts
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V191619
ISBN (eBook)
9783656165224
ISBN (Buch)
9783656165590
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homöopathie, Rechtsgeschichte, Hahnemann, Homöopathieverbot, Selbstdispensation, Selbstdispensationsrecht, Marenzeller
Arbeit zitieren
Elisabeth Kölbl (Autor), 2012, Rechtsgeschichte der Homöopathie im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191619

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