Didaktische Rezension zur Graphic Novel 'drüben!'

Referat zum Seminarthema Entwicklungslinien seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts – Medienverbund


Referat (Ausarbeitung), 2012
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Referatsauswahl
1.1. Inhaltlicher Überblick

2. Analyse
2.1. Paratext
2.1.1. Aufmachung des Buches
2.1.2. Visueller Prolog
2.2. Typologie
2.2.1. Gattung/Genre
2.3. Dramaturgische Gliederung von Zeit und Raum
2.3.1. Erzählstruktur
2.4. Monoszenik/Pluriszenik
2.5. Bild-Text-Interdependenzen
2.5.1 Beziehung zwischen Text und Bild
2.6. Intertextuelle/intermediale Bezüge
2.7. Figurenzeichnung
2.7.1 (Stereo-) Typen
2.7.2. Geschlechterdarstellung
2.7.3. Sprechende Namen
2.8. Sprache und Verständlichkeit
2.8.1. Stil

3. „ dr ü ben! “ in der Deutschdidaktik
3.1. Methodik vs. Neue Medien

4. Bibliographie
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur
4.3. Online-Quellen

1. Referatsauswahl

Im Seminar Kinder- und Jugendliteratur im Ü berblick habe ich am 16. Januar 2012 mit dem Kommilitonen Stefan Arlt über die Graphic Novel „ dr ü ben! “ von Simon Schwartz referiert. Diese Diplom-Arbeit des Illustrators und Kommunikationsdesigners erschien 2009 im Avant- Verlag, im Format 23 x 16,6 x 0,8 cm mit farbigem Titel und 120 schwarz-weiss gedruckten Seiten.

In unserer engeren Titelwahl waren andere Werke aus einem Medienverbund von Büchern, DVDs und Hörspielen. Durch Zufall hatte ich „ dr ü ben! “ im Bestand der Stadtbibliothek Bremen entdeckt, wo Graphic Novels in zwei schmalen Reihen innerhalb der meterlangen Comic-Abteilung untergebracht sind. Nach dem ersten Lesen schien es ideal für unser Referat zu sein, weil mein Kommilitone selbst eine Ost-West-Biographie hat und ich mich für Gegenwartsliteratur in der Sekundarstufe I interessierte.

Mit grossem Interesse an Thema und Buch entwarfen wir unser Referat in einer umfangreichen Folienpräsentation und absolvierten es in einer ausführlichen Doppelstunde.

1.1. Inhaltlicher Überblick

Graphic Novel als „ graphischer Roman “ oder gezeichnete Literatur war das geeignete Medium für Simon Schwartz’ Buchdebut, in dem er sein autobiographisches, privates Familienschicksal mit dem kollektives Gedächtnis meisterlich verarbeitet hat.

Ob die Ereignisse wahr sind oder die Geschichte verfälscht wurde, löst der Künstler aus einer autonomen Position in eigenen Worten auf: „ Aber vielleicht ist die Fiktion manchmal n ä her an der Realit ä t, als die Realit ä t selbst. “1

In einer fragmentarischen Retrospektive vom Briefkontakt des Vaters 1987 bis zur Übersiedlung 1984 rahmt er die Erzählzeit in die erzählte Zeit in der BRD und DDR zwischen 1945 und 1989 ein. Nach eigener Auffassung habe Schwartz „ keine politisch- historische Erz ä hlung “, sondern schwerpunktmässig eine „ Familiengeschichte “ kreiert.2

„ dr ü ben! “ präsentiert fast zwanzig Jahre nach der politisch-ökonomischen Fusion von Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik erstmalig eine spannende Graphic Novel aus generationsübergreifender Privatgeschichte im Kulturkontext der späten 1980er Jahre.

2. Analyse

Problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur verbindet sich hier mit Entwicklungslinien seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, in Form der Spielarten der Graphic Novel. Im Lauf dieser achtteiligen Analyse wird deutlich, wie weitsichtig und tiefgründig „ dr ü ben! “ gestaltet ist und die einzelnen Kriterien vollwertig ausleuchtet. Da das Originalbuch keine Seitenzahlen hat, folge ich den Beschreibungen von Bild- und Textstellen.

2.1. Paratext

Aufmachung des Buches und visueller Prolog dienen als Anfangsbilder einer Vorausdeutung. Sie gehen auf die Leseerwartungen ein, die im Buch selbst mit anderen vielschichtigeren Mitteln herausgefordert werden, um die Rezipienten zum Nacherleben und Mitdenken anzuregen.

2.1.1. Aufmachung des Buches

Auf dem DIN A4-Cover verwirklichte Schwartz die einzige farbige Seite des Buchs. Vater und Mutter mit Sohn auf dem Arm entfernen sich von der Mauer mit einem skeptischen Blick zurück. Die mit Graffitis und Slogans besprühte Mauer zeigt, dass sich die Familie im Westen befindet. Somit wird das Anfangsbild zur Vorausdeutung der Geschichte, die die Erinnerung an die Zeit vor Mauerfall und Einheit 1989/90 beschreibt.

Der kleingeschriebene, kursiv und schwarz mit Ausrufezeichen versehene Titel steht wie ein denkgemalter Schrei über dem Wachturm vor dem Wolkenhimmel. Die manuell- grafische Typographie des Lettering von Autorname und Titel wird angezeigt und im Buch beibehalten.

2.1.2. Visueller Prolog

Auf ein Zitat von Gregor Brand in weissen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund folgt eine realistische Zeichnung des sogenannten Todesstreifens mit zwei Mauern, Stacheldrahtzäunen und vermauerten Fenstern auf der östlichen Seite. Damit wird die Atmosphäre geschaffen für ein schwarz-weisses und graustufiges Buch, in dem sich ein „ Familiendrama “3 entfaltet. Einerseits scheint es mit dem Prologzitat die Erinnerung abschliessen zu wollen („ Die Vergangenheit ist unverwundbar “), andererseits hat es Simon Schwartz versucht, einen anderen Blick zurück über die Mauer zu wagen.

2.2. Typologie

„ dr ü ben! “ wird in der Stadtbibliothek Bremen als Graphic Novel/Comic katalogisiert.

Das Buch lässt sich nicht eindeutig kategorisch festlegen, weil - vielleicht mit künstlerischer Intention - Bild und Text zwischen bekannten Genres interagieren, um fixierende Termini zu umgehen. Wenn es sich um einen „ bild ä sthetischen Hybrid “4 handelt, helfen philologische Phasen weiter.

2.2.1. Gattung/Genre

Die Graphic Novel wird heute als „ sequential art “ (Will Eisner) oder „ invisible art “ (Scott McCloud)5 analysiert und verweist auf Traditionen aus dem nordamerikanischen Kulturraum, in dem sie sich aus periodischen Magazinen über Buchformen als selbständige Kunstform etablierte.

Graphic Novels haben sich als Autoren-Comics in den 1970ern international herausgebildet und wurzeln in der Tradition der Comics und Mangas bzw. Animes. Während sich die Comics zwischen den USA ab 1900 und Frankreich und Belgien ab den 1950ern in Serienheften, Trickfilmen und aktuellen 3D-Formaten entwickelten, entsprangen die Mangas als Taschenbücher bzw. die Animes als Fernsehserien ab den 1950ern in Japan, allerdings schrifttechnisch von hinten nach vorne gelesen mit einer höheren Publikationsdichte.

Für den deutschsprachigen Raum gehen diese Gattungsarten historisch zurück auf die Bildergeschichten deutschsprachiger Künstler wie Busch oder Hoffmann aus den 1840ern. Meistens ging es um den Konflikt zwischen Kindern und Erwachsenen und den Kontrast aus Freiheit und Zwang. Die Bildergeschichten erneuerten illustrierte Sachbücher aus dem 17. Jahrhundert.

In moralisierenden Fabeln und in Grimms Märchen aus überlieferten Volkserzählungen manifestierte sich die deutsche Hochsprache. Mit lösungsorientierten glücklichen Enden wurde eine kind- und jugendgerechte Literatur geschaffen, die sich zum Vorlesen eignete.

In der Gegenwart profilieren Graphic Novels eine „ kinderliterarische Spielart der Comics “ in einer komplexeren Form, die „ stofflich-thematische Biografien, Historien bzw. Zeitgeschichten “ abbilden. „ Erz ä hlerisch ambitionierte, gro ß formatige Grafikromane “ werden mittlerweile über ihre spezifische „ Intertextualit ä t und Experimentierfreudigkeit “ als „ Alle-Alter-Medium “ wahrgenommen und respektiert.6

Strukturell verflechtet die Graphic Novel wie beim Comic „ piktorale und verbale Komponenten “ im „ Layout, d.h. dem Arrangement der im Format aufeinander abgestimmten Einzelbilder (Panels) und die Textpr ä sentation in Sprechblasen und Blockkommentaren. “7

2.3. Dramaturgische Gliederung von Zeit und Raum

„ Individuelle Autorschaft “ hat Serien-Comics zu eigenständigen Kunstwerken gemacht, parallel zur umbrechenden Epoche der 1970er, „ als der „ literatur- und kulturwissenschaftlichen Poststrukturalismus das Ende des Autors proklamierte. “8

Diesen Unabhängigkeitstatus nimmt Simon Schwartz auf, in dem er sich selbst als Ich-erzählenden Jungen einschreibt, um die eigenen Eltern als Protagonisten die Ausbürgerung erleben zu lassen. In einer fragmentarischen Retrospektive konnte er so eine autobiographisch-fiktionale Familiengeschichte in einer kindgerechten Detektivgeschichte aufrollen. Die Erzählsituation beginnt im Frühling 1987 mit dem Vater, der in BerlinKreuzberg einen Brief an seine Eltern in der DDR schreibt. Eine kurze handschriftliche Notiz als Antwort („ Wir legen keinen Wert auf Kontakt “) ist ein erster Hinweis auf die zunehmenden Schwierigkeiten mit der Staatssicherheit.

Auf die Rückblende zur Ausreise 1984 folgt die Biographie des Vaters mit sozialistischen, kommunistischen und jüdischen Vorfahren. Vom Ablauf eines Morgens bis zum Fahnenappell bei den Jungpionieren wechselt es zur Biographie der Mutter. Ihre Familie hatte Westkontakte, weil der Onkel vor dem Mauerbau in den Westen geflüchtet war.

[...]


1 Interview im Comic!-Jahrbuch 2011/112

2 Ebd. 115

3 Interview im Comic!-Jahrbuch 2011/110

4 Jost/Krommer 48

5 Ebd. XI

6 Dolle-Weinkauff 309 & 327 ff.

7 Ebd. 308

8 Ebd. 322 & 324

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Didaktische Rezension zur Graphic Novel 'drüben!'
Untertitel
Referat zum Seminarthema Entwicklungslinien seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts – Medienverbund
Hochschule
Universität Bremen  (Sprach- und Literaturwissenschaften und Deutschdidaktik)
Veranstaltung
Kinder- und Jugendliteratur im Überblick
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V191623
ISBN (eBook)
9783656164890
ISBN (Buch)
9783656165040
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Deutschdidaktik zu Graphic Novels
Anmerkungen
Die Graphic Novel 'drüben!' von Simon Schwartz zwischen Stilanalyse, Intertextualität, Intermedialität und Deutschdidaktik.
Schlagworte
Deutsch, Didaktik, Graphic Novel, Referat, Rezension
Arbeit zitieren
Joerg Schroeder (Autor), 2012, Didaktische Rezension zur Graphic Novel 'drüben!', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191623

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