Das palästinensische Flüchtlingsproblem


Seminararbeit, 2011

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung des Flüchtlingsproblems
2.1 Die Gründung des Staates Israel und der Erste Israelisch-Arabische Krieg
2.2 Arabische Flucht bzw. Vertreibung

3. Das Schicksal der Flüchtlinge
3.1 Ein Recht auf Rückkehr?
3.2 Die Situation in den Flüchtlingscamps

4. Das Flüchtlingsproblem und der Friedensprozess

5. Fazit und Ausblick: Lösung der Flüchtlingsfrage?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 15.5.2011. Die Gründung des Staates Israel jährte sich zum 63. Mal. Scharen von palästinensischen Flüchtlingen überqueren die Grenze zu Israel an der libanesischen und der syrischen (bzw. handelt es sich hier um die Grenze zwischen Syrien und den 1967 von Israel okkupierten Golan-Höhen) Grenze. Es kommt zu Zusammenstößen mit israelischen Soldaten; mehrere Palästinenser sterben. Diese aktuellen Ereignisse, natürlich müssen sie im Zusammenhang mit den derzeitigen Unruhen v.a. in Syrien gesehen werden, verdeutlichen deutlich, welches Frustpotential bei palästinensischen Flüchtlingen bzw. deren Nachkommen besteht. Für sie ist nämlich der 15.5. nicht der gefeierte Gründungstag, sondern das Datum der al-nakba, der Katastrophe. Damit bezeichnet man vor allem die (erzwungene) Flucht etwa 800.000 Araber aus ihrer Heimat.

Diese Arbeit befasst sich mit diesem 1948 entstandenen Flüchtlingsproblem und skizziert in einem ersten Teil, wie es zu diesem kam. Dabei ist für die weitere Betrachtung auch wichtig festzustellen, wie unterschiedlich Araber und Israelis die Ereignisse bewerten. Diese „Katastrophe“ bzw. das Recht auf Heimkehr ist nämlich ein ganz entscheidender Knackpunkt in den Friedensbemühungen zur Beilegung des Nahostkonflikts. Diese Rückkehr wird von der PLO gefordert und von Israel strikt abgelehnt. In einem weiteren Schritt werden die Bedingungen in den Flüchtlingslagern und die fehlende Integration in die Gastgebergesellschaften beschrieben. Der daraus resultierende Radikalismus wird ebenfalls Gegenstand der Arbeit sein, ebenso die Beziehungen zur PLO bzw. der Verwurzelung der PLO in den Flüchtlingsgemeinden. Darauf aufbauend wird die Rolle der Diaspora in den Friedensverhandlungen analysiert und in einem letzten Schritt mögliche Zukunftsszenarien diskutiert.

Die zentrale Frage der Arbeit wird dabei sein, wie sehr das Flüchtlingsproblem den gesamten Nahostkonflikt begleitete und formte. Wie sehr spielen sämtliche Faktoren des Konflikts in diesem spezifischen Feld eine Rolle? Wie sehr erkennt man dabei die gesamte Komplexität und Einflussfaktoren, welche den Konflikt auch nach über 60 Jahren noch nicht lösen ließen?

Gestützt werden die Ausführungen vor allem auf Sekundärliteratur, jedoch auch auf offizielle Dokumente. Der Ansatz der Analyse soll dabei nicht idealistisch, sondern durchwegs realistisch im Sinne des wahrscheinlichsten Szenarios sein.

2. Die Entstehung des Flüchtlingsproblems

2.1 Die Gründung des Staates Israel und der Erste Israelisch-Arabische Krieg

Das palästinensische Flüchtlingsproblem beginnt im Wesentlichen mit der Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 bzw. den damit verbundenen Kriegshandlungen vor und nach der Unabhängigkeit. Unmittelbar nach der Teilungsresolution der Vereinten Nationen im November 1947, wonach im darauffolgenden Jahr zwei neue Staaten aus dem britischen Mandatsgebiet hervorgehen sollten, brachen Kämpfe zwischen jüdischen und arabischen Siedlern Palästina aus.

Es werden dabei zwei Phasen vor und nach der Ausrufung des Staates Israels unterschieden. In der Zeit vor 1948, man spricht oftmals von einem Bürgerkrieg, handelte es sich großteils um gezielte Terroraktionen auf beiden Seiten.[1] Für den späteren Verlauf des Konflikts besonders bedeutsam waren dabei die Anschläge der zionistischen Gruppen Begin und Irgun.

Berühmt wurde vor allem das Massaker im arabischen Dorf Deit Yassin im April 1948, dem 254 Araber - Männer, Frauen und Kinder - zum Opfer fielen.[2]

In der zweiten Phase der Kampfhandlungen kam es zum offenen Krieg zwischen dem neu geschaffenen Staat Israel und sechs arabischen Staaten, darunter besonders wichtig Transjordanien unter König Abdullah und Ägypten unter dem schwächelnden König Faruk. Obwohl Israel praktisch von allen Seiten angegriffen wurde und sich offensichtlich einer arabischen Übermacht gegenübersah, konnte der neu-geschaffene jüdische Staat in dem bis 1949 dauernden Krieg als eindeutiger Sieger hervortreten. Die Niederlage des scheinbaren Goliaths gegen David hatte natürlich mehrere Gründe. Vor allem waren die arabischen Armeen der israelischen technisch weit unterlegen, nummerisch nicht bedeutend überlegen und untereinander zerstritten. Hinzu kam noch die erfolgreiche Unterlaufung des UN Waffenembargos durch Israel über die Tschechoslowakei.[3]

Das Ergebnis dieses ersten Israelisch-Arabischen Krieges war die Etablierung des jüdischen Staates, der sein Staatsgebiet von 14.100 auf 20.700 km2 vergrößern konnte. Werden diese Kampfhandlungen in Israel oftmals Unabhängigkeitskrieg genannt, so benutzt man in den arabischen Ländern den Ausdruck al-nakba, die Katastrophe. Damit wird besonders die Flucht von etwa 700.000 Palästinensern aus ihrer Heimat assoziiert. Wie es dazu kam, wird im folgenden Kapitel behandelt.

2.2 Arabische Fluchtbzw. Vertreibung

Wieso kam es im Zuge der Kampfhandlungen vor und unmittelbar nach Entstehung des Staates Israel zu einem riesigen Exodus von Arabern? Um dies zu klären, sollte zunächst die Bevölkerungszusammensetzung vor 1948 auf dem Mandatsgebiet Palästina betrachtet werden. 1947, das Jahr des UN-Teilungsplanes, lebten schätzungsweise 1,3 Millionen, vorwiegend in kleineren ländlichen Dörfern, Araber in Palästina. Die Zahl des jüdischen Siedler betrug etwa 600.000, womit die Verteilung in etwa 1/3 Juden; 2/3 Araber war.[4] Der UN-Teilungsplan sah jedoch 56% des Territoriums für den Jishuv vor. Damit wurden auch zahlreiche arabische Siedlungen und Städte dem neuen jüdischen Staat zugesprochen, darunter etwa Haifa oder Tiberias. Die Zionisten, und insbesondere die radikalen Kräfte darin, wollten möglichst wenig Nicht-Juden im zu schaffenden Gebilde, welches ja ein Judenstaat werden sollte. Noch lebten jedoch in dem Gebiet, welches Israel werden sollte, etwa 40-45% Araber[5], die in einem zukünftigen demokratischen Staat durchaus ein Machtfaktor gewesen wären. Es gab deshalb in zionistischen Kreisen die Idee eines Transfers von Bevölkerungen, um den jüdischen Teil im Judenstaat möglichst groß werden zu lassen.[6]

Nach Verabschiedung des Teilungsplans durch die UN-Vollversammlung kam es, wie schon erwähnt, zu einem bürgerkriegsähnlichen Zustand im Noch-Mandatsgebiet Palästina. Es galt dabei, das zugesprochene Gebiet zu vergrößern, indem man die jeweiligen Städte und Ortschaften von der jeweils anderen Gruppe „säuberte“. Dies war sozusagen der gewaltvolle Versuch, den oben genannten Transfer zu erreichen. Die Gewaltaktionen wurden von beiden Seiten ausgeführt; auf jener der Araber erreichten im Jänner 1948 auf Grundlage einer Resolution der Arabischen Liga Freiwillige Palästina und führten sodann Angriffe auf jüdische Siedlungen aus.[7] Auf Seiten der Zionisten wurden Aktionen vor allem durch die Hagannah und Irgun durchgeführt, wobei festzustellen ist, dass eine Aktion einer Gruppe eine Reaktion der anderen verursachte und sich dies steigerte. Benny Morris stellt deshalb in Bezug auf die arabischen Angriffe zu Beginn 1948 fest, dass „The defeats of March and the prospect of invasion of the emerging Jewish State by regular Arab armies prompted the Haganah’s switch in April to a strategic offensive.“[8] Diese strategische Offensive ersetzte einzelne isolierte Maßnahmen und manifestierte eine neue Etappe im Bürgerkrieg. Die nun einsetzenden Angriffe wurden vor allem in den größeren Städten durchgeführt und führten zu einer Flucht großer Teile der arabischen Bevölkerung in Haifa oder Jaffa; also Gebiete an der Küste, welche zu einem großen Teil von den Zionisten beansprucht wurden. Die zionistische Offensive ist demnach auch in diesem frühen Zeitraum vor der israelischen Staatsgründung teilweise defensiv zu analysieren. Man sah sich einem bewaffneten und kampfbereiten Gegner gegenüber, welchen man zuvorkommen mochte. Dennoch muss man festhalten, dass die angewendete Gewalt der Zionisten jene der Araber, auch aufgrund der militärischen Stärke, deutlich überstieg. Eine Folge dieser waren bereits etwa 300.000 arabische Flüchtlinge vor dem 15.5.1948, welche in den angrenzenden arabischen Staaten oder dem Gebiet des heutigen Westjordanlandes Zuflucht erhielten.

Nach Ende des Mandats wurde aus dem quasi Bürgerkrieg ein regulärer Krieg. Israel wurde dabei von fünf arabischen Staaten angegriffen und sah sich seiner Existenz bedroht. Wie bereits erwähnt, behielt der jüdische Staat jedoch die Oberhand und konnte in acht Monaten nicht nur den Krieg gewinnen, sondern sein Staatsgebiet auch entscheidend vergrößern. Gleichzeitig kam es zu einer größeren Fluchtbewegung von Arabern. Insgesamt verließen Bewohner etwa 350 arabischer Städte und Dörfer, das sind geschätzte 400-500.000 Menschen ihre Heimat und flohen in angrenzende, kriegsfreie Gebiete.[9]

Wie dies geschah ist von ganz zentraler Bedeutung und entscheidend für den Verlauf des Flüchtlingsproblems bis zum heutigen Tag. Während man von palästinensisch-arabischer Seite von einer Vertreibung durch zionistische Truppen spricht, sieht Israel die Ereignisse als eine freiwillige Flucht und kennt deshalb eine Rückkehr ab. So ist bei vielen israelischen Historikern, ausgenommen sind die so genannten New Historians zu denen u.a. auch Benny Morris zählt, zu lesen, dass die israelischen Aktionen im Krieg ausschließlich der Selbstverteidigung dienten. Die Angriffe und Zerstörung arabischer Dörfer sein demnach lediglich als Vergeltungsmaßnahmen gegen arabische Angriffe zu sehen. Während die zionistische Gemeinde kampfbereit war, fehlte der arabischen Gemeinde Palästinas die vollkommene Motivation und Nationalismus für die Kriegshandlungen. So zogen sie es vor, vor der Gefahr zu fliehen und in einem Nachbarland Unterschlupf zu finden. Zudem gibt es Gerüchte, dass arabische Führer selbst die Menschen dazu aufriefen, das Gebiet zu verlassen.[10]

Dieses vorübergehende Verlassen des Kriegsschauplatzes ist jedoch eher in der Tradition arabischer Kriege zu sehen. So war es auch schon in früheren Gefechten üblich, dass die Zivilbevölkerung für die Zeit der Kämpfe ihre Heimat verließ. Die jüdische Bevölkerung stammte vor allem aus Europa und kannte deshalb auch jünger europäische Konflikte. In diesen kam es zu Gebietsokkupationen und Austausch von Bevölkerungen. Diese beiden unterschiedlichen Traditionen und Sichtweisen sind ein Knackpunkt für den weiteren Verlauf des Konflikts.

Auf arabischer Seite wird betont, dass die Flucht eine erzwungene war. Die Vertreibung sei die Folge von Terroraktionen besonders der Haganah, die unter Androhung von Gewalt die Bewohner zur Flucht aufriefen und Dörfer zerstörten, um eine Rückkehr später nicht mehr zu ermöglichen.[11]

[...]


[1] Vgl. Steininger, Nahostkonflikt, S.79.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Ebd. S.80f. und Schlaim, Israel and the Arab Coalition in 1948, S.79 - 103. Schlaim nennt als Gründe der arabischen Niederlage besonders die innerarabischen Streitigkeiten zwischen dem Lager der Haschemiten rund um Transjordanien und dem Lager um Ägypten und die schlecht ausgestatteten und geschulten arabischen Heere, welche weder kampferprobt noch für einen offenen Krieg ausgestattet waren.

[4] Vgl. Morris, Birth of refugee problem, S. 8 .

[5] Zahlen Vgl. Morris, Revisiting the Palestinian exodus of 1948, S. 40.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Morris, Birth oft he Palestinian Refugee Problem, S. 29.

[8] Ebd., S.30.

[9] Vgl. Ebd. S. 155.

[10] Vgl. Lozowick, Israels Existenzkampf, S. 120f. und S. 125.

[11] Vgl. Trimm, Von der zionistischen Vision zum jüdischen Staat, S.12.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das palästinensische Flüchtlingsproblem
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Politikwissenschaften )
Veranstaltung
Palästina-Israel-Konflikt
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V191645
ISBN (eBook)
9783656165514
ISBN (Buch)
9783656165620
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nahostkonflikt, Palästina, Israel, Naher Osten, Flüchtlinge, Flüchtlingslager, Krieg, PLO, Hisbollah, Syrien, Libanon, Jordanien
Arbeit zitieren
Andreas Staggl (Autor:in), 2011, Das palästinensische Flüchtlingsproblem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191645

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