Unterschiedliche Geburtenraten zwischen dem armen und dem reichen Teil der Bevölkerung beeinflussten die historische Entwicklung der Gesellschaften. Es wird gezeigt, dass die Annahme, dass Reiche eine höhere Geburtenrate hatten als arme meist zutrifft aber in Einzelfällen auch widerlegt werden kann. Im Weiteren wird auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Gesellschaft durch die höheren Geburtenraten von dem reichen Teil der Bevölkerung eingegangen, wie beispielsweise der soziale Abstieg. In der Zeit vor der industriellen Revolution gab es wenig Bevölkerungswachstum, es lag stets unter 1% pro Jahr, teilweise war auch ein Rückgang der Einwohnerzahl zu verzeichnen.
Die Zusammensetzung der Bevölkerung, sprich der Anteil von Armen und Reichen an der Bevölkerung hat sich jedoch immer wieder geändert. Dies konnte starken Einfluss auf die Gesellschaft haben. Gregory Clark führt diesen Grund sogar als eine der Hauptursachen dafür an, dass die industrielle Revolution überhaupt so stattfinden konnte. Im vorindustriellen England war die Geburtenrate der Reichen deutlich höher als die der Armen, wodurch ein fortlaufender sozialer Abstieg in der Gesellschaft in Gang gesetzt wurde. Erst dadurch konnte sich die Denkweise und Bildung der Oberschicht in der gesamten Bevölkerung verbreiten. Damit wurde auch dem einfachen Arbeiter die Bedeutung der Arbeitsteilung und seiner eigenen gewissenhaften Arbeit bewusst. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass im 18. Jahrhundert in England keine höhere Vergütung für die Fähigkeit lesen und schreiben zu können erzielt wurde als im 12. Jahrhundert. Sprich es gab keine wirtschaftlichen Anreize für die Bevölkerung lesen und schreiben zu lernen, was allerdings keinen Hindernisgrund für die Aneignung darstellte. Diese Ansicht teilen nicht alle Wissenschaftler und deshalb stieß sie auf teils heftige Kritik von Ökonomen wie beispielsweise Deirdre N. McCloskey, Hans-Joachim Voth und George Grantham. Dennoch ist die Bedeutung der unterschiedlichen Fertilitätsraten zwischen Arm und Reich im Verlauf der Weltgeschichte unumstritten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einfluss der unterschiedliche Geburtenraten
2.1. Survival of the fittest
2.2. Durchsetzen der Geschicktesten
2.3. Argumente für und gegen die Annahme der höheren Fertilität von Reichen
2.3.1. Unterschiedliche Kriterien bei der Wahl der Frau
2.3.2. Versorgungssicherheit durch Reichtum
2.4. Beschreibung der vorindustriellen Welt durch das Malthusische Modell
2.4.1. Modellannahmen
2.4.2. Positive (Repressive) und Präventive Checks
2.4.3. Beispiele für einen präventiven und repressiven Check
3. Empirische Evidenz des Modells
3.1. Survival of the richest – England von 1585 bis 1638
3.1.1. Mögliche Verzerrungen der Analyse
3.1.2. Schätzung des vererbten Vermögens anhand des Berufes
3.1.3. Schätzung des vererbten Landes
3.1.4. Schätzung des vererbten Vermögens
3.1.5. Höhere Geburtenrate der Reichen
3.1.6. Kein Hinweis auf Verzerrung durch Ausschluss einiger Nachkommen vom Erbe
3.1.7. Gründe für mehr Nachkommen bei Reichen Personen
3.1.8. Auswirkungen auf die Gesellschaft
3.2. Entwicklung der Geburtenrate in der Geschichte Chinas seit dem 13. Jahrhundert
3.2.1. Datenerhebung
3.2.2. Unterschiede in der Geburtenrate zwischen Asien und Europa
3.2.3. Gründe für die niedrigere Geburtenrate während der Ehe
3.2.4. Unterschiedliche Geburtenraten von dem niedrigen und dem hohen Adel
3.2.5. Kindestötungen
3.2.6. Gründe für das Auseinanderdriften der Geburtenraten
3.2.7. Urbane Qing-Familien vs. Ländlichen Bauernfamilien aus Liaoning
3.2.8. Höhere Geburtenraten bei den Reichen Chinas
3.3. Geburtenraten in Neufrankreich (Quebec), Kanada von 1600 bis 1800
3.3.1. Einteilung der Berufe in Klassen
3.3.2. Unterschiedliche Geburtenraten der einzelnen Berufsklassen
3.3.3. Gründe für das entgegen der Annahme resultierende Ergebnis
3.4. Entwicklung der Geburtenraten in Aarhus und Rouen (1680 -1796)
3.4.1. Nähere Betrachtung der analysierten Daten
3.4.2. Auswirkungen von Ernteausfällen auf ländliche Gegenden wie Aarhus
3.4.3. Auswirkungen schlechter Ernten auf Städte und urbane Gebiete
3.4.4. Auswirkungen auf die Geburtenrate durch solche Checks
3.4.5. Rückkehr zur Normalität
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Hypothese, dass wohlhabendere Bevölkerungsschichten vor der industriellen Revolution eine höhere Fertilitätsrate aufwiesen als ärmere Gruppen, und analysiert, wie diese demographischen Unterschiede die sozioökonomische Entwicklung und soziale Mobilität beeinflussten.
- Analyse des Malthusischen Modells zur Bevölkerungsdynamik.
- Empirische Fallstudie zu Testamenten im vorindustriellen England (1585–1638).
- Untersuchung historischer Fertilitätsraten in China unter Berücksichtigung kultureller Einflüsse.
- Demographische Analyse von Neufrankreich (Quebec) zwischen 1600 und 1800.
- Betrachtung von kurzfristigen populationsdynamischen Effekten durch Ernteausfälle in Aarhus und Rouen.
Auszug aus dem Buch
3.1. Survival of the richest – England von 1585 bis 1638
In der Studie von Gregory Clark und Gillian Hamilton wird die Annahme, dass ein höheres Einkommen eine höhere Nachkommenschaft mit sich bringt für England in der Zeit von 1585-1638 untersucht. Als Grundlage für diese Studie dienen 2250 Testamente aus unterschiedlichen Gemeinden während dieser Zeit. Das Ergebnis besagt, dass reiche Erblasser doppelt so viele Nachkommen hinterlassen wie Arme. Diese Tatsache gilt nicht nur für jene Zeit, sondern soll bis zum Jahre 1250 zurückreichen.
Zuerst muss der Begriff „Nachkommen“ eindeutig definiert werden. Als Nachkommen werden all diejenigen Personen angesehen, welche der Erblasser zu dem Zeitpunkt seines Todes hinterlassen hat. Falls ein Kind zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben ist, selbst aber Nachkommen hinterlassen hat, so wird es dennoch als Nachkomme gezählt.
Testamente welche über 5 Jahre vor dem Tod des Verfassers geschrieben wurden, ebenso wie jene ohne jegliche Informationen über Höhe der Erbschaft wurden aus der Analyse ausgeschlossen. 57 Prozent der Testamente wurden innerhalb von 60 Tagen nach der Erstellung gerichtlich eröffnet, 77 Prozent innerhalb eines Jahres. Das bedeutet, dass über 77 Prozent der Testamente Aufschluss darüber geben, wie viele Nachkommen der Erblasser hatte und wie seine wirtschaftliche Lage zum Zeitpunkt seines Todes war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der historischen Fertilitätsunterschiede und deren Bedeutung für die industrielle Revolution sowie die soziale Struktur.
2. Einfluss der unterschiedliche Geburtenraten: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Malthusischen Modell und Mechanismen, die Geburtenraten in vorindustriellen Gesellschaften beeinflussen.
3. Empirische Evidenz des Modells: Detaillierte Untersuchung von Daten aus England, China, Kanada sowie Aarhus und Rouen zur Überprüfung der These unterschiedlicher Geburtenraten nach Wohlstand.
4. Schlussfolgerung: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Diskussion darüber, inwieweit die Annahme höherer Fertilitätsraten bei Reichen historisch belegbar und allgemeingültig ist.
Schlüsselwörter
Fertilitätsraten, Demographie, Malthusische Falle, Vorindustrielle Gesellschaft, Soziale Mobilität, Testamente, Geburtenkontrolle, Bevölkerungsentwicklung, Historische Ökonomie, Ernteausfälle, England, China, Neufrankreich, Bevölkerungswachstum, Lebensstandard.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die historische Annahme, dass wohlhabende Bevölkerungsschichten vor der industriellen Revolution eine signifikant höhere Anzahl an Nachkommen hatten als arme Bevölkerungsteile.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das Malthusische Bevölkerungsmodell, die Rolle von Erbschaftsdaten, kulturelle Einflussfaktoren auf die Fortpflanzung sowie die Auswirkungen kurzfristiger Krisen wie Ernteausfälle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die empirische Evidenz für die höhere Fertilität der Reichen in verschiedenen Regionen (England, China, Kanada) zu prüfen und zu bewerten, ob diese Theorie als universell gültig betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ökonomische Analyse, die auf der Auswertung historischer Datenquellen basiert, wie z.B. Testamenten, Kirchenbüchern und demographischen Aufzeichnungen aus der Qing-Dynastie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Studien zu England (Testamentanalyse), China (Qing-Dynastie-Aufzeichnungen), Kanada (Neufrankreich) sowie europäischen Städten wie Aarhus und Rouen diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fertilitätsraten, Malthusische Falle, demographischer Wandel, soziale Schichtung und historische ökonomische Analysen.
Wie unterscheidet sich die Geburtenkontrolle in Asien von Europa?
Während in Westeuropa das späte Heiraten als Hauptmechanismus diente, spielten in China neben kulturellen philosophischen Einflüssen auch explizite Maßnahmen während der Ehe eine Rolle.
Warum liefert die Studie zu Neufrankreich ein „unerwartetes Ergebnis“?
Entgegen der ursprünglichen Annahme zeigte die Analyse, dass dort wirtschaftlicher Erfolg nicht zwingend mit einer höheren Nachkommenschaft einherging, was auf spezifische lokale Faktoren und Lebensumstände zurückzuführen ist.
- Quote paper
- Bachelor of Science in Volkswirtschaftslehre Jonathan Grothaus (Author), 2012, Klassenunterschiede in den historischen Fertilitätsraten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191682