Grundlagen der Prototypensemantik


Seminararbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Horizontale Dimension
1.1 Roschs Prototypentheorie
1.2 Zusammenhang Kognition und Sprache
1.3 Prototypensemantik/ Prototyp
1.3.1 Merkmale
1.3.2 Bildung

2. Vertikale Dimension (Merkmale der Basisebene)

3. Die erweiterte Version der Prototypensemantik (Kleiber)
3.1 Prototypische Effekte
3.2 Familienähnlichkeit
3.3 Polysemie

4. Vor- und Nachteile der Prototypensemantik

1. Die horizontale Dimension

1.1 Roschs Prototypentheorie

Der (historische) Ursprung der Prototypentheorie liegt nicht im Bereich der Linguistik, sondern in der Psychologie. Sowohl die Anthropologen Berlin/Kay als auch die Psychologin Eleanor Rosch fanden in den 1970er Jahren heraus, dass es kultur- und sprachunabhängige beste Vertreter der Kategorie FARBE gibt – die sogenannten Fokalfarben. So bezeichneten Berlin/Kay und Rosch z.B. die Fokalfarbe „Blutrot“ als Prototyp der Kategorie ROT.

Alsbald wurden die psychologischen Grundlagen der Prototypenforschung auf die linguistische Semantik übertragen. Hier stellte sie eine willkommene Ergänzung zur strukturellen und traditionell logischen Semantik dar. (Busse 2009)

Kognition und Sprache

Bevor die Prototypentheorie und die davon abzugrenzende strukturelle Semantik vorgestellt werden, ist es notwendig, einige Termini zu klären.

Die Prototypentheorie gehört zu der Disziplin der kognitiven Semantik. In den kognitivistischen Ansätzen wird die menschliche Kognition als die Menge aller geistigen Strukturen und Prozesse angesehen, mit denen wir Informationen aufnehmen, abrufen und verändern (vgl. Schwarz/Chur 2004).

Die Informationen werden dabei mit Hilfe von Konzepten organisiert, die Schwarz (2008) als mentale Einheiten definiert, die das Wissen über die Welt speichern. Konzepte ergeben sich nicht einfach aus der Addition einzelner Exemplare (z.B. der Baum im Garten und der Baum im Wald), sondern sie entstehen dadurch, dass man von den individuellen Objekten abstrahiert und nur deren gemeinsame Merkmale extrahiert. Dies geschieht im Wesentlichen durch zwei Prinzipien: Das Prinzip der Identität lässt den Menschen ein Objekt zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten als dasselbe Objekt erkennen - z.B. identifiziert man seine Jacke auch noch in zwei Wochen an einem Haken in der Universität als die eigene Jacke, obwohl diese normalerweise nur zu Hause auf dem Haken hängt. Das Prinzip der Äquivalenz ermöglicht die Klassifizierung von zwei verschiedenen Objekten als Vertreter einer Klasse - z.B. werden die Eiche im Garten und die Birke im Wald als Exemplare der Klasse BAUM erkannt. Geht man über die konkreten, individuellen Erfahrungen und Objekte hinaus, spricht man von einer Kategorisierung. Nur mit Hilfe von Kategorisierungen ist ein effektives Handeln und Verstehen möglich, denn wenn jedes Objekt einzigartig bliebe, würde die Umwelt für die Menschen ziemlich chaotisch und unübersichtlich sein.

Ein zentraler Begriff bleibt nun noch zu klären, und zwar der Bedeutungsbegriff. Laut Schwarz/Chur (2004) sind Bedeutungen versprachlichte, mit Wortformen belegte Konzepte. Jede Bedeutung ist demnach ein Konzept, aber nicht jedes Konzept ist auch eine Bedeutung. So gibt es Konzepte, denen kein sprachlicher Ausdruck zuzuordnen ist. Beispielsweise gibt es kein Wort für den Zustand des ‚nicht mehr durstig Seins’, wobei das Wort „satt“ für den Zustand des ‚nicht mehr hungrig Seins’ durchaus existiert.

Strukturelle Semantik

In der strukturellen Semantik geht man davon aus, dass die lexikalische Bedeutung aus einem Bündel von notwendigen und hinreichenden semantischen Merkmalen (Seme) besteht. Diese Merkmale haben eine distinktive Funktion, d.h. sie grenzen Wortbedeutungen voneinander ab. So wird z.B. durch das Merkmal ‚weiblich’ die Bedeutung der Kategorie FRAU von der Bedeutung der Kategorie MANN unterschieden. Die Seme sind also binär konzipiert: Jede Bedeutung wird durch die An- bzw. Abwesenheit einer bestimmten Anzahl von Merkmalen beschrieben. Gleichzeitig wird damit ausgesagt, dass im traditionell logischen bzw. Aristotelischen Modell die Kategorien Entitäten mit scharf umrissenen Grenzen sind. Entweder ein Objekt gehört zu einer Kategorie und erfüllt die notwendigen und hinreichenden Bedingungen, oder nicht. Außerdem werden die Mitglieder einer Kategorie als äquivalent betrachtet, denn da jedes Mitglied einer Kategorie alle Merkmale erfüllt, gibt es kein Exemplar das „besser“ oder „typischer“ ist als die anderen. (zum gesamten Abschnitt vgl. Kleiber 1998)

Die Prototypentheorie

Die Prototypentheorie definiert die lexikalische Bedeutung nun nicht mehr als Ensemble von notwendigen und hinreichenden Bedingungen, sondern geht davon aus, dass sie prototypisch strukturiert ist. Rosch übertrug die Typikalitätseffekte, die sie bei perzeptuellen Kategorien herausgefunden hatte, auf semantische Kategorien. War der Prototyp in einer ersten Definition von Rosch noch das beste Exemplar einer Kategorie über das interindividueller Konsens herrschte, stellte Rosch bald eine revidierte Definition auf, die den Prototypen als eine aus typischen Attributen zusammengesetzte Entität bestimmte (vgl. Kleiber 1998).

Merkmale der Prototypensmenatik (Kategorienbildung)

Im Folgenden werden weitere signifikante Merkmale der Prototypensemantik und insbesondere die Kategorienbildung auf der Basis des Prototypenbegriffs näher erläutert. Da in der Forschungsliteratur ein weitgehender Konsens über die Charakteristiken der Prototypensemantik besteht, werde ich mich aufgrund der Aktualität auf die vier wesentlichen von Dirk Geerarts (2010) herausgearbeiteten Merkmale von Prototypikalität beziehen.

Ein erstes Kriterium, das Geerarts anführt, ist dass prototypisch organisierte Kategorien nicht auf der Basis eines einzigen Merkmalbündels definiert werden können. Kategorien werden also nicht durch die Verbindung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen bestimmt, denn diese reichen oft nicht aus, um die Kategorie von anderen Kategorien abzugrenzen. So ist z.B. das Merkmal ‚essbarer Keim-tragender Teil einer Pflanze’ notwendig für die Kategorie FRUCHT, da es bei allen Mitgliedern der Kategorie FRUCHT auftaucht, aber es trifft auch auf Mitglieder anderer Kategorien, wie z.B. „Erbsen“ (die zur Kategorie GEMÜSE gehören) auf. Geerarts spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „intensional non-discreetness“ (intensionale Unschärfe). Dieser Ausdruck meint, dass die Kategorien auf der Ebene des Begriffs inhalts schwer voneinander abzugrenzen sind. Vielmehr ergibt sich die Zugehörigkeit zu einer Kategorie aus dem Grad der Ähnlichkeit mit dem Prototyp, versteht man diesen als kognitiven Bezugspunkt für die Kategorie. Außerdem operiert man in der Prototypensemantik nicht mit der Verifikation von einzelnen Merkmalen, sondern mit der gesamten (holistischen) Vorstellung. Beispielsweise ist ein Baum X in seiner Gesamterscheinung ein Baum und nicht weil er die Merkmale ‚trägt grüne Blätter’ und ‚besitzt einen Stamm’ aufweist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Grundlagen der Prototypensemantik
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V191694
ISBN (eBook)
9783656167860
ISBN (Buch)
9783656168577
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Semantik, Prototyp, Prototypensemantik, Rosch, Blank, Prototypentheorie, Vertikale Dimension, Horizontale Dimension, Familienähnlichkeit, Polysemie, Vorteile, Nachteile
Arbeit zitieren
I. Meyer (Autor), 2011, Grundlagen der Prototypensemantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191694

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