Sextourismus - Eine spezielle Form der soziokulturellen Zerstörung


Bachelorarbeit, 2002
80 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

1. Einleitung

1.1. Sextourismus als spezielle Form der soziokulturellen Zerstörung

Bedingt durch die schwachen wirtschaftlichen Verhältnisse in vielen Ländern Asiens, Afrikas, Südamerikas sowie Mittel- und Osteuropas, sind die Lebensumstände der ärmeren Bevölkerungsschicht schlecht.

Angezogen durch den Reichtum der Touristen in sogenannten Touristenhochburgen verlieren immer mehr Menschen den Bezug zur Legalität und zu ihrer eigenen menschlichen Würde und versuchen, durch den Verkauf ihres Körpers, der Armut zu entkommen.

Obwohl sich die Tourismusbranche heutzutage durchaus mit den negativen Auswirkungen des Reiseverhaltens für die besuchten Destinationen beschäftigt, bleibt ein wichtiges Thema weitaus unbeachtet und verdrängt: der sogenannte Sex- oder Prostitutionstourismus.

Es ist unbestritten, dass in vielen Entwicklungsländern Sextouristen eine wichtige ´Kundengruppe´ darstellen, jedoch sind es meist nicht die Touristen, sondern die Einheimischen, die den Löwenanteil der Kunden darstellen.

Das entlastet westliche Touristen jedoch nicht!

Prostitutionstourismus ist im wesentlichen eine von wohlhabenden, meistens weißen Männern betriebene Art des Reisens, die den sexuellen Kontakt beziehungsweise die sexuelle Misshandlung von leicht verfügbaren, meist ärmeren Frauen, Männern oder Kindern, zum Ziel hat.

1.2. Fragestellung

Im Verlauf dieser Arbeit wird der Sextourismus in sämtlichen Facetten betrachtet mit dem Ziel, die Ursachen herauszufinden, die Entwicklung und die Verbreitung zu beleuchten sowie die Folgen dieser Form von Tourismus herauszuarbeiten.

1.3. Gang der Untersuchung

In der vorliegenden Arbeit soll das zunehmend an Bekanntheit gewinnende Phänomen des Prostitutions- bzw. Sextourismus näher betrachtet werden.

Nachdem zu Beginn der Arbeit der Begriff Sextourismus und seine diversen Formen erläutert werden, stellt das 3. Kapitel die Frage ´Wer ist ein Sextourist?´.

Um diese Frage zu beantworten, werden verschiedene Gruppen von Sextouristen analysiert – unterstützt von einer abschließenden psychoanalytischen Klassifizierung.

Nach ausführlicher Beschreibung der Basisgrundlagen, arbeitet das 4. Kapitel die wichtigsten Voraussetzungen, welche die Verbreitung des Prostitutionstourismus erst ermöglichen, heraus und erläutert diese.

Hierbei werden sowohl allgemeine, als auch politische und werbetechnische Maßnahmen in Betracht gezogen.

Das 5. Kapitel analysiert die Verbreitung des Prostitutionstourismus. Obwohl dieses Phänomen nahezu weltweit anzutreffen ist, konzentriert sich dieser Arbeitsteil auf die Länder-Fallbeispiele, welche einen speziellen Einfluss auf die Entstehung des Sextourismus hatten und welche in der heutigen Zeit als besonders problematisch gelten.

Nachdem in dem vorangegangenen Kapitel auf die Verbreitung des Phänomens eingegangen wurde, befasst sich das 6. Kapitel mit dessen Folgen.

Beleuchtet werden die Folgen für die Betroffenen sowie für die Destination, wobei nicht nur die negativen sondern auch die positiven Folgen betrachtet werden.

Im Verlaufe der Arbeit wird erwähnt, dass der Tourismus zwar nicht unmittelbare Ursache für die starke Ausweitung des Prostitutionstourismus ist, daran aber einen erheblichen Anteil hat.

Daher geht das 7. Kapitel auf wichtige nationale und internationale Tourismus- und Hilfsorganisationen ein, welche diese Problematik erkannt und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen haben.

Abschließend werden diverse Schlussfolgerungen, die sich im Laufe des Verfassens ergeben haben, erörtert und zu einem Fazit zusammengefasst.

2. Was ist Sextourismus?

Zu Beginn dieser Arbeit geht dieses Kapitel auf den Begriff Sextourismus ein, mit dem Ziel diese spezielle Reisemotivation zu definieren und ihre verschiedenen Formen zu erläutern.

2.1. Definition Sextourismus

Den Begriff Sex- oder Prostitutionstourismus zu erklären, ist nicht immer ganz einfach, da die Grenzen verschwimmen.

Definitionen für Sextourismus existieren kaum, doch laut eines schweizerischen Lexikons wird unter diesem Begriff folgendes verstanden:

„Sextourismus – Bezeichnung für eine Urlaubs-/Reiseform, die der ´Tourist´ mit dem Ziel sexueller Abenteuer übernimmt. Gängige Ziele des Sextourismus sind vor allem die sehr armen Länder der dritten Welt, in denen der Sextourist seine Bedürfnisse auf billige Weise erfüllen kann. Sextourismus gilt als moderne Form der Prostitution. Zwischen ´Freier´ (Sextourist) und Prostituierter (einheimisches Mädchen/Frau) entsteht in der Regel allerdings eine längere Beziehung als bei Prostituierten in den Industrieländern. Der Freier hat dadurch eher das Gefühl einer (befristeten) Partnerschaft. Dennoch nimmt bei vielen Sextouristen auf Dauer die ´Verdinglichung´ zu: Sie sehen in den Frauen nur noch billige (preiswerte) Lustobjekte, die sie sich wie Waren aussuchen und die ihnen vollkommen willig sind.

Sextouristen zählen zu der allerhöchsten Risikogruppe für Aids-Infektionen. Gerade in den Ländern des Sextourismus ist Aids besonders weit verbreitet. Untersuchungen zufolge haben sich 10 % aller aids-infizierten deutschen Männer während eines ´Sex-Urlaubs´ angesteckt.“[1]

Zwar gibt diese Definition einen allgemeinen Eindruck des Prostitutionstourismus, doch werden wichtige Aspekte ausgelassen. So wird z.B. davon ausgegangen, dass es nur männliche Sextouristen gibt – jedoch hat sich diese Reisemotivation mittlerweile auch bei Frauen durchgesetzt.

Auf diese feinen Unterschiede wird diese Diplomarbeit im weiteren Verlauf eingehen und es somit ermöglichen, die Definition in vielen Aspekten zu ergänzen und zu verdeutlichen.

2.2. Formen des Sextourismus

Auch wenn zu Beginn keine ausreichende Definition des Begriffes Sextourismus gegeben werden kann, können jedoch mehrere Formen dieser Reiseart unterschieden werden.

2.2.1. Sex gegen Entlohung

Darunter wird die am weitesten verbreitete Kontaktform der Prostitution verstanden, bei der der Geschlechtsverkehr auf einem gefühlsneutralen ökonomischen Austausch basiert.

Diese Prostitutionsart ist in der Regel nur von sehr kurzer Dauer, beide involvierten Personen sind sich dessen auch bewusst. Der Freier ist demnach an dem rein sexuellen Akt interessiert und die sich prostituierende Person an der Entlohnung.[2]

2.2.2. Sex gegen Entlohnung unter dem Deckmantel der Beziehung

Auch in diesem Fall steht der sexuelle Kontakt mit ökonomischen Austausch an erster Stelle, jedoch versucht die sich prostituierende Person eine emotionale Atmosphäre zu schaffen, um vom Freier den maximalen finanziellen Gewinn zu erlangen.[3]

D.h. obwohl der Freier den Wunsch nach einer ernsthaften emotionalen Beziehung hat, ist die sich prostituierende Person nur an dessen finanziellen Mitteln interessiert.

2.2.3. Emotionale Beziehung mit ökonomischem Austausch

Diese Kontaktform ist eine weitere Variante des vorangegangen ´Sex gegen Entlohnung unter dem Deckmantel der Beziehung´. Der Unterschied liegt darin, dass sich in dieser Situation beide Partner aufeinander einlassen und nicht der ökonomische Austausch an erster Stelle steht, sondern eine leichte emotionale Bindung an den Partner stattfindet.[4]

Beide beteiligten Personen müssen bei dieser Kontaktart gleiches empfinden, damit die ´echten´ Gefühle erwidert werden können.

Wichtig ist jedoch, dass die involvierten Personen den eigentlichen Ursprungszweck ihrer Beziehung nicht vergessen und der ökonomische Austausch auf jeden Fall stattfindet.

Meist geht in diesen Fällen der ökonomische Austausch auch weit über die Beziehungsdauer hinaus. Ist der Freier wieder abgereist, sorgt er in vielen Fällen noch über einen längeren Zeitraum für finanzielle Unterstützung des zurückgelassenen Partners.

2.2.4. Emotionale Beziehung mit sozialem Austausch

Diese Beziehung ist im eigentlichen Sinne nicht mehr dem Sextourismus zuzuordnen.

Der anfängliche Kontakt basiert zwar auf dem Ziel des ökonomischen Austauschs, jedoch entwickeln beide Personen eine solch starke emotionale Bindung zueinander, dass dieser Austausch letztendlich zum Erliegen kommt und nur noch die reale emotionale Beziehung wichtig ist.

Diese Form ist die seltenste, da die meisten sich prostituierenden Personen gezwungen sind, auch weiterhin - wenn der Partner wieder abgereist ist - die Familie oder zumindest sich selbst zu ernähren und für den Lebensunterhalt zu sorgen.

2.3. Verschiedene Formen der Prostitution

Nachdem im vorangegangen Kapitel die verschiedenen Formen des Sextourismus erörtert wurden, wird dieses Kapitel die sich prostituierenden Personen bzw. die verschiedenen Formen der Prostitution vorstellen.

2.3.1. Frei arbeitende Prostituierte

Diese Personen nehmen in der Regel selbständig Kontakt zu den Touristen auf. Sie sind meistens in der Lage, besondere Anforderungen des Gegenübers zu erfüllen: Sie sprechen teilweise mehrere Sprachen und besitzen Einfühlungsvermögen gegenüber ihren Kunden.

Diese Selbständigkeit hat den Vorteil, dass die Prostituierten selber entscheiden können, wann und vor allem mit wem sie in sexuellen Kontakt treten möchten.

Ihr Einkommen ist in der Regel höher als das von angestellten Prostituierten, da sie keine Abgaben an Zuhälter zu zahlen haben,[5] doch des Öfteren sehen sie sich gezwungen enorme Summen für Schweigegeldzahlungen an Polizisten, Bestechungsgelder an Bar- und Hotelbesitzer und Vermittlungsgelder an Taxifahrer zu bezahlen.[6]

Freischaffende Prostituierte streben in vielen Fällen gezielt Beziehungen von einigen Wochen an und sind nicht immer eng in die straffe Organisation der Touristenprostitution eingebunden.[7]

2.3.2. Festangestellte Prostituierte

Diese Personen sind entweder in einem Bordell oder in einer Bar festangestellt.[8]

In der Regel muss der Freier die Prostituierte gegen ein Entgelt beim Zuhälter auslösen.

Die Problematik bei diesem Arbeitsverhältnis besteht darin, dass das Angebot an Frauen sehr groß ist und sie sich in jeder Hinsicht an den Kunden anpassen müssen, um erfolgreich zu sein.

Angestellte Prostituierte erhalten außerdem nur einen sehr geringen Anteil des Geldes, das die Freier bezahlen. In vielen Fällen sind sie sogar verpflichtet ´Ausfallzahlungen´ zu leisten, falls sie einmal krank sein sollten oder nicht genug Freier anziehen.

2.3.3. ´Open-ended´ Prostitution

Als letzte Prostitutionsform wird die sogenannte ´open-ended´ Prostitution verstanden.[9]

Bei dieser Form wird versucht, das Verhältnis zwischen der Prostituierten und dem Kunden auf einen längeren Zeitraum auszudehnen (d.h. falls die sich prostituierende Person selber keine Gefühle für den Freier haben sollte, wird sie zumindest versuchen, eine emotionale Bindung von Seiten des Freiers aufzubauen)[10].

Das hat den Vorteil, dass die Prostituierten ihre Geschlechtspartner nicht wechseln muss, der Kunde in der Regel für alle Kosten aufkommt und häufig sogar über seine Anwesenheit im Reiseland hinaus aus dem Heimatland finanzielle Unterstützung bietet.

3. Wer ist ein Sextourist?

Ebenso wie es sich in Kapitel 2.1. als schwierig herausstellt, eine vollständige Definition des Begriffs Sextourismus zu geben, ist es sehr kompliziert, eine einheitliche Definition des Begriffs Sextourist zu finden.

In diesem Kapitel wird der Sextourist vorgestellt und charakterisiert.

3.1. Definition Sextourist

Ist jeder Reisende, der in seinem Urlaub sexuellen Kontakt zu einem anderen Menschen hat, ein Sextourist?

Diese Annahme würde bedeuten, dass jeglicher sexueller Kontakt im Urlaub mit einer anderen Person, die nicht in fester Bindung mit dem Urlauber steht, verurteilt werden darf.

Laut dem deutschen Bundesministerium für Gesundheit werden unter Sextouristen alle Reisenden verstanden, die in einer fremden Destination „materiell belohnte, sexuelle Kontakte mit einheimischen Partnern haben“.[11]

Es gilt jedoch zu unterscheiden, dass dem Geschlechtsverkehr verschiedene Bedeutungen zugeordnet werden. Es gibt jene Touristen, die ausschließlich wegen der Möglichkeit des preisgünstigen Sex in die dafür typischen Länder reisen; es gibt jedoch auch solche, die den Geschlechtsverkehr nur als ´Zusatzattraktion´ sehen und sich spontan dazu entschließen, ohne dies vorher geplant zu haben (sogenannte ´Gelegenheitskunden´).[12]

Es wäre sehr oberflächlich, Touristen, die sexuellen Kontakt zu Einheimischen haben, als Sextouristen zu bezeichnen. Um eine genauere Begriffsdefinition vornehmen zu können, müssen weitere Faktoren, welche im Verlauf dieser Arbeit erläutert werden, in Betracht gezogen werden.

Eines jedoch haben die genannten Touristen gemeinsam: Sie sind bereit, für den sexuellen Kontakt ein Entgelt zu verrichten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1

(Quelle: URL:www.terredeshommes.de)

3.2. Verschiedene Gruppen von Sextouristen

Im vorangegangen Kapitel wurde deutlich, dass eine Definition des Begriffes Sextourismus zwar nicht ohne weiteres möglich ist, hingegen die verschiedenen Gruppen von Sextouristen sehr wohl charakterisiert werden können.

3.2.1. Heterosexuelle Männer

Sextouristen lassen sich in allen Einkommens- und Sozialschichten finden und sind überwiegend Männer.

Den größten Teil aller tätigen Sextouristen stellen heterosexuelle Männer dar, die im Urlaub den sexuellen Kontakt zu weiblichen Einheimischen suchen.

3.2.2. Homosexuelle Männer

Auch der Sextourismus unter homosexuellen Männern findet in der heutigen Zeit immer größeren Anklang, da ein Coming-Out im Heimatland für viele noch immer sehr schwierig ist.

Problematisch ist in diesem Fall die starke Verbindung zu pädophilen Sextouristen (Kapitel 3.2.4.).

Schwule Sextouristen fallen im Urlaub nicht immer als solche auf, da sie vor Ort Schwulentreffpunkte (Kinos, Bars, Parks, etc.) aufsuchen, um dort Aktivitäten nachzugehen, die sie daheim ebenfalls praktizieren: anonymen Sex mit anderen Männern.

Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, einen sexuellen Partner in der professionellen Szene anzutreffen (gegen ökonomischen Austausch).

Zu den bevorzugten Reisezielen homosexueller Sextouristen zählen: Algerien, Brasilien, Indonesien, Marokko, die Philippinen, die Tschechische Republik, Tunesien, Ungarn, Mykonos, Gran Canaria sowie Ibiza.[13]

3.2.3. Weibliche Sextouristen

Der Sextourismus ist, wie er aus den Medien bekannt ist, untypisch und zumeist auch unrealisierbar für Frauen, jedoch sollte diese Zielgruppe keineswegs außer Acht gelassen werden.

Sextouristinnen zielen nicht hauptsächlich auf den sexuellen Verkehr ab, sondern sind in den meisten Fällen an einer emotionalen Bindung interessiert.

Bis heute gibt es noch immer sehr wenig Untersuchungen zu weiblichen Sextouristinnen, doch lässt sich ihr Erscheinungsbild durchaus beobachten.

Der Anteil der Frauen, die aus Gründen des flüchtigen (sexuellen) Abenteuers mit Einheimischen ihren Urlaub in Dritte-Welt-Ländern verbringen, z.B. in der Karibik, Mexiko oder auch Tunesien, liegen laut Schätzungen bei ca. 10 %.[14]

Befragungen haben ergeben, dass diese Frauen jeden Alters und jeder gesellschaftlichen Schicht alles dafür geben, möglichst oft in die Destination zu reisen, um dort ein paar Tage mit fremden Männern verbringen zu können.

Auffällig ist, dass weder Aussehen oder Alter noch gesellschaftliche Stellung des ausgesuchten Partners eine große Rolle zu spielen scheinen.

So sind z.B. in Djerba, Tunesien, die ´Auserwählten´ in der Regel Pferdehalter, Kofferträger oder Küchenpersonal – in Führungsschichten tätige Männer sind kaum anzutreffen.[15]

Ebenfalls erscheint es interessant, dass Prostitutionstouristinnen in wenigen Fällen ihre Macht gegenüber dem ´gekauften´ Partner demonstrieren, sondern sich eher den Wünschen des Gegenübers unterwerfen (unter dem Deckmantel ´Verständnis für den kulturellen Hintergrund des Mannes´).[16]

3.2.4. Pädophile Sextouristen

Es gibt wohl keine Form des Tourismus, die weltweit soviel Ablehnung hervorruft, wie der Kindersextourismus.

Kinderprostitution betrifft Kinder, die von ihren Familien verkauft oder durch Kinderhändler verschleppt und anschließend verkauft werden, bis hin zu Jugendlichen, die sich ´freiwillig´ verkaufen, um das eigene und das Überleben der Familie zu sichern.[17]

Ausgebeutet werden weltweit vor allem Mädchen aus armen Familien im Alter von 14 bis 18 Jahren. Diese Altersgrenze verschiebt sich jedoch kontinuierlich nach unten.[18]

Traurige Ursache dieses Trends ist vor allem die Annahme, dass die Wahrscheinlichkeit einer Aids-Infektion mit zunehmendem Alter der sich prostituierenden Personen höher wird.

Grund dieses ´Trugschlusses´ ist die naive Annahme, dass eine junge sich prostituierende Person zwangsläufig mit weniger Freiern in sexuellen Kontakt kommt und somit die Ansteckungsmöglichkeiten geringer sein müssen. Unterstützt wird dieser trügerische Trend von der weitverbreiteten Abneigung vieler Freier gegenüber Kondomen.[19]

UNICEF gibt die Zahl der Kinderprostituierten weltweit mit zwei bis drei Millionen an[20] (Schätzungen zufolge liegt die Dunkelziffer jedoch deutlich höher).

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, da sich empirische Untersuchen meist auf kleine Stichproben beziehen, die zu Schätzungen hochgerechnet werden:

- Thailand: etwa 200.000 Kinderprostituierte; Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sprechen von bis zu 800.000; Es handelt sich vorwiegend um Mädchen, aber der Anteil der Jungen nimmt stetig zu

- Philippinen: etwa 40.000 bis 60.000; davon sind zwei Drittel männliche Prostituierte
- Sri Lanka: etwa 30.000 männliche Prostituierte unter 15 Jahren
- Brasilien: etwa 500.000, 90 % weibliche Prostituierte
- Indien: etwa 400.000
- Kenia: etwa 25.000
- Ehemaliger Ostblock: das organisierte Sexbusiness rekrutiert hauptsächlich in Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien, in Tschechien und der Slowakei[21]

Neben dem pädophilien Prostitutionstourismus in den Ursprungsländern ist auch der Handel mit Kindern zu gewerblichen sexuellen Zwecken durch organisierte Netzwerke zu betrachten.

Aufgrund der Verarmung vieler Länder werden immer mehr Kinder über die Grenzen hinweg gehandelt, mit dem profitablen Ziel, die Kinder im ´Sex-Service-Sektor´ arbeiten zu lassen.

Sie werden z.B. für die Herstellung von Kinderpornographie ´benötigt´ und laut UNICEF und INTERPOL lassen Untersuchungen über illegale Adoptionen vermuten, dass auch sie zum Teil ein Mittel sind, die Kinder sexuell auszubeuten.[22]

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es im Kontext der sexuellen Ausbeutung von Kindern nicht um Sex, sondern um die Demonstration sexueller Macht geht.

Selbst dort, wo Kinder sich anbieten und den Anschein von Freiwilligkeit erwecken, darf ihre Situation nicht ausgenutzt werden. Denn Kinder sind nicht in der Lage, die Tragweite dessen, was ihnen geschieht, abzusehen.[23]

3.3. Psychoanalytische Klassifizierung der Sextouristen

Erwähnenswert ist die psychoanalytische Klassifizierung der Sextouristen (hauptsächlich in Asien) durch die Psychologin Berit Latza im Rahmen einer Forschungsarbeit über Prostitution und Sextourismus.

Ihrer Klassifizierung zufolge lassen sich hauptsächlich sechs verschiedene Typen von Sextouristen unterscheiden. Nicht jeder Sextourist kann einem bestimmten Typ zugeordnet werden, aber es ist möglich, bestimmte Haupttendenzen der Personen herauszufiltern.

3.3.1. Der anal-sadistische Typ

Seine Hauptmotivation ist die Demonstration von Macht gegenüber einer Frau, die sich ihm unterwerfen soll (Herr-Sklavin-Beziehung).

Er ist oft beruflich erfolgreich, was in privater Hinsicht selten der Fall ist; daher sucht er im Urlaub den ´sexuellen Ausgleich´.

3.3.2. Der oral-regressive Typ

Dieser Typ Mensch hat in seiner Kindheit in der Regel nicht ausreichend Zuwendung erhalten. Er hat das Grundgefühl, nicht genügend geliebt zu werden.

Im Urlaub strebt er dadurch im Regelfall eine Dauerbeziehung an, ist sehr liebevoll und dankbar für die ihm zugedachten ´Behandlung´ und zeigt sich finanziell großzügig.

3.3.3. Der schizoide Typ

Der schizoide Typ hat Angst vor der Liebe, Gründe hierfür können zuwenig elterliche Zuneigung oder kontinuierliche Zurückweisung von Zuwendungsbedürfnissen sein.

Er ist zu erkennen an seinem nach innen gerichteten Blick, an seiner Verschlossenheit und an seinen Fluchttendenzen, sobald er sich eingeengt fühlt.

Daher sucht er im Urlaub eine sexuelle Beziehung ohne die Gefahr einer gefühlsmäßigen Bindung.

3.3.4. Der defizitäre Typ

Dieser Typ Urlauber sucht in seinem auserwählten Beziehungspartner Attribute, die er selber nicht (mehr) aufzuweisen hat.

Demnach sucht er eine/n Partner/in, welche/r ihm Selbstvertrauen und das Gefühl der Begehrlichkeit vermittelt.

In der Regel bezahlt er nicht gerne für erhaltene Leistungen, da er den ökonomischen Austausch als Kränkung seines Selbstwertgefühls versteht.

3.3.5. Der phallische Typ

Er selber schätzt sich als modernen Mensch mit besonderen sexuellen Kräften ein (d.h. er ist stolz auf seine Potenz und möchte seine/n Partner/in von seiner ´Kunst´ überzeugen).

In der Regel ist dieser Typ von einer emotionalen Leere geprägt, die keinerlei schlechtes Gewissen zulässt – obwohl der Geschlechtsverkehr käuflich ist und nicht immer auf freiwilliger Basis stattfindet.

3.3.6. Der gehemmte Typ

Dieser Mensch ist alleine nicht in der Lage, Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen und sucht demnach im Urlaub die Möglichkeit, selber von einer/m Partner/in erobert zu werden, um seine Bedürfnisse und Phantasien ausleben zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2

(Quelle: Launer, E.: ´Zum Beispiel Sextourismus´, 1997)

4. Voraussetzungen für die Entwicklung des Sextourismus

Prostitution existiert heute in allen Gesellschaften, auch wenn versucht wird, sie öffentlich zu verleugnen oder totzuschweigen.

Die meisten Gesellschaften tun sich bei der Auseinandersetzung mit der Prostitution und ihren Ursachen äußerst schwer. Daher wird dieses Kapitel die wichtigsten Voraussetzungen, welche die Verbreitung des Prostitutionstourismus ermöglichen, herausarbeiten und erklären.

Dabei gilt es zu beachten, dass in allen Ländern, in denen Prostitution offiziell verboten ist, eine Diskrepanz zwischen offiziellen Angaben (z.B. der Regierung) und anderweitig erhobenen Daten (z.B. Untersuchungen von Hilfsorganisationen) festzustellen ist.

4.1. Allgemeine Voraussetzungen

- Als wichtigste Voraussetzung gilt die Entwicklung des Massentourismus und eine hervorragende touristische Infrastruktur in den Zielgebieten, durch die der Sextourismus ermöglicht und für jedermann zugänglich gemacht wird.

Als Rahmenbedingungen der globalen touristischen Expansion erscheinen die folgenden als die wichtigsten Voraussetzungen:

- „Steigende Realeinkommen stetig größerer Bevölkerungsteile, denen es zunehmend möglich wurde, wachsende Einkommensteile für nicht lebensnotwendige Güter, z.B. für Urlaubsreisen, auszugeben.
- Sinkende Jahres- und Lebensarbeitszeiten ermöglichen die Realisierung der Reise während des Jahresurlaubs und erklären die ´Reisefreudigkeit´ älterer Touristen wesentlich mit [...].
- Technologische Entwicklungen im Verkehrswesen, vor allem im Flugverkehr, wie insbesondere die Einführung von kosten- und zeitgünstigen großräumigen Langstreckenjets. Auch die wachsende Motorisierung, Entwicklungen in der Kreuz- und Fährschifffahrt, im Bahn- und Autoverkehr haben den Tourismus begünstigt.
- Die zunehmende Liberalisierung im grenzüberschreitenden Verkehr wie erleichterte Einreise-, Zoll- und Devisenbestimmungen.
- Die Entstehung einer global operierenden Reiserverkehrswirtschaft, wie sie sich augenfällig in den transnationalen Hotelketten und Reisekonzernen oder der Kooperation von Luftverkehrsgesellschaften manifestiert.
- Die technologische Entwicklung im Kommunikationswesen, wie vor allem die Entstehung globaler und effizienter Computerreservierungssysteme.“[24]
- Eine weitere wichtige Voraussetzung, die gegeben sein muss, ist die Anonymität in der Urlaubsdestination. Das Aufsuchen einer Prostituierten kann im Ausland problemlos in öffentlichen Räumen geschehen (z.B. an der Straße, am Strand oder sogar im Hotel). Die soziale Kontrolle durch Familie, Bekannte, etc. ist nicht mehr gegeben und der Freier muss in der Regel nicht mit sozialen Sanktionen rechnen.[25]
- Für ein ´erfülltes Liebesleben´ werden Sprachbarrieren und fehlende Kenntnisse der anderen Kultur ebenfalls vorausgesetzt. Demnach kann der Freier seine Wünsche auf die dort lebende Frau projizieren, ohne dass diese von der Prostituierten überprüft werden können.[26]

Der Freier sucht anpassungsfähige Frauen, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen und keine eigenen Forderungen stellen (können).[27]

- Die Verarmung vieler Entwicklungs- oder Schwellenländer erlaubt es heutzutage allen Männern aus reichen Industrieländern, ihre sexuellen Wünsche durch fremde, (meist verarmte) Frauen erfüllen zu lassen; unabhängig von der Schichtzugehörigkeit der Männer in ihrem Heimatland.

4.2. Politische Voraussetzungen

Wie bereits mehrfach erwähnt, wurde der Sextourismus in vielen Ländern, in denen er weit verbreitet ist, in den Anfangsjahren von den Regierungen nicht nur unterstützt sondern regelrecht gefördert.

Besonders in Südostasien wird das Geschäft mit dem käuflichen Geschlechtsverkehr immer organisierter: In den letzten Jahren haben sich lokale, nationale und teilweise internationale Syndikate gegründet, welchen den Prostitutionssektor regelrecht beherrschen.

Diese Syndikate kontrollieren den Markt und die Marktentwicklung und finanzieren sich durch sogenannte Schutzzahlungen der im Sex-Service-Sektor tätigen Betriebe.[28]

Viele Bordell- oder Nachtclubbesitzer, welche nicht bereit sind, den Forderungen nachzukommen, müssen dies sogar mit dem Leben bezahlen.

Die Regierungen der betroffenen Länder jedoch bestreiten nicht nur solche katastrophalen Zustände sondern die Existenz des Prostitutionstourismus im Allgemeinen.

Es gilt zu erkennen, dass Sextouristen für manche Regierungen wichtige Devisenbringer sind und somit ein „notwendiges Übel, das es zwar offiziell im Sinne der Political Correctness zu bekämpfen, aber inoffiziell nicht zu behindern und wenn möglich gar zu fördern gilt.“[29]

4.3. Die Werbung als wichtige Voraussetzung

Es liegt nahe zu sagen, dass mit der Entwicklung des Massentourismus in den letzten 30 Jahren auch die sexuelle Ausbeutung hauptsächlich von Frauen und Kindern in den Destinationen einhergeht.

Touristen nahmen und nehmen auch heute noch Prostituierte so selbstverständlich in Besitz wie Strände und Hotels.

Mit dem Beginn des Massentourismus wurden besonders in Südostasien immer mehr Tourismuszentren als Sexparadies vermarktet, was durch den Einsatz verschiedenster Medien ermöglicht wurde.

4.3.1. Zeitschriften

Mit der touristischen Erschließung neuer Destinationen (besonders in Südostasien) in den 70er Jahren, erschienen immer wieder Artikelserien in Boulevardmagazinen, welche die Besonderheiten der Destinationen anpriesen: klischeehafte Darstellungen von anschmiegsamen und devoten Asiatinnen.[30]

Verstärkt wurden diese Klischees besonders durch zweifelhafte Pornomagazine, in denen immer öfter Asiatinnen als Trägerinnen einer angeblich hochentwickelten asiatischen Liebeskultur dargestellt wurden.

Untermalt wurde dies z.B. durch die Behauptung, dass Prostitution in Thailand eine religiöse Tätigkeit sei.[31]

Es sei jedoch festgehalten, dass nicht nur ´niveaulose´ Boulevardmagazine zur Verbreitung dieser Trugschlüsse beitrugen, sondern auch ´anspruchsvolle´ Zeitschriften, wie z.B. der Spiegel oder der Stern.

So erschienen auch in diesen Magazinen Artikel mit detaillierten Beschreibungen über die Zusatzleistungen, die ´Mann´ dort bekommen kann (z.B. Massagesalons), alles untermalt von eindeutig zweideutigen Fotografien.

Diese Zeitschriften, deren Hauptaufgabe es ist, auf gehobenem Niveau sachlich zu informieren, gaben nur in geringem Maße wichtige Hintergrundinformationen, welche die Ursachen und Folgen der Massenprostitution verdeutlicht hätten.[32]

[...]


[1] Zitat: URL:www.bdsm.ch/lexikon/sextour.html, 30.03.2001

[2] Vgl.: URL: www.waellisch.de/homes/PDF_Files/Sextourismus.pdf, 10.03.2002

[3] Vgl.: URL: www.waellisch.de/homes/PDF_Files/Sextourismus.pdf, 10.03.2002

[4] Vgl.: URL: www.waellisch.de/homes/PDF_Files/Sextourismus.pdf, 10.03.2002

[5] Vgl. Thiemann, H.: ökozid 5, „Eingeborene“-ausgebucht, 1989, S. 99

[6] Vgl. Maurer, M. : Tourismus, Prostitution, Aids, 1991, S. 62 ff.

[7] Vgl. agisra: Frauenhandel und Prostitutitionstourismus, 1990, S. 172

[8] Vgl. Thiemann, H.: ökozid 5, „Eingeborene“-ausgebucht, 1989, S. 99

[9] Vgl. Thiemann, H.: ökozid 5, „Eingeborene“-ausgebucht, 1989, S. 99

[10] Vgl. URL: www.waellisch.de/homes/PDF_Files/Sextourismus.pdf, 10.03.2002

[11] Zitat: Suchanek, N.: Ausgebucht - Zivilisationsfluch Tourismus, 2000, S. 61

[12] Vgl. Suchanek, N.: Ausgebucht - Zivilisationsfluch Tourismus, 2000, S. 62

[13] Vgl. Wuttke, G.: Kinderprostitution, Kinderpornographie, Tourismus, 1998, S. 90

[14] Vgl. Maurer, M. : Tourismus, Prostitution, Aids, 1991, S. 29

[15] Vgl. Klinckmüller, Jochen: Experteninterview per Email, Djerba, 20.03.2002

[16] Vgl. Wuttke, G.: Kinderprostitution, Kinderpornographie, Tourismus, 1998, S. 92

[17] Vgl. missio Werkmappe Weltkirche, Nr. 115, 2000, S. 5

[18] Vgl. missio Werkmappe Weltkirche, Nr. 115, 2000, S. 5

[19] Vgl. Scherer, B.: Special - Tourismus, 1995, S.53

[20] Vgl. missio Werkmappe Weltkirche, Nr. 115, 2000, S. 5

[21] Vgl. missio Werkmappe Weltkirche, Nr. 115, 2000, S. 6

[22] Vgl. URL: www.katholikentag.de/rueckblick/hamburg/do0024.html, 10.03.2002

[23] Vgl. Launer, E.: Zum Beispiel – Sextourismus, 1997, S. 37

[24] Zitat: Vorlaufer, K.: Tourismus in Entwicklungsländern, 1996, S. 33 ff.

[25] Vgl. Thiemann, H.: ökozid 5, „Eingeborene“-ausgebucht, 1989, S.95 ff.

[26] Vgl. Thiemann, H.: ökozid 5, „Eingeborene“-ausgebucht, 1989, S.95 ff.

[27] Vgl. ZDF-Dokumentation: Die Mädchen von Pattaya, 1999

[28] Vgl. Maurer, M. : Tourismus, Prostitution, Aids, 1991, S. 31

[29] Zitat Suchanek, N.: Ausgebucht - Zivilisationsfluch Tourismus, 2000, S. 61

[30] Vgl. Suchanek, N.: Ausgebucht - Zivilisationsfluch Tourismus, 2000, S. 61

[31] Vgl. Lipka, S.: Das käufliche Glück in Südostasien, 1985, S. 47 ff.

[32] Vgl. Lipka, S.: Das käufliche Glück in Südostasien, 1985, S. 47 ff.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Sextourismus - Eine spezielle Form der soziokulturellen Zerstörung
Hochschule
Cologne Business School Köln
Note
1,4
Autor
Jahr
2002
Seiten
80
Katalognummer
V191724
ISBN (eBook)
9783656180364
ISBN (Buch)
9783656180760
Dateigröße
1244 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alle Verzeichnisse hängen hinten an (Inhalts-, Abbildungs-, Quellenverzeichniss, etc.)
Schlagworte
Sextourismus, Sextourist, Thailand, Prostitution, Kinderprostitution, Call Boys, Geschlechtskrankheiten, Aids
Arbeit zitieren
Christine Rackey-Hocke (Autor), 2002, Sextourismus - Eine spezielle Form der soziokulturellen Zerstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191724

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