Kudrun als Anti-Kriemhilt?


Essay, 2009
3 Seiten, Note: 1,0

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Kudrun als Anti-Kriemhilt?

Um der Frage – ob Kudrun als eine Art Anti-Kriemhilt konzipiert ist – nachzugehen, bietet es sich an, beide Figuren anexponierten Stellen des Nibelungenlieds und der Kudrun zu untersuchen, um sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätzliches zu kennzeichnen. In der Forschungsliteratur wird die jüngere Kudrun-Dichtung als Antwort auf das Nibelungenlied gedeutet.[1] So liegt es nahe, dass die Kudrun nicht nur „an das Nibelungenlied anknüpft“, sondern auch „im Sprachlich-Stilistischen, im Metrischen, in zahlreichen Einzelmotiven und –zügen mit ihm übereinstimmt.“[2] Am Beispiel der ‚Vorausdeutung‘ lässt sich dies vorführen: Während im Nibelungenlied ein merwîp Hagen vor der Reise ins Hunnenland warnt:

Jâ soltu kêre widere! daz ist an der zît,

wan ir helde küene alsô geladet sît,

daz ir sterben müezet in Etzelen lant.

swelche dar gerîtent, die hábent den tôt án der hant[3],

empfängt Kudrun – ebenfalls am Wasser stehend – eine positive Botschaft:

Dô sprach der engel hêre: ‚du maht dich wol versehen,

maget vil ellende: dir sol grôz liep geschehen.

wilt du mich vrâgen von dîner mâge lande,

ich bin ein bote der dîne, wan got ze trôste mich dir her sande‘[4].

Inhaltlich unterscheidet sich die ‚Hiobsbotschaft‘ des merwîps zwar von der des Engels, dennoch ähneln die Schauplätze einander. Vor allem aber auf der sprachlich-metrischen Ebene lassen sich starke Bezüge der Werke zueinander erkennen: Im Nibelungenlied heißt es: „si swebten sam die vogele vor im ûf der fluot.“ (NL 1536, 1). Die entsprechende Stelle der Kudrun lautet: „ein vogel kom gevlozzen (Kudrun1166, 2), er swebte ir vor den ougen aber alsam ê (Kudrun 1179, 1). Hieran lässt sich deutlich ablesen, dass der Kudrun-Dichter diese Szene im bewussten Vergleich zum Nibelungenlied konzipiert hat.[5]

Wenn man sich nun auf der Figurenebene Kriemhild und Kudrun zuwendet, so lassen sich zuerst einmal einige allgemeine Aussagen treffen:

- Beide sind als mittelalterliche ‚Titelheldinnen‘ seltene Erscheinungen.
- In ihren Lebensläufen wird ‚Leid‘ zu der bestimmenden Erfahrung.
- Trotz ihrer exponierten Rollen erfüllen beide das von der mittelalterlichen Gesellschaft geforderte Frauenbild.

Auch wenn Kriemhilt beteuert: „âne recken mínne sô will ich immer sîn“ (NL15, 2), bleibt sie dennoch eine durch das Handeln ihrer Brüder marginalisierte Gestalt, die nur deshalb von Gunther mit Sigfried verheiratet wird, weil es seiner eigenen Brautwerbung um Brünhild dient.[6] Da Kudrunsich weigert in Hartmuts Gefangenschaft diesen zum Mann zu nehmen, muss sie niedere Dienste ausüben:

[...]


[1] Vgl. hierzu: Werner Hoffmann: Die Kudrun: Eine Antwort auf das Nibelungenlied. In: Heinz Rupp (Hrsg.): Nibelungenlied und Kudrun. Darmstadt 1976. S. 599-620. S. 602,f. Und: Werner Hoffmann: Kudrun. Ein Beitrag zur Deutung der nachnibelungischen Heldendichtung. Stuttgart 1967. S. 250,f. Oder auch: Jan-Dirk Müller: Das Nibelungenlied. Berlin 2005. S. 117.

[2] Hoffmann [1967 ]: S. 251.

[3] Das Nibelungenlied. 2. Teil. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. Hrsg., übersetzt und mit einem Anhang versehen von Helmut Brackert. Frankfurt a.M. 2004. Strophe 1540. Ab hier NL.

[4] Kurdun. Hrsg. von B. Symons. Tübingen 1964. Strophe 1174.

[5] Vgl. hierzu auch: Hoffmann [1967 ]: S. 257,ff.

[6] Vgl. NL 333,f.

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Details

Titel
Kudrun als Anti-Kriemhilt?
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
3
Katalognummer
V191876
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Kudrun, Kriemhilt, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Ariane Totzke (Autor), 2009, Kudrun als Anti-Kriemhilt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191876

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