Der programmatische Charakter des Prologs von Frank Wedekinds 'Erdgeist'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehungs- und Aufführungsgeschichte

3. Zu den Aufgaben eines Prologs

4. Der programmatische Charakter des Erdgeist-Prologs
4.1 Zirkus als Metaschauplatz
4.2 Charakterisierung der Figuren
4.2.1 Lulu
4.2.2 Schön
4.2.3 Alwa
4.2.4 Goll
4.2.5 Schwarz
4.3 Darstellung der Handlung
4.4 Publikumsansprache und Publikumseinstimmung

5. Anti-naturalistische Tendenzen des Prologs

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Als einer der umstrittensten Dramatiker seiner Zeit galt der 1864 in Hannover geborene Benjamin Franklin Wedekind. Mit der Kritik in seinen Werken an der bürgerlichen Scheinmoral und Sexualfeindlichkeit sowie der Hinwendung zur freien Selbstentfaltung und der Emanzipation der Frau löste er wiederkehrend Skandale aus. Nicht nur die herrschende wilhelminische Zensur reagierte auf seine Schriften mit Beschlagnahmungen und Aufführungsverboten. Auch beim zeitgenössischen Publikum traf Wedekind auf Unverständnis und Ablehnung. Doch nach langen Kämpfen, Umschreibungen und Anpassungen gelangen ihm schließlich die Veröffentlichungen und Aufführungen seiner Dramen. Beispielsweise dauerte die Arbeit er an einem seiner Hauptwerke – der „Monstretragödie“ – fast zwanzig Jahre. Im Juli 1894 hatte Wedekind den „Urtext“ fertiggestellt, doch aufgrund von Bedenken seines Verlegers und sicheren Zensurmaßnahmen teilte Wedekind das Stück in zwei Dramen und 1895 erschienen die ersten drei Akte um einen neuen dritten Akt erweitert unter dem Namen Erdgeist im Verlag von Albert Langen.

In der vorliegenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem später hinzugefügten Prolog zu diesem Erdgeist. Ich werde nachweisen, dass der Prolog trotz seiner späteren Entstehung programmatisch für den Erdgeist angelegt ist und die Handlung sowie die Figurencharakterisierung vorwegnimmt. Zuerst werde ich einige allgemeine Aufgaben eines Prologes besprechen und diese dann eingehend und ausführlicher am Beispiel des Erdgeist-Prologs hinsichtlich seiner Programmatik für das Stück untersuchen.

Als Schauplatz des Prologs hat Wedekind seine oft und gern verwendete Zirkusmetaphorik gewählt. Diese werde ich im Hinblick auf den Prolog näher erläutern - jedoch wird verständlicher Weise keine umfangreiche Darstellung angestrebt. Im Zusammenhang mit dem Prolog bietet sich auch eine Untersuchung der anti-naturalistischen Theater- und Kunstauffassung Wedekinds an, dem soll knapp stattgegeben werden. Nur kurz sei an dieser Stelle auf den bedeutenden Einfluss Nietzsches und seines Zarathustra in Bezug auf die Entwicklung der Moral und der Ansichten Wedekinds hingewiesen, sowie die Parallelen zwischen Erdgeist und Goethes Faust sowie Schillers Kabale und Liebe genannt.

Nicht thematisiert wird die umfangreiche Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Prologs, ich gebe lediglich eine kurze Einführung. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass ich nicht auf die unterschiedlichen Fassungen des Prologs eingehen und nur wo es notwendig erscheint, kurze Hinweise geben werde. Auch der Inhalt des Erdgeistes wird nur soweit erläutert wie notwendig.

Als Material habe ich die Prologfassung von 1913, verschiedene Zirkusaufsätze Wedekinds und eine Auswahl der Sekundärliteratur herangezogen und mich besonders auf die Arbeiten von Hauke Stroszeck, Volker Klotz und Anna Katharina Kuhn konzentriert.

2. Entstehungs- und Aufführungsgeschichte

Der Prolog des Erdgeist wurde dem Drama erst später hinzugefügt. Zur 10. Aufführung der ersten Inszenierung am 24.06. 1898 im Leipziger „Ibsen-Theater“ erbat sich der Regisseur Carl Heine von Wedekind eine Hinführung zum Stück, um den Verständnisschwierigkeiten entgegenzuwirken: „Um das Publikum in die Welt- und Kunstanschauung des Dichters [...] einzuführen, wollte ich von Wedekind einen Prolog zum Erdgeist haben. Er willigte ein.“[1] Es entstand eine burlesk-komische Anrede an das Publikum in balladesker Form und mit Bänkelsangelementen.[2] Diese spätere Hinzufügung beeinträchtigt den programmatischen Charakter des Prologs keineswegs, sondern ermöglichte sogar eine genaue Bezugnahme und Verknüpfung mit dem Stoff des Dramas.

In ironischer Manier, mit holprigen Versen und komischen Reimen wendet sich ein Tierbändiger an das Theaterpublikum und lädt zu einer Zirkusveranstaltung ein. Vor einer falschen Interpretation des Prologs warnt Klotz:

„Die Zuschauer [...] durften sich nicht täuschen in der knatternden Ironie, im deutlich zitierten Gehabe renommierender Anreißerei. Was da verkündet wird, ist, wie aus diesem Stück und anderen hervorgeht, dem Autor bitter ernst. Der Vorspann verheißt nur überanschaulich, was

das anschließende Geschehen dann metaphorisch einzulösen trachtet.“[3]

Er gesteht damit dem Prolog die zu untersuchende Programmatik zu.

Aber darüber hinaus ist der Prolog wichtig für das Stück. „Das Zirkusmotiv [...] wird zum Topos in der Bühnengeschichte des Stücks“[4] bemerkt Florack, denn mit Bezugnahme auf den Prolog erfolgen die Aufführungen des Erdgeist nun oft unter der Zirkusthematik und die Inszenierungen werden z.B. mit Käfig, Zirkusmusik, Trommelwirbel, Zirkustusch[5] bereichert.

3. Zu den Aufgaben eines Prologs

„Die Aufgabe der Exposition ist es, die bevorstehende Bühnenhandlung, genauer gesagt, deren Verständnis seitens des Publikums vorzubereiten.“[6] Genau das bezweckt auch der Regisseur der Leipziger Aufführung Carl Heine, der Wedekind um eine Hinführung zum Erdgeist gebeten hatte und den hier besprochenen Prolog erhielt.

Der Prolog (griech.: prologos = Vorrede) stellt die einfachste und deutlichste Form der Exposition dar. Als „initial-isolierte Exposition“ ist er durch „Initialposition, Isolation und Blockhaftigkeit“[7] gekennzeichnet und steht in der Regel vor dem Haupttext des Dramas. Ein Prolog hat verschiedene Aufgaben zu erfüllen.

Mit einer „Begrüßungs- oder Einführungsrede in die Handlung durch den Chor, einen oder mehrere Sprecher, Schauspieler, Direktor“[8] wird das Publikum direkt angesprochen. Dabei umfasst die Aufgabe die „Aufmerksamkeitsweckung des Rezipienten und der atmo[s]phärischen Einstimmung in die fiktive Spielwelt“.[9] Die Fiktionalität des folgenden (Drama-)Geschehens wird bloßgelegt und eine Distanz beim Rezipienten gefordert.

Eine zweite Aufgabe ist die Wiedergabe und Zusammenfassung der Vorgeschichte und das Informieren des Publikums über Zeit und Ort des Geschehens. Mit Pfister ist jedoch zu beachten, dass bei dominantem Gegenwartsbezug des Prologs die „bedingende Vorgeschichte [...] nur in jenen partiellen Aspekten, die für die bestehende Situation relevant sind“[10] referiert wird.[11]

Vorstellung und Charakterisierung der im Drama auftretenden Hauptpersonen „einschließlich ihrer Interessen und ihrer Beziehungen zueinander“[12] lautet eine weitere, dritte Aufgabe, die der Prolog erfüllen soll.

Vierte Aufgabe ist eine kurze Vorstellung der Handlung mittels dem „epische[n] Bericht“. Besonders bei einer spielexternen Figur – im Prolog zum Erdgeist der Tierbändiger – „liegt eine episch vermittelte expositorische Informationsvergabe vor [...]; ihre bekannteste Form ist der Expositionsprolog durch eine spielexterne Prologfigur“.[13] Die Aussage, dass mit der Bekanntgabe der Lösung des Dramas die Spannung zerstört werde, kennzeichnet Bickert als „nicht stichhaltig“.[14]

Als letzte fünfte Aufgabe möchte ich die „Darlegung poetologischer Programmatik“[15] anführen. Der Dichter kann den Prolog zur Rechtfertigung seiner Intentionen oder zur Diskussion und Darstellung ideologischer, politischer oder moralischer Probleme nutzen.

Pfister weist außerdem daraufhin, dass „außersprachliche Informationsvergabe durch Bühnenbild, Requisiten, Kostüme, Statur, Physiognomie, Gestik und Mimik von großer Bedeutung für die expositorische Funktion der Situationsdefinition [sind]: sie wirken oft entscheidend mit, Ort und Zeit zu fixieren und die Figuren charakterisierend einzuführen.“[16] Darauf werde ich zurückkommen.

4. Der programmatische Charakter des Erdgeist-Prologs

Die folgende Untersuchung des programmatischen Charakters des Prologs für das Drama Erdgeist werde ich anhand der Aufgaben, die ein Prolog erfüllen soll, durchführen. Aufgaben, die der Erdgeist-Prolog nicht anspricht oder unerfüllt lässt, werde ich unbeachtet lassen und nicht in meine Untersuchungen einbeziehen. Stattdessen möchte ich, obwohl nicht explizit Aufgabe, meine Betrachtungen mit der „außersprachlichen Informationsvergabe“ – die bei Wedekinds Prolog die Welt des Zirkus thematisiert – beginnen. Denn wie bereits angeführt, ist diese von entscheidender Relevanz für die Deutung und Charakterisierung des Dramas.

[...]


[1] Kritische Studienausgabe. Band III/II, S. 1209

[2] Es sei darauf hingewiesen, dass der Prolog sehr wahrscheinlich, wie Vinçon nachweist, für die bereits frühere nicht stattgefundene Wiener Aufführung geschrieben wurde. S. 853

[3] Klotz,1998, S. 141

Ich vernachlässige den Aufsatz von Klotz in Viermal Wedekind zugunsten dieses Aufsatzes, da es sich bei diesem um eine neuere Version selbigen Inhalts handelt.

[4] Florack, 1996, S. 5

[5] Vgl. Seehaus, 1964, S. 351f

[6] Asmuth, 1990, S. 103

[7] Pfister, 1982, S. 125

[8] Brauneck, 1992, S. 757

[9] Pfister, 1982, S. 124

[10] Ebd. S. 127

[11] Was eine Erklärung dafür sein könnte, weshalb der Prolog zum Erdgeist keine Informationen über eine Vorgeschichte gibt. Daher vernachlässige ich diese Aufgabe des Prologs in meiner Arbeit.

[12] Asmuth, 1990, S. 104

[13] Pfister, 1982, S. 130

[14] Bickert, 1969, S. 114

[15] Pfister, 1982, S. 130

[16] Ebd. S. 136

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der programmatische Charakter des Prologs von Frank Wedekinds 'Erdgeist'
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Frank Wedekind
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V19195
ISBN (eBook)
9783638233750
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charakter, Prologs, Frank, Wedekinds, Erdgeist, Frank, Wedekind
Arbeit zitieren
Anja Frentzel (Autor), 2003, Der programmatische Charakter des Prologs von Frank Wedekinds 'Erdgeist', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19195

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