Der Eroberung Jerusalems 1187 aus arabischer Sicht


Seminararbeit, 2010
7 Seiten

Leseprobe

Einleitung

Die Eroberung Jerusalems 1187 markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Kreuzzüge. Die sowohl für Christen, als auch Muslime heilige Stadt galt als wichtigste Eroberung der Kreuzfahrtbewegung. Ihr Verlust war Auslöser für den Dritten Kreuzzug, welcher Jerusalem wieder christlich/fränkisch machen sollte.

Die Berichte über diese Zeit sind meist aus europäischer Hand und somit auch Sicht. Die in dieser Arbeit behandelte Quelle beschreibt die andere Seite; sie zeigt die Kreuzzüge aus arabischer Sicht. Verfasst wurde sie von Ibn Al-Athir, einem arabischen Chronisten. Die Frage, die sich stellt, ist wie glaubhaft ist die Darstellung und in wie weit gibt es Unterschiede diese beiden Sichtweisen der deckungsgleichen Ereignisse. Dazu werden neben arabischen Chroniken, auch europäische Darstellungen rezitiert. Zudem werden die Ereignisse in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Überlieferung

Die in dieser Arbeit behandelte Quelle wurde von Ibn Al-Athir geschrieben und von Francesco Gabrieli zusammengetragen und ins Italienische übersetzt. Anschließend kam es auch zu Übersetzungen in andere Sprachen, wie ins Englische und Deutsche.

Ibn Al-Athir (1160-1233) stammt aus einer mesopotamischen Familie und ist ein bedeutender arabischer Chronist; sein Hauptwerk Kamil at-Tawarikh (Die vollständige oder perfekte Geschichte) behandelt die vollständige arabische Geschichte von den hebräischen Legenden bis zum Jahre 1231. Die Kreuzzüge erlebte er als Zeitzeuge. Obwohl er die Taten Saladins nicht immer unkritisch zur Kenntnis nahm, lässt sich dennoch eine Nähe zum Herrscher nicht verneinen. Er verbrachte sein Leben zum großen Teil in Mosul und gilt als Anhänger Nur-al Dins.[1] Ibn Al-Athir gilt als der wahrscheinlich wichtigste Historiker der späten Kreuzzüge aus arabischer Sicht.[2] Seine Darstellungen sind aber durchaus umstritten. So stellt Gibb etwa fest, dass die meisten Darstellungen Al-Athirs vom arabischen Chronisten el-Barq el-Shdm zu großen Teilen übernommen worden sein dürfen.[3]

Zusammenfassung der Quelle

Die Quelle beginnt damit, dass sich die Franken den Angriff der Araber auf die besetzte Stadt Jerusalem entgegensehen. Da eine militärische Niederlage unausweichlich schien, baten sie den arabischen Sultan Saladin um freies Geleit bei Übergabe der Stadt. Dieser verneint die Bitte zuerst, mit dem Hinweis, er „verfahre nicht anders mit euch [Franken] als ihr mit der Bevölkerung Jerusalems, als ihr nach dessen Eroberung 492 (1099) die Einwohner ermordet oder in Sklaverei geführt und ähnliche Grausamkeiten verübt habt!“[4] Daraufhin drohten die Franken unter Balian ibn Barzan (Baron Balian von Ibelin) mit der Zerstörung der Stadt und einer langen, für beide Seiten verlustreiche Schlacht. Der Sultan, auf Vorschlag seiner Berater, stimmte zu und verhandelte einen Preis von 10 Dinaren pro Mann (weniger für Frauen und Kinder) für freies Geleit. Jerusalem wurde so am 2. Oktober 1187 den Arabern übergeben. 18.000 Franken wurden freigekauft, weitere 16.000 gerieten in Gefangenschaft, dass sie das Lösegeld nicht aufwenden konnten. Die Emire, welche das Geld für den Sultan einziehen sollten, sackten das Geld für sich ein und gaben es nicht Saladin und somit nicht dem Reich.

Der Sultan schenkte ebenso der Königin von Jerusalem die Freiheit und gewahrte ihr sich zu ihrem gefangen gehaltenen Mann zu begeben. Zudem konnte auch der Patriarch der Franken die Stadt mitsamt den Schätzen der Kirchen die Stadt verlassen.

Nach der Übergabe wurde Jerusalem wieder zu einer muslimischen Stadt Das Kreuz an der Kuppel des Felsemdoms wurde entfernt, die Moschee al-Aqsa wiederhergestellt, das muslimische Freitagsgebet konnte, mitsamt des Sultans, wieder im Felsendom gefeiert werden. „So kehrte der Islam in aller seiner Frische und Schönheit wieder hierher zurück.“[5]

Die nicht-fraenkischen Christen durften gegen Bezahlung einer Kopfsteuer in Jerusalem bleiben.

Handelnde Personen

In der Quelle werden wenige Personen namentlich erwähnt.

Der Hauptakteur ist zweifelsohne Saladin, im arabischen Slah ad-Din genannt. Der Sultan der muslimisch-kurdischen Dynastie der Ayyubiden fällt in der Quellenstelle v.a. durch seine Großzügigkeit auf. Er lässt den Franken gegen ein Lösegeld freies Geleit und verzichtet auf ein Gemetzel, welches auf der anderen Seite die Kreuzfahrer an zuvor sehr wohl an den Arabern verübt hatten. Ebenso wird Saladin als ehrenhafter Mann, der sein Wort hält und als guter Moslem beschrieben.

Danben wird noch die Person des Balian ibn Barzan, in abendländischen Quellen als Baron Nalian von Ibalin genannt, erwähnt. Er verhandelte mit Saladin die friedvolle Übergabe der Stadt gegen Bezahlung von Lösegeld. Er kann somit als Führer der fränkischen Bevölkerung Jerusalems gesehen werden.

Quellenkritik

In der behandelten Quelle kann man ein gewisses Nahverhältnis zwischen dem Schriftsteller Ibn Al-Athir, einem Augenzeugen der Ereignisse, und dem Sultan erkennen. So wird Saladin als gerechter, gnädiger Herrscher beschrieben. Er gewährte den Franken gegen Zahlung eines Lösegeldes freien Abzug aus der Stadt. Hierbei ist allerdings zu erwähnen, dass der Autor ausdrücklich darauf hinweist, es bedurfte den Rat der Gefährten für diese Handlung. So schreibt er: „Sie alle schlugen vor, der Bitte um freien Abzug zu entsprechen...Da gab der Sultan nach.“[6] Al-Athir sieht seinen Herrscher also nicht als einen von sich aus allmaechtigen Sultan, er weist ausdrücklich auf den förderlichen Rat seiner Gefährten hin. Es wird aber weiters klar, dass der Autor dem Herrscher durchaus wohlgesinnt ist. Die Emire sollten das Lösegeld einziehen, diese aber steckten es selbst ein und so „ging es verloren, während es den Schatz des Reiches gefüllt hätte.“[7] Al-Athir weist hierbei zum einem auf einen Konflikt zwischen Emiren und Sultan hin: zum anderen stellt er klar, dass Saladin alles für das Reich und nichts für sich selbst einstecken bzw. machen wuerde. Somit ist eine klare Tendenz zu einem Einheitsherrscher mit absoluter Macht (Machtverlust der Emire) zu erkennen. Zudem wird Saladin als Mann, der zu seinem Wort steht und als gläubiger Moslem beschrieben. Dies sind sicherlich Attribute, die zu einem guten Herrscher dazugehören.

Wie glaubhaft, sind die Darstellungen Al-Athirs? Bemerkenswert ist, dass Saladin auch im Abendland einen durchaus guten Ruf hat. Er ist praktisch das Sinnbild eines edlen Heiden. Vieles darauf ist auf die unblutige Übergabe Jerusalems, welche auch in europäischen Schriften als solche geschildert wird, zurückzuführen.[8] Moehring weißt in seinem Aufsatz aber auch darauf hin, dass das positive Bild Saladins in Europa erst später entstanden sei (v.a. Lessings Anthan der Weise), und nicht mit den zeitgenössischen Aufzeichnungen übereinstimmt.[9] Diese sahen den Sultan in einem negativeren Licht, was primär damit zu erklären ist, dass Saladin als Muslim das christlich-abendländische Heer schlagen konnte. Die christlichen Schlidderungen der Eroberung, des Verlustes Jerusalems, zielen mehr auf den aufopferungsvollen Kampfes der Bewohner hin. Nur nachdem kein Sieg mehr möglich gewesen sein, entschloss man sich um einen freiwillige Übergabe der Stadt bereit. Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Lösegeldforderung als hoch und ungerecht gesehen wurde. Vor allem die ärmere Bevölkerung sah sich nicht in der Lage, sich freizukaufen.[10] Auch wird der Glaubensunterschied klar erkenntlich. Das arabische Heer wird als Barbaren bezeichnet, und die Tatsache, dass ein christliches Heer gegen ein muslimisches verlieren konnte, wird nur schwer verstanden. Ein Zeitzeuge resümiert, dass Saladin „exalted the grandeur of Mohammed’s law and showed that, in the event, its might exceeded that of the Christian religion.“[11] Man sah sich von christlicher Seite aus von Gott im Stich verlassen. Ein anderes Erklärungsmuster war, dass Saladin eine Ausnahmeerscheinung eines muslimischen Herrschers sei, wenn nicht sogar ein heimlicher Christ.[12] Dies ist ein Bild, welches sich über lange Zeit bewahrte.

Andere christliche Quellen weisen auch auf die Großzügigkeit Saladins hin. So schreibt der Chronist Ambroise, dass zwei alte Männer den Sultan baten, in Jerusalem bleiben zu dürfen und dort ihr Leben zu beenden. Saladin bejahte und ließ sie gewähren.[13]

Die objektive Schilderung der Ereignisse weichen in sämtlichen Schilderungen nicht voneinander ab. So gilt es als klar, dass die Stadt gegen Bezahlung eines Lösegeldes unblutig übergeben wurde. Ebenso wird übereinstimmend beschrieben, dass etwa die Hälfte der Bewohner dieses Geld nicht aufwenden konnte und daher in Gefangenschaft geriet.[14] Zudem bescheinigen sämtliche Quellen Saladin Glaubwürdigkeit, da er sein Wort hielt. Moehring weist darauf hin, dass Saladins großzügiges Handeln v.a. rationalen, taktischen Ueberlegungen entstammt. So zielte die unblutige Übergabe Jerusalems darauf ab, die Stadt möglichst schnell zu erobern.[15]

[...]


[1] Holt, Saladin, S. 236.

[2] Vgl. Gabrieli, Arab Historians of the Crusades, S. xxvii f.

[3] Gibb, Arabic Sources of the Life of Saladin, S. 64.

[4] Gebrieli, Kreuzzüge aus arabischer Sicht, S.189.

[5] Ebd, S.193.

[6] Gabrieli, Kreuzzüge aus arabischer Sicht, S. 190.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Moehring, Saladin, S. 160.

[9] Ebd. , S. 161.

[10] Vgl. Brundage, The Crusades, S. 162.

[11] Ebd. S. 163.

[12] Vgl. Moehring, Saladin, S. 160,164.

[13] Vgl. Pernoud, Crusades, S. 173.

[14] Al-Athir spricht von 16 von 34.000;

[15] Vgl. Moehring, Saladin, S. 167.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Der Eroberung Jerusalems 1187 aus arabischer Sicht
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V191951
ISBN (eBook)
9783656168904
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzzüge, Jerusalem, Mittelalter, Saladin, König, Abendland, Morgenland, Krieg
Arbeit zitieren
Andreas Staggl (Autor), 2010, Der Eroberung Jerusalems 1187 aus arabischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191951

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