Ludwik Fleck ein Konstruktivist?

Die Flecksche Epistemologie


Essay, 2010

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. DIE VERGLEICHENDE ERKENNTNISTHEORIE VON LUDWIK FLECK

3. DIE EPISTEMOLOGIE DER MODERNE, ODER WAS IST EIN KONSTRUKTIVIST?

4. IST FLECK EIN KONSTRUKTIVIST?

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS

In der Naturwissenschaft gibt es gleichwie in der Kunst und im Leben keine andere Naturtreue als die Kulturtreue (Fleck 1936, S.48)

1. Einleitung

Der Mediziner und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck gilt als ein großer Ideengeber für Thomas Kuhns „ Die Struktur wissenschaftlicher Revolution “. Dieses Urteil kommt von Kuhn selbst und nicht etwa von den Interpreten seines Werkes.[1] Kuhns Werk gilt als ein Klassiker der Wissenschaftstheorie und war wegweisend für jene im 20. Jahrhundert. Kuhn stellt sich der Frage, wie wir Menschen zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis gelangen. Eine Antwort hierauf fand er nicht in einem ahistorischen Methodenzugang, wie ihn der Wiener Kreis, Popper oder die logischen Empiristen präferierten, sondern durch einen historischen, der die sozialen- und psychologischen Faktoren beim Erkenntnisprozess berücksichtigten muss.[2]

Kuhn entwickelt durch seine historische Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte den Begriff des Paradigma. Ein Paradigma ist vereinfacht zusammengefasst eine Art „Anleitung“

für einzelne Wissenschaftsbetriebe, d.h. Wissenschaftsgemeinschaften, für den

Erkenntnisprozess. Solch eine „Anleitung“ existiert in dem Phasenabschnitt der normalwissenschaftlichen Phase und wird dann i.d.R. von der jeweiligen Wissenschaftsgemeinschaft

- bis es zur Krise kommt - geschlossen befolgt.[3] Diese „Anleitung“ kann in Flecks „ Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache “ (im folgenden EEwT) im Begriff des Denkstils gefunden werden. Ob Denkstil oder Paradigma, beide Begriffe weisen auf die sozialen Bedingungen des Erkennens, denen im Programm des Wiener Kreises keinerlei Bedeutung beigemessen wurde.

Jedoch ist ein Vergleich zwischen Kuhn und Fleck nicht Gegenstand dieser Arbeit, sondern vielmehr die Frage, inwiefern Ludwik Flecks Erkenntnistheorie[4] eine konstruktivistische Erkenntnistheorie ist. Das bis hierhin erwähnte soll lediglich die Ausstattung eines bestimmten Vorwissens garantieren, was somit dem Phänomen des hermeneutischen Zirkels Rechnung trägt. Denn die erwähnte ‚Anleitung’, ob Paradigma (Kuhn) oder Denkstil (Fleck), lässt auf ein theoretisches Artefakt schließen, also einer menschlichen Konstruktion.

Doch ist dies wirklich der Fall? Wenn dies so wäre, dann kann der Fleckschen Erkenntnistheorie das Siegel „konstruktivistisch“ aufgedrückt werden. Oder handelt es sich vielmehr um eine irreführende Metapher? Um diese Frage beantworten zu können, gliedert sich diese Ausarbeitung in zwei Teile. Der erste Teil hat ausschließlich die Flecksche Erkenntnistheorie zum Gegenstand und wird durch eine Explikation der Fleckschen Begriffe Denkstil und Denkkollektiv fassbar. Der zweite Teil widmet sich dem Konstruktivismus, der in seinen Grundzügen dargestellt werden soll. Im dritten Teil soll das Erfasste aus dem ersten Teil und das Enthüllte aus dem Zweiten auf ihre gemeinsamen Schnittstellen untersucht werden um ein Urteil zu fällen, inwiefern die Erkenntnistheorie von Fleck eine konstruktivistische genannt werden kann.

2. Die vergleichende Erkenntnistheorie von Ludwik Fleck

Dieser Teil soll die Erkenntnistheorie von Fleck freilegen um anschließend gemeinsame Teilmengen mit dem Konstruktivismus zu bestimmen. Bevor auf den Anfangspunkt der Fleckschen Erkenntnistheorie eingegangen werden soll, ist eine vorläufige Definition der Begriffe Denkkollektiv und Denkstil für ein weiteres Verständnis von Nöten. Als vorläufige Definition sei festzuhalten, dass ein Denkstil von einem Denkkollektiv getragen wird. Unter einem Denkkollektiv versteht Fleck eine „ Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes,

also eines besonderen Denstiles.“[5] Bevor diese Begriffe weiter ausgeführt werden, bedarf es der Klärung von Flecks Tatsachenverständnis. Jenes findet sich in der Fragestellung von Fleck zu Beginn der EEwT. Diese Fragestellung lautet: Was ist eine Tatsache? Flecks Antwort hierauf lautet: „ Man stellt sie als Feststehendes, Bleibendes, vom subjektiven Meinen des Forschers Unabhängiges den vergänglichen Theorien gegenüber.“[6] Dieses Feststehende, Bleibende ist nicht Flecks Verständnis einer Tatsache, vielmehr versucht er den Weg zu diesem vermeintlich Feststehenden nachzuvollziehen. In diesem Nachvollziehen liegt der Grundgedanke der EEwT, dass jede Erkenntnis für Fleck durch soziale Bedingungen konstituiert ist. Die Tatsachen des Alltags eignen sich für Fleck nicht um diese Bedingungen zu kennzeichnen, da wir selbst darin zu sehr verstrickt sind. Hier findet sich die erste Anspielung auf einen Denkstil, dem der Erkennende unbewusst aufsitzt. Die Wissenschaften dagegen, exklusive der klassischen Physik, denn diese kann bereits zu sehr Denkstilverbundenheit aufweisen[7], eignen sich hervorragend. Als Beispiel führt Fleck die Wassermann-Reaktion, die Serodiagnose der Syphilis, die dem Feld der Medizin zuzuordnen ist, an. Hierbei zeigt er auf, dass der Begriff der Syphilis keinesfalls schon immer einer einzelnen Tatsache, der Krankheitseinheit Syphilis, entsprach. Über die Zeit hinweg variierte die Bedeutung des Begriffes. Dies entstammte dem Ursprung der Syphilis als eine Grundidee der Syphilidologie, die Lehre von der venerischen Natur der Syphilis und nicht als ein einzelne Krankheitseinheit. Somit stellte die Syphilis eine Oberkategorie der venerischen Krankheiten dar, unter die auch Gonorrhöe, ulcus molle, etc. fielen. Darüber hinaus entwickelten sich nebeneinander, miteinander und gegeneinander zwei Standpunkte, (i) die ethisch-mystische Kranheitseinheit (auch Lustseuche genannt) und (ii) empirisch- therapeutische Krankheitseinheit.[8] Der erste Standpunkt wird verständlich, wenn man den Referenzrahmen im europäischen Mittelalter ansetzt. Der zweite Standpunkt erscheint dabei aus Sicht der Moderne verständlicher.

Fleck zeigt auf, dass der wissenschaftliche Begriff, hier die Syphilis, ein Ergebnis denkgeschichtlicher Entwicklung zu sehen ist, die wiederum ein Zusammenkommen einiger kollektiver Denklinien bedingt. In dieser Aussage scheint noch nicht die innovative Kraft zu stecken, die Fleck als einen wichtigen Wissenschaftstheoretiker des 20.

Jahrhunderts auszeichnet. Seine daraus abgeleitete These, dass keine empirische Beobachtung den Aufbau sowie die Fixierung einer Idee (hier die Idee der Syphilis) vollzieht, sondern dass Faktoren aus der Tradition und der menschlichen Psyche dies tun, hat die gesuchte innovative Kraft.[9] So bewirkte laut Fleck der Standpunkt (i) der ethischmystischen Krankheitseinheit eine Entwicklung der Wassermann-Reaktion, die auf den ersten Blick dem Standpunkt (ii) zuzuschreiben sei. Denn die allgemeine Säftelehre, die dem Standpunkt (i) zuzuschreiben ist, gebar die Idee vom verdorbenen Blut eines Syphiliskranken. Wenn das Blut verdorben sei, dann sei der Fokus ebenfalls auf das Blut zu richten, was mit der Wassermann-Reaktion auch erfolgte.[10]

Also ist laut Fleck ein (wissenschaftlicher) Begriff als das Ergebnis einer denkgeschichtlichen Entwicklung einiger kollektiver Denklinien zu begreifen. In dieser denkgeschichtlichen Entwicklung finden auch Irrtümer Platz, von denen der erkenntnisstrebende Mensch sich nur schwer zu lösen vermag. Ein Irrtum lebt durch den übernommenen Begriff weiter, durch schulmäßige Lehre, durch Verwendung in der Sprache und den Institutionen. Erst wenn die Bindung an das Gewesene und somit auch an die Irrtümer bewusst wird, ist das Gewesene nicht mehr gefährlich.[11]

Bei Betrachtung dieser These, der denkgeschichtlichen Entwicklung, wird klar, dass es einen Startpunkt geben muss, oder vielmehr einen Rahmen, in dem diese Entwicklung verläuft. Diesen Rahmen kennzeichnet Fleck als Urideen bzw. Präideen, die als Richtlinien für die Entwicklung einer Erkenntnis fungieren. Seine These in diesem Zusammenhang

lautet, dass viele wissenschaftliche Tatsachen in unleugbaren

Entwicklungszusammenhängen mit vorwissenschaftlichen, mehr oder weniger unklaren Präideen zusammenhängen, ohne dass deren Verbindung inhaltlich legitim erscheint.[12] Somit entwickelten sich „heutige“ Ideen aus weniger unklaren Präideen heraus, die vor den entsprechenden naturwissenschaftlichen Beweisen existierten. Ein aufhellendes Beispiel sei die moderne Atomtheorie, deren Präidee bei den Atomistikern der Antike (bswp. Demokrit als Prä-Atomist) zu finden ist.[13] Auf den ersten Blick scheint dieser Vergleich

nur eine oberflächige Analogie zu sein, jedoch arbeitet Fleck im weiteren Verlauf heraus, dass der Wert einer Präidee nicht in ihrem logischen und sachlichen Inhalt zu finden sei, sondern einzig in ihrer heuristischen Bedeutung als Entwicklungsanlage. Oder anders ausgedrückt, eine Bekannte X (antiker Atomismus) hilft beim Verständnis der Unbekannten Y (modernen Atomistik).

Interessant an dieser Sichtweise ist die mangelnde Möglichkeit einer Bewertung im Rahmen eines Falschsein oder Wahrsein des Denkstils aus früherer Zeit. Denn jene Ideen (bwsp. die Atomistik der Antike) entwickelte sich durch einen zeitäquivalenten Denkstil, der nur aus Sicht eines „modernen“ Denkstils (bswp. eines naturwissenschaftlichen) als falsch zu interpretieren wäre. Ein solches Urteil ergibt sich jedoch nur aus dem eigenen, „modernen“ Denkstil und zeigt zugleich den zirkulären Charakter einer solchen Wertaussage.[14] Folglich ist eine unmittelbare Verständigung zwischen den Anhängern unterschiedlicher Denkstile unmöglich.[15] Diese Sichtweise findet sich ebenfalls bei Kuhn unter dem Begriff der Inkommensurabilität wieder.[16]

Am Anfang dieses Abschnittes wurde der Begriff des Denkkollektivs und Denkstils einer Vorab-Definition unterworfen, die im Folgenden erweitert werden soll. Für das Verstehen der Fleckschen Erkenntnistheorie ist es entscheidet, dass das Erkennen nicht als bloße zweigliedrige Beziehung zwischen Subjekt und Objekt erfolgt, also einem Erkennenden und des Zu-Erkennenden. Das dritte Glied wird durch den bisherigen Wissensbestand dargestellt, der als ein grundsätzlicher Faktor jede neue Erkenntnis prägt. Vereinfacht ausgedrückt, das bisher Erkannte beeinflusst die Art und Weise neuen Erkennens. Da der erwähnte Wissensbestand auf ein Kollektiv zurückzuführen ist und nicht nur auf das einzelne erkennende Subjekt, ist folglich der Prozess des Erkennens keine individuelle, sondern vielmehr eine soziale Tätigkeit. Somit erkennt ein Subjekt etwas bedingt durch ein bestimmtes Denkkollektiv und dessen Vorarbeit, genannt Wissensbestand.[17]

[...]


[1] Vgl. Kuhn 1976, S. 8

[2] Jedoch steckt in diesem Satz keine Wertung für oder gegen die Methodik des Wiener Kreises, denn fairerweise muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass die Frage des Wiener Kreises sich von Kuhns Fragestellung unterscheidet, da der Wiener Kreis genau genommen die Frage stellt, welche Geltung eine wissenschaftliche Erkenntnis auf logischer Ebene hat.

[3] Innerhalb einer Krise kann das Paradigma „ausgebessert“ werden, oder es wird durch ein neues Paradigma ersetzt. Im letzteren Fall spricht Kuhn von einer wissenschaftlichen Revolution. Historische Beispiele sieht er durch die Verdrängung der Epizykeltheorie und zeitnaher Aufkeimung des geozentrischen Weltbildes (vgl. Kuhn 1976, S. 94 ff.)

[4] Genau genommen handelt es sich bei Fleck um eine Erkenntniskritik in Bezug auf den Wiener Kreis und nicht um ein gesamtes erkenntnistheoretisches System. Im Weiteren Verlauf dieser Arbeit wird jedoch der Begriff „Flecksche Erkenntnistheorie“ verwendet, da einerseits seine Theorie allgemein der Erkenntnistheorie zu zuordnen ist und andererseits im Wissenschaftsdiskurs ausschließlich von „Flecks Erkenntnistheorie“ gesprochen wird.

[5] Fleck 1935, S. 54

[6] ebd., S. 1 Vorwort

[7] Hiermit spielt Fleck auf das kategoriale Denken in Raum und Zeit an

[8] Vgl. ebd., S. 9

[9] Vgl. Fleck 1935, S. 6

[10] Vgl. ebd., S. 22f; Hierbei ist es keinesfalls nebensächlich, dass die Wassermann-Reaktion in ihrer Folge wiederum die Serologie als eigenständige Disziplin ausgebaut hat.

[11] Vgl. ebd., S. 31

[12] Vgl. ebd., S. 34

[13] Wobei Fleck nicht jeder wissenschaftlichen Entdeckung eine Präidee zuschreibt (vgl. Fleck 1935, S. 36)

[14] Vgl. Fleck 1935, S. 38, S. 51; „ Aller Aberglaube, alle Hexerei, alles Wissen der vergangenen Jahrhunderte, wie z.B. Astrologie, Alchemie, mittelalterliche Medizin, schließlich das für uns phantastisch bizarre Wissen primitiver Völker - All diese Ansichten haben ihre „Beweise“, die aus erfüllten Voraussichten und erklärten Enttäuschungen hervorgehen, nicht anders als unsere Naturwissenschaften. Sie alle scheinen ihren Anhängern anwendbar - wer würde sich sonst zu ihnen bekennen? “ (Fleck 1936, S. 122)

[15] Vgl. Fleck (1936), S. 70f; Ein Dialog zwischen Bergson und Maxwell über die „Bewegung“ ist laut Fleck unmöglich, da beide einem anderen Denkstil angehören.

[16] Vgl. Kuhn 1976, S. 116

[17] Vgl. Fleck 1935, S. 53f

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ludwik Fleck ein Konstruktivist?
Untertitel
Die Flecksche Epistemologie
Hochschule
Universität Kassel  (Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in die theoretische Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V191978
ISBN (eBook)
9783656168652
ISBN (Buch)
9783656168706
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ludwik, fleck, konstruktivist, flecksche, epistemologie
Arbeit zitieren
Sebastian Schneider (Autor), 2010, Ludwik Fleck ein Konstruktivist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191978

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