Literarische Inszenierung von Natur und Naturwissenschaft bei Johann Wolfgang von Goethe

Geologie und Geognosie in Wilhelm Meisters Wanderjahre und Faust – Der Tragödie Zweiter Teil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die geologischen Diskurse in Faust II
2.1 Geognosie in der Klassischen Walpurgisnacht
2.1.1 Die Bergentstehung am oberen Peneios
2.1.2 Der geologische Disput zwischen Anaxagoras und Thales
2.1.3 Die Kontroverse um den Meteoriteneinschlag
2.1.4 Die geomorphologischen Vorgänge in ihrer politischen Bedeutung
2.2 Die geognostische Diskussion im Hochgebirge
2.2.1 Mephistos vulkanistische Position
2.2.2 Goethes ganzheitliche Naturphilosophie
2.2.3 Die politische Symbolik der geologischen Ereignisse

3 Geologische Betrachtungen und Kontroversen in Wilhelm Meisters Wanderjahre
3.1 Das geologische Kompositionsprinzip des Romans
3.2 Wilhelm und Felix im Gebirge
3.2.1 Beschreibungen des geomorphologischen Aufbaus der Alpen
3.2.2 Die geologische Lesart der Natur
3.3 Das Bergfest
3.3.1 Das Streitgespräch der Bergleute betreffend der Erdentstehung
3.3.2 Goethes Theorie der Eiszeit
3.3.3 Wilhelms Diskussion mit Jarno
3.3.4 Hermetische Wissenstradition und neuzeitliche Naturbeherrschung

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Johann Wolfgang von Goethe war sein Leben lang von Steinen und Mineralien in den Bann gezogen. Dies begann damit, dass er 1776 von Herzog Carl August amtlich beauftragt wurde, sich um die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten Kupfer- und Silberbergwerks in Ilmenau zu kümmern. Aus diesem Anlass befasste er sich mit der theoretischen Seite des Bergbaus und entwickelte bald darauf ein reges mineralogisches und geologisches Interesse. Dabei machte er sich selbst ein Bild vor Ort und besichtigte Bergwerke und Eisenhütten im Harz.[1] Nach seinem Besuch des Genfer Geologie- und Physikprofessors Horace Bénédict de Saussu- re 1779 begann Goethe damit, Mineralien systematisch zu sammeln. Daran anschließend ent- wickelte er Fragestellungen nach der Erdgeschichte, deren damals noch junge Wissenschaft als ÄGeognosie“ bezeichnet wurde. Goethe widmete sich fortan leidenschaftlich und mit äs- thetischem Anspruch der Gesteinskunde und partizipierte an den Ideenkreisen der Neptunis- ten und Vulkanisten. Es folgten Untersuchungen in der Umgebung von Karlsbad, Franzensbad und im Fichtelgebirge.[2] Im Jahr 1807 erschien Goethes erste geognostische Ver- öffentlichung Sammlung zur Kenntniß der Gebirge von und um Karlsbad. Seine Beschäfti- gung mit der Geologie schlug sich in seinen literarischen Werken nieder. So arbeitete er geo- logische Passagen und Diskussionen ein, die seine Erfahrungen und Einsichten widerspiegeln. Der erste Teil der Arbeit widmet sich den beiden geologischen Diskussionen, die in Goethes Drama Faust - der Tragödie Zweiter Teil eingearbeitet sind. Im zweiten Akt streiten sich in der ÄKlassischen Walpurgisnacht“ die beiden antiken Naturphilosophen Thales und Anaxago- ras über die Entstehung von Gebirgen. Dabei steht neben dem Neptunismus und dem Vulka- nismus auch die Meteoritentheorie im Vordergrund. Im vierten Akt wird dieser Disput aus dem heidnisch-antiken Kontext in die christliche Neuzeit überführt. Hier findet im Hochge- birge eine geognostische Diskussion zwischen Mephistopheles und Faust statt.

Der zweite Teil der Arbeit konzentriert sich auf die geologischen Ausführungen innerhalb Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre. Zunächst werden die geomorphologischen Darstellungen der ersten Kapitel herausgestellt. Dabei wird auf Goethes ganzheitlichen For- schungsansatz und sein Naturverständnis Bezug genommen. Anschließend folgt die Untersu- chung der geologischen Auseinandersetzung, die sich während des Bergfestes im zweiten Buch ereignet.

2 Die geologischen Diskurse in Faust II

2.1 Geognosie in der Klassischen Walpurgisnacht

Faust führt die Suche nach Helena in die klassische Antike. Begleitet wird er von Mephisto- pheles und dem von Dr. Wagner geschaffenen Menschwesen Homunkulus. In der ÄKlassi- schen Walpurgisnacht“ des zweiten Aktes diskutieren die Philosophen Thales und Anaxago- ras über die Entstehung des Lebens und der Erdoberfläche. Da die griechische Region Thessa- lien neptunistisch und vulkanistisch geformt ist, eignet sie sich besonders als Schauplatz, um die Auseinandersetzung zwischen den sich heftig streitenden Lehrmeinungen der Neptunisten und der Vulkanisten in die Handlung einzuflechten.[3] Dabei wird die geologische Debatte der Goethezeit künstlerisch ausgestaltet und zudem in einen politischen Kontext gerückt, welcher im Folgenden nur am Rande erläutert wird.

2.1.1 Die Bergentstehung am oberen Peneios

Zu Beginn dieser Szene findet in der Flussebene des oberen Peneios, des Hauptflusses Thes- saliens, ein Erdbeben statt. Die Sirenen flüchten zum Meer, da das Wasser Ästaucht“ und ÄKies und Ufer berstend raucht“ (7506)[4]. Der Name Seismos, mit welchem der Verursacher des Erdbebens benannt wird, ist eine Erfindung Goethes. Er geht auf das griechische Wort ıειıμός zurück, welches das Erdbeben als Naturereignis bezeichnet.[5] In der antiken Götterleh- re gilt der Meeresgott Poseidon als der Urheber von Erdbeben.[6] Es ist anzunehmen, dass Goe- the diese Änderung vornahm, da er im Rahmen seiner neptunistischen Lehre dem Element des Wassers friedliche Eigenschaften zuwies. Somit würde der Meeresgott Poseidon als Auslöser des Erdbebens nicht in sein Konzept passen.

Seismos schiebt Äin der Tiefe brummend und polternd“ mit den ÄSchultern brav“ (7520) ein vermeintlich präformiertes Gebirge an die Erdoberfläche: ÄNun erhebt sich ein Gewölbe“ (7530). Die Sphinxe schildern in der Reihenfolge von den groben zu den feinen Erdschichten, wie sich vor ihren Augen Berge in die Höhe heben: ÄErde, Kies und Grieß und Sand und Let- ten“ (7540).[7] Schließlich steigt Äein furchtbar Steingerüste“ auf (7546), welches den Höhen- zug des Gebirges darstellt, das die westliche Ebene des oberen Peneios von der östlichen des unteren Peneios trennt. Der Fluss durchfließt das Gebirge in einem engen Tal.[8] Seismos habe

so auch dem Parnass Äeine Doppelmütze“ (7564), d.h. zwei Gipfel, aufgesetzt. Ebenso bekennt er sich dazu, Jupiter den Olymp hochgehoben zu haben (7569).

Das Ausmaß dieses Naturereignisses widerspricht Goethes geologischen Ansichten. Stattdes- sen erinnert das Geschehen an die Theorie Leopold von Buchs, dass die Südtiroler Alpen durch vulkanische Kräfte emporgehoben worden sind. Goethe lehnte anfangs die Sichtweise der sogenannten Vulkanisten, die nach dem römischen Feuergott Vulcanus benannt sind, strikt ab.[9] Empört bezeichnet er von Buch 1822 als einen ÄUltravulkanisten und geologischen Abenteurer“.[10] Als sich im darauffolgenden Jahr auch der ursprünglich neptunistische Ale- xander von Humboldt dieser Theorie anschließt und auf diese Weise die Entstehung des Hi- malayas begründet, ist Goethe schmerzlich enttäuscht.[11] Wie sehr Humboldts Theorie seiner Grundüberzeugung einer allmählichen Entwicklung sowohl in sozialer als auch in physischer Hinsicht widerspricht, bringt er mit ironischem Unterton in einen Brief an Zelter vom 5. Ok- tober 1831 zum Ausdruck:[12]

Daß sich die Himalaja-Gebirge auf 25000‘ aus dem Boden gehoben und doch so starr und stolz als wäre nichts geschehen in den Himmel ragen, steht außer den Gränzen meines Kopfes, in den düstern Regionen, wo die Transsubstantiation pp. Hauset, und meine Cerebralsystem müßte ganz umorganisiert werden - was doch schade wäre - wenn sich Räume für diese Wunder finden sollten. [13]

Die granitenen Sphinxe beobachten den Vulkanausbruch und ändern trotz Seismos‘ Äwider- wärtig Zittern“ (7523) Änicht die Stelle, bräche los die ganze Hölle“ (7529). Auch in seinem Aufsatz Der Granit von 1784 hebt Goethe zu Beginn die kulturelle Bedeutung des Granits hervor. Er beschreibt, dass schon die Ägypter um seine besondere Bedeutung wussten. So fertigten sie granitene Sphinxen und Memnonsbilder an und errichteten zur Huldigung der Sonne granitene Spitzsäulen, die noch heute bewundert werden können.[14] Auch hier, in der klassischen Walpurgisnacht, dienen die Sphinxe dazu, den Zeit- und Sonnenlauf zu messen: ÄUnd respektiert nur unsre Lage, so regeln wir die Mond- und Sonnentage“ (7243).

Sie verweisen Seismos in seine Schranken: ÄWeiter aber soll’s nicht kommen, Sphinxe haben

Platz genommen“ (7549). Damit wird die Beständigkeit des Gesteins, das vernichtende Na- turkatastrophen unbeschadet übersteht, hervorgehoben. Die Sphinxe bezeichnen das neu ÄEmporgebürgte“ (7575) als Äuralt“. Um 1800 gingen Forscher, wie auch Goethe, davon aus, dass Granit das Urgestein sei.[15] Goethe beschreibt ihn in seinem Aufsatz Der Granit von 1784 als den Äältesten, festesten, tiefsten, unerschütterlichsten Sohn[es] der Natur“, der das Grund- bzw. Urgebirge bildet und Äbis zu den tiefsten Orten der Welt hinreicht“. Der Granit hat Goe- the sein Leben lang in den Bann gezogen. Das magmatische Tiefengestein symbolisiert für ihn eine Art von metaphysischen Halt, da es als Urgestein in der Ävollkommenen Dreieinig- keit seiner Teile”, nämlich Quarz, Feldspat und Glimmer, eine übergreifende Ordnung dar- stellt, die über Leben und Tod hinausgeht.[16] In seiner dichterischen Abhandlung Über den Granit bezeichnet er ihn als das Äälteste, würdigste Denkmal der Zeit“. Ferner schreibt er:

Du gehst nicht wie in jenen fruchtbaren, schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über alles Leben.[17]

Die Täler, welche auf den ersten Blick voller Leben sind, werden als ein großes Grab bezeichnet, da das Leben von Vergänglichkeit und Endlichkeit geprägt ist. Stattdessen werden die rauen granitenen Berggipfel positiv dargestellt, indem der vergänglichen und endlichen Welt des Tales die Ewigkeit des Granits gegenübergestellt wird.

Der neu entstandene Berg wird sofort mit Äneue[m] Leben“ (7572) bevölkert. Die durch die Eruption freigelegten Bodenschätze führen jedoch zum Unheil. Das zu Tage getretene Gold wird sogleich von Ameisen eifrig geborgen, doch die Greife legen sofort ihre Klauen darauf (7603). Die hart arbeitenden Daktylen werden unterdrückt und rufen um Rettung (7654), während das antike Zwergenvolk der Pygmäen die friedlichen Reiher bekriegt. Die Kraniche beklagen das Schicksal der Reiher und wollen sich an den ÄFettbauch-Krummbein-Schelmen“ (7669) rächen. Es geht hier nicht nur um die Darstellung der Erdbebentheorie, sondern auch um das Phänomen gewaltsamer politischer Umstürze: Der Krieg zwischen den Pygmäen und den Kranichen symbolisiert den Antagonismus zwischen dem aufstrebenden drittem Stand und dem Adel.[18] Damit stellt die sogenannte Tierkampf-Fabel eine Verbindung zu dem vierten Akt und dessen geognostisch-politischen Diskurs her.[19]

In der Zwischenzeit befindet sich Mephisto in der Ebene und lobt im Gegensatz zu der be- benden Erde den Blocksberg als Äein gar bequem Lokal“ (7677), da dort die Gebirgsbildung schon lange abgeschlossen ist: ÄAlles ist für tausend Jahr getan“ (7682). Durch die Erhebung ist er von den Sphinxen getrennt worden und lässt sich von dem Chor der schönen Lamien überreden, sich ihnen zu nähern. Jedoch entpuppen sie sich als Gespenster und verhöhnen ihn. Er irrt im Geröll des neuen Berges herum, als der Berggott Oreas ihm zuruft, auf seinen alten ÄNaturfels“ (7811) zu steigen. Sein granitenes Gebirge stand schon, als ÄPompejus floh“ (7816). Oreas bezeichnet die vulkanische Bergentstehung als ein ÄGebild des Wahns“ (7817). Wie auch im Volksglauben das Krähen eines Hahnes dem Spuk ein Ende bereitet, so meint Oreas, dass auch der Berg Äschon beim Krähn des Hahns verschwindet“ (7818). Somit reprä- sentieren der Naturfels und die Sphinxe, welche beide granitene Gebilde sind, den Äbeharren- den zeitregelnden Ursprung“.[20]

Mephisto trifft auf Homunkulus, welcher berichtet, dass er zwei Philosophen auf der Spur sei, welche ihm zur Menschwerdung verhelfen könnten. Es folgt ein Disput zwischen den beiden antiken Gelehrten Anaxagoras und Thales, welcher parallel zur Bergentstehung abläuft.

2.1.2 Der geologische Disput zwischen Anaxagoras und Thales

Goethe bezeichnet die beiden griechischen Philosophen Anaxagoras und Thales des fünften und sechsten Jahrhunderts spöttisch als ÄNaturphilosophen, die bei dieser Gelegenheit auch nicht ausbleiben konnten“.[21] So diskutieren sie über den Entstehungsprozess des neuen Ber- ges. Dabei vertreten sie die zwei geologischen Theorien des Neptunismus und des Vulkanis- mus, die sich im sogenannten Basaltstreit um 1800 gegenüber standen. Während die Neptu- nisten die Entstehung der Erdoberfläche mit Sedimentationsprozessen begründeten, erklärten die Vulkanisten die Gebirge und Gesteine als Folge von erstarrter Lava aus dem Erdinnern, die von Vulkanen ausgeschleudert wurde. Goethe war ein überzeugter Neptunist, da die Natur nach seiner Auffassung friedlich sei und sich in einem allmählichen und regelhaften Prozess gebildet habe. Da die vulkanistischen Vorstellungen seinem pantheistischen Denken wider- sprachen, lehnte er sie ab.[22] Zeitweise nahm Goethe auch eine vermittelnde Stellung zwischen den sich heftig bekämpfenden Lehrmeinungen ein (vgl. S. 24). Jedoch hielt er die Theorien für übertrieben, die sich ausschließlich auf vulkanistische Aktivitäten beschränkten. Goethe äußerte sich in ironischem Ton über die Vulkanisten, Ädie ohne feuerspeiende Berge, Erdbe-

ben, Kluftrisse, unterirdische Druck- und Quetschwerke (πιεσματα), Stürme und Sündfluten keine Welt zu erschaffen wissen“[23] und verfluchte Ädiese vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung“.[24] Besonders in seinen letzten Jahren beschäftigte ihn der Aufstieg und Niedergang der neptunistischen Lehre, sodass er sie nicht nur in seinen geologischen Schriften, sondern auch in seinen literarischen Werken thematisierte.

Anaxagoras ist der Ansicht, dass Äplutonisch grimmige Feuer“ (7865) und Ääolischer Dünste Knallkraft“ neue Berge entstehen lassen. Gemäß seiner Überzeugung sei der Berg mit ÄFeuerdunst“ (7855) durch die Äalte Kruste“ (7866) emporgehoben worden. Dabei wird die Berggenese als Ägrimmig“ (7865), Äungeheuer“ (7866) und Äfurchtbar“ (7916) beschrieben, wodurch die Gewaltsamkeit der vulkanistischen Theorie betont wird. Ebenso bezeugt dies die mehrfache Verwendung des Modalverbs müssen: Als Seismos die unteren Erdschichten nach oben kehrt, Ämuss“ ihnen Äalles weichen“ (7522). Anaxagoras betont ebenso die Unumgänglichkeit, Ädass neu ein Berg sogleich entstehen musste“ (7869).

An diese Beschreibung knüpft die Ansicht der Vulkanisten des 18. und 19. Jahrhunderts an, der zufolge vulkanische Laven und Magmen aus dem Erdinneren für die Bildung von Gebir- gen verantwortlich waren.[25] Nachdem die französischen Geologen Guettard und Desmarest Mitte des 18. Jahrhunderts erloschene Vulkane in der Auvergne entdeckt hatten, war die Mehrheit der Wissenschaftler in England, Italien und Frankreich vom vulkanischen Ursprung der Basalte überzeugt.[26] Bevor Johann Carl Wilhelm Voigt 1783 zum wichtigsten deutschen Vertreter des Vulkanismus wurde, war er in Ilmenau Goethes Mitarbeiter. Voigt hatte an der Bergakademie Freiberg in Sachsen bei dem Hauptvertreter der Neptunisten Abraham Gottlob Werner studiert. Anschließend vermittelte er Goethe sein Wissen über die Aufeinanderfolge von Gesteinsformationen und war 1780 in seinem Auftrag in Weimar unterwegs, um eine Bestandaufnahme mineralogischer Vorkommen anzufertigen.[27] Dabei stieß er in der Rhön auf vulkanische Lava und löste sich von der zu einseitigen Lehre Werners los. Während im Wes- ten Deutschlands die Forscher um Voigt nun ebenfalls die vulkanische Herkunft des Basalts anerkannten, so beharrte man in Sachsen darauf, dass Basalte Sedimentgesteine seien.[28]

Werner erklärte die Entstehung der Erdoberfläche durch Schuttablagerungen eines Urmeeres als einen steten und geordneten Prozess.[29] Diese Vorstellung hat eine lange Tradition und geht auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel zurück. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass Werner seine Theorie jedoch ausschließlich auf dem geologischen Aufbau seiner unmittelba- ren Umgebung gründete, da er aufgrund seiner beruflichen Verpflichtungen selten reiste.[30] Die Position, die Thales im geognostischen Disput mit Anaxagoras einnimmt, entspricht den neptunistischen Vorstellungen der Goethezeit. Der historische Thales von Milet (624 v. Chr.) war der Erste, der behauptete, dass es einen einzigen Urstoff geben müsse, aus dem sich das Leben entwickelte. Er ging davon aus, dass dies das Wasser sei.[31] Thales bezieht sich daher im Gespräch mit Anaxagoras zunächst nicht auf den neu entstandenen Berg, sondern auf das Wasser als Ursprung von allem: ÄIm Feuchten ist Lebendiges erstanden“ (7856).[32] Gemäß seiner Theorie wirkt die Natur im Älebendigen Fließen“ (7861) und formt Äregelnd“ (7863) und ohne ÄGewalt“ (7864) die Erdoberfläche. Der Vulkanist Anaxagoras fragt ihn provozie- rend und spöttisch: ÄHast du, o Thales, je in einer Nacht, solch einen Berg aus Schlamm her- vorgebracht?“ (7860). Thales erwidert, dass die Gebirgsentstehung Zeit brauche, denn die Natur sei nie Äauf Tag und Nacht und Stunden angewiesen“ (7862).[33] Zwar hatten die vulka- nistischen Theoretiker der Goethezeit insofern Recht, dass Gebirge unter anderem durch Vul- kanismus entstehen, jedoch war ihre Vorstellung von schneller Geschwindigkeit der He- bungsprozesse inkorrekt.[34]

Thales möchte nicht weiter mit Anaxagoras über die Berggenese diskutieren, denn Ämit sol- chem Streit verliert man Zeit und Weile“ (7871). Er akzeptiert, dass der Berg nun da sei: ÄEr ist auch da, und das ist gut zuletzt (7870). Wie auch die meisten Neptunisten leugnet er nicht die Existenz der Vulkane, aber er betrachtet diese vulkanistische Gebirgsbildung eher als eine Randerscheinung.[35] Nach der strikt neptunistischen Überzeugung Werners wurden vulkani- sche Erscheinungen jedoch durch Brände unterirdischer Kohlevorkommen hervorgerufen.[36]

[...]


[1] Vgl. Gnam, Andrea: Geognosie, Geologie, Mineralogie und Angehöriges. Goethe als Erforscher der Erdge- schichte. Goethes Beschäftigung mit der Erdgeschichte. In: Goethe nach 1999. Positionen und Perspektiven. Hg.

v. Matthias Luserke. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001. S. 79-87. S. 79.

[2] Vgl. Engelhardt, Wolf von: Goethe und die Geologie In: Ein unteilbares Ganzes. Goethe. Kunst und Wissen- schaft. Hg. v. Günter Schnitzler und Gottfried Schramm. Freiburg im Breisgau: Rombach 1997. S. 245-273. S. 251f.

[3] Vgl. Trunz, Erich: Goethes Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Hamburg: Christian Wegner Verlag 1963. S.630

[4] Im Folgenden wird hier zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie Zweiter Teil. Stuttgart: Reclam 2001.

[5] Vgl. Ishihara, Aeka: Goethes Buch der Natur. Ein Beispiel der Rezeption naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden in der Literatur seiner Zeit. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005. S. 40.

[6] Vgl. Schöne, Albrecht: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994. S. 549.

[7] Vgl. Schöne 1994, S. 549.

[8] Vgl. Engelhardt, Wolf von: Goethe im Gespräch mit der Erde. Landschaft Gesteine, Mineralien und Erdgeschichte in seinem Leben und Werk. Weimar: Hermann Böhlaus Verlag 2003. S. 356.

[9] Vgl. Schöne 1994, S. 647.

[10] Goethe an Graf Sternberg, Brief vom 12.1.1823. In: Goethe, Johann Wolfgang von: Goethes Briefe. Briefe der Jahre 1821-1832. Hamburger Ausgabe in 4 Bänden. Band. 4. 2. Aufl. Hg. v. Karl Robert Mandelkow. Hamburg: Christian Wegner Verlag 1967. S. 533.

[11] Vgl. Engelhardt 2003, S. 356.

[12] Vgl. Saße, Günter: Auswandern in die Moderne. Tradition und Innovation in Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre. 2. Auflage. Berlin: Walter de Gruyter 2010. S. 84.

[13] Goethe an Karl Friedrich Zelter, Brief vom 5.10.1831. In: Goethe 1967, S. 454.

[14] Vgl. Goethe, Johann Wolfgang von: Die Schriften zur Naturwissenschaft. Schriften zur Geologie und Mineralogie 1770-1810. Hg. v. Günther Schmid. Band 1. Weimar: Herman Böhlaus Nachfolger 1947. S. 57.

[15] Vgl. Gnam 2001, S. 81.

[16] Vgl. Gnam 2001, S. 81.

[17] Goethe 1947, S. 59.

[18] Vgl. Hamm, Heinz: Goethes Faust. Werkgeschichte und Textanalyse. 6., völlig neu bearbeitete Aufl. Berlin: Volk und Wissen 1997. S. 167.

[19] Vgl. Schöne 1994, S. 550

[20] Vgl. Emrich, Wilhelm: Die Symbolik von Faust II. Sinn und Vorformen. 2., durchgesehene Aufl. Bonn: Athenäum 1957. S. 266.

[21] Zweiter Entwurf zu einer Ankündigung der Helena. In: Arens, Hans: Kommentar zu Goethes Faust II. Heidelberg: Carl Winter 1989. S. 442.

[22] Vgl. Mommsen, Katharina: Natur- und Fabelreich in Faust II. Berlin: de Gruyter 1968. S. 191.

[23] Aus den Tag- und Jahresheften für 1820. In: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Schriften zur Naturwissenschaft. Schriften zur Geologie und Mineralogie 1812-1832. Hg. v. Günther Schmid. Band 2. Weimar: Herman Böhlaus Nachfolger 1949. S. 175f.

[24] Geologische Probleme und Versuch ihrer Auflösung. In: Kuhn, Dorothea u. Wolf von Engelhardt (Hg.): Auf- sätze, Fragmente, Studien zur Naturwissenschaft im allgemeinen. Weimar: Herman Böhlaus Nachfolger 1970. S. 316f.

[25] Vgl. Engelhardt, S. 359.

[26] Vgl. Ishihara 2005, S. 25.

[27] Vgl. Gnam 2001, S. 80.

[28] Vgl. Ishihara 2005, S. 25.

[29] Vgl. Gnam 2001, S. 85.

[30] Vgl. Ishihara 2005, S. 25.

[31] Vgl. Walach, Harald: Psychologie, Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Ein Lehrbuch. 2., aktual. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer 2009. S. 82.

[32] Thales Schriften von ihm sind nicht überliefert, aber Berichte über ihn sagen, dass er das Wasser als den Urstoff bezeichnete, aus welchem alles organische Leben entstanden sei. Vgl. Trunz 1963, S. 647.

[33] Vgl. Engelhardt, S. 359.

[34] Wyder, Margrit: Goethes geologische Passionen. Vom Alter der Erde. In: Goethe-Jahrbuch 125 (2008). S. 136-146. S. 143.

[35] Vgl. Engelhardt 2003, S. 360.

[36] Vgl. ebd., S. 166.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Literarische Inszenierung von Natur und Naturwissenschaft bei Johann Wolfgang von Goethe
Untertitel
Geologie und Geognosie in Wilhelm Meisters Wanderjahre und Faust – Der Tragödie Zweiter Teil
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Naturwissenschaften und Literatur im 19. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
34
Katalognummer
V191979
ISBN (eBook)
9783656167631
ISBN (Buch)
9783656167563
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natur, Literatur, Faust, Goethe, Wanderjahre, Romantik, Naturwissenschaft, Gesteinskunde
Arbeit zitieren
Saskia Guckenburg (Autor), 2012, Literarische Inszenierung von Natur und Naturwissenschaft bei Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191979

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