Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung in Toni Morrisons Werk "Beloved"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung
2.1 Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung bei Sethe
2.2 Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung bei Denver
2.3 Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung bei Baby Suggs
2.4 Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung bei Paul D.

3. Schluss

4. Bibliographie

1. Einleitung

Der Roman „Beloved“ von Toni Morrison, der die Textgrundlage dieser Arbeit bildet, kreist um die Vergangenheit und Erinnerung der Sklavin Sethe, die aus Verzweiflung und Ausweglosigkeit ihr drittes Kind umbringt, um es vor dem Schicksal der Sklaverei zu bewahren. Doch, worauf auch schon Mita Banerjee in ihrem Akademievortrag „Beredtes Schweigen“ hinweist, kann für es den Mord am eigenen Kind keine kausale Erklärung geben, sogar die Sklaverei selbst erklärt ihn nicht.[1]

Sethe ist eine Sklavin, die ohne eine wirklich greifbare Mutter aufgewachsen ist. Sie hatte zwar eine Mutter, aber diese musste immerzu auf dem Feld arbeiten und obwohl ihre Mutter sie bei sich auf dem Anwesen behielt, konnte sie dennoch nicht für Sethe da sein. Selbst Sethe zu stillen konnte ihre Mutter nur zwei oder drei Wochen lang übernehmen, danach musste sie das Stillen von Sethe einer anderen Frau überlassen, deren Aufgabe das war.

My woman? You mean my mother? If she did, I don’t remember. I didn’t see her but a few times out in the fields and once when she was working indigo. […] She must of nursed me two or three weeks - that’s the way the other’s did. Then she went back in rice and I sucked from another woman whose job it was.[2]

In dem Roman „Beloved“ wird viel über die Vergangenheit gesprochen. Diese Vergangenheit wird in „Beloved“ wie in einer Art Puzzle zusammengefügt. Anfangs weiß man nicht direkt warum ein Geist in der Hausnummer 124 sein Unwesen treibt, aber im Verlauf des Romans werden die Puzzleteile fragmentartig zusammengefügt und es erschließt sich ein immer größer werdendes Stück vom Wissen, um die Vergangenheit der Protagonisten. Darauf weist auch schon Merle Rubin hin:

The opening of Toni Morrison’s fifth novel is deliberating uninviting - an obstacle thrown in our path that puzzles and repels…[3]

In einem Interview mit Claudia Tate versucht Toni Morrison den Sinn ihrer Puzzle- oder Fragmentstruktur zu erklären:

…every life to me has a rhythm , a shape - there are dips and curves as well as straightness. You can’t see the contours all at once…[4]

Im Erzählen der Vergangenheit wird die Vergangenheit dem Leser erfahrbar gemacht. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass Vergangenheit ein subjektives Gut ist, d.h. das man Erlebtes aus der Vergangenheit von verschiedenen Betrachtern unterschiedlich erzählt bekommt, da sie unterschiedliche Erinnerungen an ein und dasselbe Ereignis haben können. Der Leser muss hier für sich einen eigenen Weg finden, um die tatsächliche Vergangenheit ergründen und werten zu können.

Erinnerung bedeutet, die Fähigkeit Vergangenes im Gedächtnis zu behalten. Für Sethe ist es äußerst schwer mit ihrer Vergangenheit, als Mörderin ihres eigenen Kindes, fertig zu werden. Sethes Hausnummer 124 verweist bereits auf die Leerstelle in Sethes Leben. Die Zahl 124 setzt sich aus drei verschiedenen Ziffern zusammen. Die Ziffern 1 und 2 stehen für ihre davongelaufenen Söhne Howard und Bulgar und die Ziffer 4 steht für ihr jüngstes Kind Denver. Die fehlende Leerstelle 3 steht für das ermordete Baby, das die ersten Jahre im Haus herumspuckt und später als junge Frau, die sich Beloved nennt, zurückkehrt.

Die Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Person manifestiert sich oft in Form eines Denkmals oder Ähnlichem. Auch in „Beloved“ gibt es eine Art Denkmal und zwar der Grabstein von Beloved, den sich ihre Mutter bitter mit ihrem Körper beim Steinmetz erkauft hat. Nichtsdestotrotz ist dieser vorhandene Grabstein ein nicht fertig gestelltes Denkmal, denn auf diesem Grabstein steht lediglich das Wort Beloved. „Dearly Beloved“ sind nur die ersten zwei Worte in einem amerikanischen

Trauergottesdiensts. Sethe macht es sich zum Vorwurf, dass sie dem Steinmetz nicht alles von sich gegeben hat, vielleicht hätte er dann einen vollwertigen Grabstein gemeißelt.

Im Gegensatz zu Sethe ist Paul D, der ihr ehemaliger Leidensgenosse auf dem Anwesen der Garners und später des Schullehrers war, ein Mensch der Erinnerung ganz anders verarbeitet bzw. verdrängt. Paul D. hat eine kleine Tintenbox, in die er alle schrecklichen Erlebnisse hinpackt und sie zuschließt. Doch auch diese kleine Tintenbox fängt eines Tages an zu rosten und er muss sich seinen grausamen Erlebnissen aus der Vergangenheit stellen. Baby Suggs verrennt sich nach dem Kindsmord ihrer Schwiegertöchter in eine Welt der Farben. Sie setzt sich nicht mit dem Vergangenen auseinander, um es verarbeiten zu können. Denver schöpft in ihrem Buchsbaumgebüsch neue Kraft und erschafft sich ihre eigene Welt. Auch die Zeit in der Denver taub ist lässt darauf deuten, dass sie versucht Erinnerung zu verdrängen, aber zusätzlich auch von der Gegenwart nichts mehr hören möchte.

Im Verlauf dieser Arbeit soll dargstellt werden, wie unterschiedlich Erinnerung bei den Protagonisten Sethe, Denver, Paul D. und Baby Suggs verarbeitet oder auch verdrängt wird. Die Figur der Beloved wird hierbei fast völlig ausgespart, da dies sonst den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Es werden auch die Fluchtmechanismen der einzelnen Protagonisten berücksichtigt, d.h. welche Handlungen bzw. Hilfsmittel ziehen sie heran, um sich nicht erinnern zu müssen. Jeder Protagonist des Romans „Beloved“ und seine Art mit Erinnerung umzugehen wird einzeln bearbeitet, damit deutlich wird, wie unterschiedlich die Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung bei Personen sein kann.

[...]


[1] vgl. Banerjee, Mita. Beredtes Schweigen: Die Aporie des Traumatischen in Toni

Morrisons Beloved und der Architektur des Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2003, S. 18. „künftig zitiert als Beredtes Schweigen, S.“

[2] Morrison, Toni. Beloved. Vintage 2005, S. 72. „künftig zitiert als Beloved, S.“

[3] Rubin, Merle. Review of Beloved. The Christian Science Monitor 1987, S. 20.

[4] Tate, Claudia. Conversation with Toni Morrison. Black Women Writers at Work. New York: Continuum 1983. S. 124. „künftig zitiert als Conversation, S.“

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung in Toni Morrisons Werk "Beloved"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Anglistik/Amerikanistik)
Veranstaltung
Narratives of Return
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V192009
ISBN (eBook)
9783656175599
ISBN (Buch)
9783656175827
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerung, Toni Morrison, Verdrängung, Beloved
Arbeit zitieren
Verena Kergl (Autor:in), 2008, Verarbeitung und Verdrängung von Erinnerung in Toni Morrisons Werk "Beloved", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192009

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