Anarchismus in Katalonien


Seminararbeit, 2008
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gründe für starken Anarchismus
2.1 Gegebenheiten in Katalonien
2.2 Anarchosyndikalismus, CNT und FAI

3. Die Soziale Revolution
3.1 Wie sah Revolution aus
3.2 Das Scheitern der Revolution und Wechselwirkung mit Bürgerkrieg

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ It was the first time that I had ever been in a town where the working class was in the saddle. Practically every building of any seize had been seized by the workers. ”…” Every shop and caf é had an inscription saying that it had been collectivized ”…” Waiters and shop-walkers looked you in the eyes and treated you as an equal. Servile and even ceremonial forms of speech had temporarily disappeared. Nobody said ‘ Senor ’ or ‘ Don ’ or even ‘ Usted ’ ; everyone called everyone else ‘ Comadre ’ and ‘ Thou ’ . ” 1

In seinem erstmals 1938 publizierten Werk “Homage to Catalonia” beschreibt George Orwell Barcelona im Dezember 1936. Die Soziale Revolution der Anarchisten ist voll im Gang; Orwell ist sichtlich tief beeindruckt. Der britische Autor ist als politischer Journalist zu dieser Zeit in der katalonischen Hauptstadt, um über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. In seinem Buch, auf Deutsch als „Mein Katalonien“ veröffentlicht, schreibt Orwell in erster Person über seine Erlebnisse von Dezember 1936 bis Juni 1937 in Barcelona und als Teil der Miliz als Soldat im Bürgerkrieg. Das Zielpublikum seiner Publikation war sicherlich das englische Volk als Teil der demokratischen Welt, die trotz der stärker werdenden und offensiv, aggressiv agierenden faschistischen Staaten, nicht im Spanischen Bürgerkrieg aktiv auftraten. Dennoch ist die Faszination, die die Soziale Revolution 1936 beim Autor auslöste greifbar.

Wie es zu dieser kam, wie sie aussah und warum sie schließlich doch scheiterte wird in dieser Arbeit beschrieben.

Der Brockhaus definiert Anarchismus als „politische Ideologie, die darauf zielt, jede Herrschaft von Menschen über Menschen, jede gesetzl. Zwangsordnung, bes. den Staat, zu beseitigen und ein autoritäts- und herrschaftsloses Zusammenleben herbeizuführen.“2 Dieser politische Ideenkreis scheint aus heutiger, mitteleuropäischer Sicht als Auslaufmodell, sein Ziel als Utopie. Dennoch wusste der Anarchismus zu seinen Blütezeiten in Spanien Massen zu begeistern. In dieser Arbeit werden zunächst Gründe für diesen Erfolg aufgezeigt. Dabei werden zuerst die Gegebenheiten in Katalonien zu Beginn des 20. Jahrhunderts skizziert und anschließend auf die anarchistischen Gruppierungen CNT und FAI und deren Werdegang bis zum Beginn des Bürgerkriegs eingegangen werden. Weiters wird die so genannte Soziale Revolution im Jahre 1936 und derer gegenseitige Wirkung mit dem Spanischen Bürgerkrieg beschrieben. Dabei soll geprüft werden, inwiefern das Kriegsgeschehen die Revolution scheitern ließ. Die zentrale Frage wird dabei sein, ob Anarchismus nur in Krisenzeiten funktionsfähig ist oder ob vielleicht sogar die politische und wirtschaftliche Krise um den Bürgerkrieg die Soziale Revolution scheitern ließ. Um den Rahmen der Arbeit zu begrenzen, konzentriere ich mich auf das Zentrum der anarchistischen Bewegung, Katalonien.

Literatur zum Thema ist auch in deutscher Sprache einigermaßen ausreichend vorhanden. Es handelt sich hierbei v.a. um spezifische Bücher über Anarchismus in Spanien. In Gesamtwerken über den Spanischen Bürgerkrieg wird die Rolle der Anarchisten nur am Rande behandelt und dient deshalb auch nicht als Grundlage für diese Arbeit. Im Besonderen sind die Schriften Walther L. Bernecker, Universitätsprofessor der Uni Erlangen, zu erwähnen. Bernecker beschäftigte sich ausführlich mit der Rolle der Anarchisten und erhält dadurch besondere Berücksichtigung für die Erstellung dieser Arbeit.

2. Gründe für starken Anarchismus

2.1 Gegebenheiten in Katalonien

Spanien war vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch nicht vollständig industrialisiert. 1914 waren 70% der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt.3 Katalonien galt zwar als am weitesten industrialisierte Region Spaniens, im Vergleich zum Ausland hinkte die Industrie aber auch hier hinterher. So verarbeitete ein katalanischer Arbeiter im Durchschnitt 660 kg Baumwolle, ein amerikanischer 1500 kg.4 Durch den neutralen Status Spaniens im 1. Weltkrieg erlebte die Industrie zwar einen Aufschwung, der in den 20er Jahren jedoch sehr bald wieder abflachte. Die Löhne der Arbeiter waren niedrig, die Arbeitgeber „often ignored even the minimal social legislation passed to protect the workers.“5 Die Arbeitslosigkeit war hoch. Der Staat war nicht im Stande die sozialen Probleme des Landes zu lösen. Der Einfluss der Kirche war riesig. Die autoritäre Macht der Krone, gestützt durch ein reaktionär gesinntes Militär, das sich das Recht für einen Staatsstreich vorbehielt, förderte das antistaatliche Denken in Spanien.

Zudem herrschte im Land, fast schon traditionell, ein Streit zwischen Zentralmacht und mehr Autonomie für die Regionen. Besonders die sprachlich eigenständigen Gebiete forderten mehr regionale Kompetenzen. Katalonien sah und sieht sich oftmals als eigene Nation, dem kastilischen Zentralstaat stand man kritisch gegenüber. Anarchismus, mit seiner direkten Basisdemokratie, weit weg von Zentralstaat und Hierarchie konnte rund um Barcelona besonders trumpfen.

Der Anarchismus war in Spanien traditionell verwurzelt. Bereits im Mittelalter waren kollektivistische Organisationsformen bekannt. Die Gegner waren die Krone bzw. ausländische Bedrohungen wie Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstand auch die Guerilla, eine volksnahe, bewegliche Miliz.6

Anti-staatliches, anarchistisches Gedankengut bestand in Katalonien schon lange Zeit. Die Ablehnung des spanischen Zentralstaates spielte historisch betrachtet den wichtigsten Antreiber der Bewegung. Hinzu kamen zu Beginn des 20 Jahrhunderts eine hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Ausbeutung der Arbeiter. Zudem hatten die Kirche und das Militär einen überaus großen politischen Einfluss. Der Staat wusste die zentralen sozialen Probleme des Landes nicht zu lösen.

2.2 Anarchosyndikalismus, CNT und FAI

In Katalonien konnte sich im Gegensatz zum ländlichen Andalusien, ein zweites Zentrum des spanischen Anarchismus, die Form des Anarchosyndikalismus durchsetzen. Darunter versteht man die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterklasse in allen Lebensbereichen, um so ein wirksame Gegenmacht zu Staat und Kapital zu bilden. Generalstreike sollen dafür das Mittel sein.7 Terroraktionen, welche die andalusischen Anarcho-Kommunisten anwendeten, wurden abgelehnt.

1910 wurde in Barcelona die Confederacion Nacional de Trabajo (CNT), „um der Desorganisation der anarchistisch beeinflußten Arbeiterschaft ein Ende zu setzen“8 Die CNT sollte zudem ein Gegenpol zur sozialistischen Gewerkschaft Union General de Trabajadores (UGT) sein. Die Mitgliederzahl stagnierte in den Anfangsjahren bei ca. 50.000, nahm später jedoch stetig zu, während des Bürgerkriegs bis zu 2 Millionen.

[...]


1 Orwell, George, Homage to Catalonia, 1962, S.8.

2 Der Brockhaus, 15 Bde, 1997, Band 1, S.169.

3 Vgl. Schmid, Robert, Das rot-schwarze Spanien, 1985, S.10f.

4 Vgl. Seidman, Michael, Worker’s Control in Barcelona, 1982, S.410f.

5 Seidman, Michael, Worker’s Control in Barcelona, 1982, S.410.

6 Vgl. Schmid, Robert, Das rot-schwarze Spanien, 1985, S. 16 f.

7 Vgl. Schmid, Robert, Das rot-schwarze Spanien, 1985, S. 19-23.

8 Schumann, Michael/Auweder, Heinz, A Las Barricadas, 1987, S. 23.

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Details

Titel
Anarchismus in Katalonien
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V192050
ISBN (eBook)
9783656168751
ISBN (Buch)
9783656168928
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanien, Spanischer Bürgerkrieg, Orwell, Barcelona, Franco, CNT, Anarchie, Anarchismus
Arbeit zitieren
Andreas Staggl (Autor), 2008, Anarchismus in Katalonien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192050

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