Markt und Jakobsweg - Kommerzialisierung einer Pilgerfahrt


Masterarbeit, 2011
75 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Jakobusverehrung - Ein geschichtlicher Abriss
2.1 Legende und historische Forschung
2.2 Der Jakobsweg im Mittelalter
2.3 Der Jakobsweg im Wandel - Vom Verfall in der Frühen Neuzeit bis zum Aufschwung in der Gegenwart

3. Spiritueller Tourismus

4. Konsum, Konsumgesellschaft, Kommerzialisierung

5. Experteninterviews
5.1 Vorüberlegungen, Durchführung, Auswertung

6. Kommerzialisierung des Jakobsweges
6.1 Die Verbindung zwischen Jakobsweg und Wirtschaft im Mittelalter
6.2 Der Jakobsweg als Wirtschaftsfaktor - Die Kommerzialisierung der Pilgerfahrt am Ende des 20. Jahrhunderts
6.3 Fremdenverkehrswesen und Tourismusverbände
6.4 Jakobsweg in der Zukunft

7. Santiago de Compostela - Eine Stadt im Zeichen des Jakobus‘
7.1 Aufstieg einer Stadt am Ende der Welt
7.2 Die Stadt heute
7.3 Auswirkungen des Pilgerwesens auf die Stadt am Ende des 20. Jahrhunderts
7.4 Der Jakobsweg und die Region Galicien - Entwicklung, Bedeutung, Wirtschaft

8. Beobachtungen entlang des Wegabschnitts León-Santiago de Compostela
8.1 Reisevorbereitung
8.2 Pilgerfahrt
8.3 Reiseabschluss
8.4 Abschlussbetrachtungen zur Situation des Jakobsweges

9. Fazit

10. Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang
A Interviews
B Werbeflyer und Visitenkarten
C La Compostela

1. Einleitung

Das Wegenetz für Pilger in Europa wächst kontinuierlich. Gleichzeitig entstehen neue Pilger- stätten, wie die im Jahr 2010 eingeweihte weltgrößte Jesus-Statue in der westpolnischen Kleinstadt Swiebodzin eindrucksvoll belegt. Es stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Ursachen dieses neuzeitlichen Pilgerbooms. Pilgern erfreut sich einer steigenden Beliebtheit, die Gründe dafür sind vielseitig. Nach Lienau begeben sich jährlich weltweit etwa 250 Milli- onen Menschen auf eine Wallfahrt,1 eine enorme Zahl, die die Ausmaße des Pilgerwesens deutlich macht. Auch wenn sich die Pilger traditionell mit wenig Hab und Gut auf eine Wall- fahrt begeben, so ist doch davon auszugehen, dass sie über eine gewisse finanzielle Grundlage verfügen. Diese Erkenntnis ist natürlich kein Geheimnis. So beschreibt Lienau: „Denn immer mehr Anbieter springen auf den gut fahrenden Zug auf und wollen vom Label Pilgern profi- tieren: Tourismusverbände, Kirchen, Reiseveranstalter und viele mehr.“2 Dementsprechend hofft auch der eingangs erwähnte Ort Swiebodzin auf wirtschaftlichen Aufschwung.3 Man muss allerdings nicht in die Ferne schweifen: Auch die evangelisch-lutherische Pfarrkirche Sankt Jacobi im Stadtzentrum Göttingens hat den Trend der Apostelverehrung erkannt und im Kircheninnern werden mittlerweile Jakobsmuscheln4 verkauft. Seit 2004 schmückt eine Ja- kobsmuschel sogar den Kircheneingang, und im Jahre 2008 wurde hinter der Kirche eine Sta- tue des Heiligen Jakobus aufgestellt, die ihn als Pilger mit Stab und Gewand zeigt. Auch der Ethnologe und Präsident der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, Dr. Robert Plötz, bestätigt den Trend: „Warum versuchen viele Gemeinden auf den Faktor „Jakobus“ zu setzen? Natür- lich aus kommerziellen Gründen, die mit der Tourismusförderung Hand in Hand gehen.“5 Inwieweit im Falle Göttingen wirtschaftliche Absichten verfolgt werden sei dahingestellt, die Aufmerksamkeit von Kennern ist der Kirche aber garantiert.

Als Student der Hispanistik sind insbesondere der camino franc é s, der klassische Jakobsweg durch Nordspanien beginnend an den Pyrenäen und sein Endpunkt, das Wallfahrtszentrum Santiago de Compostela, von Interesse. Die Stadt Santiago de Compostela gehört, neben Rom und Jerusalem, zu den drei peregrinationes maiores und genießt daher eine herausgehobene Stellung. Der Aufschwung Santiagos ist nicht zuletzt der rasanten Entwicklung des Jakobs weges in den letzten zwei Jahrzehnten geschuldet und auch seine aktuell anhaltende Popularität macht selbigen zu einem interessanten Forschungsthema. Betrachtet man die stetig wach- senden Pilgerzahlen, kommt bei dem neutralen Betrachter schnell der Verdacht auf, dass der Jakobsweg mittlerweile zu einem Massenphänomen avanciert ist und der Wallfahrer an sich unlängst zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für ganze Regionen geworden ist. Die Kern- frage, der diese Masterarbeit daher nachgeht, bezieht sich auf die Kommerzialisierung der Pilgerfahrt entlang der Hauptpilgerroute, dem camino franc é s, sowie seinem Endpunkt der Stadt Santiago de Compostela. Ist der Jakobspilger Heilsbringer dank seiner Ausgaben? Der Jakobsweg als finanzielle Einnahmequelle soll somit untersucht werden und der ökonomi- schen Bedeutung des hohen Pilgeraufkommens soll nachgegangen werden.

Für eine inhaltliche Vollständigkeit ist es dem Verfasser darüber hinaus ein Anliegen, in ei- nem einleitenden Abschnitt (Kapitel 2) einen historischen Abriss über die Entstehung des Jakobuskults zu geben, um den Leser in seiner Gesamtheit über den Kontext zu informieren. Es beschreibt die Anfänge der Jakobustradition mit dem Grabfund und gibt Aufschluss über die Veränderung des Jakobsweges im Laufe der Jahrhunderte bis hin zur Neuzeit. Es folgt eine kurze Erörterung (Kapitel 3) über die Verwendung des Begriffs „Spiritualität“ im Zusammenhang mit Reisen und Religiosität. Vor allem die spirituelle Komponente ist in den letzten Jahren zu einem der Hauptmotive bei der Wegbegehung aufgestiegen, weshalb eine genauere Betrachtung sinnvoll erscheint. Im Anschluss daran werden die Begriffe Kon- sum, Konsumgesellschaft sowie Kommerzialisierung definiert (Kapitel 4), um den Leser über die Hintergründe des Schwerpunktthemas zu informieren. Der theoretische Teil wird abge- schlossen mit einem Grundlagenkapitel zum Thema „Experteninterviews“ (Kapitel 5). Nach durchweg positiven Erfahrungen in der Handhabung mit dieser Form qualitativer Interviews bei der Erstellung der Bachelorarbeit, folgte die Entscheidung, dieses Verfahren auch im Zuge der Untersuchungen zur Masterarbeit anzuwenden.

Der praktisch-orientierte Teil der Arbeit, beginnend mit dem Kapitel 6, konzentriert sich auf die wirtschaftlichen Entwicklungen entlang des Jakobsweges (Kapitel 6) und seinem End- punkt, dem Wallfahrtszentrum Santiago de Compostela (Kapitel 8). Eigens für eine Recher- che vor Ort hat sich der Verfasser für zwei Monate nach Santiago de Compostela begeben, ins „Herz“ der Jakobusverehrung. Der Fokus der Arbeit lag hier vor allem im Führen von Inter- views mit Experten zum Forschungsthema. Um darüber hinaus ein besseres Verständnis für die Wallfahrt und die Entwicklungen entlang der Pilgerstrecke zu erhalten, entschied sich der Autor zudem in einer Feldforschung, den Wegabschnitt León-Santiago de Compostela selbst als Pilger zu begehen. Die Beobachtungen dazu wurden im Kapitel 7 in Tagesresümees zusammengefasst. Das Ende der Arbeit bilden die Abschlussbetrachtungen zur Pilgerfahrt und das Fazit (Kapitel 9).

Zum besseren Verständnis der Arbeit sei darauf hingewiesen, dass die Begriffe Pilgerfahrt und Wallfahrt gleichbedeutend benutzt werden. Die Begriffe haben sich mittlerweile sehr angeglichen, und es ist daher unproblematisch, sie gleichgesetzt zu verwenden. Als Nachweis hierfür wird exemplarisch der DUDEN angegeben, der z.B. dem Begriff „pilgern“ die Bedeutung „(als Pilger) eine Wallfahrt machen“ zuschreibt.6

Großer Dank gebührt an dieser Stelle den vielen „Jakobswegexperten/innen“, die sich so bereitwillig für die Durchführung der Interviews zur Verfügung gestellt haben und ohne die eine Arbeit in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.

2. Die Jakobusverehrung - Ein geschichtlicher Abriss

Das folgende Kapitel konzentriert sich auf die Entstehung und die Entwicklung der Jakobusverehrung. Es liefert einen geschichtlichen Abriss von der Legende des Jakobusfundes, der ersten Erwähnung eines Weges der nach Santiago de Compostela führt, bis hin zur Ernennung des Jakobsweges zum Weltkulturerbe am Ende des 20. Jahrhunderts.

2.1 Legende und historische Forschung

Die spanische Jakobustradition entwickelte sich seit dem 7. Jahrhundert, als im Breviarium Apostolorum, einer lateinischen Übertragung griechisch-byzantinischer Apostelakten, erst- mals von einer Predigertätigkeit des Jakobus in Spanien berichtet wird: Jakobus „predigte in Spanien und im Okzident und starb unter Herodes durch das Schwert“.7 In Spanien selbst scheint dieses Faktum aber erst im Verlauf des 8. Jahrhunderts rezipiert und in einem Kom- mentar zur Johannes-Apokalypse aus dem Jahre 785 erwähnt der asturische Mönch Beatus von Liébana die Missionstätigkeit des Heiligen Jakobus in Spanien.8 Die Auffassung, dass jeder Apostel in der Region seine letzte Ruhestätte gefunden habe, die er evangelisiert hatte, ließ die Überzeugung wachsen, dass sich die sterblichen Reste auf der Iberischen Halbinsel befinden müssen.

Um 840 erfolgte unter König Alfonso II. von Asturien die Auffindung eines Apostelgrabes, welches bald mit dem des heiligen Jakobus‘ gleichsetzt wurde.9

Die Nachricht des sagenumwobenen Fundes verbreitete sich nicht nur in Galicien und Spani- en, sondern auch Gelehrte in Europa wussten schon bald von der Neuigkeit. Die rasche Bekanntheit, die der Fund des Grabes mit sich brachte, führte offensichtlich zu Erklärungsnot, wie denn der Leichnam ausgerechnet an die äußerste Peripherie nach Galicien gelangte. Die ersten genaueren Details zur Auffindung folgten erst gut zweihundert Jahre spä- ter in einer Urkunde vom 17. August 1077. Eine ausführliche Beschreibung samt Translati- onsbericht liefert sogar erst das Jakobsbuch, Liber Sancti Jacobi, aus dem 12. Jahrhundert.10 Gemäß dem Jakobsbuch und anderen Legenden hat der Apostel Jakobus der Ältere, der Sohn des Fischers Zebedäus und der Maria Salome, nach Christi Himmelfahrt Palästina verlassen und war zu einer siebenjährigen Missionsreise auf die Iberische Halbinsel aufgebrochen.11 Er gewann sieben treue Jünger und kehrte im Anschluss nach Jerusalem, in das Heilige Land, zurück. Dort missionierte er weiter, wurde aber nach verschiedenen Anfeindungen gefangen genommen und erlitt als erster Jünger Jesu im Jahre 44 unter König Herodes Agrippa I. den Märtyrertod, welches in der Apostelgeschichte wie folgt geschildert wird: „Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes mit dem Schwert.“12 Die Jünger des Jakobus brachten dann den entseelten Leib ihres Meisters zum Strand, wie es heißt, und gelangten dann durch ein bereitliegendes Schiff vor den Hafen von Iria Flavia13, der Hauptstadt des römischen Galicien, und ruderten an Land. Danach errichteten die Jünger ein Grabmal und bestatteten den Leib des Apostels. Aufgrund der noch heidnischen Bevölkerung Galiciens, geriet das Grab aller- dings in Vergessenheit.14 Schließlich waren es himmlische Zeichen, die dem Eremiten Pelagi us zu Beginn des 9. Jahrhunderts im Nordwesten der Iberischen Halbinsel den Weg zur Ruhe stätte des Apostels wiesen.15

Die Erzählungen sind geprägt von großer Unterschiedlichkeit und dienten vielmehr dazu, die Auffindung des Grabes mit der Apostelgeschichte in Einklang zu bringen. Dementsprechend viel Skepsis existierte an der Authentizität des Grabes und des Leichnams. Einer der bedeutendsten Kritiker war Martin Luther. Der Reformator bezweifelte die Legende, da es ihm an Belegstellen in der Heiligen Schrift fehlte und so kommentierte er:

Wie er in Hispaniam kommen gen Compostel, da die groß walfahrt hin ist, da haben wir nu nichts gewiß von dem: etlich sagen, er lig in Frankreich zu Thalosa, aber sy seind jrer sach auch nicht gewiß. Darumb laß man sy ligen und lauff nit dahin, dann man waißt nit ob sant Jacob oder ain todter hund oder ein todts roß da liegt, …laß raisen wer da wil, bleib du dahaim.16

Die Pilgerkritik ist aber nicht erst eine Erfindung der Reformation, sondern sie ist fast so alt wie die Pilgerfahrten selbst. Reliquienverehrung war schon in den Anfängen der Wallfahrtsbewegungen umstritten, hinzu kam der vermeintlich berechtigte Zweifel an der Realpräsenz der Heiligen in ihren Gräbern.

Es gilt daher, den historischen Kern der Legende kritisch aufzuarbeiten und festzustellen, was wirklich gewesen ist. Einer Missionstätigkeit des Apostels Jakobus auf der Iberischen Halbin- sel widerspricht vor allem die Tatsache, dass dies in keiner Bibelstelle oder sonstigen alt- christlichen Zeugnissen belegt ist. Die Bibelstelle Römer 15, 24, lässt, wenn überhaupt, auf eine Missionstätigkeit des Apostel Paulus schließen.17 Nicht nur bezüglich der Mission Jako- bus in Spanien gibt es Unklarheiten, auch für die behandelte Translationsgeschichte, zur Überführung des Leichnams, existieren ebenso wenig altchristliche Zeugnisse, sondern ledig- lich aufkommende Berichte ab dem 6. Jahrhundert. Als Höhepunkt dieser Debatte standen schließlich andere Orte in Konkurrenz mit Santiago de Compostela, in denen auch Jakobusre- liquien gezeigt wurden. So hält der Abt Guibert von Nogent schriftlich fest, wenn dieselben Reliquien an mehreren Orten gleichzeitig verehrt werden, werde an manchen Stellen mit Lug und Trug gearbeitet.18

Eine gängige These ging davon aus, dass die Entdeckung des Jakobusgrabes und die daraus entstehende Entwicklung der spanischen Tradition um den Apostel auch als Reaktion auf die damalige politische sowie kirchenpolitische Situation zurückzuführen sei. Im Jahre 711 war der letzte Westgotenkönig Roderich in der Schlacht am Guadalete gegen die Araber gefallen und die Iberische Halbinsel geriet als Al-Andalus19 in den Herrschaftsbereich der Kalifen von Damaskus.20 Zwei Faktoren könnten in der Folge zur Auffindung des Grabes geführt haben: Die Suche nach einer Identifikationsfigur im Kampf gegen die muslimischen Eroberer sowie der Wille nach mehr politischem und kirchenpolitischem Einfluss. Es ist anzunehmen, dass letztendlich beide Gründe ausschlaggebend waren. Belegt ist, dass das Königreich Asturien- Galicien den Bezug zum heiligen Jakobus geschickt nutzte, um die eigene Identität als christ- liche Nation zu stärken.21 Jakobus wurde somit gezielt für politische Propagandazwecke ein- gesetzt und innerhalb kürzester Zeit zum Heiligen Spaniens erklärt. Die Legende handelt da- von, dass Jakobus als sogenannter matamoros (Maurentöter) bereits in der Schlacht von Cla- vigo 84422 dem weichenden Heer der Christen gegen die Muselmanen beigestanden hat.23

Um die Erbringung eines eindeutigen Nachweises des Jakobusgrabes und der Grabentde- ckung haben sich schließlich Archäologen mit zwei groß angelegten Grabungen in den Jahren 1879 und 1946 bis 1959 beschäftigt.24 Hierbei wurde ein römisches Mausoleum aus dem 1. bis 2. Jahrhundert in unmittelbarer Nähe zum Grab des Bischofs Theodomir entdeckt. Die Grabreste wurden dann dem Apostel zugeschrieben, ob es sich hierbei aber tatsächlich um die Ruhestätte des heiligen Jakobus‘ handelte, ist fraglich und bleibt offen. Anzunehmen ist eher, dass man gezielt nach dem Jakobusgrab suchte, weil man die Berichte kannte und dann die Knochenreste der römischen Begräbnisstätte mit den Reliquien des Apostels gleichsetzte.

Trotz des Fehlens exakter historischer Belege wurde Santiago de Compostela für das gesamte christliche Abendland, neben Rom und Jerusalem, eines der wichtigsten Pilgerziele. Die „unglaubliche“ Legende, die Kenntnisse über Jakobus, der Ruhm der Heiligen und die Allmacht Gottes schafften es, zahlreiche Menschen im Mittelalter, als auch moderne Pilger anzuziehen. Im Endeffekt ist die Existenz der Jakobusreliquien in Santiago de Compostela nicht bewiesen, sondern eine Folge von Irrtümern, begangen in gutem Glauben.25 So schrieb beispielsweise der spanische Schriftsteller Miguel de Unamuno, dass „ein moderner Mensch kritischen Geistes, auch wenn er noch so katholisch ist, nicht annehmen kann, der Leichnam des heiligen Jakobus des Älteren befinde sich in Compostela“.

2.2 Der Jakobsweg im Mittelalter

Die früheste Benennung des Weges aus dem Jahre 1047 bezieht sich bereits auf seinen Endpunkt, das Jakobusgrab. Anlässlich der Gründung eines Hospitals in Arconda wird er als „in alten Zeiten gegründete Straße für diejenigen, die nach St. Peter und St. Jakob gehen oder von dort zurückkehren“, bezeichnet.26

Die erste Nutzung, ausgehend vom Jakobusgrab bis nach Südfrankreich, erfolgte im Vorfeld der Erhöhung des kirchlichen Sitzes von Santiago de Compostela. Bischöfliche Boten trans- portierten auf einem Weg, den man gewöhnlich als „Jakobsweg“ bezeichnete, Geldgeschenke und Schätze. Ab dem 10. Jahrhundert wurde der Weg zunehmend auch von Pilgern aus Ge- bieten nördlich der Pyrenäen genutzt. Dabei stammten die ersten nicht-spanischen Pilger zu- meist aus Frankreich, später folgten Deutschland und Italien. Nach der Überquerung der Py- renäen folgten sie in Nordspanien einer alten Römerstraße, der V í a Aquitana. Diese Römer- straße im Norden Spaniens war bis zur Spätantike von großer Wichtigkeit, da auf ihr Boden- schätze nach Gallien und Italien transportiert wurden.27 Danach verfiel sie zunehmend, bis sie für die Nutzung militärischer Züge gegen die Muslime wieder instand gesetzt wurde. Eine weitere Funktion war der Handel und Warentransport und der Weg entwickelte sich bald zur zentralen Handels- und Verkehrsachse, der die wiederbesiedelten oder neu angelegten Kö- nigsstädte Jaca, Pamplona und León miteinander verband.

Zugute kam dem Jakobsweg der Fakt, das Jerusalem, der Urpilgerort der Christenheit, als Pilgerziel immer unzugänglicher wurde. Jerusalem stand im 9. Jahrhundert unter muslimi- scher Herrschaft und auch der Seeweg bot keine ausreichende Sicherheit.28 Daher blieben nur Rom und Santiago de Compostela mit ihren Apostelgräbern als erreichbare Wallfahrtsorte. Am Jakobsweg liegende Ortschaften waren zunächst schlichte Ansammlungen von Gebäuden zu beiden Seiten der Straße. Die steigenden Pilgerzahlen bedurften aber unweigerlich einer verbesserten Infrastruktur. Die königlichen Privilegien und nicht zuletzt die materiellen Zeug- nisse belegen dementsprechend den stetigen Ausbau und die rege Nutzung der Straßen.29 Vie- le Brücken, Hospize und Kirchen sind in dieser Zeit errichtet worden. Vor allem der Zuschnitt der Bauten, die logischerweise auch dem Pilgerverkehr dienten, kündet davon, wie sehr die Pilgermobilität in Spanien im 12. Jahrhundert zugenommen hat. Neben den alten Siedlungs- kernen entstanden neue Stadtviertel, und sogar neue Ortschaften wurden gegründet. Estella, Santo Domingo de la Calzada und Puente la Reina sowie viele kleine Dörfer mit dem Na- menszusatz „del Camino“ sind zugleich Zeugen einer durch königliche Unterstützung geför- derten Ansiedlung. Auf Initiative der Katholischen Könige Isabella und Ferdinand von Ara- gón wurden zwei gewaltige Spitäler gestiftet, 1492 das zentral gelegene Hospital Real in Compostela und 1513 das Klosterspital San Marcos in León.30 Die Entwicklung war enorm, der einstige „Pfad“ wurde nach und nach zu einer stattlichen Hauptstraße ausgebaut. Mit der Zeit erlangte der Jakobsweg eine europäische Dimension, die sich auch durch den kulturellen Austausch von Ideen und künstlerischen Vorstellungen auszeichnete. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einem einsetzenden „Europäisierungsprozess“.31 Als wichtige Achse dieser vielfältigen Beziehungen diente jene alte nordspanische Römerstraße. Mit der Pilgerbewegung gingen eine Intensivierung des Handels und ein allgemeines Bevöl- kerungswachstum einher. Langfristig ließen sich auch Siedler aus Ländern nördlich der Pyre- näen, zumeist aus Frankreich, entlang des Weges nieder. Die Namen der im 11. Jahrhundert gegründeten Städte Villafranca Montes de Oca und Villafranca del Bierzo erinnern an diese Zuwanderer sowie die Bezeichnung camino franc é s, Frankenweg.32 Dieser Begriff ist seit dem 12. Jahrhundert belegt und ist bis heute die übliche und gebräuchliche Bezeichnung für die Hauptpilgerstraße durch Nordspanien.33

Erst im Spätmittelalter und in Folge der Reformation verloren der Jakobsweg und die Pilgerfahrt an sich an Einfluss. Pilgerfahrten wurden zwar nicht verboten, aber selbst aus den katholisch verbliebenen Ländern machten sich seit dem 16. Jahrhundert immer seltener Pilger auf den Weg nach Compostela.

2.3 Der Jakobsweg im Wandel - Vom Verfall in der Frühen Neuzeit bis zum Aufschwung in der Gegenwart

Die Pilgerfahrten gingen im 16. Jahrhundert drastisch zurück. Verursacht wurde dies durch eine Reihe von Ereignissen. Die Reformation und die damit einhergehende Kritik am Sinn des Pilgerns, bedeutete für protestantisch gewordene Gebiete das Ende der Pilgerfahrten nicht nur nach Santiago de Compostela. Gleichwohl erschwerten die politischen Rahmenbedingungen die Pilgerreisen zu den fernen Zielen erheblich. Der Bürgerkrieg in Frankreich führte darüber hinaus fast zum völligen Erliegen der Wallfahrten nördlich der Pyrenäen. Ein zunehmendes Bandenwesen entlang der gesamten Strecke machte die Reise zudem zu einem unsicheren und gefährlichen Unterfangen. Ein weiteres negatives Phänomen war das Aufkommen eines kaum mehr ernsthaften Pilgertyps, des peregrino caballeresco, und dem darauffolgenden Verfall der einstigen Pilgeridee zu Beginn der Neuzeit. Nicht mehr die Frömmigkeit, sondern die rit- terliche Pilger-, Abenteuer- und Vergnügungsreise stand im Vordergrund der Compostela- Fahrt.34 Problematisch wurden auch die vielen Bettler, die sich das dichte Netz an karitativer Fürsorge entlang der Pilgerwege zu nutzen machten, also ausnutzten. Dies führte schließlich dazu, dass der Jakobspilger in einigen Regionen als sogenannter Muschelbruder zum Inbegriff des Asozialen wurde.35

Trotz all dieser Schwierigkeiten bestand die Pilgerfahrt aus katholischen Gebieten Europas, wenn auch in stark reduzierter Form, fort. Doch auch in den Kreisen der Katholiken ver- schärfte sich die Krise der Jakobusverehrung zum Ende des 18. Jahrhunderts weiter. Im Zuge der Französischen Revolution und anschließenden Säkularisation gingen die Pilgerfahrten nach Compostela abermals deutlich zurück. Kirchlich-religiöse Infrastrukturen wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts zerschlagen. Der Fortbestand als Devotionsort wurde dadurch im Wesentlichen nur noch durch eine geringe Zahl von französischen und spanischen Pilgern sichergestellt.36 Lokale Zentren der Frömmigkeit lösten außerdem die unternommen Pilger- fahrten zu fernen Zielen zunehmend ab und neue „Nahwallfahrtszentren“ entstanden und er- freuten sich großer Beliebtheit.

Erst zum Ende des 20. Jahrhunderts setzte ein neuer Aufschwung des Jakobuskultes ein. Nachdem die Gebeine des Apostels 1589 aus Angst vor Sir Francis Drake versteckt worden waren, gerieten sie zunächst in Vergessenheit.37 Erst im Jahre 1879 versuchte man, auf Initiative des Kardinals Payá y Rico, durch neue Ausgrabungen die Ruhestätte der Jakobusgebeine zu ermitteln. Der Versuch war erfolgreich und am 1. November 1884 bestätigte Papst Leo XIII. mit einer Bulle den Fund, welches zuweilen als die zweite Auffindung der Jakobusreliquien bezeichnet wird.38 Nur zwei Monate später begann das „Heilige Jahr“ 1885, welches immer dann gefeiert wird, wenn der Jakobstag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt. Man kann daher annehmen, dass die Wahl des Datums kein Zufall war. Die Nachricht der Wiederauffindung und der Beginn des Heiligen Jahres hatte seine Wirkung nicht verfehlt und angeblich kamen Pilger aus ganz Europa zur Feier nach Compostela.

Letztendlich verhinderte aber die politische Situation Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese frühen Ansätze einer „Santiago-Renaissance“. Zwei Weltkriege, wirt schaftliche Schwierigkeiten und Krisen sowie das in zwei Lager gespaltene Spanien mit dem sich entfachenden Bürgerkrieg (1936-1939) waren für größere europäische Perspektiven nicht förderlich.

Schließlich wurde in Spanien selbst der Weg zur Steigerung der Bekanntheit des Apostelgra- bes geebnet. Im Verlauf des spanischen Bürgerkrieges wurde Jakobus in entscheidender Wei- se von dem Galicier Francisco Franco Bahamonde wieder als Nationalpatron eingesetzt und vom franquistischen Regime instrumentalisiert. Unter Franco wurde die katholische Religion zur Staatsreligion erhoben und der Diktator propagierte eine Rückbesinnung auf die Wurzeln Spaniens.39 Der Landespatron Jakobus rückte dabei in den Vordergrund und trug zur Bekräf- tigung des neuen Spaniens bei. In der Folge wurde auch der Jakobstag am 25. Juli wieder zum nationalen Feiertag deklariert.

Die langsam voranschreitende Wiederbelebung des Weges vollzog sich zunächst jedoch nur in Spanien. Erste Publikationen präsentierten dann aber auch die sich steigernde europäische Dimension des Jakobuskultes. Pilger aus anderen Teilen Europas blieben jedoch noch selten. Im Heiligen Jahr 1971 berichtete die Presse zwar von zahlreichen Pilgern, bezog dies aber vorwiegend auf die Iberische Halbinsel.

Die Chance, den Jakobsweg und Compostela auf europäischer Ebene wieder zu Ruhm und Bekanntheit zu führen, ergab sich für Spanien im besonderen Maße nach dem Tod Francos 1975 und dem Beitritt des Landes zur Europäischen Gemeinschaft im Jahre 1986. Mit dem Hintergrund, dass der Jakobsweg schon im Mittelalter die europäische Idee der Völkerbegeg- nung förderte, lag nach Ansicht der Politiker hier der historisch-kulturelle Beitrag Spaniens zu Europa.40 Zahlreiche Fördermaßnahmen folgten und seit den 1980er Jahren war die Tendenz der Zahl von Pilgern aus ganz Europa, die den Weg wie früher zu Fuß zurücklegten, wieder ansteigend. Der erste Besuch von Papst Johannes Paul II. in Santiago de Compostela 1982 tat sein Übriges. Über die Grenzen Europas hinweg erlangte der Jakobsweg weltweite Bekannt- heit. Dieser Entwicklung folgte 1987 die Ernennung des Jakobsweges zur ersten Europäi- schen Kulturstraße durch eine Deklaration des Europarats. Im Jahre 1993 erklärte die UNE- SCO den Jakobsweg zum Weltkulturerbe, ein wahrhaftiger Meilenstein in der Geschichte.41 Das Jahr 1993 war wohlgemerkt gut gewählt, denn es war wiederum ein Heiliges Jahr und versprach viele Pilger und sollte so Santiago de Compostela und dem Jakobsweg den endgül- tigen Durchbruch verschaffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Statistik über die Anzahl der Pilger, für die in Santiago de Compostela die Pilgerurkunde, la compostela, ausgestellt wurde.42

Die Entwicklung der Pilgerzahlen macht deutlich, dass die Maßnahmen zur Image-Steigerung des Jakobsweges Wirkung gezeigt haben. Das Pilgeraufkommen ist nach dem Heiligen Jahr 1993 erstmals auf über 15.000 Pilger geklettert und ist seitdem stetig angestiegen (Abb. 1). Das erhöhte Pilgeraufkommen in den Jahren 1999 und 2004 erklärt sich dadurch, dass es sich um Heilige Jahre handelt. Die Tendenz ist weiterhin steigend und die Zahl der Wallfahrer hat im Heiligen Jahr 2010 erstmals die magische Grenze von 200.000 Pilgern deutlich überschrit- ten.

All diese Zahlen berufen sich hierbei auf die Pilger, die im Pilgerbüro von Santiago de Com- postela ihre Urkunde, die sogenannte compostela erhalten haben, sprich die Personen, die mindestens die letzten 100 km zu Fuß oder zu Pferde zurückgelegt haben oder die die letzten 200 km mit dem Fahrrad bewältigt haben. Als Nachweis gilt der credential, der Stempelpass, auf dem die Pilger ihre Wallfahrt dokumentieren lassen müssen. Die Personen, die nur etap- penweise den Jakobsweg gegangen sind, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, sind nicht aufgeführt. Die tatsächliche Anzahl an Personen, die auf dem Weg unterwegs waren, dürfte daher noch weit höher liegen.

3. Spiritueller Tourismus

Die Renaissance der Compostela-Fahrt zum Ende des 20. Jahrhunderts ist mitunter gesellschaftlich begründet. In einer reizüberfluteten, nie stillstehenden Zeit wächst der Wunsch nach „Entschleunigung“, der Entdeckung von Langsamkeit, Spiritualität und Einkehr. Die Pilgerfahrt wird als Alternative betrachtet, dem postmodernen Leben zu entfliehen und sich dem natürlichen Tempo des Menschen als „Fußläufiger“ anzunähern. Diese Sichtweise vertritt auch Bibliotheksdirektor Xosé Ramón Lema Bendaña und schildert:

Yo no creo que todos lo hagan por motivos religiosos, pero sí por motivos espirituales. [...]. La vida actual a veces no deja a pensar mucho o no hay tiempo, hay muchas distracciones, televisión, internet, etc. Andar, yo creo que acomoda el pensamiento a un ritmo y se piensa mejor y a mucha gente le conviene hacer un periodo de reflexión y el Camino es una oportunidad para reflexionar y replantearnos lo que estamos haciendo.43

Diese Meinung unterstützt auch Xosé Manuel Iglesias Iglesias, Stadtrat von Santiago de Compostela für Wirtschaftsförderung und Tourismus, und unterstreicht:

El Camino de Santiago es una ruta de búsqueda espiritual, de contacto con la naturaleza, de conocimiento de otras personas, de otras culturas, y especialmente de uno mismo. La fuerza del Camino de Santiago radica en que las personas que lo hacen sienten que algo nuevo nace dentro de ellas.44

Die Motive, eine Pilgerreise anzutreten liegen für viele Santiago-Reisende tatsächlich auf geistig-spirituellem Gebiet. Bei einer durchaus repräsentativen Befragung, an der 3.149 Pilger teilgenommen haben, gaben 48,5 Prozent an, das unter anderem spirituelle Gründe den Aus- schlag für die Pilgerfahrt gegeben haben.45 Das bewusste Reisen und der Fußmarsch auf den Spuren früherer Pilger bis hin zu einem Apostelgrab stehen dabei gegen eine Verabsolutie- rung des Lebendigen.46

Die Verbindung von Spiritualität und Reisen, einem spirituellen Reisen, stellt ein Phänomen unserer Zeit dar, und die Sammelbezeichnung „Spiritueller Tourismus“ wurde geprägt. Ein Wortpaar, das Geist und Materie, Religion und Wirtschaft sowie Kirche und Welt vereint. Der Begriff Spiritualität hat sich unlängst zu einem Modewort entwickelt, das inflationär ge- braucht wird und Einzug in zahlreiche Bereiche gehalten hat. Die Sinngebungen sind dabei äußerst unterschiedlich, was vielleicht auch darin begründet liegt, dass der Terminus definito- risch schwer greifbar ist. Geschichtlich betrachtet entstammt er dem lateinischen Wort spiri- tualis, welches ursprünglich den vom Geist Gottes erfüllten und geleiteten Menschen beschrieb.47 Spiritualität wird heute hoch gelobt und vieles wird als per se „spirituell“ vermarktet. Häufig erfolgt hierbei eine wertende Abgrenzung von Religion und Spiritualität. Religion wird als starr und zwanghaft betrachtet, während Spiritualität als „individuelle Sinnfindung“ positiv definiert ist. Auch wenn Spiritualität christlich betrachtet, als „religiös-geistig sittliche Lebensprägung“ zu verstehen ist, ist eine konfessionelle religiöse Lebenseinstellung des Men- schen nicht unbedingt notwendig.48 Daher beschreibt Berkemann „Spiritualität“ in einem nicht religiös oder christlich festgelegten Sinn, als „sich auf eine Transzendenz hin ausrichten, ‚geistlich‘ auf der Suche sein.“ Spirituellen Tourismus definiert Berkemann im Folgenden als Phänomen, „dass Menschen ihre ‚geistliche Reise‘ mit einer ‚tatsächlichen Reise‘, einem Ortswechsel in ihrer Freizeit verbinden.“49

Als Zielpunkte spiritueller Reisen nennt Poensgen: „Landschaften und Länder, die mit einer besonderen Aura umgebenen sind, von deren Besuch Auswirkungen auf die eigene Psyche (Heilung, Ich-Erweiterung, Glückseligkeit) erwartet werden.“50 Er führt unter anderem das spirituelle mystische Indien, Yoga und Trekking in Nepal oder Sri Lanka, Thailand und den Heiligen Berg Kailash in Tibet an. Darüber hinaus nennt er Orte und Wege mit einer „aufge- ladenen“ religiösen Bedeutung. Konkret verweist er auf den Jakobsweg, auf dem über Jahr- hunderte hinweg Menschen gepilgert sind und der symbolisch für den eigenen Lebensweg steht, der einem die Erkenntnis bringen soll, zum eigenen Ich vorzudringen.51

In der Aktualität kann die US-amerikanische Schauspielerin Shirley MacLaine mit ihrem Buch „Der Jakobsweg: Eine spirituelle Reise“ durchaus als eine Vorreiterin dieses neu ent- standenen „Hypes“ angesehen werden. Es ist davon auszugehen, dass ihr Buch mit großer Wahrscheinlichkeit dazu beigetragen hat, die begriffliche Verbindung zwischen Jakobsweg und Spiritualität populär bzw. populärer zu machen. Die Einschätzung über die große Wir- kung von prominenten Publikationen zum Jakobsweg vertritt auch Plötz und äußert sich hier- zu: „Vor dem Kerkeling-Effekt gab es den Shirley MacLaine und den Paolo Coehlo-Effekt, der eine große Menge von Brasilianern auf die Wege spülte.“52 Als Höhepunkt dieser noch jungen Bewegung bezeichnete Papst Johannes Paul II. Santiago de Compostela in einem Brief aus dem Jahr 2003 sogar als „spirituelle Hauptstadt der europäischen Einheit“.53

Es wird deutlich, dass der Jakobsweg heutzutage wieder eine enorme Symbolkraft ausstrahlt und sich mehr Menschen denn je auf eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela begeben. Spirituelle Motive spielen dabei eine wichtige Rolle und auch wenn die Überwindung des Raumes nicht mehr unmittelbar im Vordergrund steht, so ist das Unterwegssein doch mit der nicht-technisierten Urform des Pilgerns im Mittelalter vergleichbar.

4. Konsum, Konsumgesellschaft, Kommerzialisierung

Begriffsgeschichtlich betrachtet, stammt das Wort Konsum von dem lateinischen consumere, auf Deutsch verbrauchen bzw. verzehren, und beschreibt den Verbrauch von Gütern (Sachgüter und Dienstleistungen) zur Steigerung des menschlichen Wohlergehens. Im engeren Sinn meint Konsum ausschließlich die Verwendung des Einkommens von Konsumenten für den Erwerb von Konsumgütern auf dem Markt.54

Diese Begriffsdeutung findet ihren Ursprung in der frühen Neuzeit und der merkantilistischen Wirtschaftstheorie wieder, wobei der merkantilistische Staat interessiert war an der Besteuerung der verzehrten Waren.55 Mit dem Staat kam somit ein weiterer konsumrelevanter Faktor hinzu. Dieser konnte nicht nur selbst als Konsument auftreten, sondern auch den privaten Konsum durch Steuern und Abgaben beeinflussen.

Im Zuge der Industrialisierung erfolgte eine Loslösung des Konsums von einer existenzsi- chernden Funktion hin zu sozialpsychologischen Aspekten wie Prestige und Individualität, der Geburtsstunde der Konsumgesellschaft.56 Die Verbraucherschicht begann, die zur Verfü- gung stehenden Waren für die Definition ihrer gesellschaftlichen Rolle und zur Selbstdarstel- lung zu nutzen.57 Der Superlativ der Konsumgesellschaft ist schließlich die Massenkonsum- gesellschaft, in der Massenprodukte für Konsumentenmassen produziert werden.58

Kleinschmidt nimmt eine Unterteilung des Konsums in vier Bereiche vor: Ernährung, Klei- dung, Haushalt und Wohnen sowie Freizeit und Kultur. Letztgenannter ist für das For- schungsthema von größtem Interesse und wird daher genauer analysiert. Der Autor stellt fest, dass das Reisen bereits seit dem 16. Jahrhundert zur adeligen und bürgerlichen Freizeitkultur gehörte.59 Im Laufe des 20. Jahrhunderts galt das Reisen als Resultat des zunehmenden Be- dürfnisses nach Erholung, als Erfüllung des Wunsches temporärem Ortswechsel und der Kon- frontation mit dem Fremden.60 Die Herausbildung der entsprechenden Infrastruktur folgte zwangsläufig.

In Bezug auf den Titel der Masterarbeit muss der Terminus „Kommerzialisierung“ genauer betrachtet werden. Der Begriff „Kommerzialisierung“ wird in der Brockhaus Enzyklopädie wie folgt definiert: „Bezeichnung für die Beeinflussung oder (teilweise) Verdrängung von ideellen, insbesondere kulturellen Werten durch wirtschaftliche Interessen.“61 Das Adjektiv kommerziell wird weiterhin als „den Handel betreffend, geschäftlich“ bzw. „auf Gewinn be- dacht“ erläutert. Kleinschmidt fügt den interessanten Hinweis hinzu, dass Kommerzialisie- rungstendenzen nicht nur bei typischen Konsumgütern wie Lebensmitteln, sondern auch im Kultur- und Freizeitkonsum zu beobachten sind.62 Setzt man diese Informationen mit der ra- santen Entwicklung des Jakobsweges in Verbindung, lässt sich eine interessante Hypothese aufstellen: „Die Pilgerfahrt zum heiligen Jakobus ist zu einem Massenphänomen avanciert und der Wallfahrer ist zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden.“ In der Tat drängt sich dem Beobachter die Vermutung auf, dass die einstige „Kulturstraße“ zu einem Produkt, einem Konsumgut „verkommen“ ist und starke wirtschaftliche und auf Gewinn bedachte Inte- ressen verfolgt werden.

5. Experteninterviews

Im Rahmen des Verfassens meiner Bachelorarbeit hatte ich bereits positive Erfahrungen bezüglich der Durchführung von Interviews mit Experten sammeln können. Die Entscheidung, diese Methode letztendlich auch für das Akquirieren von Informationen im Zuge der Masterarbeit anzuwenden, fiel somit nicht schwer. Als theoretische Grundlage verwendete ich das Lehrbuch „Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse“ von Gläser und Laudel, welches, als sehr ausführliches Standardwerk, gut geeignet ist.

Den Begriff „Experte“ und „Experteninterview“ definieren Gläser und Laudel wie folgt: „‚Experte‘ beschreibt die spezifische Rolle des Interviewpartners als Quelle von Spezialwis- sen über die zu erforschenden sozialen Sachverhalte. Experteninterviews sind eine Methode, dieses Wissen zu erschließen.“63 Experteninterviews sind vor allem in den Sozialwissenschaf- ten weit verbreitet und gekennzeichnet durch zwei gemeinsame Merkmale64:

1. Die Experten sind ein Medium, durch das der Sozialwissenschaftler Wissen über einen ihn interessierenden Sachverhalt erlangen will. Sie sind also nicht das „Objekt“ unse- rer Untersuchung, sondern sind bzw. waren „Zeugen“ der uns interessierenden Prozes- se. Die Gedankenwelt, die Einstellungen und Gefühle der Experten interessieren uns nur insofern, als sie die Darstellungen beeinflussen, die die Experten von dem uns in- teressierenden Gegenstand geben.

2. Die Experten haben eine besondere, mitunter sogar exklusive Stellung in dem sozialen Kontext, den wir untersuchen wollen.

Es handelt sich demnach um Untersuchungen, in denen soziale Situationen oder Prozesse rekonstruiert werden sollen, um eine sozialwissenschaftliche Erklärung zu finden. In diesem Zusammenhang wird auch von rekonstruierenden Untersuchungen gesprochen.65

5.1 Vorüberlegungen, Durchführung, Auswertung

In den qualitativen Erhebungsmethoden finden hauptsächlich nichtstandardisierte Interviews Anwendung. Da die Mehrheit meiner Gesprächspartner allerdings spanischer Herkunft sein würde, entschied ich mich Leitfadeninterviews durchzuführen. Diese Form der Interviewfüh- rung gewährleistet dem Interviewer eine gewisse Sicherheit, da die Fragen zu den behandeln- den Themen vorab in einer Frageliste erarbeitet wurden, welche die Grundlage des Gesprächs bildet. Die letztendlichen Frageformulierungen und die Reihenfolge der Fragen sind jedoch unverbindlich und damit variabel.66

Als größte Herausforderung stellte sich die Suche nach geeigneten Interviewpartnern heraus und hier vor allem die Bereitschaft jener, sich für ein Interview zur Verfügung zu stellen und sich die notwendige Zeit zu nehmen. Auch die Formulierung von adäquaten Fragestellungen nahm viel Zeit in Anspruch. Um den Charakter eines Experteninterviews sicherzustellen, wa- ren Inhalt und Funktion der formulierten Fragen von entscheidender Bedeutung. „Faktenfra- gen“ nach Erfahrungen, Wissen und Hintergründen sollten sich als Schwerpunkt herauskris- tallisieren, während „Meinungsfragen“ nur vereinzelt abgefragt wurden.67

[...]


1 Vgl. Detlef Lienau. Sich fremd gehen. Warum Menschen pilgern. Ostfildern: Matthias-Grünewald, 2009, S. 79.

2 Ebd., S. 78.

3 Vgl. [o.V.]: Weltweit gr öß te Christusstatue errichtet. In: focus.de vom 08.11.2010: http://www.focus.de/reisen/reisefuehrer/osteuropa/polen-weltweit-groesste-christus-statue- errichtet_aid_569896.html (Stand 01.05.2011).

4 Die Jakobsmuschel gilt als das Symbol der Pilger nach Santiago de Compostela. Der Legende nach haben sich bei der Translation Jakobus‘ Muscheln an dessen Leichnam festgesetzt, daher die symbolische Bedeutung.

5 Robert Plötz: E-Mail Interview, durchgeführt vom Verfasser. Bukarest, 04.04.2011.

6 Duden.de - Dudenredaktion: http://www.duden.de/rechtschreibung/pilgern (Stand: 20.06.2011).

7 Vgl. Robert Plötz: Auf den Spuren der Jakobspilger. In: epoc, Ausg. 2 (2010), S. 30.

8 Vgl. Christoph Kühn: Die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela. Geschichte, Kunst und Spiritualität. Leipzig: Plöttner, 2005, S. 23f.

9 Vgl. ebd., S. 24.

10 Das Jakobsbuch, auch Liber Sancti Jacobi, bezeichnet ein zwischen 1139 und 1173 abgefasstes fünfteiliges

Sammelwerk zum Kult des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Der Name des angeblichen Verfassers, Papst Calixt II., hat zu der Bezeichnung „Codex Calixtinus“ geführt. Der „Codex“ besteht aus einem liturgischen Buch, einer Mirakelsammlung, dem Translationsbericht, dem Pseudo-Turpin und einem Pilgerführer.

11 Vgl. Werner Altmann: Von Puente la Reina nach Santiago de Compostela. Eine kurze Geschichte des spanischen Jakobsweges vom Mittelalter bis zur Gegenwart. In: Hispanorama, Nr. 127 (2010), S. 41.

12 Lk 12, 1-2

13 Das römische Iria Flavia heißt heute El Padrón.

14 Vgl. Klaus Herbers: Der Jakobsweg. Mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela. Tübingen: Gunter Narr, 72001, S. 13.

15 Vgl. Klaus Herbers: Jakobsweg. Geschichte und Kultur einer Pilgerfahrt. München: C.H.Beck, 22007, S. 10f.

16 Vgl. Lienau 2009, S. 67. Vgl. auch Martin Luther: Kritische Gesamtausgabe X, Weimar 1905, S.235.

17 Vgl. Herbers 72001, S. 14.

18 Vgl. Herbers 22007, S. 80.

19 Al-Andalus ist die Bezeichnung des ehemals unter arabischer Herrschaft stehenden Spaniens und Portugal.

20 Vgl. Walther L. Bernecker: Spanien-Handbuch. Geschichte und Gegenwart. Tübingen: A. Francke, 2006, S. 27.

21 Vgl. Plötz 2010, S. 30.

22 Historisch ist die Schlacht von Clavigo nicht nachgewiesen.

23 Vgl. Wolfgang Lipp: Das Erbe des Jakobus. Laupheim: C&S, 2008, S. 72f.

24 Vgl. Engelbert Kirschbaum: Die Grabungen unter der Kathedrale von Santiago de Compostela. In: Römische Quartalschrift 56, 1961, S.234ff.

25 Vgl. Yves Bottineau: Der Weg der Jakobspilger. Geschichte, Kunst und Kultur der Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Bergisch Gladbach: Lübbe, 1987, S. 37.

26 Vgl. Kühn 2005, S. 30f.

27 Vgl. Herbers 22007, S. 40.

28 Vgl. Gonzalo Martínez Díez: El Camino de Santiago en la Provincia de Burgos. Salamanca: Europa Artes Gráficas S.A., 2005, S. 14.

29 Vgl. Herbers 22007, S. 49f.

30 Vgl. Kühn 2005, S. 95.

31 Vgl. Herbers 22007, S. 50.

32 Die Bezeichnung „Franke“ war der gängige Begriff für ausländische Zuwanderer.

33 Vgl. Kühn 2005, S. 29f.

34 Vgl. Lienau 2009, S. 58.

35 Vgl. Kühn 2005, S. 108f.

36 Vgl. Herbers, 22007, S. 107.

37 Sir Francis Drake (*um 1540; † 28.Januar 1596) war ein englischer Vizeadmiral, der im August 1588 am siegreichen Kampf gegen die spanische Armada (Kriegsflotte) beteiligt war. 1589 belagerte er Santiago.

38 Vgl. Herbers 22007, S. 108.

39 Vgl. Bernecker 2006, S. 398.

40 Vgl. Herbers 22007, S. 110.

41 Vgl. Unesco.de - UNESCO Welterbeliste: http://www.unesco.de/welterbeliste.html (Stand: 08.05.2011).

42 Vgl. Peregrinossantiago.com - La Peregrinación a Santiago: http://peregrinossantiago.es/esp/post- peregrinacion/estadisticas/ (Stand: 08.05.2011).

43 Xosé Ramón Lema Bendaña: Persönl. Interview, geführt vom Verfasser. Santiago de Compostela, 05.05.2011.

44 Xosé Manuel Iglesias Iglesias: Persönl. Interview, geführt vom Verfasser. Santiago de Compostela, 27.05.2011.

45 Vgl. Xosé Manuel Santos Solla / Fidel Martínez Roget: Informe Cami ñ o 2010. Instituto de Estudios Turísticos de Galicia & USC Centro de Estudios e Investigaciones Turísiticas.

46 Vgl. Kühn 2005, S. 131.

47 Vgl. Hans-Martin Barth: Spiritualität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1993, S. 10ff.

48 Herbert Poensgen: Neue Entwicklungen des spirituellen Tourismus - Beispiele, Trends, Orientierungen. Was ist Spiritueller Tourismus oder Spirituelles Reisen? In: Heilige Orte, sakrale Räume, Pilgerwege. Möglichkeiten und Grenzen des Spirituellen Tourismus, (2006), S. 17: http://www.tma-bensberg.de/docs/430_bepr_102.pdf (Stand: 07.05.2011).

49 Karin Berkemann: Spiritueller Tourismus in Sachsen-Anhalt. Ergebnisse einer landesweiten Studie. In: Heili- ge Orte, sakrale Räume, Pilgerwege. Möglichkeiten und Grenzen des Spirituellen Tourismus, (2006), S. 36f: http://www.tma-bensberg.de/docs/430_bepr_102.pdf (Stand: 07.05.2011).

50 Poensgen 2006, S. 18.

51 Vgl. ebd., S. 18.

52 Plötz 04.04.2011.

53 Vgl. Herbers 22007, S. 6.

54 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie: Konsum. Leipzig, 212006, Band 15 (KIND-KRUS), S. 474.

55 Vgl. Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, S. 9.

56 Vgl. Ariane Stihler: Die Entstehung des modernen Konsums. Darstellung und Erklärungsansätze. Berlin: Duncker & Hublot, 1998, S. 11.

57 Vgl. ebd., S. 27.

58 Vgl. Kleinschmidt 2008, S. 12.

59 Vgl. Kleinschmidt 2008, S. 53.

60 Vgl. ebd., S.54.

61 Brockhaus Enzyklopädie: Kommerzialisierung. Leipzig, 212006, Band 15 (KIND-KRUS), S. 344.

62 Vgl. Kleinschmidt 2008, S. 20.

63 Vgl. Jochen Gläser / Grit Laudel: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse. Wiesbaden: VS Verlag, 42010, S. 12.

64 Vgl. ebd., S. 12f.

65 Vgl. ebd., S. 13.

66 Vgl. ebd., S. 41f.

67 Vgl. ebd., S. 122f.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Markt und Jakobsweg - Kommerzialisierung einer Pilgerfahrt
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
75
Katalognummer
V192075
ISBN (eBook)
9783656176473
ISBN (Buch)
9783656176732
Dateigröße
6465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einige Zitate der Masterarbeit sind auf Spanisch!
Schlagworte
markt, jakobsweg, kommerzialisierung, pilgerfahrt
Arbeit zitieren
Manuel Rhode (Autor), 2011, Markt und Jakobsweg - Kommerzialisierung einer Pilgerfahrt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192075

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