Der deutsche Kolonialrassismus in Deutsch-Südwestafrika war nicht nur die praktische Anwendung rassistisch legitimierter Herrschaftsansprüche, sowie die logische Fortführung des, gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer populärer werdenden, Sozialdarwinismus, sondern diente zu einem nicht unerheblichen Anteil auch der Durchsetzung wirtschaftlich motivierter Interessen der deutschen Siedlergemeinschaft.
Die Machtansprüche der deutschen Kolonisatoren in Deutsch-Südwestafrika (und auch in den übrigen Kolonien) lagen größtenteils in der Überzeugung, dass die Afrikaner einer „minderwertigen Rasse“ angehörten und es ein „natürliches Verhältnis“ zwischen der herrschenden weißen und der beherrschten schwarzen Rasse gäbe.1 Diese Rassentheorien waren somit also eine absolute Voraussetzung für die Annexion überseeischer Gebiete und die Unterwerfung der dort lebenden Bevölkerung.
Doch auch die Übernahme rassistischen Gedankenguts aus den Nachbarkolonien der übrigen europäischen Kolonialmächte beeinträchtigte die rigide Herrschaftspolitik der deutschen Kolonialbeamten.2 Besonders der Herrschaftsverlust der spanischen und portugiesischen Kolonien diente als warnendes Beispiel für eine zu laxe Herrschaftspolitik gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Dadurch, dass in Fragen betreffend der „Mischehe“ und der „Mischlingskinder“ mit zu viel Nachsicht gehandelt wurde, sahen die deutschen Kolonialbeamten das Scheitern anderer europäischer Kolonialmächte begründet und damit den praktizierten Rassismus legitimiert.3
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Lage für den männlichen Siedler in Deutsch-Südwestafrika
Die „Bedrohung durch die Mischlinge“
Die rechtliche Stellung von „Eingeborenen“
Das „Verkaffern“
Vorurteile gegenüber der afrikanischen Bevölkerung und Rassentheorien um die Jahrhundertwende
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Kolonialrassismus im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika und analysiert, inwieweit rassistische Ideologien zur Legitimierung deutscher Herrschaftsansprüche und zur Absicherung wirtschaftlicher Interessen gegenüber der afrikanischen Bevölkerung instrumentalisiert wurden.
- Analyse des Geschlechterverhältnisses und dessen Einfluss auf koloniale Machtstrukturen
- Untersuchung der gesellschaftlichen und rechtlichen Ausgrenzung von „Mischlingen“
- Kritische Betrachtung des Phänomens der sogenannten „Verkafferung“
- Rolle von Rassentheorien und Sozialdarwinismus bei der Etablierung einer weißen Privilegiengesellschaft
Auszug aus dem Buch
Die „Bedrohung durch die Mischlinge“
Während in den 1890er Jahren Beziehungen zwischen deutschen Männern und Afrikanerinnen noch weitestgehend toleriert und mitunter sogar gutgeheißen wurden, änderte sich dies in zunehmenden Maße mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Kolonisatoren und der einheimischen Bevölkerung.
Durch einen starken Anstieg der Anzahl an Kindern, die aus einer Verbindung von Afrikanerinnen und deutschen Siedlern hervorgingen, fühlten sich die, zahlenmäßig nur sehr gering in Deutsch-Südwestafrika vertretenen, weißen Kolonisatoren durch die wachsende Masse an „Mischlingen“ mehr und mehr bedroht. Die Anfangs noch als unbedenklich und „normal“ angesehenen sexuellen Beziehungen zu schwarzen Frauen gerieten um die Jahrhundertwende zunehmend in die Kritik.
Um eine weitere Ausbreitung der „Mischlingskinder“ einzudämmen, wurde an die Tugendhaftigkeit der Deutschen appelliert, die im Gegensatz zu der, als stark sexualisiert wahrgenommenen, schwarzen Bevölkerung stehe und dazu dienen sollte, den „bürgerlich weißen Zivilisationsvorsprung“ seines Volkes zu wahren. Bereits an diesem Beispiel wird deutlich, dass die Angst vor dem Machtverlust sich in verschiedenen Rassentheorien, bzw. deren praktischer Umsetzung, manifestierte, um der, aus Sicht der deutschen Siedler negativen, Entwicklung entgegen zu wirken.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema des deutschen Kolonialrassismus in Deutsch-Südwestafrika und die zentrale Rolle der Herrschaftslegitimation.
Die Lage für den männlichen Siedler in Deutsch-Südwestafrika: Untersuchung des Frauenmangels unter Siedlern und der daraus resultierenden, teils gewaltsamen, Unterwerfung afrikanischer Frauen.
Die „Bedrohung durch die Mischlinge“: Analyse der steigenden Ablehnung gegenüber „Mischehen“ und der Versuche, die „Mischlingsbevölkerung“ rechtlich und gesellschaftlich auszugrenzen.
Die rechtliche Stellung von „Eingeborenen“: Erörterung der willkürlichen Definitionen und massiven rechtlichen Diskriminierung von Personen mit afrikanischen Vorfahren.
Das „Verkaffern“: Untersuchung des Begriffs der „Verkafferung“ als Angstphänomen der Siedler vor kultureller Degeneration.
Vorurteile gegenüber der afrikanischen Bevölkerung und Rassentheorien um die Jahrhundertwende: Darlegung der pseudowissenschaftlichen Rassentheorien und des Sozialdarwinismus als Fundament der kolonialen Ideologie.
Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass der Rassismus primär ein Instrument zur Machterhaltung und ökonomischen Ausbeutung war.
Schlüsselwörter
Kolonialrassismus, Deutsch-Südwestafrika, Sozialdarwinismus, Mischehenverbot, Mischlingskinder, Herrschaftslegitimation, Eingeborene, Verkafferung, Kolonialpolitik, Rassenhierarchie, deutsche Siedler, Machtpolitik, wirtschaftliche Interessen, Identitätspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den rassistischen Strukturen und Ideologien im deutschen Kolonialismus in Deutsch-Südwestafrika und deren Auswirkungen auf das Zusammenleben von Siedlern und einheimischer Bevölkerung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Umgang mit Mischehen, der rechtliche Status von afrikanischstämmigen Personen, das Phänomen der „Verkafferung“ und die Rolle von Sozialdarwinismus zur Herrschaftssicherung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie rassistisch begründete Theorien genutzt wurden, um die weiße Privilegiengesellschaft zu stützen und die schwarze Bevölkerung ökonomisch und politisch zu unterdrücken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von zeitgenössischen Lexika, Verordnungen, Gouvernementsschreiben und der kolonialgeschichtlichen Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die soziale Situation der Siedler, die rechtliche Degradierung der afrikanischen Bevölkerung, die Angst vor kulturellem Identitätsverlust und die wissenschaftliche Fundierung des Rassismus um die Jahrhundertwende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kolonialrassismus, Machtinstrumente, Rassenhierarchie, ökonomische Ausbeutung und koloniale Identität charakterisiert.
Warum wurde das Mischehenverbot von 1907 eingeführt?
Es wurde eingeführt, um die wachsende Zahl von „Mischlingskindern“ zu begrenzen, da diese als potenzielle Gefahr für den absoluten Machtanspruch der weißen Kolonialherren wahrgenommen wurden.
Was bedeutet der Begriff „Verkafferung“ in diesem Kontext?
„Verkafferung“ beschreibt die zeitgenössische, rassistisch gefärbte Angst der Siedler vor einem kulturellen und sozialen Abstieg, wenn sie zu enge Kontakte zur afrikanischen Bevölkerung pflegten.
Wie wirkten sich die Rassentheorien auf die Rechtslage aus?
Die rassistischen Weltbilder führten zu willkürlichen Urteilen, bei denen bereits ein afrikanischer Vorfahre ausreichte, um einer Person ihre bisherigen Rechte als Reichsdeutscher zu entziehen und sie unter ein diskriminierendes „Eingeborenenrecht“ zu stellen.
- Arbeit zitieren
- René Feldvoß (Autor:in), 2012, Der Kolonialrassismus in Deutsch-Südwestafrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192189