Die rhetorischen Aspekte bei Sten Nadolnys Roman „Selim oder Die Gabe der Rede“ anhand der Figuren Alexander und Selim


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

26 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Klärung des Begriffs Rhetorik

3. Problemstellung

4. Alexander
4.1 Rhetorische Laufbahn
4.2 Schwierigkeiten
4.3 Problembewältigung

5. Selim
5.1 Rhetorische Laufbahn
5.2 Selims Erzählgabe

6. Interkulturelle Bezüge

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der in Montagetechnik verfasste Roman „Selim oder die Gabe der Rede“ von Sten Nadolny greift das Thema der türkischen Gastarbeiter auf und setzt es in einen meiner Meinung nach interessanten Kontext. Der Roman spielt von 1965 bis 1989 und handelt von mehreren Personen, die Deutsche und Türken sind, hauptsächlich aber vom türkischen Gastarbeiter Selim und dem Deutschen Alexander. Sten Nadolny zeigt bei „Selim oder die Gabe der Rede“, welches Bild die Türken von den Deutschen und umgekehrt haben und greift die Thematik des Fremdbildes auf. Wie der Titel schon besagt geht es zudem um Rhetorik. Das Erzählen zieht sich als Leitthema durch den gesamten Roman (Brix, 2008, S. 175).

Im Folgenden soll zum besseren Verständnis meiner späteren Ausführungen der Inhalt des Romans im Hinblick auf die Figuren Selim und Alexander knapp zusammengefasst werden.

Der in Bayern aufgewachsene Deutsche Alexander, der gerade seinen Wehrdienst absolviert, nimmt in einem Zugabteil Platz, in dem fünf Türken sitzen. Darunter ist auch der Türke Selim. Die beiden Hauptfiguren Selim und Alexander lernen sich aber erst zwei Jahre später kennen, da im Zugabteil aufgrund der Sprachbarriere keine Kommunikation stattfindet. Alexanders größter Traum ist es, ein großer Redner zu werden. Vor allem geht es ihm darum, Menschen für sich zu gewinnen und überzeugend zu sprechen. Doch genau dies gelingt ihm nicht. Um seinen Traum zu verwirklichen, dreht sich sein ganzes Leben um das Thema Rhetorik, weshalb er seinen Lebensweg mit Anstrengung geht. Obwohl er dem Wehrdienst und der Studentenbewegung kritisch gegenübersteht, tritt er ihnen bei, da er denkt, sie könnten ihm in seiner beruflichen Laufbahn helfen. Durch seinen andauernden Kampf gegen seine Natur gerät er sogar in eine schwere Krise, weshalb er eine Therapie beginnt. Der aus Istanbul stammende Selim dagegen, der Ringer war, ist eine Frohnatur. Er möchte nach seiner Einwanderung nach Deutschland reich werden. Zuerst arbeitet er als Seemann, dann nimmt er verschiedene Hilfsjobs wie zum Beispiel Schweißer oder Brückenbauer an, um finanziell überleben zu können. Mit Leichtigkeit geht er durchs Leben, da er trotz aller Widrigkeiten fest an seinen Traum, reich zu werden, glaubt. Ausländeranfeindungen nimmt er locker und zudem kann er sich schnell anpassen. Er stellt den Gegenpol zu Alexander dar, denn er ist der geborene Erzähler. Nadolny beschreibt seine Beobachtungen, die er über die Deutschen macht. Auf der anderen Seite werden auch die Gedanken von Alexander über die Türken aufgezeigt. Selim und Alexander machen, nachdem sie sich besser kennen, zusammen eine Redeschule auf. Sie läuft sehr erfolgreich und sogar Prominente wie zum Beispiel Steffi Graf besuchen sie. Doch während der Zeit, als beide zusammen die Redeschule betreiben, wird Selim verhaftet und in die Türkei abgeschoben. Es handelt sich hierbei nicht um eine kriminelle Tat, da Selim nur jemanden helfen wollte, was die Polizei jedoch nicht interessiert. Alexanders Versuche, Selim zurückzuholen, scheitern. Dieser stirbt sogar bei einem Autounfall und Alexander bekommt daraufhin gesundheitliche Probleme, weshalb er in ein türkisches Krankenhaus kommt. Zurück in Deutschland führt er die Redeschule alleine erfolgreich weiter. Über Selim, den er wegen seiner Redebegabung immer bewundert hat, möchte er einen Roman schreiben. Während der Schreibarbeit lernt er mehr über Rhetorik als bei seinen diesbezüglichen Anstrengungen zuvor.

Seitenangaben der Primärliteratur im Text werden ohne weitere Angaben in Klammern genannt. Es gilt die im Literaturverzeichnis angegebene Ausgabe.

Nach einer kurzen Inhaltszusammenfassung soll im Folgenden vor der Bearbeitung der Prob-lemstellung noch der Rhetorikbegriff geklärt werden. Dies erscheint mir für ein besseres Verständnis der Untersuchung sinnvoll.

2. Klärung des Begriffs Rhetorik

Der Begriff Rhetorik hält in vielen Bereichen Einzug. Es werden unzählige Kurse und Einzelcoachings zum Erlangen rhetorischer Fertigkeiten angeboten, sei es zum Beispiel für Manager, Moderatoren, Politiker, Lehrer oder Verkäufer. Es wird mit vielem geworben, zum Beispiel mit Aussagen wie dieser: „Mit einer ausgefeilten Gesprächsrhetorik können Sie die Wirkung Ihres Auftritts deutlich verbessern und Ihre persönliche Überzeugungskraft systematisch steigern.“ (http://www.frontline-consulting.de/rhetorik-trainings?gclid=CISPt8L3m6gCFcUXzQod72XQHg, Stand 13.04.3011)

Auch aktuell ist das Thema Rhetorik in aller Munde, nämlich in einem preisgekrönten Kinofilm, in dem die Thematik Stottern, Linkshändigkeit, Redeangst und Rhetorikunterricht aufgegriffen wird (http://www.thekingsspeech.senator.de/, Stand 13.04.2011). In „The King`s Speech“ geht es um den Sohn des britischen Königs George V., zu dessen Pflichten das öffentliche Reden gehört. Umso mehr benötigt er rhetorische Fertigkeiten, als er später unter dem Namen George VI. Englands neuer König wird. Doch er stottert seit seiner Kindheit und hat Redeangst. Niemand kann ihm helfen, bis er den Sprachtherapeuten Lionel Logue kennenlernt, der ihm mit Hilfe von unkonventionellen Methoden behandelt und George dadurch Stück für Stück besser werden lässt (ebd.). Ich habe mir den Film angesehen, weshalb ich gerne meine Eindrücke in die hier vorliegende Arbeit miteinbeziehen möchte. Ich bin der Ansicht, dass es beim Film hauptsächlich um zwei Teilbereiche der Rhetorik geht: Um Sprechtherapie, nämlich die Behebung des Problems Stottern und um die Beseitigung der Redeangst. Andere Bereiche der Rhetorik treten beim Film zum einen in den Redetexten, die George geschrieben bekommt, in Erscheinung. Diese nehmen im Film jedoch inhaltlich keinen Platz ein. Zum anderen ist George an einer Stelle im Film von Hitlers rhetorischen Fähigkeiten, die er im Fernsehen sieht, begeistert, auch wenn er nicht versteht, was dieser spricht. Dies motiviert ihn, auch einmal so gut sprechen zu können. Es könnte die Vermutung aufkommen, dass die Behebung des Stotterns eine Voraussetzung ist, um überhaupt gut sprechen zu können. Der Begriff Rhetorik und die Behebung eines Sprachproblems werden bei vielen Filmbeschreibungen zu „The King`s Speech“ folglich wild durcheinander gemischt (http://www.wienerzeitung.at/default.aspx?tabID=5354&alias=wzo&cob=544217, Stand 13.04.2011), was zu einer Unklarheit führen kann. In der Allgemeinheit wird nämlich oft angenommen, dass Rhetorik ganz einfach Redekunst sei. Doch was sie beinhaltet ist vielen unklar. Ueding (2006, S. 14) meint, dass das heutige Verständnis von Rhetorik „verwaschen, oberflächlich oder schlichtweg falsch ist“. Schon das genannte Kinofilmbeispiel mitsamt seinen Kritiken hat verdeutlicht, wie unklar der Begriff Rhetorik eigentlich ist. Daher soll im Folgenden eine knappe Begriffserklärung stattfinden, die sich auf den Aufsatz „Was ist Rhetorik?“ von Ueding (2006) stützt.

Durchforstet man das am deutschen Markt befindliche Rhetorikbuch oder -seminarangebot, könnte man schnell zum Schluss kommen, Rhetorik bedeute frei und überzeugend sprechen zu können. Titel wie „Frei reden und überzeugen“ oder „Sprechen, reden, überzeugen“ sind nur zwei Beispiele (Ueding, 2006, S. 14). Dabei umfasst Rhetorik „die Theorie und Praxis der menschlichen Beredsamkeit in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten […] in mündlicher, schriftlicher oder durch die technischen Medien (Funk, Film, Fernsehen) vermittelter Form [...].“ (ebd., S. 15) Aristoteles oder Isokrates verstanden also Rhetorik nicht nur als Redekunst, sondern schlossen auch zum Beispiel einen Brief oder eine Reisebeschreibung mit ein (ebd.). In wissenschaftlicher und hermeneutischer Hinsicht beschäftigt sich die Rhetorik mit der Interpretation und Analyse von persuasiver Kommunikation.

Bei der Rhetorik handelt es sich außerdem um eine Erfahrungswissenschaft. Durch Beobachten und Analyse von Sprechakten können Hypothesen gebildet werden, wie eine erfolgreiche Kommunikation abläuft (ebd.). Um zurück auf das Beispiel des Kinofilms „The King`s Speech“ zu kommen, stellt sich die Frage, was angewandte Rhetorik allgemein beinhaltet. Sie soll wirkungsorientiertes Sprechen und Verhalten wie zum Beispiel Körpersprache, Mimik, Gestik oder Gesprächshaltung lehren, gibt durch Beobachtung abgeleitete Regeln weiter und beinhaltet Schreibübungen. Auch die Sprecherziehung und -wissenschaft hält in die Rhetorik Einzug (ebd.). Zudem solle ein Sprecher eine große Allgemeinbildung aufweisen, um zum „Vollbesitz der Einsicht und Gelehrsamkeit“ (Cicero, De oratore, 3, 122, zitiert nach Ueding, 2006, S. 16f.) zu kommen, was er bei Reden brauche. Dieser Erklärung zufolge würde das Training gegen das Stottern in „The King`s Speech“ auch zur Rhetorik zählen, da die Sprechwissenschaft und -erziehung auch Sprechtherapie (http://www.unimarburg.de/fb09/igs/mitarbeiter/heilmann/heilmann_sprechwissenschaft, Stand 13.04.2011) beinhaltet.

Dieser kurze Einblick in die allgemeine Rhetorik erscheint mir sinnvoll, um rhetorische Aspekte in Nadolnys Werk „Selim oder die Gabe der Rede“ untersuchen und richtig einordnen zu können.

3. Problemstellung

Zu erläutern, was einen guten Rhetoriker ausmacht, ist im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit nicht möglich. Zudem gibt es keinen guten Rhetoriker allgemein, da es immer auf die jeweilige Situation ankommt. Jemand, der zum Beispiel eine gute Verkaufsrhetorik beim Dialog besitzt ist nicht automatisch ein guter Redner vor Publikum. Dazu ließen sich unzählige andere Beispiele nennen. Im vorliegenden Buch geht es grob eingeteilt um drei Bereiche der Rhetorik. Es betrifft dabei das Reden vor Publikum, das Führen von Dialogen und das Schreiben. Aber auch hierbei kann im Rahmen dieser Arbeit kein Versuch unternommen werden, zu erläutern, was einen guten Rhetoriker in diesen Bereichen ausmacht, da auch sie zu vielfältig und verschieden sind. Jede Gesprächssituation erfordert andere Fertigkeiten. Zur Vorbereitung jeder Rede sollte man sich laut Bartsch et al. (2009, S. 18ff.) die „W.O.G.A.M.P.I.T.Z.“-Fragen beantworten, die die Wirkung, den Ort, die Grundeinstellung, die Absicht der Rede, das Medium, das Publikum, das Image, den Titel/Auftrag und den Zeitpunkt im Vorfeld klären sollen, um gut gerüstet in eine Redesituation zu gehen. Daran ist schon zu erkennen, welche vielfältigen Anforderungen zu beachten sind. Lediglich kann in der vorliegenden Arbeit daher geklärt werden, welche Faktoren Selim zu einem erfolgreichen Redner in den geschilderten Situationen machen und welche Schwierigkeiten Alexander bei den jeweiligen Gegebenheiten hat. Allein die Frage, was eine Rede allgemein zu einer erfolgreichen macht, kann nicht universell beantwortet werden. Sie ist dann erfolgreich, „wenn Redner und Zuhörer zufrieden sind“ und „wenn die „Botschaft“, das heißt der Inhalt der Rede beim Zuhörer angekommen ist“ (Hofmeister, 1996, S. 19). Dazu kommen aber noch andere spezifische Punkte, die sich bei jeder Gegebenheit anders darstellen. Beim Teleshopping spielen beispielsweise zudem noch gute Verkaufszahlen eine Rolle, beim Call-In-TV viele Anrufe oder bei einer Comedymoderation eine lockere Art. Aber auch hier wäre zu diskutieren, ob die genannten Beispielfaktoren nicht schon eine Voraussetzung für die Zufriedenheit der Sprecher und Zuhörer darstellen. Daran erkennt man, wie komplex das Thema des guten Redners allgemein ist.

Der Buchtitel „Selim oder die Gabe der Rede“, welchen der Autor Sten Nadolny gewählt hat, setzt die Person Selim mit der Gabe der Rede gleich. Er klingt, als sei Selim die Redekunst von Geburt an ohne jegliche Aneignungsmaßnahmen mitgegeben worden. Zudem wirkt die Formulierung idealisierend. Hat man das Buch gelesen, kann man den Titel verstehen: Einerseits geht es um Selim, der der geborene Redner zu sein scheint und andererseits um Alexander, der Selim bewundert und mit allen Mitteln versucht, ein guter Redner zu werden, es aber nie schafft.

Vorurteilsbehaftet könnte man aufgrund des Bildungs- und Migrationshintergrunds von Alexander und Selim vermuten, dass Alexander der bessere Redner sei. Denn er repräsentiert die Welt der Deutschen (Brix, 2008, S. 171) und weist eine gute Schulbildung auf, da er das Abitur gemacht und ein Studium begonnen hat. Selim dagegen steht für die Welt der Türken (ebd.), er ist Ringer und kommt nach Deutschland, um zu arbeiten. Die Sprache beherrscht er nicht so gut wie Alexander, trotzdem ist er der bessere Rhetoriker. Welche Gründe dies haben könnte und welche Schwierigkeiten Alexander hat, soll im Folgenden geklärt werden. Rhetorische Aspekte des Werks, die das Schreiben betreffen werden vernachlässigt, da dies den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die rhetorischen Aspekte bei Sten Nadolnys Roman „Selim oder Die Gabe der Rede“ anhand der Figuren Alexander und Selim
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Interkulturelle Literaturwissenschaft und Hermeneutik
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V192263
ISBN (eBook)
9783656170754
ISBN (Buch)
9783656171478
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Rhetorik, Interkulturelle Literaturwissenschaft, Selim oder Die Gabe der Rede, Sten Nadolny, rhetorische Aspekte, Rede, Redekunst, Sprecher, Fremdbild, Eigenbild, Fremde, Türken, Deutsche, Rhetorikschule
Arbeit zitieren
Dr. phil. Susanne Frommert (Autor), 2011, Die rhetorischen Aspekte bei Sten Nadolnys Roman „Selim oder Die Gabe der Rede“ anhand der Figuren Alexander und Selim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192263

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